Im Dezember 2027 wäre Niklas Luhmann 100 Jahre alt geworden. In Vorbereitung einer Publikation laden wir zur Konferenz vom 9. bis 12. Juni 2026 ein. Mehr Informationen unter: zu.de/lehmann/luhmann100
Herbst 2025
Doktorandenkolloquia sind offen für Studierende und Kolleg:innen; sie finden üblicherweise im September/Oktober und im Februar/März statt; bei Interesse bitte Mail an Jonas Jutz (jonas.jutz@zu.de).
Workshops und Tagungen finden meist im Kontext der Forschungsprojekte statt und finden sich auf den jeweiligen Seiten; bei Interesse geben Yannick Allgeier (für »Bürographien«, yannick.allgeier@zu.de) und Alexander Robinson (für »Prekäre Popularität«, alexander.robinson@zu.de) Auskunft.
Am 29. April 2022 fand anlässlich des 10-jährigen Bestehens des
Lehrstuhls für soziologische Theorie am Seemooser Horn ein Alumnitreffen
des Lehrstuhls statt. Zur Feier des „Es klappt nicht" kamen neben etwa 50
Absolvent:innen des Lehrstuhls auch die Mitglieder des ersten Jahrgangs der
Luftschiffkapelle wieder zusammen. (Fotos: Lena Reiner)
Von der Soziologie versprach sich ihr Namensgeber Auguste Comte nicht weniger als eine »endgültige Wissenschaft«: »die Auflösung unserer intellektuellen Anarchie, der wahren Hauptquelle der sittlichen und sodann der politischen Anarchie« (Soziologie, 1842/1923, S. 3). Das Bezugsproblem dieser ultimativen Disziplin sei »Ordnung« - ein Begriff, den er als Problem der Gesellschaft und deren Organisation versteht und in die Differenz von Statik (l'ordre) und Dynamik (le progrès) übersetzt. Laufend durchkreuzten einander eine »verhängnisvolle Tendenz zur ... Auflösung« und eine vielleicht nicht minder verhängnisvolle Tendenz zur »Befestigung der Ordnung« (a.a.O., S. 6 und 7). Es sei die Soziologie selbst, die sich diesem Verhängnis entgegenstemmt.
Als Georg Simmel ein zähes halbes Jahrhundert später eine neue »Ortsbestimmung« dieser Disziplin und ihres Bezugsproblems vornimmt, schlägt er vor, sich solchen fatalistischen »Größenwahns« zu enthalten (vgl. Soziologie, 1908/1992, S. 9 und 31). Er hält am Ordnungsproblem fest, versteht aber Gesellschaft nicht als notorisch brüchige Organisation, sondern als »Meer« ineinander verwobener Beziehungen zwischen Individuen (a.a.O., S. 14). Über diese Individuen selbst könne man jenseits ihrer immer flüssigen Umgebung nichts wissen. »Das Problem« der Soziologie liege deshalb nicht in einer Befestigung der sozialen Ufer, sondern in der Frage, »wie Gesellschaft möglich ist«, wenn sie aus Elementen besteht, die sie nicht disziplinieren und derer sie nie sicher sein kann (vgl. a.a.O., S. 42ff.).
Talcott Parsons studiert wenige Jahrzehnte später eigens in Europa, um diese Unsicherheit als Bestandsproblem verstehen zu lernen. Er übersetzt das Ordnungsproblem in die Unterscheidung von Struktur und Prozess, die er als »›structural-functional‹ level of analysis« bezeichnet und unter dem Namen des sozialen Systems ausarbeitet (The Social System, 1951, S. vii). Dabei geht es ganz einfach um relational verknüpfte, kontextualisierte Handlungen. »The problem of order« bleibt dabei ausdrücklich ein Organisationsproblem, und zwar insbesondere dann, wenn in sozialen Beziehungen über knappe Güter oder strittige Ziele verbindlich entschieden werden muss (a.a.O., S. 71, vgl. ch. III). An die Stelle der fatalen Komplementarität von Auflösung und Befestigung, wie Comte sie entworfen hatte, tritt damit die sehr zukunftsoffene Komplementarität von ›action‹ und ›decision‹, von Öffnung und Schließung. Soziologie, so Parsons, heiße »analyzing the organization and dynamics of complex social systems« (a.a.O., S. 73).
Aber noch in den 1960er Jahren stellt Niklas Luhmann fest, angesichts einer kaum zu erkennenden »Einheit des Fachs« sei die Soziologie »ziemlich undiszipliniert« (Soziologische Aufklärung 1, 1970, S. 113). Sein Vorschlag läuft darauf hinaus, sowohl Comtes Präferenz für auflösungsresistente Ordnung als auch Parsons' Präferenz für strukturellen Bestand aufzugeben und statt dessen »die Gesamtheit der möglichen Ereignisse« im Kontext der Differenz von »System und Welt« zu beobachten (a.a.O., S. 115). Das Bezugsproblem der Soziologie bleibt die Möglichkeit sozialer Ordnung, die sie unter dem Namen des Systems hinsichtlich der Möglichkeit von Gesellschaft und der Möglichkeit von Organisation untersucht. Aber sie konzipiert dieses Problem jetzt in Form zweier neuer Schlüsselbegriffe: Kontingenz und Komplexität.
(Nicht nur) für SPE-Studierende: Es gibt ein gar nicht kleines Soziologiekollegium an der ZU unter dem Dach weiterer Lehrstühle: Franz Schultheis, Richard Münch, Florian Muhle, Udo Göttlich sowie Dirk Baecker
Soziologisch ist politischer Populismus eine Kommunikationsstrategie der pol-emischen Vereinfachung von Sozialität zu indisponibler Identität. Dazu werden Rangfragen, Werthierarchien, ‚kulturelle‘ Asymmetrien und schlichte Oben-Unten-Dichotomien behauptet und benutzt. Denn die Aufmerksamkeit des Populismus gilt nicht den Beachtungserfolgen eines in diesem Sinne ‚populären‘ Gegenstandes bei Vielen, sondern der Sozialgestalt der adressierten Vielen. Darin unterscheidet sich politischer Populismus von anderen Popularisierungsformen.
Seitdem man von „Bürokratien“ spricht, kritisiert man sie als umständlich, anmaßend oder intransparent. Doch sind Verwaltungen nicht einfach ein Übel, dem es abzuhelfen gilt: „Bürokratien“ stellen behördliche Instanzen dar, deren Bescheiden staatsweit Verbindlichkeit zukommt und deren Entscheidungen aufgrund einer besonderen Rationalität entstehen: auf Basis eines komplexen paperwork von Notizen, Protokollen oder Akten. Fordert man Reformen staatlicher Verwaltungen unter dem Banner von „Entbürokratisierung“, Verschlankung und höherer Effizienz, unterschlägt dies zumeist eins: Zur Kehrseite hat das Schrumpfen öffentlicher Bürokratien fast immer die Proliferation ihrer Verwaltungsprozeduren über die staatliche Organisation hinaus. Derlei Verwaltungspraktiken, die vormals im hoheitlichen Auftrag noch Beamten übertragen waren, heute aber mehr und mehr in die Hände sich selbstverwaltender Bürger gelangen, bezeichnen wir als „Bürographien“. Ihre Verbreitung hat im Sozialen und Privaten zu einem Schub an Kontrolle und Mikromanagement geführt. Letztlich dreht sich das Projekt, das die Verwaltungskulturen von Österreich, der Schweiz und der BRD untersucht, also um ein Paradox: Die Zähmung „bürokratischer“ Routinen mündet in die Wucherung „bürographischer“ Verfahren auf politischer und technischer, alltäglicher und ästhetischer Ebene.
PI: Maren Lehmann
Mitarbeit: Yannick Allgeier, Augustin Renz

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