Academic Cannibalism

Ausschnitt Bühnenbild von Katharina Pia Schütz, Foto: Philip Frohwein

Jahresthema 2024

Wie könnte eine Universität aussehen, die sich nicht selbst verzehrt, sondern sich entschieden auf eine planetarische Zukunftstauglichkeit hin ausrichtet? Wie viel apollinische Ordnung braucht sie, wieviel dionysische Energie?


Das Jahresthema des artsprogram und des Zentrum für Kulturproduktion 2024 schließt an die vorwiegend pessimistischen Debatten zur Lage der Universitäten an, in denen diese als „darkocracies“ (Peter Fleming), psychische Höllen oder als Orte weißer Unterdrückung beschrieben werden. Im Rahmen der Ringvorlesung wollen wir diesen Selbstbeschreibungen und ihren Effekten nachgehen, die Mechanismen der (Selbst-)Sabotage kritischen Denkens beleuchten, aber auch alternative Bildungsformate diskutieren.


Im universitären Ausstellungs- und Projektraum, der White Box, wird die Bühnenbildnerin Katharina Pia Schütz ein magisch-blaues Studierzimmer einrichten, das ein künstlerisches Archiv von utopischen, gescheiterten, experimentellen und überraschenden Bildungsformaten enthält. Hierzu startet im April unter dem Titel „Blueprints for Studies“ eine Veranstaltungsreihe mit Performances, Lesungen, Film-Screenings, Konzerten, die eine künstlerisch-phänomenologische Reflektion der Strukturen, Wissens- und Sozialformen der Academia betreibt. 

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Bereits in den 1980er Jahren stellte der Philosoph Jean-François Lyotard eine unaufhaltsame „Merkantilisierung des Wissens“ fest. „Das alte Prinzip, wonach Wissenserwerb unauflösbar mit der Bildung des Geistes und […] der Person verbunden ist, verfällt mehr und mehr“, resümierte er damals. Im 21. Jahrhundert üben sich Studierende nicht anders als Professor:innen nun vornehmlich in einer Art überreguliertem Pseudo-Unternehmertum, idealerweise indem sie ihre eigene Finanzierung einspielen. Zugleich bewegen sich ihre Mitglieder in einem hochbürokratisierten akademischen Alltag, in dem die ständige Erwartung und Forderung nach Selbst- und Fremd-Evaluation zur allgegenwärtigen Praxis geworden ist. Die Evaluation, die verspricht, die Entwicklung einzelner Forscher:innen und Institute voranzutreiben, stattet Studierende zwar mit einer Bewertungsmacht aus, ohne sie damit freilich automatisch geistig zu ermächtigen. In der Folge, so schreibt die Historikerin Joan Wallach-Scott, werden Studierende zu Kunden und Professor:innen zu bürokratischen Dienstleister:innen. De facto wird so – um Friedrich Kittlers berühmte Formel abzuwandeln – eine Austreibung des kritischen Geistes weit über die Geisteswissenschaften hinaus befördert.


Sind Universitäten daher womöglich Orte, die falsche Erwartungen wecken und krank machen? Sind sie Orte, die, wie der australische Managementprofessor Peter Fleming meinte, zur psychischen Hölle geworden sind, zu „darkocracies“? Liest man die Literatur der letzten Jahrzehnte, so stehen die „Universitäten in Ruinen“ (Bill Readings) oder treten als Orte weißer Unterdrückung in Erscheinung, in welche sich kritische Geister nurmehr einschleichen sollten, um von ihnen so viel wie möglich zu stehlen; dies zumindest schlugen die amerikanischen Kulturtheoretiker Stefano Harney und Fred Moten vor.

Viele Selbstbeschreibungen von Berufsakademiker:innen neigen dazu, die Situation der Universitäten aus einer (eingebildeten) Opferposition zu beklagen. Im Rahmen der Ringvorlesung wollen wir hingegen die Frage stellen, inwiefern in Wahrheit nicht äußerliche Zwänge oder ein seine eigenen Grundlagen unterwandernder, kannibalistischer Kapitalismus – wie Nancy Fraser ihn zuletzt beschrieben hat – Schuld an der gegenwärtigen akademischen Misere sind. Handelt es sich nicht vielmehr um einen zentralen Imperativ der (spät)kapitalistischen Ideologie, das als Souveränitätsphantasma schon viel länger Teil des Selbstverständnisses von Akademiker:innen ist, nämlich die Annahme, kreativ, innovativ, frei und flexibel zu sein?

In einer Ringvorlesung wollen wir diskutieren, welche Vorstellungen zu einer Art Selbstsabotage kritischen Denkens führen, und welche Alternativen sich hierzu entwerfen lassen.

Ringvorlesung

Die Podcast aufzeichnungen der Ringvorlesung auf Apple Podcast hier

Ausstellung

Blueprints for Studies | Katharina Pia Schütz | 15.03. - 10.12.2024 | WhiteBox ZF-Campus

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Weitere Veranstaltungen

Freitag 15.03.24 | Eröffnung „Blueprints for Studies“ – ein Study Space von Katharina Pia Schütz Kunst-Freitag | Eröffnung um 19.00 h Einführung ins Archiv ab 20.00 h


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