Gastbeitrag von PD Dr. Martin R. Herbers
Auftakt ohne Blaupause: Was die Landtagswahl in Baden-Württemberg über das Superwahljahr 2026 verrät
von PD Dr. Martin R. Herbers
12.03.2026
Science
Landtag von Baden-Württemberg
Landtag von Baden-Württemberg
© LMZ-BW/Kaier
Gastbeitrag von PD Dr. Martin R. Herbers

Auftakt ohne Blaupause: Was die Landtagswahl in Baden-Württemberg über das Superwahljahr 2026 verrät

von PD Dr. Martin R. Herbers
12.03.2026
Science

Wenn das erste große Wahlergebnis eines Jahres feststeht, beginnt fast automatisch die Suche nach der „großen Lehre“. Das ist nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg nicht anders. Für ZU-Privatdozent Dr. Martin R. Herbers ist die Landtagswahl zwar ein aufschlussreicher Auftakt ins Superwahljahr 2026, mehr aber auch nicht.

Die Grünen wurden mit 30,2 Prozent erneut stärkste Kraft, die CDU folgt mit 29,7 Prozent fast gleichauf. Dahinter landeten AfD mit 18,8 Prozent und SPD mit 5,5 Prozent; FDP und Linke verpassten mit jeweils 4,4 Prozent den Einzug in den Landtag. Die Wahlbeteiligung lag bei 69,6 Prozent und damit deutlich höher als 2021. Im neuen Landtag sitzen 157 Abgeordnete; Grüne und CDU kommen jeweils auf 56 Sitze.


Das ist ein Ergebnis, das bundesweit Aufmerksamkeit erzeugt. Es ist knapp, symbolisch aufgeladen und politisch leicht anschlussfähig. Genau deshalb lohnt es sich, nicht sofort nach einer Blaupause für die nächsten Wahlen zu suchen, sondern zunächst zwei einfachere Fragen zu stellen: Worüber wurde in diesem Wahlkampf eigentlich gesprochen? Und wie weit trägt dieses Ergebnis überhaupt über Baden-Württemberg hinaus?

Wirtschaft als Leitthema – aber in engem Sinn

Dass Wirtschaft das Leitthema des Wahlkampfs war, lässt sich gut belegen. In einer YouGov-Befragung kurz vor der Wahl nannten 39 Prozent der Wahlberechtigten Wirtschaft als eines der drei wichtigsten Themen; für 22 Prozent war sie sogar das wichtigste Thema überhaupt. Dahinter folgten Zuwanderung und Asyl sowie Wohnen und Miete. Auch das ZDF-Politbarometer rahmte den Endspurt des Wahlkampfs sichtbar über wirtschaftliche Sorgen sowie Probleme in Bildung und Energiepolitik.


Das überrascht in Baden-Württemberg zunächst wenig. Das Land ist industriell stark geprägt, besonders durch Automobilindustrie, Maschinenbau und mittelständische Produktionsunternehmen. Im Wahlkampf wurde „Wirtschaft“ deshalb vor allem als Frage von Standort, Beschäftigung, Wettbewerbsfähigkeit und industrieller Zukunft verhandelt. Genau darin liegt aber auch eine Leerstelle: Gemeint war meist die klassische Industrieökonomie, sehr viel seltener hingegen alltagsnahe wirtschaftsbezogene Themen wie Arbeitszeiten, Vereinbarkeit, Weiterbildung, Fachkräftesicherung aus Perspektive der Beschäftigten oder veränderte Erwartungen an gute Arbeit.


Das ist analytisch nicht trivial. Denn wirtschaftlicher Wandel entscheidet sich nicht nur in Unternehmen, Verbänden und Ministerien, sondern auch darin, wie Menschen Arbeit, Sicherheit und Zukunft im Alltag erleben. Ein Wahlkampf, der Wirtschaft fast ausschließlich als Industriepolitik erzählt, greift deshalb zu kurz. Gerade in einem Land wie Baden-Württemberg, das wirtschaftliche Transformation nicht nur technologisch, sondern auch sozial bewältigen muss, dürfte dieser breitere Blick künftig wichtiger werden.

Wirtschaft als wichtigstes Thema für die Wahlentscheidung: Zu diesem Ergebnis kam auch eine Befragung von infratest dimap für tagesschau.de.
Wirtschaft als wichtigstes Thema für die Wahlentscheidung: Zu diesem Ergebnis kam auch eine Befragung von infratest dimap für tagesschau.de.
© infratest dimap für tagesschau.de

Eine Wählerschaft mit deutlichen Unterschieden

Ein Blick auf das Wahlverhalten zeigt zudem, dass politische Angebote keineswegs auf eine homogene Wählerschaft trafen. Nach Angaben der Landeszentrale für politische Bildung blieben die Grünen bei den 16- bis 24-Jährigen stärkste Kraft; Linke und kleinere Parteien wurden in dieser Altersgruppe mit jeweils 14 Prozent überdurchschnittlich häufig gewählt. Auch bei den Erstwähler:innen lagen die Grünen vorne; CDU, AfD und Linke kamen dort auf 16, 15 und 14 Prozent, SPD und FDP jeweils auf 6 Prozent. Nach Geschlecht zeigen sich ebenfalls Unterschiede: Grüne, SPD und Linke schnitten bei Frauen besser ab, CDU, FDP und besonders die AfD bei Männern.


Diese Unterschiede sollte man nicht als Randnotiz behandeln. Sie deuten darauf hin, dass wirtschaftliche Unsicherheit, Zukunftserwartungen und politische Deutungsangebote sozial unterschiedlich verarbeitet werden. Ein verengter Wirtschaftsbegriff spricht eben nicht alle Gruppen in gleicher Weise an. Schon deshalb wäre es verkürzt, das Wahlergebnis einfach als Bestätigung eines einzigen dominanten Wahlkampfnarrativs zu lesen.

Dem neuen Landtag von Baden-Württemberg gehören mit 157 nur drei Abgeordnete mehr als nach der Wahl 2021 an – leicht gestiegen ist auch der Frauenanteil von knapp 30 auf 33,8 Prozent.
Dem neuen Landtag von Baden-Württemberg gehören mit 157 nur drei Abgeordnete mehr als nach der Wahl 2021 an – leicht gestiegen ist auch der Frauenanteil von knapp 30 auf 33,8 Prozent.
© Leif-Hendrik Piechowski

Warum Baden-Württemberg keine Blaupause ist

Das zweite große Deutungsmuster setzte direkt nach der Wahl ein: das starke Ergebnis der Grünen als mögliches Modell für weitere Wahlen. Diese Lesart ist verständlich. Cem Özdemir war im Wahlkampf eine ausgesprochen starke Figur. Schon vor der Wahl zeigte das ZDF-Politbarometer einen deutlichen Vorsprung Özdemirs bei der Frage nach dem gewünschten Ministerpräsidenten. YouGov fand zugleich eine interessante Konstellation: Die CDU überzeugte eher als Partei, Özdemir aber stärker als Kandidat.


Trotzdem wäre es voreilig, daraus eine allgemeine Formel abzuleiten. Baden-Württemberg ist politisch kein Durchschnittsland. Die Grünen sind dort seit 2011 in besonderer Weise institutionell verankert. Hinzu kommen die lange Wirkung der Kretschmann-Jahre, die Erfahrung mit grün-schwarzen Regierungen und eine politische Kultur, in der grüne Regierungsfähigkeit längst normalisiert ist. Außerdem galt 2026 erstmals das neue Wahlrecht mit zwei Stimmen; zugleich durften erstmals bereits 16- und 17-Jährige an einer Landtagswahl teilnehmen. Laut Landeszentrale für politische Bildung konnten rund 650.000 Menschen und damit 8,4 Prozent der Wahlberechtigten erstmals ihre Stimme abgeben.


Auch räumlich ist das Ergebnis nicht ohne Weiteres übertragbar. In kleineren Gemeinden schnitt die CDU mit 35 Prozent deutlich besser ab als landesweit, während die Grünen in größeren Städten und verdichteten Räumen mit 38 Prozent klar vorne lagen. Solche Muster entstehen nicht zufällig. Sie hängen an regionalen Wirtschaftsstrukturen, politischen Milieus, Kandidatenprofilen und sehr konkreten Problemwahrnehmungen vor Ort. Baden-Württemberg ist damit ein analytisch interessanter Fall – aber keine Schablone für Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern oder gar die Bundespolitik.

Auch dank seiner hohen Beliebtheitswerte gelang Cem Özdemir der Wahlsieg bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg.
Auch dank seiner hohen Beliebtheitswerte gelang Cem Özdemir der Wahlsieg bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg.
© Dominik Butzmann

Demokratie ist mehr als Mustererkennung

Gerade zum Auftakt eines „Superwahljahrs“ liegt die Versuchung nahe, jedes Ergebnis sofort als Vorzeichen für das nächste zu lesen. Doch damit gerät leicht aus dem Blick, worum es demokratisch eigentlich geht. Wahlen sind nicht nur Tests für kommende Wahlen. Sie sind Momente, in denen gesellschaftliche Probleme sichtbar werden, politische Angebote auf Resonanz stoßen – oder eben nicht – und regionale Konflikte öffentlich bearbeitet werden.


Die baden-württembergische Wahl zeigt in diesem Sinn zweierlei. Erstens: Wirtschaft kann ein dominierendes Wahlkampfthema sein, ohne dass damit schon alle relevanten Fragen von Arbeit und sozialem Alltag angemessen erfasst wären. Zweitens: Ein starkes Ergebnis einer Partei ist noch keine belastbare Vorlage für andere politische Arenen. Wer aus einzelnen Wahlergebnissen vorschnell Rezepte ableitet, unterschätzt die Eigenlogik demokratischer Prozesse.


Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Lehre dieses Wahlauftakts: Demokratie sollte nicht nur vom nächsten Ergebnis her gedacht werden. Entscheidend ist nicht allein, wer knapp vorne liegt, sondern auch, welche Themen sichtbar werden, welche Gruppen sich angesprochen fühlen und wie offen politische Konkurrenz organisiert bleibt. Baden-Württemberg war damit ein aufschlussreicher Auftakt ins Wahljahr 2026 – aber keine Blaupause.

PD Dr. Martin R. Herbers ist netPOL-Mitarbeiter an der Zeppelin Universität. Als Privatdozent für Kommunikationswissenschaft forscht er zum Zusammenspiel von Demokratie, Technologie und öffentlicher Kommunikation.

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