
Hanoi, Pretoria, Bukarest. Beim Transcultural Leadership Summit 2025 treffen Stimmen aus aller Welt aufeinander: bedrückt von Extremwetter, sozialen Spannungen und Demokratiekrisen. Die Konferenz zeigt, welche Herausforderungen wir teilen und wie neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit entstehen.
„Schaut her, ich zeige Euch etwas“, sagt Workshop-Leiterin Jenny Theolin, die den Auftakt der Gesprächsrunden des World-Cafés leitet, und hebt einen großen roten Würfel in die Höhe. Jede Seite steht für einen der Thementische, an denen sich die Teilnehmenden über digitale Geschäftsmodelle, Ethik, persönliche Transformation oder nachhaltige Gesellschaften austauschen. Die Mensa der Zeppelin Universität wirkt an diesem Nachmittag wie ein Lieblingscafé: warme Kaffeetassen in den Händen und gemütliche Gespräche über die großen Fragen der Zeit.
Theolin schwingt den Würfel durch die Luft, und plötzlich zerfällt er in viele kleine Würfelchen. Abrakadabra. Das Publikum lacht überrascht, neugierige Blicke gehen durch den Raum. „So sieht es aus, wenn aus einem einzigen Thema viele Perspektiven werden“, erklärt sie. Die kleinen Würfel stehen für Gedanken, Fragen und Ideen, die an diesem Tag entstehen. Ihr Zaubertrick und die Speaker:innen, die im Laufe des Tages das Wort ergreifen, machen spürbar, dass Vielfalt kein Chaos, sondern ein Gewinn ist – und wie sehr wir dies schätzen sollten.

„Lasst uns wissen, von wo Ihr uns zuschaut“, sagt Moderator Dr. Tobias Grünfelder, Professor an der ISM-University of Management and Economics in Vilnius, in die Kamera. Neben ihm steht Prof. Dr. Julika Baumann Montecinos von der Hochschule Furtwangen, die gemeinsam mit ihm durch den Tag führt. Vor ihnen ein Fernsehteam, das die Zeppelin Universität mit der Welt verbindet. Sekunden später erscheinen im Chat Grüße aus Istanbul bis São Paulo.
Der Transcultural Leadership Summit ist ein eintägiges, englischsprachiges Event an der ZU, das seit zehn Jahren jeden November am Fallenbrunnen-Campus stattfindet: in diesem Jahr mit über 200 Gästen, virtuell und vor Ort. Am Vortag bereiten die Studierenden und externe Gäste in Workshops und Gesprächsrunden die zentralen Themen vor.
Im Graf-von-Soden-Forum entsteht auch in diesem Jahr eine besondere Atmosphäre: Menschen, die einander sonst nie begegnet wären, hören einander zu. Sie schildern, wie schwer sich ihre Welt gerade anfühlt: Extremwetter in Vietnam, chemische Belastungen in Litauen, politische Spannungen in Südafrika. Diese Stimmen beschreiben nicht nur Probleme, sondern sie offenbaren eine gemeinsame Erfahrung: Überforderung. Genau darin liegt die verbindende Kraft des Events.

Prof. Dr. Josef Wieland, Gründer des Transcultural Caravan Networks und Inhaber des Lehrstuhls für Transcultural Leadership, beschreibt in einer kurzen Rede, warum Führung heute anspruchsvoller ist als je zuvor. Ökonomische, politische und technologische Umbrüche überlagern sich, während Weltregionen sich zunehmend voneinander zurückziehen. „Der Wille, international auf Augenhöhe zu kooperieren, geht zurück“, sagt er. Sein Satz wirkt nach, weil er eine Entwicklung beschreibt, die viele beobachten: Misstrauen nimmt schneller zu als Vertrauen.
Doch Wieland setzt auch einen Gegenimpuls: „Vielleicht werden wir später erkennen, dass wir hier an einem Wendepunkt standen.“ Er öffnet Hoffnung: Auch in schweren Zeiten können wir Entscheidungsmomente gestalten, wenn wir sie erkennen.

Cawa Younosi, Geschäftsführer der Charta der Vielfalt, unterstreicht diesen Gedanken in seiner Keynote, indem er betont, dass „respektvolle Führung“ das Fundament jeder erfolgreichen Organisation sei: gerade in Zeiten großen Wandels. Die Charta ist ein bundesweites Unternehmensnetzwerk, das sich seit 2006 für Diversität am Arbeitsplatz einsetzt.
Moderator Grünfelder erzählt, er mache sich „vor allem Sorgen um die stillen Transformationen“. Damit meint er Entwicklungen, die kaum bemerkt werden: automatisierte Prozesse, neue Entscheidungslogiken, schleichende politische Verschiebungen. Moderatorin Baumann Montecinos ergänzt, sie sehe das Problem bei den „zu vielen Transformationen, die gleichzeitig auf uns einwirken.“ Viele Zuschauer:innen im Publikum nicken: Wenn wir diese unsichtbaren Strömungen gemeinsam verstehen, können wir ihnen auch begegnen.

Steffen Erath, Head of Innovation and Sustainability bei Hansgrohe und ein weiterer bedeutender Keynote-Speaker an diesem Tag, irritiert das Publikum mit den Worten: „Nachhaltigkeit hat eine Image-Krise.“ In Zeiten des Klimawandels? – Ja. Er meint: Viele Unternehmen behandeln Nachhaltigkeit wie ein spätes Anhängsel und genau deshalb wird sie kompliziert. Sein Appell: Planet, Mensch und Profit müssen von Anfang an zusammengedacht werden.
Die Designerin und Transformationsexpertin Alexandra Deschamps-Sonsino zeigt in der anschließenden Diskussion mit ihm, wie Wandel Unverhofftes freilegen kann: etwa eine alte englische Brücke, die erst sichtbar wurde, als der Fluss wegen des Klimawandels zurückging. „Transformation legt frei, was im Verborgenen lag“, sagt sie und trifft damit einen Nerv.

In einer letzten Diskussion, moderiert von Prof. Dr. Matthias Weiß, wird sichtbar, wie unterschiedlich Regionen mit digitalem Wandel umgehen. Sook-Jung Dofel, Generaldirektorin der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, betont: „Technologischer Wandel muss den Menschen dienen, nicht umgekehrt.“ Sie macht deutlich, dass Technologien kein Selbstzweck sein dürfen. Eva Simone Lihotzky, Global AI-Lead der Serviceplan Group, appelliert ebenfalls an die gesellschaftliche Verantwortung und erinnert daran, dass KI ein Prozess des fortlaufenden Lernens ist.
Die Stimmen aus Pretoria und São Paulo zeigen: Manche Länder sind pragmatischer, andere vorsichtiger. Doch alle eint eine Erkenntnis: Digitale Transformation gelingt nur, wenn alle Betroffenen Teil des internationalen Prozesses sind.

Abrakadabra. Der Transcultural Leadership Summit 2025 macht deutlich: Die globalen Herausforderungen werden nicht kleiner, doch sie lassen sich besser einordnen, wenn Perspektiven geteilt werden. Genau darin könnte der Wendepunkt liegen, von dem Wieland sprach: in Momenten, in denen internationale Gespräche nicht auseinanderdriften, sondern auf Augenhöhe stattfinden. Der Tag macht deutlich: Orientierung entsteht da, wo Austausch möglich wird. Von Berlin nach Hanoi, von Madrid in den Kongo.



