Gastbeitrag von ZU-Alumnus Said D. Werner
Die US-Wirtschaft vor der institutionellen Bewährungsprobe
Text: Said D. Werner | Foto: Unsplash / Fabio Spano
14.01.2026
Science
Wie geht es der US-Wirtschaft 2026? Das Bild zeigt den Bullen vor der Wall Street.
Wie geht es der US-Wirtschaft 2026? Das Bild zeigt den Bullen vor der Wall Street.
© Unsplash / Fabio Spano
Gastbeitrag von ZU-Alumnus Said D. Werner

Die US-Wirtschaft vor der institutionellen Bewährungsprobe

Text: Said D. Werner | Foto: Unsplash / Fabio Spano
14.01.2026
Science

US-Wirtschaft 2026: Moderates Wachstum, aber steigende Risiken. Fragile Institutionen, politischer Einfluss auf die FED, restriktive Migration und Zölle belasten Arbeitsmarkt und KMU. KI-Potenzial bleibt ohne Investitionen und Fachkräfte ungenutzt – Polarisierung nimmt zu.

IWF, OECD, Deutsche Bank und Commerzbank erwarten für 2026 lediglich ein moderates Wachstum der US-Wirtschaft. Optimisten könnten behaupten: Wo kein Geschäft, da kein Preisanstieg. Tatsächlich lag der Verbraucherpreisindex (CPI) im November nur 2,7 % über dem Vorjahreswert. Vorsicht ist jedoch geboten. Weniger als eine konjunkturelle Normalisierung zeichnet sich in den USA eine Phase zunehmender politisch-ökonomischer Fragilität ab – inklusive institutioneller Risiken, die sich ökonomisch nicht einpreisen lassen.


Schon die Alltagspreise erzählen eine differenziertere Geschichte. Europäische Reisende sahen sich im Sommer mit einem durchschnittlichen Big-Mac-Preis von 6,01 USD (+5,63 %) konfrontiert. Für US-Haushalte könnte der moderate CPI-Anstieg dagegen beinahe beruhigend wirken. Doch diese Hoffnung trügt. Wer das Volumen eines Schweizer Käses bestimmen will, kennt das Problem: Unter der Rinde klaffen Löcher – wie in den aktuellen CPI-Daten nach dem 43-tägigen Shutdown. Black-Friday- und Weihnachtsrabatte drücken die Preise zusätzlich.

Arbeitsmarkt: Abkühlung unter der Oberfläche

Auch der Arbeitsmarkt sendet gemischte Signale. Die ebenfalls löchrigen Beschäftigungsdaten deuten auf eine Abschwächung hin: geringerer Stellenaufbau, mehr unfreiwillige Teilzeit und Anzeichen einer nachlassenden Einstellungsdynamik. Die jüngste Leitzinssenkung der Federal Reserve (FED) um 25 Basispunkte zielte darauf ab, diese Entwicklung abzufedern.


Ungeachtet neuer Luxusclub-Güter wie der Trump Gold Card wird die Lage durch die restriktive Zuwanderungspolitik im Niedrig- und Hochqualifikationssegment verschärft. In den USA haben 19 % der MINT-Fachkräfte und 43 % der Promovierten eine Migrationsbiographie. Trotz belegter Spillover-Effekte wird qualifizierte Zuwanderung durch Kosteneskalation bei H-1B-Visa gebremst – ein Umstand, gegen den zuletzt 20 Bundesstaaten klagten.

Die K-förmige Wirtschaft

Laut Abby Cohen, Ökonomin der Columbia University und Rockstar der Wall Street, stellen vor allem große Unternehmen weniger ein, während kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) Personal abbauen. Diese Entwicklung lässt sich kaum losgelöst von der erratischen Zollpolitik betrachten. Multinationale Konzerne können Lieferketten flexibler anpassen; KMU hingegen tragen überproportional hohe Anpassungskosten. Diese treffen letztlich kleinere und mittlere Haushalte über steigende Preise und geringere Beschäftigungssicherheit. Das Resultat ist eine Scherenbewegung auf Kapital- und Konsumentenmärkten, die soziale Spannungen verstärkt und politische Polarisierung begünstigt.

Vier Risikofelder für 2026:

Trotz der Unsicherheit szenariobasierter Analysen lassen sich zentrale Risiken entlang vierer Politikfelder strukturieren:


- Fiskalpolitik: Die „One Big Beautiful Bill“ dürfte das Defizit und die Staatsschuldenquote (derzeit 125 %) weiter erhöhen und den fiskalischen Spielraum durch Rückzahlungsverpflichtungen steigender Anleihenrenditen weiter einengen. Die Mittelverwendung dürfte weitestgehend unklar bleiben, wobei die Agenda des Project-2025 nahelegt, dass die Priorität auf Steuersenkungen und partikularen Deregulierung statt öffentlicher Investitionen wie Forschung & Entwicklung oder Infrastruktur liegt. Rasche Wachstumsimpulse dürften dadurch gedämpft werden.


- Geldpolitik: Anhaltende Unsicherheit und Inflationsrisiken begrenzen den Spielraum der FED für aggressive Zinssenkungen. Zumindest bis FED-Chair Jerome Powell im Mai 2026 abgelöst wird. Zwar sind die Mehrheitsverhältnisse im Open Market Committee keinesfalls ausgemacht. Dennoch steht zu erwarten, dass ein zunehmender politischer Einfluss die geldpolitische Unabhängigkeit schwächen wird – mit der Aussicht auf häufigere Zinssenkungen und mögliche Anleiherückkäufe im größeren Stil.


- Regulierungspolitik: Erwartbar sind Lockerungen bei Kapitalanforderungen im US-Bankensektor, die für europäische Häuser das Risiko wettbewerblicher Verzerrungen durch asymmetrische Regulierung erhöhen. An Fahrt aufnehmen dürfte auch die Debatte um die Anerkennung digitaler Vermögenswerte als Sicherheiten, insbesondere von Stablecoins als Brücke zwischen Krypto- und Finanzmärkten. Problematisch ist weniger der Stablecoin als die angebundenen Märkte: Volatile Kryptowährungen korrelieren stark mit US-Tech-Aktien (Magnificent 7), wodurch in Stressphasen prozyklische Margin Calls und gleichzeitige Liquidationen drohen. Selbst wenn die Hardware-Nachfrage an GPUs gerechtfertigt ist, gilt die Wette: Platzt eine KI-Blase, wird der Knall auch auf Kryptomärkten schallen.


- Handelspolitik: Zölle dürften die Weltwirtschaft weiter belasten. Zwar besaß die EU 2024 im Warenhandel mit den USA tatsächlich einen Überschuss von 235,9 Mrd. USD, während die USA im Dienstleistungshandel (+89 Mrd. USD) profitieren. Da letzterer laut WTO aber deutlich schneller wächst (+ 8 Prozentpunkte), dient das Narrativ des US-Handelsbilanzdefizits primär der Legitimation eines interventionistischen Politikstils, der die Komplexität des Welthandels zugunsten der eigenen Handlungsfähigkeit reduziert. Leidtragende sind erneut KMU, einkommensschwächere Haushalte und exportorientierte Industrien.

KI, KMU und ein politischer Kurzschluss

Politisch injizierte Zinssenkungen erhöhen kurzfristig die Liquidität, verstärken aber Bewertungsunsicherheit an Aktien- und Private-Equity-Märkten. Unklare Exit-Multiples bremsten bereits 2025 Investitionen und Transaktionen, wie die steigende Nutzung von Net-Asset-Value-Krediten nahelegt – ein Indiz für steigenden Bewertungsdruck in illiquiden Märkten.


Entlang der primären KI-Wertschöpfungskette dürften Gewinnsperspektiven dank voluminöser Karussellgeschäfte vorerst stabil bleiben. Ohne eine breite, produktivitätswirksame Nachfrage aus dem KMU-Sektor verpuffen volkswirtschaftliche Einkommenseffekte allerdings. KMU fungieren allein aufgrund ihrer Beschäftigtenzahl als zentraler Zielbinnenmarkt für KI-Anwendungen. Dortige Finanzierungsengpässe drücken nicht nur Investitionsquoten. Laut OECD nennen KMU den Fachkräftemangel immer wieder als eines der größten Hindernisse für die KI-Adaption. Konjunkturbedingter Beschäftigungsabbau und restriktive Fachkräftemigration gefährden damit für Technologieadoption zentrale Funktionen.


Ob diese Probleme von der politischen Aufmerksamkeitsökonomie adressiert werden, ist fraglich; wahrscheinlicher ist der wiederholte Rückgriff auf das Handelsbilanznarrativ. Der Zirkelschluss: Importkosten weiterer Zölle würden kurzfristig Preisdruck erzeugen – mittelfristig jedoch Konsum und Investitionen bremsen und Wachstum samt Inflation dämpfen.

Ausblick: Eine institutionelle Bewährungsprobe

Da diese gegenläufigen Effekte konsistente geldpolitische Reaktionen erschweren, wächst der Druck auf die Ausrichtung der Zentralbank. Historische Erfahrungen zeigen: politisch abhängige Notenbanken lieferten selten Stabilität, sondern agierten häufig in Hochinflationsphasen. Eine Politisierung der FED dürfte Risikoaufschläge auf Staatsanleihen erhöhen und damit nicht nur die Stagflationsgefahr verschärfen, sondern insbesondere ein nicht einpreisbares Risiko schaffen: die pfadabhängige Erosion des Vertrauens in eine zentrale Institution der Weltwirtschaft. Regel- und institutionsbasierte Ökonomien müssen sich darauf einstellen.


Said D. Werner
Said D. Werner

Said D. Werner ist Mercator Fellow for International Affairs, Research Affiliate an der MIT Sloan School of Management, Strategic Adviser am Center for Economic Security in London sowie Junior Fellow am Leadership Excellence Institute Zeppelin in Friedrichshafen.

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