Studentischer Erfahrungsbericht
Grenzüberschreitende Kulturpraxis: Die Abschlusswoche des TAWASOL-Projekts in Tunis
Text: Claire Partsch | Fotos: Tawasol
08.07.2025
Science
Das Tawasol Team und die Fellows 2025
Das Tawasol Team und die Fellows 2025
© Tawasol
Studentischer Erfahrungsbericht

Grenzüberschreitende Kulturpraxis: Die Abschlusswoche des TAWASOL-Projekts in Tunis

Text: Claire Partsch | Fotos: Tawasol
08.07.2025
Science

Das Projekt vereinte Künstler:innen aus Deutschland, Tunesien, Ägypten und dem Libanon. Doch die intensive Abschlusswoche offenbarte Herausforderungen, die die Zukunft grenzüberschreitender Kulturpraxis auf den Kopf stellen könnten.

Was bedeutet kultureller Austausch in einem geopolitischen Kontext, der von Ungleichheit, postkolonialen Kontinuitäten und regionaler Instabilität geprägt ist? Das Projekt TAWASOL, initiiert von der Zeppelin Universität (ZU) in Kooperation mit dem Institut Supérieur de Musique de Tunis und der Université Saint-Joseph de Beyrouth, versteht Austausch nicht als Symbol, sondern als Arbeitsform.

 

Seit 2023 brachte es Künstler:innen, Forscher:innen und Kulturakteur:innen aus Deutschland, Tunesien, Ägypten und dem Libanon in einen dialogischen Prozess. Gefördert vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und getragen von lokalen wie internationalen Partner:innen, fand das Projekt mit einer intensiven Arbeitswoche in Tunis seinen Abschluss.

Eingeleitet wurde die Woche durch einen Besuch in der Moment Residency in Ghar Al Milh mit Kulturakteurin und Künstlerin Soufïa Bensaïd, welcher Raum für persönliche Reflexion und kollektives Denken bot. ZU-Juniorprofessorin Meike Lettau leitete einen Workshop zu Kulturpolitik in Zeiten globaler Krisen und Claire Partsch stellte die „Letters from the Ground“ des libanesischen Zoukak Theaters vor – eine Auseinandersetzung mit kultureller Verantwortung gegenüber der Kriegsverbrechen in Gaza und dem Krieg im Libanon.

Künstlerische Produktionen zwischen Repräsentation und Widerstand

Zwei dokumentarische Filme, die im Rahmen der TAWASOL Arts and Science Residencies entstanden sind, gaben Einblicke in die kreative Szene in Kairo und Tunis. Chiara Keßels Film widmete sich jungen Künstlerinnen in Tunesien und befragte deren Sichtbarkeit im kulturellen Feld. Aaron Vilkama, Mohamed Ali Kechiche und Wajih Bejaoui zeigten ein vielschichtiges Porträt der ägyptischen Jazz-Underground-Szene als Ort musikalischer Freiheit unter einem repressiven System. (Beide Filme sind zu finden in der Mediathek der Tawasol-Website – Link in den Beitragsinformationen.)


Das Projekt „Collectivise: About Commoning in Arts and Culture“, kuratiert und entwickelt von Lilli Kim Schreiber, Bahman Iranpour, Meriam Bettouhami und Julian Kraemer, thematisierte die politischen und ästhetischen Potenziale kollektiver Arbeitsformen. Begleitet wurde die Ausstellung von einem Research-Paper, einer digitalen Plattform zu kollektiven künstlerischen Netzwerken und einem Vortrag vom Kollektiv Interference zu seinen Lichtinstallationen in Tunesien.

Das Kollektiv Interference bei seinem Vortrag im Rahmen des Projekts „Collectivise: About Commoning in Arts and Culture“.
Das Kollektiv Interference bei seinem Vortrag im Rahmen des Projekts „Collectivise: About Commoning in Arts and Culture“.

Die Ausstellung „Places in the In-Between“ wurde von Ricarda Hommann, Julia Hartmann und Jan Ennker gemeinsam mit den Künstler:innen Aisha Azab (Kairo), Mehdi Temessek (Tunis) und Caro Jost (München) in der RSCL Gallery in Le Kram realisiert. Die Arbeit widmete sich Übergangsräumen zwischen Geografie, Identität und politischer Verortung. Der Besuch der deutschen Botschafterin Elisabeth Wolbers bei der Vernissage unterstrich die diplomatische wie kulturelle Relevanz solcher Projekte.

Vorbereitung der Ausstellung „Places in the In-Between“ – Fotografien von Mehdi Temessek.
Vorbereitung der Ausstellung „Places in the In-Between“ – Fotografien von Mehdi Temessek.
Aisha Azab und ihr Kunstwerk.
Aisha Azab und ihr Kunstwerk.

Kulturelle Infrastrukturen und ihre Umsetzung in Praxis und Politik

Neben den künstlerischen Beiträgen rückten in mehreren Formaten Fragen nach institutionellen Bedingungen, Förderlogiken und internationaler Verantwortung in den Fokus. Albert Schmitt und Sina Perkert von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen stellten das Zukunftslabor vor – ein Modellprojekt, das musikalische Exzellenz mit Bildungs- und Sozialarbeit verbindet. 


Ein weiterer Impuls kam von Ouafa Belgacem, Gründerin von Culture Funding Watch. Ihr Workshop bot nicht nur praxisnahe Strategien zur Projektfinanzierung, sondern auch einen kritischen Blick auf globale Machtverhältnisse in der Kulturförderung. Kulturarbeit, so ihre Botschaft, muss sich ihrer eigenen Strukturen und Ausschlüsse bewusst sein, um wirklich nachhaltig wirken zu können.

Paneldiskussion zur Auswärtigen Kulturpolitik und der Rolle internationaler Mittlerorganisationen in Tunis. Von links nach rechts: Paul Leonhardt (Deutsche Botschaft), Rabaa Mwelhi (Tunisia88), Juniorprofessorin Dr. Meike Lettau (Zeppelin Universität), Fanny Rolland (Institut Français), Dr. Saima Samoud (ELYSSA Tunisia).
Paneldiskussion zur Auswärtigen Kulturpolitik und der Rolle internationaler Mittlerorganisationen in Tunis. Von links nach rechts: Paul Leonhardt (Deutsche Botschaft), Rabaa Mwelhi (Tunisia88), Juniorprofessorin Dr. Meike Lettau (Zeppelin Universität), Fanny Rolland (Institut Français), Dr. Saima Samoud (ELYSSA Tunisia).

Wie solche Fragen auf diplomatischer und institutioneller Ebene verhandelt werden, zeigte sich in einer Paneldiskussion im Ennejma Ezzahra Palast in Sidi Bou Saïd. Vertreter:innen der deutschen Botschaft, des Institut Français, Tunisia88, ELYSSA Tunisia und der Zeppelin Universität sprachen offen über Chancen und Spannungen internationaler Kulturpartnerschaften. 


Im Anschluss diskutierten zwei ehemalige tunesische Kulturminister:innen die Entwicklungen der Kulturpolitik seit der Revolution von 2011 – ein Gespräch über Visionen, Rückschläge und die Notwendigkeit neuer politischer Allianzen im Kulturbereich.

 Paneldiskussion zu Wissenschaft und internationalem Wissensaustausch in Tunis. Von links nach rechts: Dr. Michèle Brand (Zeppelin Universität), Professorin Dr. Emna Beltaief (Merian Centre for Advanced Studies in the Maghreb), Dr. Laryssa Chomiak (American Institute for Maghreb Studies) und Dr. Alla El Kahla (Institut Supérieur de Musique, Université de Tunis).
Paneldiskussion zu Wissenschaft und internationalem Wissensaustausch in Tunis. Von links nach rechts: Dr. Michèle Brand (Zeppelin Universität), Professorin Dr. Emna Beltaief (Merian Centre for Advanced Studies in the Maghreb), Dr. Laryssa Chomiak (American Institute for Maghreb Studies) und Dr. Alla El Kahla (Institut Supérieur de Musique, Université de Tunis).

Wissensproduktion, Netzwerke und neue Formen kultureller Praxis

Dass Kulturpraxis heute auch medial, digital und forschend funktioniert, wurde in mehreren Beiträgen deutlich. Die TAWASOL-Fellows Hiba Kammarti und Souha Bachtobji präsentierten ihren Video-Podcast zu Musikproduktion in Ägypten und Tunesien – eine Plattform, die lokale Produzent:innen, Netzwerke sowie auch Herausforderungen in der Musikproduktion sichtbar macht. Den theoretisch fundierten Rahmen setzten Professorin Dr. Emna Beltaief (Merian Centre for Advanced Studies in the Maghreb) und Dr. Laryssa Chomiak (American Institute for Maghreb Studies). 


Im Gespräch über die Rolle von Forschung als kulturelle Infrastruktur wurde deutlich, wie eng Wissensproduktion mit Fragen von Macht, Zugang und kultureller Verantwortung verknüpft ist und wie wichtig lokale Verankerung und Archivierung in transnationaler Arbeit sind.


Zum Abschluss sprach Salma Kossemtini über ihre kuratorische Praxis im globalen Süden. Zwischen knappen Ressourcen, politischem Druck und ästhetischem Anspruch verhandelt sie, wie kuratorisches Arbeiten relevant, respektvoll und effektiv gestaltet werden kann.

Was von dieser Woche bleibt, ist mehr als ein thematisch dichtes Programm. Es ist ein Netzwerk gewachsen, aus Gesprächen, geteilten Erfahrungen, neuen Ideen und konkreten Plänen. Freundschaften sind entstanden, Perspektiven haben sich verschoben und zwischen Institutionen wurden Brücken gebaut, die weitertragen.


TAWASOL hat gezeigt: Transkulturelle Zusammenarbeit ist ein Prozess, der auf Beziehung, Vertrauen und gegenseitigem Zuhören basiert. Und genau darin liegt seine nachhaltige Kraft.

Besuch der deutschen Botschafterin bei der Ausstellung „Places in the In-Between“. Von links nach rechts: Dr. Alla El Kahla (Institut Supérieur de Musique, Université de Tunis), Botschafterin Elisabeth Wolbers, Juniorprofessorin Dr. Meike Lettau (Zeppelin Universität), Paul Leonhardt (Deutsche Botschaft) und Iyadh El Kahla (Institut Supérieur de Musique, Université de Tunis).
Besuch der deutschen Botschafterin bei der Ausstellung „Places in the In-Between“. Von links nach rechts: Dr. Alla El Kahla (Institut Supérieur de Musique, Université de Tunis), Botschafterin Elisabeth Wolbers, Juniorprofessorin Dr. Meike Lettau (Zeppelin Universität), Paul Leonhardt (Deutsche Botschaft) und Iyadh El Kahla (Institut Supérieur de Musique, Université de Tunis).

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