Academic Cannibalism

Zehnteilige öffentliche Ringvorlesung zum artsprogram-Jahresthema

Wie könnte eine Universität aussehen, die sich nicht selbst verzehrt, sondern sich entschieden auf eine planetarische Zukunftstauglichkeit hin ausrichtet? Wieviel apollinische Ordnung braucht sie und wieviel dionysische Energien? Wie könnten sich die Mitglieder in einer solchen Universität einrichten? Und wie radikal demokratisch kann sie verfasst sein?


Bereits in den 1980er Jahren stellte der Philosoph Jean-François Lyotard eine unaufhaltsame „Merkantilisierung des Wissens“ fest. „Das alte Prinzip, wonach Wissenserwerb unauflösbar mit der Bildung des Geistes und […] der Person verbunden ist, verfällt mehr und mehr“, resümierte er damals. Im 21. Jahrhundert üben sich Studierende nicht anders als Professor:innen nun vornehmlich in einer Art überreguliertem Pseudo-Unternehmertum, idealerweise indem sie ihre eigene Finanzierung einspielen. Zugleich bewegen sich ihre Mitglieder in einem hochbürokratisierten akademischen Alltag, in dem die ständige Erwartung und Forderung nach Selbst- und Fremd-Evaluation zur allgegenwärtigen Praxis geworden ist. Die Evaluation, die verspricht, die Entwicklung einzelner Forscher:innen und Institute voranzutreiben, stattet Studierende zwar mit einer Bewertungsmacht aus, ohne sie damit freilich automatisch geistig zu ermächtigen. In der Folge, so schreibt die Historikerin Joan Wallach-Scott, werden Studierende zu Kunden und Professor:innen zu bürokratischen Dienstleister:innen. De facto wird so – um Friedrich Kittlers berühmte Formel abzuwandeln – eine Austreibung des kritischen Geistes weit über die Geisteswissenschaften hinaus befördert.

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Sind Universitäten daher womöglich Orte, die falsche Erwartungen wecken und krank machen? Sind sie Orte, die, wie der australische Managementprofessor Peter Fleming meinte, zur psychischen Hölle geworden sind, zu „darkocracies“? Liest man die Literatur der letzten Jahrzehnte, so stehen die „Universitäten in Ruinen“ (Bill Readings) oder treten als Orte weißer Unterdrückung in Erscheinung, in welche sich kritische Geister nurmehr einschleichen sollten, um von ihnen so viel wie möglich zu stehlen; dies zumindest schlugen die amerikanischen Kulturtheoretiker Stefano Harney und Fred Moten vor.

Viele Selbstbeschreibungen von Berufsakademiker:innen neigen dazu, die Situation der Universitäten aus einer (eingebildeten) Opferposition zu beklagen. Im Rahmen der Ringvorlesung wollen wir hingegen die Frage stellen, inwiefern in Wahrheit nicht äußerliche Zwänge oder ein seine eigenen Grundlagen unterwandernder, kannibalistischer Kapitalismus – wie Nancy Fraser ihn zuletzt beschrieben hat – Schuld an der gegenwärtigen akademischen Misere sind. Handelt es sich nicht vielmehr um einen zentralen Imperativ der (spät)kapitalistischen Ideologie, das als Souveränitätsphantasma schon viel länger Teil des Selbstverständnisses von Akademiker:innen ist, nämlich die Annahme, kreativ, innovativ, frei und flexibel zu sein?

In einer Ringvorlesung wollen wir diskutieren, welche Vorstellungen zu einer Art Selbstsabotage kritischen Denkens führen, und welche Alternativen sich hierzu entwerfen lassen.

Veranstaltungsform

Die Vorträge beginnen jeweils um 19.15h in der Black Box am ZF Campus der Zeppelin Universität. Ab 19.00h und nach den Vorträgen laden artsprogram und Zentrum für Kulturproduktion jeweils zu Umtrunk und Eintopf ein.

Veranstaltungen im Einzelnen

| Dienstag 6. Februar: „Was heißt hier Academic Cannibalism? – Ein einführendes Podiumsgespräch zwischen Prof. Dr. Armen Avanessian, Prof. Dr. Karen van den Berg und Prof. Dr. Jan Söffner.

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| Dienstag, 13. Februar: „Alle Macht den Zahlen? Die Universität im Wettbewerb um Exzellenz“ mit Prof. Dr. Richard Münch, Seniorprofessur für Gesellschaftstheorie und komparative Makrosoziologie an der ZU

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| Dienstag, 20. Februar: „Moabit Mountain College als Bildungsplattform im Exil“ mit der Berliner Künstlerin und Aktivistin Marina Naprushkina

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| Dienstag 5. März: „Narziss und Echo in der Universität, oder: Wahrnehmung und Kommunikation akademischer Interessen“ mit Prof. Dr. Maren Lehmann, Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologische Theorie an der ZU

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| Dienstag 12. März: „Between Infrastructural Critique and Critical Infrastructure: what’s anti about AntiUniversity?“ mit Sophie Mak-Schram, Akademische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kunsttheorie & Inszenatorische Praxis an der ZU

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| Dienstag, 19. März: „Die Universität heute – eine Genealogie“ mit ZU-Präsident Prof. Dr. Klaus Mühlhahn, Inhaber des Lehrstuhls für Moderne China-Studien an der ZU

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| Dienstag, 26. März: „Die agile Hochschule“ mit Prof. Dr. Dirk Baecker, Seniorprofessur für Organisations- & Gesellschaftstheorie an der ZU

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| Dienstag, 9. April: Magazine Launch und Vorstellung der studentischen Zeitung „Eine Spurensuche: Neoliberale Ideen im studentischen Leben“

To the event


| Dienstag, 16. April: „Die Akademie: Agon oder Pantheon? Konkurrenz, Kannibalismus, Kunst“ mit Dr. Joachim Landkammer, Akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kunsttheorie & Inszenatorische Praxis an der ZU

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| Dienstag, 23. April: „Brain-Eating Zombies: The academic form versus knowledge production“ mit dem Künstler und Kurator Mohammad Salemy und dem Researcher Rafael Pedroso

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Jahresthema "Academic cannibalism"

Ausstellung

Die Bühnenbildnerin Katharina Pia Schütz wird den universitären Kunstraum, die White Box, in ein futuristisches Studierzimmer verwandeln, das ein künstlerisches Archiv von utopischen, gescheiterten, experimentellen und überraschenden Bildungsformaten und alternativen Bildungsinstitutionen enthält. Das Spektrum reicht dabei vom Black Mountain College bis zum „New Centre for Research & Practice and the Fixing the Future platform“. In dem in ein kühles magisches Blau getauchten Studierzimmer wird im Laufe des Jahres gezeigt, performt, dokumentiert und erlebbar, wie die Academia auch gedacht werden kann

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Weitere Veranstaltungen

Freitag 15.03.24 | Eröffnung „Blueprints for Studies“ – ein Study Space von Katharina Pia Schütz Kunst-Freitag | Eröffnung um 19.00 h Einführung ins Archiv ab 20.00 h


Informationen zu weiteren Veranstaltungen 

Programm und Aktuelles des artsporgrams

Zeit, um zu entscheiden

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