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Jahresthemen

Das Zentrum für Kulturproduktion und das artsprogram setzen sich seit 2015 gemeinsam jeweils ein Jahresthema, an dem sich dann eine Ringvorlesung, Symposien, Ausstellungen in dem universitären Ausstellungsraum „White Box“ und weitere künstlerische und wissenschaftliche Veranstaltungsformate orientieren.
Lehre, Forschung und Künste greifen so gemeinsam in aktuelle gesellschaftliche Debatten ein und machen diese sichtbar. Nach den „Ökologien des Menschlichen“ (Ringvorlesung, Symposium und Ausstellung „Learning Community“) im Jahr der sogenannten Flüchtlingskrise 2015/16 folgte 2016/17 eine Ringvorlesung zum Thema „Politik der Einfachheit“ mit einer Ausstellung des rumänischen Künstlers Dan Perjovschi in der „White Box“. 2017/18 wurde das Thema „Krisen der Realität“ ebenfalls in einem Symposium, einer Ringvorlesung und zwei Ausstellungen (New Eelam und Forensic Architecture) behandelt. Unter dem Titel „Inseln der Freiheit" widmeten sich 2018/19 zwei Ausstellungen (von Martina Mächler und Yoshiaki Kaihatsu), eine Ringvorlesung sowie verschiedene Vorträge und Performances Fragen nach der Freiheit in unserer Gegenwart. 2019/20 lautet das Jahresthema „Ökonomien der Sichtbarkeit".

Ökonomien der Sichtbarkeit (2019/20)

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Bereits Anfang der 2000er Jahre stellte der italienische Philosoph und Aktivist Franco Berardi fest, dass wir in einem Zeitalter leben, das durch eine „Überdosis an Sichtbarkeit“ und einen „Zwang zum Ausdruck“ geprägt sei. Noch vor der Entwicklung von Smartphones und der Verbreitung der Selfie-Praxis diagnostizierte er, dass unsere Welt bestimmt sei von einem Kapitalismus der Zeichen und Bilder.
Die Produktion von Bildern ist seither zu einer allgegenwärtigen Praxis geworden, die das soziale Leben bestimmt und längst nicht mehr in der Hand einzelner Experten liegt. Wir leben offenbar in einer Epoche, in die Weltverhältnisse durch ubiquitär und viral verbreitete Bilder geprägt sind, in der Blogger, Influencer und vor allem Algorithmen den Blick lenken und Social Media-Plattformen zu den einflussreichsten globalen Unternehmen aufgestiegen sind. Aufmerksamkeitsökonomien strukturieren dabei auf neue Weise die globalen Machtverhältnisse und lösen neuartige Verteilungskämpfe aus. Offenbar sind nicht alle gleichmäßig zu Experten der Bildproduktion geworden, auch haben die Produzenten längst nicht mehr die Nutzung ihrer Bilder in der Hand. Leben wir also in einer totalisierten Sichtbarkeit und Transparenz, in der scheinbar kaum noch etwas unsichtbar bleiben kann?

Die Strukturen und Bedingungen, unter denen Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit oder gar öffentliche Wahrnehmung erlangt werden, haben sich jedenfalls ebenso fundamental gewandelt wie die Formen der Bildproduktion. Der Ökonom und Stadtplaner Georg Franck hatte bereits vor etwas mehr als zwanzig Jahren in seinem denkwürdigen Essayband „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ den Anbruch einer neuen Epoche bemerkt, deren bildlicher Stil sich an der Medienästhetik orientiert. In dieser neuen Epoche genüge es nicht mehr, wenn die Dinge „schön und auffällig“ seien, es müsse „auch auffallen, dass sie auffallen“.

Heute beherrscht eine junge Generation diese Taktik oft besser als mancher Medienprofi. So scheinen gegenwärtige Gesellschaften erratisch an- und abschwellenden Aufmerksamkeitswellen zu unterliegen und dabei Schwarmeffekten zu folgen. Zugleich aber beobachten sie mit zunehmender Sorge das Machtmonopol von Medienkonzernen. Das Internet, einst großes Demokratieversprechen, hat sich zu einer Arena entwickelt, in der Dilettanten, Großkonzerne und versprengte ProgrammiererInnen, die nur lose miteinander verknüpft sind, schwer kalkulierbare Echokammern erzeugen. Die Macht von Bildern und das Wie, Wann und Warum öffentlicher Sichtbarkeit folgt daher ganz anderen Logiken als noch vor einigen Jahrzehnten. Eine junge Politikerin vermag durch eine Instagram-Story mächtige Kollegen der Konkurrenz auszubremsen. Eine Schülerin tritt eine Massenbewegung los und setzt die europäische Politik unter Druck. Ist das alles möglich, weil Politik, Macht und die Lenkung der Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit heute ein und dasselbe sind? Wie genau unterscheiden sich diese Entwicklungen von früheren Bildstrategien?

Wollen wir diese Vorgänge genauer verstehen, so gilt es nicht nur Bildstrategien, sondern auch den Umgang mit Bildern und die gesellschaftlichen Effekte der Verbreitung von Bildern genauer ins Visier zu nehmen. Vor diesem Hintergrund befasst sich das artsprogram und Zentrum für Kulturproduktion über zwei Semester hinweg mit der skizzierten Thematik. Dies geschieht durch eine Ausstellung mit Fotografien des französischen Soziologen Pierre Bourdieu mit einem Display der Kooperative für Darstellungspolitik, eine Ringvorlesung zu künstlerischen Bildstrategien, wie auch durch wissenschaftliche Einzelveranstaltungen, ein interdisziplinäres Expertensymposium zu künstlerischen und wissenschaftlichen Methoden der Bildanalyse sowie eine Reihe von Performances und Interventionen. Unter dem Titel „Ökonomien der Sichtbarkeit“ sollen dabei insbesondere künstlerische und soziologische Bildstrategien befragt und miteinander kontrastiert werden.

Das Ausstellungsprojekt, das in einem offenen Archivraum und Studierzimmer die Fotografien Pierre Bourdieus, einem der wichtigsten Soziologen der Nachkriegszeit und Begründer der visuellen Soziologie, ins Zentrum stellt, beleuchtet die Frage, wie dieser mit den Mitteln der Fotografie gesellschaftliche Strukturen, Machtverhältnisse sowie spezifische kulturell und sozial bedingte Habitus sichtbar zu machen suchte. Über ein Jahr hinweg werden aus einem Fundus von 800 Fotografien unterschiedliche Formationen von Bourdieus Fotografien gezeigt und aktuellen hyperaufgelösten 4K Videos gegenübergestellt, die einen aktualisierten Blick auf ebendiese Orte richten und sie im Jahr 2019 wieder aufsuchen. Parallel zu dieser Fokussierung auf den französischen Soziologen und sein wegweisendes Bildarchiv findet im Frühjahr 2020 eine öffentliche Ringvorlesung statt, die historische Ökonomien und Ordnungen der Sichtbarkeit aus kunst- und kulturwissenschaftlicher Perspektive erörtert. In diesem Rahmen werden Kunst- und KulturwissenschaftlerInnen den Zusammenhang von Macht, Herrschaft, Präsenz und Sichtbarkeit an beispielhaften Kunstwerken und -projekten zur Diskussion stellen. In zwölf Vorträgen wird das Spektrum dabei von der Antike bis zur Gegenwart reichen.

Inseln der Freiheit (2018/19)

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Was bedeutet Freiheit im 21. Jahrhundert? Ist sie liberal oder libertär? Zählen vor allem die politischen Freiheiten oder die persönlichen und ökonomischen? Welcher Wert wird der Freiheit beigemessen, wenn neuropsychologische Debatten dem Menschen die Willensfreiheit absprechen und sich die digitale Vernetzung zur Totalüberwachung entwickelt? Und welchen Effekt haben diese Debatten und Entwicklungen auf unser persönliches, politisches und rechtliches Selbstverständnis? Wie ist es zu deuten, wenn sich immer häufiger von Ressentiments geleitete Rechtspopulisten als Freiheitskämpfer stilisieren?

Ganz offenbar zielt der Verlauf der Geschichte nicht auf eine ständig zunehmende Liberalisierung. Vielmehr leben wir in Zeiten, in denen Algorithmen und Big Data zunehmend Denken und Handeln bestimmen. Wo sind wir also noch frei? Sind Kunst und Wissenschaft noch taugliche Bastionen der Freiheit? Und wenn sie dies wären, welche Denkfiguren und Handlungsoptionen bieten sie bei einem Ringen um Freiheit an?

Im Rahmen des Jahresthemas "Inseln der Freiheit" wollen das artsprogram und das Zentrum für Kulturproduktion diesen Fragen nachgehen. In einer Reihe von wissenschaftlichen und künstlerischen Veranstaltungen soll über acht Monate hinweg die Frage diskutiert und erörtert werden, mit welchen Freiheitsbegriffen und -vorstellungen wir heute operieren (können) und welche Rollen den Künsten dabei zukommt. Dies geschieht durch zwei Ausstellungen, eine Ringvorlesung, Performances, studentische Interventionen, Lunch-Talks und Konzerte sowie Präsentationen im Anschluss an das von der VW-Stiftung geförderte Kunstforschungsprojekt „Working Utopias“.

Während die beiden Ausstellungen im universitären Ausstellungs- und Projektraum „White Box“ von Martina Mächler (CH) und Yoshiaki Kaihatsu (JPN) selbst als Inseln der Freiheit angelegt sind und dazu einladen, sie als solche zu nutzen und selbst darin aufzutreten, werden sich im Rahmen der international besetzten öffentlichen Ringvorlesung ab Februar 2019 u.a. Kunsthistorikerinnen, Philosophen, Literaturwissenschaftlerinnen und Filmwissenschaftler Werke vorstellen, die sich dezidiert mit dem Thema künstlerischer und politischer Freiheit befassen und durch eine historische und disziplinenübergreifende Perspektivierung unterschiedlichste Freiheitbegriffe und -vorstellungen entfalten.

Gefördert wird das Programm von der Baden-Württemberg Stiftung und der Fränkel-Stiftung. Das Projekt „Working Utopias“ wird gefördert von der Volkwagen Stiftung.


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Krisen der Realität (2017/18)

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Krisen der Realität sind schon häufig ausgerufen worden – von den Avantgarden der Moderne, von den Existentialisten, von der Postmoderne und ihren radikalen Konstruktivismen und Dekonstruktionen. Doch waren dies von der jeweiligen Bewegung selbst ausgerufene, in den meisten Fällen sogar gewünschte Krisen: Es waren Krisen, die eher von einer Macht und Dominanz der Realismen ihrer jeweiligen Zeit zeugten. Gegenwärtig aber verweisen die Theoriedebatten vom New Realism bis zum Spekulativen Realismus eher auf das Anliegen, das Konzept der Realität als solches wahren zu wollen. Dass dies notwendig ist, hat mit einer anderen, dieses Mal nicht ausgerufenen, sondern vorgefundenen Krise zu tun. Die gegenwärtige Realitätskrise scheint sich also von den vorausgegangenen zu unterscheiden – worin aber besteht dieser Unterschied genau? Diese Frage ist nur interdisziplinär zu beantworten, denn die gegenwärtige Krise entstammt nicht nur einem ‚Zeitgeist‘ sondern Veränderungen im kulturellen, wirtschaftlichen, soziopolitischen und psychologischen Gefüge. Und da die Künste schon seit dem Aufkommen des Realitätsbegriffs ein besonderes Verhältnis zur Realität pflegten, eignen sie sich in besonderem Maße, um Realitätskrisen beobachtbar, wahrnehmbar und beschreibbar zu machen.

Das artsprogram und die Lehrstühle für Kulturtheorie und Kunsttheorie der Zeppelin Universität initiierten eine Reihe von interdisziplinär angelegten wissenschaftlichen und künstlerischen Veranstaltungen, die sich mit den gegenwärtigen Krisen der Realität auseinandersetzten. Im Rahmen der Konferenz tauschten VertreterInnen aus Wirtschafts-, Kultur- und Medienwissenschaften, der Philosophie und der Künste ihre Sicht auf die Krisen der Realität aus. Durch den Einbezug von Beispielen aus Literatur und Bildender Kunst wurde Licht auf Fragen geworfen wie: Inwiefern ist unsere Informationsgesellschaft keine Realitätsgesellschaft mehr? Welche Medien setzen die Realität aufs Spiel oder außer Kraft? Was setzen sie an ihre Stelle? Sind die Konzepte der Simulation und der Virtualität vielleicht zu früh beschrieben worden, um gegenwärtigen Figurationen gerecht zu werden? Hatten diese Theorien vielleicht Anteil an der gegenwärtigen Krise der Realität? Welche Rolle spielen die diversen künstlichen Intelligenzen? Welche politischen Konsequenzen zeitigt die gegenwärtige Krise der Realität? Kann man auf die Realität oder zumindest ihren Begriff verzichten? Und wenn ja: was tritt an ihre oder seine Stelle?


Begleitet wurde das Symposium von zwei Kunst- und Ausstellungsprojekten mit Begleitprogramm. Der Künstler Christopher Kulendran Thomas arbeitet seit 2016 mit einem interdisziplinären Team an dem modellhaften Projekt „New Eelam“, das Identität jenseits von staatsbürgerlicher Zugehörigkeit oder festem Wohnsitz zu entwickeln sucht. In der White Box richtete New Eelam ein temporäres künstlerisches Projektbüro ein, in dem ein Team von Technologie- und Immobilienspezialisten, Designern und Studierenden an einem spekulativen Projekt zur radikalen Flexibilisierung des Lebens arbeitet und Fragen nach globalen nomadischen Lebensformen reflektierte und weiterentwickelte. Das Londoner Kollektiv Forensic Architecture (FA) um den israelischen Architekten Eyal Weizman zeigte in der Ausstellung „Archaeology of the Present – Memory, Media, Matter“ eine speziell für die Zeppelin Universität entwickelte Präsentation drei jüngerer Arbeiten.


Begleitet wurde das Symposium von zwei Kunst- und Ausstellungsprojekten mit Begleitprogramm. Der Künstler Christopher Kulendran Thomas arbeitet seit 2016 mit einem interdisziplinären Team an dem modellhaften Projekt „New Eelam“, das Identität jenseits von staatsbürgerlicher Zugehörigkeit oder festem Wohnsitz zu entwickeln sucht. In der White Box richtete New Eelam ein temporäres künstlerisches Projektbüro ein. Das Londoner Kollektiv Forensic Architecture (FA) um den israelischen Architekten Eyal Weizman zeigte anschließend in der Ausstellung „Archaeology of the Present – Memory, Media, Matter“ eine speziell für die Zeppelin Universität entwickelte Präsentation drei jüngerer Arbeiten.


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Politik der Einfachheit (2016/17)

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Wenn Populisten im Feld der Politik an Boden gewinnen, scheint es geboten, sich über Strategien der Vereinfachung neu zu verständigen. Dies vor allem deshalb, weil das Problem hier nicht allein die Vereinfachung ist, sondern die Weise, in der vereinfacht wird. In der Ringvorlesung zum Jahresthema  gilt es deshalb unterschiedliche künstlerische Konzepte zu beleuchten, die durch ihre Einfachheit geradezu bestechen und doch alles andere sind als trivial.

Es zählt wohl zu den Schlüsselfragen von Kunst und Literatur, was die schlichte Eleganz einer Komposition von einer trivialen Struktur unterschiedet. Worin besteht die Differenz zwischen schmallippiger Prüderie und reduktionistischer Sinnlichkeit? Was trennt verfälschende Simplifizierung vom geistreichen Kondensat des Komplexen? Was unterscheidet künstlerische von wissenschaftlicher Komplexitätsreduktion – und beide vom Simplizismus?

Verglichen mit ‚Ockham’s Razor‘ – dem aus dem Spätmittelalter stammenden Gebot, sich immer für die einfachere Lösung eines Problems zu entscheiden – gelangt die Einfachheit in den Künsten erst spät zu zentraler Bedeutung; dann aber auf radikale Weisen und in mannigfaltigen Spielarten. Seit der Moderne finden sich in der Geschichte der Künste verschiedenste Strömungen, die sich um größtmöglichen Reduktionismus bemühen. Der Dichter Ungaretti etwa reduziert vor ca. einem Jahrhundert Gedichte auf oft nicht mehr als vier Wörter. Der Architekt Ludwig Mies van der Rohe warb 1947 mit dem Gebot „Less is more“ für eine neue schmucklose Architektursprache, die nicht nur auf jede Form von Ornament verzichtete, sondern auch Grundrisse auf ein einfaches geometrisches Formenrepertoire reduzierte und dabei zugleich einer neuen Ökonomie des sozialen Raumes folgt. In der Nachkriegsmoderne erfuhr diese Maßgabe in unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen eine beispiellose Konjunktur. Gemeint sind der amerikanische Minimalismus, die Minimal Music, die Konkrete Kunst und die Konkrete Poesie in Europa sowie immer noch aktuelle minimalistische Tendenzen in Design, Tanz und Theater.

Das Bemühen um Schlichtheit entspringt dabei ganz unterschiedlichen mentalen Verfassungen. Diese reichen von einem existentialistischen Purismus über ein konsumkritisch motiviertes Verzichtsdogma bis hin zu fernöstlich inspirierten spirituellen Meditationspraktiken und apollinischer Ordnungsästhetik. Einfachheit scheint entsprechend aus ganz verschiedenen Gründen verlockend zu sein, auch hat sie ganz unterschiedliche Qualitäten. Sie kann sinnlich sein und vornehm, langweilig und ordinär, trivial oder verdichtet, bescheiden oder elitär, monoton oder überraschend.
In der Ringvorlesung stellen Experten aus Kunst und Literatur, Musik, Theater und Tanz, Design und Film Werke vor, die auf den verschiedensten Wegen und mit unterschiedlichen Maßgaben zur Einfachheit gelangen.

In der öffentlichen Ringvorlesung „Politik der Einfachheit?“ an der ZU stellen zwölf namhafte Experten aus Kunst und Literatur, Musik, Theater und Tanz, Design und Film Werke vor, die auf verschiedensten Wegen und mit unterschiedlichen Maßgaben zur Einfachheit gelangen.

Ökologien des Menschlichen (2015/16)

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Naturwissenschaftler bezeichnen das gegenwärtige Erdzeitalter als Anthropozän. Sie verweisen so darauf, dass der Mensch selbst längst zum wichtigsten Einflussfaktor auf die Geologie des Planeten und das gesamte terrestrische Leben geworden ist. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Hybridisierung von Mensch und Technik, Mensch und Maschine und der wachsenden Bedeutung, die unterschiedlichen Formen künstlicher Intelligenz zukommt, wird zugleich auch immer unbestimmter, was mit der Rede von „dem Menschen“ gemeint sein könnte. Wird der Mensch zum Menschen durch spezifische Verhaltensformen und Kompetenzen oder durch die genetische Programmierung des Homo sapiens sapiens? Welche Rolle spielen in diesem Kontext Subjektivität und Individualität? Wie verhält sich die Rede vom Anthropozän zu jener von einem post-humanen Zeitalter?


In Film, Literatur, Musik und der Bildenden Kunst wird die conditio humana oft von ihrer vermeintlichen Rückseite her beleuchtet, ausgehend von dem etwa, was als unmenschlich gilt, als grausam, gewalttätig und schrecklich, als Gegenentwurf also zur humanistischen Vorstellung vom vernunftbegabten Wesen Mensch. So stellt auch der Philosoph Slavoj Žižek in seinem Band „Die politische Suspension des Ethischen“ die Frage nach der conditio humana ausgehend vom Unmenschlichen bzw. ausgehend von dem, was der Mensch nicht ist. Eines seiner Beispiele ist dabei Franz Kafkas Geschichte von Odradek – jener kleinen geheimnisvollen Gestalt, die spricht, lacht, atmet, und im Haus in unregelmäßigen Abständen auftaucht und wieder verschwindet. Sie gibt den Hausbewohnern Rätsel auf, weil unklar ist, ob sie als humanes Wesen zu behandeln ist. Ist sie im gleichen Sinne mit Leben erfüllt? Muss man sie fürchten?


Entlang von Filmen und Romanen, Musikstücken und Kunstwerken orientiert sich die Ringvorlesung „Ökologien des Menschlichen“ an zwei Themenschwerpunkten: Dem Unmenschlichen und der Thematik hybrider Körper und ihrer Identität.