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Apokalypse und Weltrettung

Jahresthema 2020/21

Zur Thematik

Selten waren die Zukunftserwartungen derart von der Vorstellung kollabierender Welten geprägt wie dieser Tage. Neben der Sorge um Klima und Artenvielfalt, wachsen Ängste vor dem Ende einer menschlich dominierten Welt, weil künstliche Intelligenzen der menschlichen Spezies die Kontrolle zu entziehen drohen.
Diese Ängste vor den diversen Weltuntergängen machen sich auf unterschiedliche Weise breit. Am markantesten ist derzeit die Angst vor der Klimakatastrophe. Galten Umwelt- und Klimaaktivist/innen noch bis vor kurzem als versprengter Haufen radikalisierter Idealist/innen, so sind ihre Positionen, Anliegen und Sorgen nun mitten in den Mehrheitsgesellschaft angekommen und zum allgegenwärtigen Thema in den Medien aufgestiegen. Damit haben sich lange schon latent wirksame Zukunftsängste – so die Diagnose des französischen Philosophen und Wissenschaftssoziologen Bruno Latour – nun ganz unverkennbar zu entscheidenden Angelpunkten des politischen Diskurses entwickelt.
Zugleich aber leben wir, wie der Sciencefiction Autor Kim Stanley Robinson bemerkte, in einem „Zeitalter des Herumeierns“. Die zweite Dekade des 21. Jahrhunderts scheint also kein Jahrzehnt, das sich an einer positiv besetzten gemeinsamen Zukunft ausrichtet. Aber trifft es zu, dass sich den apokalyptischen Szenarien kaum maßgebliche Weltrettungsideen entgegenstellen? Ändert auch die weltweit beispiellos anwachsende Protestkultur nichts an diesem verengten Zukunftshorizont? Ist das Projekt der Moderne verstanden als Hinwendung zu mehr Emanzipation, mehr Demokratie und vor allem zu einer globalen Verbesserung der Lebensverhältnisse für alle möglichen Spezies scheint – allen Demonstrationen, Apellen und Berichten zum Trotz – ins Stocken geraten? Wächst der epistemische Zweifel daran, dass wir aus der Geschichte tatsächlich lernen, weiter an? Und haben sich damit, wie Jürgen Habermas es schon 1985 bemerkte, die utopischen Energien wirklich erschöpft? Oder werden sie durch Phantasien über die Weltrettung mittels exponentiell anwachsender künstlicher Intelligenzen ersetzt, wie Ray Kurzweil sie im Auge hat? Auffällig ist zumindest, dass bekennende Utopisten sehr bescheidene Zukunftshorizonte entwerfen. Die Biologin, feministische Aktivistin und Verfasserin des Cyborg-Manifests Donna Haraway etwa bringt die Verschränkung von Mensch und Technik nicht mehr als großes Versprechen in Position, sondern hofft in ihren neueren Texten nur mehr auf einen Zuwachs an Zufluchtsräumen.
Gleichwohl sind auch Zweifel angebracht, ob mit apokalyptischen Ängsten und Endzeitvorstellungen und der Rede von der Verengung des Zukunftshorizontes der gegenwärtige Zeitgeist tatsächlich treffend beschrieben ist. Zumindest spricht vieles dafür, dass die Silicon-Valley- und Fridays-for-Future-Generationen deutlich anders auf das Weltgeschehen reagieren als ältere Generationen. Auch entwerfen Architekt/innen lokale und globale Utopien für das klimagerechte und sozialverträgliche Überleben auf dem Planeten.
Mit dem Jahresthema „Apokalypse und Weltrettung“ soll der Blick auf gegenwärtige Endzeitszenarien und -narrative, mögliche Zukunftshorizonte sowie Ästhetiken damit einhergehender politischer Bewegungen gerichtet werden. Im Rahmen einer kunst- und kulturgeschichtlichen Ringvorlesung wird es dabei um historische Dimension der künstlerischen Katastrophenprognostik gehen. In einer Gruppen-Ausstellung, und einer begleitenden Reihe von studentisch kuratierten Veranstaltungen werden aktuelle künstlerische Auseinandersetzungen mit Endzeitängsten und drohenden globalen Katastrophen möglichen Rettungsszenarien und utopischen Refugialräumen gegenübergestellt.


Zur Ringvorlesung
Die Ringvorlesung soll durch Beiträge von renommierten Kunst-, Kultur-, Film- und Literaturwissenschaftlern den Kontrast zwischen historischen und gegenwärtigen apokalyptischen Szenarien beleuchten und danach fragen, welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, Erkenntnisse, Erfahrungen und Bilder dabei die Katastrophenprognostiken anheizen.
Hierbei wird gezeigt, dass die Katastrophenprognostik alles andere als ein neues Phänomen ist; sie ist, wie Frank Kermode und andere zeigen konnten, ein Narrativ mit einem „Sense of an Ending“. Dieser manifestiert sich nicht nur in der christlichen Tradition seit der Johannesoffenbarung, sondern gehört auch zur Signatur von Mittelalter und Neuzeit. So waren nicht nur zur ersten Jahrtausendwende, sondern auch bis ins 16. Jahrhundert hinein sehr weitreichende Weltuntergangsängste verbreitet. Davon zeugen Joachim von Fiores oder Savonarolas Geschichtsmodelle genauso wie Leonardos aufwühlende Sintflut-Zeichnungen und Dürers berühmtes „Traumgesicht“, in dem der Maler nur wenige Tage nach der blutigsten Schlacht der Bauernkriege seinen eigenen düsteren Albtraum einer von dunklen sintflutartigen Wassermassen überrollten Landschaft festhielt. Historische Beispiele wie die Weltuntergangsängste von Künstlern und Theologen der Reformationszeit wurden damals durch Gewalterfahrungen im Zuge großer sozialer Umbrüche befeuert. Auch im 20. Jahrhundert waren Weltuntergangsphantasien (im Zuge der atomaren Bedrohung oder auch der zweiten Jahrtausendwende) nicht einfach vergessen. Vielerlei Beispiele werden in Vorträgen und anschließenden Diskussionsrunden erörtert – so wird untersucht, ob unsere gegenwärtigen Weltuntergänge lediglich der jüngste Ausdruck einer langen Reihe an Weltuntergängen sind, oder ob ihnen darüber hinaus eine andere Form der faktischen Dringlichkeit zukommt.

Die Ausstellung
In der White Box wird ein interaktiver Erfahrungsraum entstehen, der von der Künstlerin Kateřina Šedá gestaltet wird. In diesem werden über ein Jahr hinweg in wechselnden Konstellationen von Objekten, Fotografien, Grafiken und Videos gezeigt, die ein komplexes Bild aus Zukunftsängsten und neuen hoffnungsvollen Zukunftsattraktoren entstehen lassen, das alles andere als apokalyptisch verschlossen sein wird. Architektonische Groß-Visionen zur Furchtbarmachung der Wüste von Michael Pawlyn sowie mikroinvasive Interventionen israelischer und palästinensischer Architekturstudent/innen des Arava Institute for Environmental Studies oder Agnes Denes großangelegte utopische Pflanzaktionen laden dazu ein, sich hoffnungsvolle und doch nicht naive Vorstellungen des 21. Jahrhunderts zu machen. Orkan Huseynovs ironische Soap Opera Adaptionen der Rede über die Klimakatastrophe, Oliver Resslers gehaltvolle Dokumentationen der Arbeit von Klimaaktivist/innen und Levi van Veluw irritierend-schöne Verschwisterungen von Mensch, Welt und Maschine sowie Pinar Yoldas toxisch-futuristische Mikroökotope ergeben ein Bild voller Abgründe und Anmut, Witz und verlockender Zukunftsrefugien.

Weitere Informationen

PDF zum Gesamtprogram

Apokalypse und Weltrettung Veranstaltungen FT 2020 / ST 2021