
Mobilitätsgenossenschaften sind ein vielversprechender Ansatz für eine effiziente Mobilität der Zukunft. Doch wie verbreitet sind sie in Deutschland? Welche Werte vermitteln sie und was macht sie sonst noch attraktiv? ZU-Professor und Innovationsforscher Matthias Weiss über Potenziale, Chancen und Herausforderungen von Mobilitätsgenossenschaften.
Was ist eine Mobilitätsgenossenschaft? Was ist ihre Kernidee und was sind ihre Ziele?
Professor Dr. Matthias Weiss: Mobilitätsgenossenschaften sind gemeinschaftlich organisierte Zusammenschlüsse von Personen und/oder Organisationen, die Fahrzeuge und Mobilitätsangebote teilen. Ihre Kernidee basiert auf genossenschaftlichen Prinzipien wie Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Mitbestimmung. Ziel ist es, Mobilität als gemeinschaftlich organisierte Dienstleistung bereitzustellen, die sich an den Bedürfnissen der Mitglieder orientiert. Dabei stehen ökologische und soziale Aspekte im Vordergrund, etwa die Verringerung von CO₂-Emissionen, die effizientere Nutzung von Ressourcen und die Förderung von sozialer Teilhabe. Genossenschaften bieten eine demokratische Alternative zu kommerziellen Anbietern und ermöglichen durch Mitspracherechte eine hohe Identifikation der Mitglieder mit der Organisation.
Wie verbreitet sind Mobilitätsgenossenschaften in Deutschland und gibt es Unterschiede zwischen ländlichen und urbanen Gegenden?
Weiss: In Deutschland existieren zahlreiche Mobilitätsgenossenschaften mit sehr unterschiedlichen Größen – von kleinen Initiativen mit 40 Mitgliedern bis hin zu großen Organisationen mit über 74.000 Mitgliedern. Unsere Untersuchungen zeigen, dass Mobilitätsgenossenschaften sowohl in urbanen als auch in ländlichen Räumen aktiv sind, jedoch unterschiedliche Herausforderungen und Potenziale aufweisen. In städtischen Gebieten liegt der Fokus oft auf der Integration in bestehende multimodale Verkehrsangebote und auf der Reduzierung von CO 2 -Emissionen, während in ländlichen Regionen die Sicherstellung der Grundmobilität und sozialer Teilhabe eher im Vordergrund steht. Die Organisationsform der Genossenschaft erlaubt eine flexible Anpassung an lokale Gegebenheiten und Bedürfnisse, was sie besonders geeignet für die sozial-ökologische Transformation der Mobilität macht und daher auch die wachsende Zahl dieser Genossenschaften erklärt.
Was sind die entscheidenden Faktoren für die Bereitschaft, einer Mobilitätsgenossenschaft beizutreten?
Weiss: Die Bereitschaft zum Beitritt hängt stark von psychologischen und sozialen Faktoren ab. Die Studien, die wir im Rahmen des Forschungsverbunds „GenoMobil“ durchgeführt haben, zeigen, dass persönliche Normen, soziale Identifikation und kollektive Wirksamkeitserwartung entscheidend sind. Menschen treten eher bei, wenn sie sich mit den Zielen der Genossenschaft identifizieren und glauben, durch ihr Engagement etwas Positives in sozialer und/oder ökologischer Hinsicht bewirken zu können. Auch die wahrgenommene Praktikabilität und der konkrete Nutzen spielen eine wichtige Rolle. Kommunikationsstrategien, die ökologische und soziale Vorteile betonen, sowie partizipative Prozesse zur Mitgestaltung fördern die Beitrittsbereitschaft zusätzlich.
Welche Werte prägen Mobilitätsgenossenschaften?
Weiss: Mobilitätsgenossenschaften sind wie Genossenschaften generell geprägt von Werten wie Demokratie, Partizipation und Solidarität. Werte spiegeln sich in der genossenschaftlichen Organisationsform wider, die auf gemeinschaftlicher Entscheidungsfindung und Mitgestaltung basiert. Die Mitglieder sind nicht nur Nutzer, sondern auch Mitgestalter und Eigentümer der Angebote. Bei Mobilitätsgenossenschaften spielen darüber hinaus ökologische Verantwortung und Selbsthilfe eine prägende Rolle. Die soziale Verantwortung zeigt sich etwa in Fahrdiensten für ältere Menschen oder in der Bereitstellung kostengünstiger Mobilitätsoptionen. Ökologische Werte werden durch die Förderung emissionsarmer Fahrzeuge und gemeinschaftlicher Nutzung betont. Diese Werte bilden die Grundlage für eine nachhaltige Mobilitätskultur und stärken die Identifikation der Mitglieder mit der Genossenschaft.
Welche Spannungsfelder treten zwischen den theoretischen Werten und der tatsächlich gelebten Praxis auf und wie kann dem entgegengewirkt werden?
Weiss: Spannungsfelder entstehen vor allem zwischen dem Anspruch auf Mitbestimmung und der praktischen Umsetzung des Mobilitätsangebots. Mit zunehmender Größe der Genossenschaft wird das Angebot der Dienstleistungen zwar tendenziell günstiger und besser organisiert, dagegen besteht die Tendenz, dass dann auch die Partizipation abnimmt, und es entsteht das Risiko von Trittbrettfahrern, die Angebote nutzen, ohne sich zu engagieren. Auch die Balance zwischen Demokratie und Effizienz ist herausfordernd. Um dem entgegenzuwirken, kann aus unseren Ergebnissen abgeleitet werden, dass eine kontinuierliche soziale Aktivierung, transparente Kommunikation und die Förderung eines starken Gemeinschaftsgefühls von großer Bedeutung sind. Professionalisierung und klare Rollenverteilungen helfen außerdem, die Organisation handlungsfähig zu halten, ohne die genossenschaftlichen Werte zu verlieren. Feedbackmechanismen und sichtbare Erfolge stärken die Motivation zur aktiven Beteiligung.
Was gilt es zu beachten, damit eine Mobilitätsgenossenschaft zugleich profitabel und sozial-ökologisch ist?
Weiss: Eine Mobilitätsgenossenschaft muss ein Geschäftsmodell entwickeln, das ökonomische Tragfähigkeit mit sozialen und ökologischen Zielen verbindet. Dementsprechend müssen alle drei zentralen Säulen der Nachhaltigkeit hinreichend adressiert werden. Um die hierfür relevanten Faktoren und ihre Wechselwirkungen zu systematisieren, haben wir in unserer Arbeit das Triple Layered Business Model Canvas (TLBMC) angewandt, das ökonomische, ökologische und soziale Dimensionen integriert. Hieraus lassen sich die Konsequenzen von Entscheidungen und Handlungen auf die verschiedenen Nachhaltigkeitsaspekte ableiten. Dies ist insbesondere dann hilfreich, wenn Entscheidungen, die eine Verbesserung der ökologischen Seite des Geschäftsmodells zum Ziel haben, sich gleichzeitig negativ auf die soziale oder ökonomische Seite des Geschäftsmodells auswirken. Nur eine ganzheitliche Betrachtung vermeidet das Übersehen solcher Interdependenzen.
In dem von Ihnen mitherausgegebenen Buch „Genossenschaftliche Organisation von nachhaltiger Mobilität“ nehmen Untersuchungen und Realexperimente zum Mobilitätsverhalten an der Ruhr-Universität Bochum einen großen Platz ein. Kann eine Universität eine perfekte Spielwiese für Mobilitätsgenossenschaften sein?
Weiss: Ja, das können sie in der Tat. Universitäten bieten in den meisten Fällen ideale Bedingungen für Mobilitätsgenossenschaften. Studierende sind tendenziell sehr offen für neue Mobilitätsformen, verfügen über digitale Kompetenzen und sind oft ohnehin bereits multimodal unterwegs. Die Untersuchungen und Realexperimente an der Ruhr-Universität Bochum zeigen, dass durch soziale Aktivierung, Workshops und partizipative Prozesse konkrete Mobilitätsangebote wie Carsharing oder E-Lastenräder erfolgreich eingeführt werden können. Die hohe Dichte an potenziellen Nutzer:innen, bestehende Netzwerke und die Möglichkeit zur Forschung und Evaluation machen Universitäten zu wertvollen Experimentierfeldern für nachhaltige Mobilitätskonzepte.
Der Verkehrssektor ist das Problemkind beim Erreichen der Klimaziele. Seit Jahren schon werden die Sektorziele bei der Treibhausgaseinsparung überschritten. Was hat die Politik versäumt und was kann sie tun, um das Mobilitätsverhalten nachhaltig zu verändern?
Weiss: Die Politik hat es versäumt, konsequente Maßnahmen zur Reduktion des motorisierten Individualverkehrs oder zur Reduktion der durch den Individualverkehr verursachten Emissionen umzusetzen. Push-Instrumente wie CO₂-Steuer, Parkgebühren oder City-Maut werden zu wenig genutzt. Gleichzeitig – und das ist vielleicht noch wichtiger – fehlt es an attraktiven Alternativen wie gut ausgebautem ÖPNV oder sicheren Radwegen. Die Ergebnisse unseres Forschungsverbunds zeigen die Notwendigkeit einer Transformation der Mobilitätskultur auf, die über technische Lösungen hinausgeht. Politische Maßnahmen müssen soziale Normen und Alltagsroutinen adressieren, etwa durch gezielte Kommunikation, partizipative Planung und Förderung gemeinschaftlicher Mobilitätsformen. Hierzu können Mobilitätsgenossenschaften einen relevanten Beitrag leisten.
Zum Ende eine persönliche Frage: Wie sind Sie mobil und gehören Sie einer Mobilitätsgenossenschaft an?
Weiss: Wenn möglich, nutze ich den öffentlichen Nahverkehr und die Bahn. Dies trifft auch auf die meisten Fälle zu. Allerdings wohne ich auf dem Land, und da es bei uns keine Mobilitätsgenossenschaft gibt, ist hier ist weiterhin die Nutzung eines eigenen Pkw unerlässlich. Aber zumindest kann ich diesen mit dem Strom aus unserer Photovoltaikanlage aufladen und so von den Vorzügen der Elektromobilität profitieren. Aber leider ist auch in dieser Hinsicht die Infrastruktur noch nicht gut genug ausgebaut, gerade wenn wir über die Situation in Mehrfamilienhäusern sprechen. Aber das ist ein anderes Thema für ein anderes Interview.



