
Zwei mitwirkende ZU-Studentinnen geben Auskunft darüber, wie sie das Forschungsprojekt "Tawasol" erleben und was für Kulturproduktionen bereits veröffentlicht wurden.
Nach den ersten beiden Workshops zu Kulturpolitik und künstlerischer Produktion und kultureller Organisation im Jahr 2023 im Libanon und in Deutschland fanden sich die 20 Fellows in kleineren Projektgruppen zusammen, in welchen sie ihre Projekt- und Forschungsvorhaben entwickelten.
Die Umsetzung der Kulturprojekte und Forschung erfolgte nun im Sommer 2024 innerhalb der ein- bis zweimonatigen "Arts and Science Residencies" in Tunis und Kairo, in welchen die Gruppen die Möglichkeit hatten, tief in die Kunst- und Kulturszene der Städte einzutauchen. In diesem Artikel möchten wir als eine Fellow und Projektstipendiatin und eine studentische Hilfskraft des Projektes unsere Erfahrungen festhalten und der Universitätsgemeinschaft einen kleinen Einblick in unsere Zeit in Tunis und Kairo gewähren.

Im Mai 2024 begann die erste Residency in der tunesischen Hauptstadt Tunis. Nach einem Welcome im Institut Supérieur de Musique (ISMT), der tunesischen Partneruniversität, besuchten wir das nebenan gelegene Institut Français, welches wechselnde Ausstellungen und Programme hat, wie beispielsweise eine bilinguale Kinoserie. Am nächsten Tag trafen wir die Direktorin des Deutschen Pendants auswärtiger Kulturpolitik – das Goethe Institut Tunesien – zu einem Gespräch und einer Führung durch das Programm, die Projekte und das Gebäude des Instituts.
Im Laufe der nächsten Tage und Wochen haben wir außerdem die Cité de la Culture kennengelernt – ein Kulturzentrum in Tunis, in dem sich auch ein Museum, das MACAM, befindet. Hier trafen wir ebenfalls einen jungen Kunststudenten, der uns zur Bachelorpräsentation seiner Fotostrecke an der Université des Beaux-Arts einlud. In dieser Zeit besuchten wir überdies mehrfach den Ennejma Ezzahra, Palais de Baron d'Erlanger in Sidi Bou Said, in welchem oft Konzerte traditioneller tunesischer oder ägyptischer Musik gespielt werden.
Auch L’Art Rue, ein Kollektiv und Kulturspace in der Medina von Tunis, welches Projekte wie das Dream City Festival durchführte – ein multidisziplinäres Kunstfestival in der Stadt Tunis, das im historischen Stadtzentrum stattfindet und sich mit sozialen und politischen Fragen, wie beispielsweise öffentlichem Raum durch Kunst befasst.
Wir konnten viele neue Kontakte knüpfen und unser Netzwerk vor Ort erweitern, so trafen wir auch auf das Kollektiv ElWarcha, welches einige von uns schon von deren Ausstellung auf der Documenta Fifteen kannten, um in Gesprächen und Interviews mehr über ihre künstlerische Praxis und ihren kollektiven Ansatz der Kulturproduktion zu erfahren.

Innerhalb der acht Wochen, die wir in Tunis verbrachten, arbeiteten wir weiter an unseren Projekten, trafen uns mit Künstler:innen aus Theater, Film, Musik, Orchester, Tanz, bildenden Künsten, Kuration, Kulturaktivismus und Kulturvermittlung, um sie zu interviewen und mit ihnen über verschiedene Themen, wie ihre Rolle als Künstler:innen in der Gesellschaft, die aktuelle politische und soziale Situation Tunesiens und ihre eigenen Herausforderungen in der Kunst- und Kulturproduktionsszene in Tunis zu sprechen. Es war erstaunlich, zu sehen, wie vernetzt und verflochten die Kunstszene in Tunis ist.
Wir sind mit dem Forschungsinteresse der Überschneidungen und Wechselwirkungen zwischen Politik, gesellschaftlichen Prozessen des Wandels und Kunst und Kultur in die Residency hineingegangen und wollten die Rolle von Künstler:innen speziell jungen Künstler:innen der post-revolutionären Gesellschaft in Tunis erfragen. Während unseres Aufenthaltes in Tunis haben wir die Frage etwas angepasst und auch die aktuellen Entwicklungen in Tunesien sowie die Bedingungen der lokalen Kunst- und Kulturszene in Tunesien einbezogen.
Natürlich gab es auch Herausforderungen und oft wird Wissenschaft an ihren Resultaten gemessen. In Tunis wurde aber deutlich, dass Forschung manchmal mehr von ihren Prozessen lebt, den Begegnungen, Missverständnissen sowie neuen Perspektiven, die diese Residency ausgemacht haben.

Ergänzend zur Cultural Production und dem Austausch mit Organisationen, Künstler:innen und Kollektiven bekamen wir ebenfalls einen neuen Einblick in Cultural Policy, durch die Bekanntschaft mit dem Kulturattachée der Deutschen Botschaft in Tunis, der uns netterweise anschließend zu einem Kaffee und Gespräch in der Botschaft empfing.
Er sprach beispielsweise über die Auswirkungen des Israel-Palästina Krieges in Tunesien und auf die Kulturprojekte des Goethe-Instituts und Auswärtigen Amtes, und die von Ihnen geförderten Organisationen, sowie über seinen persönlichen Karriereweg und seine Arbeit als Attaché der deutschen Botschaft – eine Erfahrung, die uns alle sehr beeindruckt hat. Ebenfalls war der Besuch bei MECAM, dem Merian Centre for Advanced Studies in the Maghreb, sehr bereichernd. Das Zentrum betreibt interdisziplinäre Forschung in den Bereichen Sozial-, Kultur-, Politik- und Naturwissenschaften. So konnten wir uns gegenseitig über die jeweiligen Projekte austauschen und zukünftige Kollaborationen planen.
Insgesamt hat die Teilnahme an der Arts and Science Residency in Tunis meine Perspektive auf die Bedeutung von Kunst und Kultur als Ressource für sozialen Wandel, wie auch die Dynamiken der MENA-Region, sowie internationale kulturelle Zusammenarbeit nachhaltig beeinflusst.
Im September 2024 begann der zweite Forschungsaufenthalt des DAAD-geförderten تواصل [Tawasol]-Projekts in der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Als studentische Hilfskraft hatte ich, Camilla Bischoffshausen, die Möglichkeit, die Juniorprofessorin Meike Lettau und die Projektfellows eine Woche zu begleiten. Kairo spielt eine zentrale Rolle in der MENA-Region– sowohl als historischer und kultureller Knotenpunkt sowie als dynamischer Ort für zeitgenössische Kunstproduktion.
Unser erstes Meeting war mit der Organisation Underground Social, welche die Fellows vor Ort betreute. Sie versteht sich selbst als kreatives Kollektiv und war der Ansprechpartner und die Verbindung zur Welt der lokalen Kulturschaffenden. Wie der Name schon sagt, liegt der Fokus des Kollektivs nicht auf einer kommerziellen Art und Weise der Kulturproduktion, sondern sie fokussieren sich auf kleinere Künstler:innen aus der Untergrundszene Kairos.

Eine der Projektgruppen widmete sich dem Spannungsfeld zwischen Erinnerung, interkulturellen und intergenerationellen Wissenstransfer. Dabei standen Fragen im Fokus wie: Wie erinnern wir uns an Geschichte? Welche Rolle spielen künstlerische Ausdrucksformen in diesem Prozess? Und wie lassen sich diese Themen in einer transkulturellen Ausstellung abbilden?
Gespräche mit lokalen Künstler:innen und Kulturschaffenden wie Farida Nader (Head of Operations bei Underground Social) und Sarah Sarofim (Kuratorin und Autorin) verdeutlichten die Herausforderungen, die mit einer Ausstellung zu diesen Themen verbunden sind. Ein wiederkehrendes Thema war die Gefahr eines kolonialen Blicks auf Erinnerungsprozesse sowie die Notwendigkeit, diverse transkulturelle Perspektiven in den kuratorischen Ansatz zu integrieren.
Andere Studierendengruppen beschäftigten sich im Austausch mit lokalen Kulturschaffenden außerdem mit gemeinschaftsorientierten Praktiken im Kulturbereich in Tunesien und Ägypten oder kreieren mit der Erstellung eines Video-Podcasts einen Dialog zum Thema Musikdistribution und Eventmanagement im Kontext der zwei Länder. Neben Interviews mit einzelnen Künstler:innen trafen die Tawasol Fellows außerdem auf Vertreter:innen des Goethe Instituts, des Institut Français, der deutschen Botschaft sowie der Organisationen Orient Productions, Mahatat for Contemporary Art oder dem Festival „Theater is a Must“.

Zeitgleich zu unserem Aufenthalt in Kairo fand außerdem das „Cairo international Festival for Experimental Theatre“ zum 31. Mal in der Stadt statt. Im Zuge dessen gab Jun.-Prof. Dr. Meike Lettau einen Workshop zum Thema „Cultural Policy and Transformation“. Ich durfte diesen begleiten und dokumentieren. In ihrem Input stellte Meike Lettau zunächst zentrale Fragen der Kulturpolitik vor, darunter: Was ist Kulturpolitik? Welche Instrumente und Strategien stehen zur Verfügung? Wie kann Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik verstanden werden? Wie beeinflusst Kulturpolitik den gesamten Kunst- und Kulturbereich?
Nach dem Input folgte eine offene Diskussion mit den Workshop-Teilnehmenden, die aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Kunst- und Kulturszene kamen: Schauspieler:innen, Regisseur:innen, Kulturmanager:innen, Szenograf:innen, Kunstkritiker:innen, Studierende der Kunstkritik, Rechtswissenschaftler:innen mit Interesse an Kulturpolitik sowie Vertreter:innen von UNESCO.
Insgesamt war mein Aufenthalt in Kairo eine eindrucksvolle Erfahrung. Projekte wie das تواصل [Tawasol] – Cultural Production and Policy Network bieten nicht nur eine Plattform für transkulturelle Begegnungen und Wissenstransfer, sondern leisten auch einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung partizipativer Kulturpolitik.

Im Rahmen von تواصل [Tawasol] entstanden in den letzten drei Jahren in interdisziplinären Teams Film-, Podcast- und Researchprojekte sowie eine Ausstellung vor Ort in Tunis.
Im April 2025 werden die Ergebnisse in einem Symposium in Tunis, sowie auf einer Website als interaktiver Knowledge Exchange Platform präsentiert, um so für die breite Öffentlichkeit zugänglich zu sein und auch als Anknüpfpunkt für weiterführende Projekte dienen zu können.
Darin liegt jedoch nur ein Teil des Erfolges, ein weiterer, vielleicht ebenso wichtiger, ist in den persönlichen Lernprozessen, geführten Gesprächen und gesammelten Erfahrungen zu finden, welche über das Verständnis von Kunst, Kultur und Forschung als Theorie hinausgehen und in der Praxis neue Verbindungen ermöglichen.
Wer nun mehr über Erfahrungen, Erlebnisse und Ergebnisse der Projekte der Tawasol-Fellows erfahren möchte, kann diese ab Juni 2025 im Internet finden unter



