
Bei der Bodensee Youth Conference 2025 diskutierten Schüler:innen und führende Stimmen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über die Zukunft Europas – und darüber, warum die Freiheit kein Selbstläufer ist.
„Wir müssen unbedingt aus der Schrumpfung ins Wachstum – denn Botox hilft ja nicht“, witzelte Günther H. Oettinger trocken in seinem Impulsvortrag. Ein Lachen ging durch die Reihen, bevor der ehemalige EU-Kommissar und Ministerpräsident von Baden-Württemberg ernst wurde. Er sprach über Europas Verantwortung in einer Welt im Umbruch, über geopolitische Abhängigkeiten und die Frage, wie lange Freiheit noch selbstverständlich bleibt.
„Freiheit ist ein Fremdwort für Trump“, mahnte er, „und der große Bruder USA ist nicht mehr da, wenn es uns schlecht geht.“ Es ist eine Erinnerung daran, dass Deutschland endlich politisch erwachsen werden muss, ohne sich auf den Schutz anderer zu verlassen. Die Jugendlichen aus Klasse 10 bis 13 lauschten gebannt. „In Wahrheit kämpft die Ukraine unseren Krieg für Demokratie und Freiheit“, so Oettinger. Es wird klar: Freiheit ist kein Zustand, den man genießt – sondern eine Aufgabe, die man annimmt.

Freiheit wurde an diesem Tag aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Sieben Workshops und zahlreiche Vorträge luden die Schüler:innen zum Mitdenken ein – vom Klimaschutz bis zur Sicherheitspolitik. Händeschütteln mit einem NATO-Generalmajor, ermutigende Worte einer FDP-Generalsekretärin und witzige Sprüche eines ehemaligen EU-Kommissars – die Bodensee Youth Conference 2025 zeigte, dass vom „Ende der liberalen Ära“ keine Rede sein kann. Im Gegenteil: Unter diesem Motto zeigte sich im Graf-von-Soden-Forum der Zeppelin Universität, wie viel Dialogbereitschaft und Neugier in der jungen Generation steckt.

Nicole Büttner, FDP-Generalsekretärin, übersetzte den Begriff Liberalismus in die Gegenwart des jungen Publikums. Sie sprach über das Gefühl, täglich von Informationen überflutet zu sein und doch in einer Welt zu leben, die immer enger wird. Freiheit, sagte sie, ist „der unbezahlbarste Rohstoff“ – und nur zu bewahren, wenn jeder Verantwortung übernimmt. Sie machte deutlich: Liberalismus bedeutet nicht nur politische Überzeugung, sondern auch Selbstverantwortung.

Diese Haltung spiegelte sich auch in den Workshops wider. Der Austausch zwischen Jung und Alt war beeindruckend offen. NATO-Generalmajor Detlev Simons begann seinen Workshop „Zukunft der NATO: Unsere liberale Lebensweise verteidigen“ mit einem Handschlag für jeden Teilnehmenden – eine kleine Geste, die Nähe schuf. Die Schüler:innen fragten gespannt: „Wird es Krieg geben?“ Simons antwortete ehrlich und definierte sein Verständnis von Liberalismus: Freiheit bedeutet, den anderen zu verstehen. „In Dialog steckt Dia – zwei“, erklärte er. Beide Seiten müssen bereit sein, aufeinander zuzugehen, selbst wenn es unbequem wird. So unterstrich er, dass Dialog keine Schwäche ist, sondern Stärke – gerade im Umgang mit Russland und internationalen Konflikten.
Eine ähnliche Überzeugung griff Dr. Lea Corzilius, Personalvorständin der ZF Group, auf. Für sie bedeutet Liberalismus vor allem Verantwortung füreinander. „Wir haben die Freiheit des anderen genauso zu schätzen wie die eigene“, appellierte sie – und betonte, dass Freiheit ohne Rücksicht und Empathie zur bloßen Floskel wird. Ihre Worte verbanden wirtschaftliche Realität mit ethischer Haltung: Wer Freiheit leben will, muss sie auch im Miteinander gestalten.

Zum Abschluss trat Manuel Hagel, CDU-Spitzenkandidat für Baden-Württemberg, auf die Bühne. Er betonte, dass das Land Mut zur Veränderung braucht. „Ein beschissener analoger Prozess bleibt halt auch ein beschissener digitaler Prozess“, kommentierte er. Hagel wies darauf hin, dass Bildung und Innovation keine Schlagworte sein dürfen, sondern dass sie die Grundlage für unsere Zukunft sind. Eine eigene KI-Universität soll Baden-Württemberg zum Vorreiter machen.
Für ihn bedeutet Liberalismus, Wandel nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu begreifen – und dabei seinen eigenen Wurzeln treu zu bleiben. „Der liberale Geist ist bei uns im Schwabenländle eh zu Hause“, sagte er lächelnd. Es schwang Stolz mit: für eine Region, die Tradition und Zukunft zusammendenkt.
Als der Abend bei Food und Drinks ausklang, lag ein Gefühl von Aufbruch in der Luft. „Wer Freiheit denkt, denkt in Generationen“, hatte Nicole Büttner gesagt. Vielleicht war das die Antwort auf die Frage, die über allem stand: kein Ende der liberalen Ära, sondern die Chance einer jungen Generation, sie weiterzuschreiben.

Einen Schritt dorthin machten an diesem Tag bereits die studentischen Moderatoren Vinzenz Spannagel, Johanna Fleisch und Gabriel Hoensbroech vom Club of International Politics, die den Tag locker und souverän leiteten. Sie schufen genau jene Atmosphäre, in der Dialog entstehen kann – aufmerksam, offen, auf Augenhöhe.
Fast beiläufig hatte Günther H. Oettinger am Nachmittag einen Satz gesagt, der im Rückblick hier zum passenden Schlusswort wird: „Die Welt am schönen Bodensee wird nicht untergehen.“ Es erinnert daran, dass Freiheit immer auch Hoffnung braucht. Und dass diese Hoffnung, hier am Bodensee, zu Hause ist.



