
Ausgangspunkt des Jahresthemas des artsprogram und des Arts & Humanities LAB ist die Beobachtung, dass wir in einer Zeit leben, in der viele Selbstverständlichkeiten liberaler Gesellschaften unwiederbringlich verloren gegangen sind. Eine lange Zeit der Stabilität politischer Verhältnisse und des verlässlichen Rechnens mit wirtschaftlichen und völkerrechtlichen Grundannahmen scheint vorbei. Vom ‚Ende des Westens‘ ist die Rede. Geopolitisch wie planetarisch und ökologisch aber auch in unserem individuellen Erleben treten wir in eine neue Phase ein.
Unter dem Titel „Die Zeit danach“ wollen wir uns vor diesem Hintergrund mit historischen und biografischen Konstellationen nach einschneidenden geschichtlichen oder traumatisierenden Ereignissen befassen, die mit ähnlichen Umbrüchen zu tun hatten. Gemeint ist die Nachkriegszeit, sind Zeiten nach Revolutionen, großen Naturkatastrophen und Zivilisationsbrüchen oder nach dem abrupten Ende bestimmter Herrschafts- und Lebensformen, wie etwa nach dem Fall der Mauer.
Dabei wollen wir einerseits fragen, wie in diesen Phasen Geschichte verarbeitet oder verdrängt wird und wie zugleich neue Zukunftsvorstellungen entstehen. Wird die Zukunft in der „Zeit danach“ nurmehr als Phase gedacht, in der alles Schlechte hoffentlich vorbei ist und vergessen wird oder alles Gute als verloren gilt und betrauert wird? Was bedeutet es von der Stunde Null zu sprechen? Was bedeutet es für den Blick auf die Zukunft, wenn die Gegenwart als Epochenbruch begriffen wird? Diese Fragen möchten wir an sehr verschiedenen, aber auch sehr konkreten historischen Beispielen behandeln. Dazu planen wir eine Ringvorlesung, ein Symposium und eine Ausstellung mit einem wachsenden partizipativen Archiv zu Friedrichshafen 1946.
Ringvorlesung und Symposium
In der Ringvorlesung werden Soziolog:innen, Kulturwissenschaftler:innen und Philosophen in 8 Vorträgen und einem Symposium diskutieren, wie sich nach traumatischen biografischen Erfahrungen, Kriegen, Revolutionen und Naturkatastrophen der Rückgriff auf die Vergangenheit gestaltet und wie unter solchen Umständen Zukunft gedacht werden kann. Vortragsthemen sind u.a.
„Die Kunst der Stunde Null. Pathologien einer Kriegsgeneration“ (Karen van den Berg), „2046. Ein Jahr nach der technologischen Singularität“ (Jan Söffner), „Kulturpolitik nach dem »Arabischen Frühling« (Meike Lettau). Den Abschluss der Vortragsreihe bildet ein Symposium in Kooperation mit dem Kunsthaus Bregenz, in dem der Philosoph Armen Avanessian, der Soziologe Dirk Baecker und die Soziologin Eva Illouz, diskutieren wie sich das Denken und Fühlen nach einschneidenden, bisweilen auch traumatisierenden historischen Ereignissen verändern kann. Die jüdische Starwissenschaftlerin Eva Illouz spricht im Anschluss an ihr Buch „Der 8. Oktober“, Dirk Baecker über das „Rauschen der Information“ und das Denken ohne Subjekte und Armen Avanessian über „Vibe Shifts“.
Die Vorträge beginnen jeweils um 19.15h in der Black Box am ZF Campus der Zeppelin Universität (Fallenbrunnen 3, 88045 Friedrichshafen). Audioaufzeichnungen der Ringvorlesung werden im ZU-Podcast veröffentlicht.
Alle Ausgaben der Ringvorlesung gibt es zum Nachhören im Podcast "ZU Lectures - Vorträge an der Zeppelin Universität". Überall, wo es Podcasts gibt, oder einfach hier entlang:
| Dienstag 3. Februar: "Die Kunst der Stunde Null. Pathologien einer Kriegsgeneration", Karen van den Berg (Professorin der Zeppelin Universität)
| Dienstag 10. Februar: "Vom Schulverweis zur fristlosen Kündigung - Eine kleine Typologie des Rauswurfs", Joachim Landkammer (Dozent Zeppelin Universität)
| Dienstag 17. Februar: "2046. Ein Jahr nach der technologischen Singularität", Jan Söffner (Professor an der Zeppelin Universität)
| Dienstag 24. Februar: "Netzwerkmedien und die Unhaltbarkeit öffentlicher Meinungs- und Willensbildung" (Udo Göttlich, Professor an der Zeppelin Universität)
| Dienstag 10. März: "Kulturpolitik nach dem "Arabischen Frühling“", Meike Lettau (Jun. Prof. an der Zeppelin Universität)
"Digital workers of the world, unite - Organisationsprobleme in Zeiten der Plattformökonomie", Florian Muhle (Professor an der Zeppelin Universität)
(bis 22 Uhr)
Ort des Symposiums: Kunsthaus Bregenz, Karl-Tizian-Platz, A-6900 Bregenz
| Samstag 21. März, 14 — 18.30 Uhr
Die Zeit danach – Ein Symposium zu Gegenwartsfragen
Vibe-Shifts und tiefenzeitliches Winterschlafen
In meinem Vortrag möchte ich die Angelegenheit noch komplizierter machen. Statt nur nach der Zeit danach zu fragen, geht es mir erstens um die vielen „Zeiten danach“, die wir alleine in den letzten Jahrzehnten beobachten können: diverse (Mini-)Epochen, Post's und sogenannte vibe shifts in zudem immer schnellerer Abfolge. Zweitens interessiert mich die „Zeit davor“, also jene tiefenzeitlichen (planetarische, geologische und evolutionstheoretische) Verschiebungen, die möglicherweise für die gegenwärtigen Verwirrungen um Künstliche Intelligenz und Klimawandel mitverantwortlich sind. Und abschließend möchte ich drittens die These vertreten, dass wir uns bis auf weiteres in einer „Zeit des Dazwischen“ einrichten müssen. Auf dem Programm steht also eine Kultur- und Naturtechnik des Überwinterns und die Adaption an langfristig unwirtliche technopolitische und klimatische Verhältnisse.
Nach
1948: Vom Rauschen der Information
Mit Claude E. Shannons mathematischer Kommunikationstheorie verändert sich das
Verständnis von "Theorie" in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts
grundlegend. An die Stelle von Objekten und Subjekten treten Codes. Jede
Information ist eine Selektion in einem Auswahlbereich möglicher Information.
Es entstehen Wissenschaften wie die Informatik und Kybernetik, neue
Technologien wie der Computer, das Internet und die Künstliche Intelligenz und
ein neues Verständnis von Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft.
"Nach 1948" bedeutet, dass nichts mehr so ist wie zuvor. Einige
Entwicklungen liegen auf der Hand, andere stecken in den Tiefen der neuen
Maschinen und dritte haben wir uns kaum bewusst gemacht. Der Vortrag geht
diesen Zusammenhängen nach und fragt nach dem Unbewussten der aktuellen
Gesellschaft.
October 7th has marked either a rupture with prior modes of discourse or the accomplishment of logics which were at work in the public sphere but went undetected.
The "after" of October 7th concerns the deep confusion which is now generalized to the public sphere, with the appropriation by antagonist groups of the same moral vocabulary. Opposing political groups do not hold opposite core moral principles but rather share them with their opponents. This lecture attempts to describe such ideological confusion.
Moderiert wird die Veranstaltung von Karen van den Berg und Studierenden der Zeppelin Universität.
Prof Dr Karen van den Berg, Wissenschaftliche Leitung des artsprogram
Prof Dr Armen Avanessian, Lehrstuhl für Medientheorie