
Wenn man erst mit dem Schüler und dann mit dem Studenten Nicolas Bühringer ein paar Worte wechselte, begegnete man zwei unterschiedlich interessierten Menschen. Mit einem ausgeprägten Interesse an Soziologie und Politik und weniger an Ökonomie startete er an der ZU mit dem SPE-Bachelor. Ausgehend von einem Programmierkurs wechselte er in den CME-Bachelor, entwickelte sich zu einem Fan quantitativer Methoden und steht nun kurz vor einem Master in Statistik. Auch sportlich ließ er vormals Undenkbares Realität werden.
Mitten in München in einem Mehrfamilienhaus aufgewachsen, fühlte Nicolas Bühringer sich weder analysiert noch beeinflusst, obwohl sein Vater Psychologieprofessor ist. „Vielmehr haben mir meine Eltern alle Freiheiten gelassen, die es braucht, um eine unbekümmerte und unbeschwerte Kindheit und Jugend zu genießen.“ Damals war er mehr der spontane Stadtmensch, der in den Tag hineinlebt, ohne groß darüber hinaus zu denken. Vornehmlich im Sport machte sich ein gewisser Ehrgeiz bemerkbar: Angespornt von einem Ex-Profibasketballer, der nach seiner Karriere zum Gymnasiallehrer avancierte, spielte Nicolas Bühringer einige Jahre lang Basketball, bis eine Entzündung des Kniegelenks ihn für Monate außer Gefecht setzte. Im Gegensatz zu Ausreden fehlte ihm anschließend die Motivation, wieder sportlich aktiv zu werden – bis auf ein lockeres Läufchen ruhte der Sportsgeist.
Erst zur Oberstufe hin zeigte Nicolas Bühringer mehr Engagement. Erneut motiviert von einer Lehrkraft, stieg sein Interesse an gesellschaftlichen und politischen Fragen so weit an, dass er nicht nur das Tagesgeschehen intensiver verfolgte, sondern an seiner Schule auch einen „Tag für Europa“ mitorganisierte. Doch bei diesem Interesse allein blieb es nicht: „Irgendwann habe ich mich für so gut wie alles interessiert, was die Studienwahl nur umso schwerer machte, je näher das Abitur rückte“, erzählt Bühringer. Folglich nahm er sich für die Frage, wie es weitergeht, die nötige Zeit und legte nach dem Abitur ein Gap Year ein. Nach einem Job an einer Kaufhauskasse absolvierte er ein Praktikum im Berliner Büro des SPD-Abgeordneten Martin Gerster. „Da sich der SPE-Bachelor an der ZU bereits abzeichnete, kam das Praktikum im Bundestag genau richtig, um die politische Arbeit in der Praxis zu erleben“, erläutert Bühringer.
Kurz vor dem Coronaausbruch lernte Nicolas Bühringer die Universität und ihre Menschen in Präsenz kennen. „Vor allem war ich überrascht von der freundlichen, ja beinahe familiären Atmosphäre“, berichtet Bühringer, „die sich auch darin zeigte, dass mich der damalige studentische Vizepräsident Hannes Werning nach dem Auswahltag zum Stadtbahnhof brachte.“
Die Coronapandemie war es auch, die bei Nicolas Bühringer zu einem wegweisenden Umdenken führte. „Statt durch Südamerika zu backpacken, habe ich unter anderem an dem Online-Programmierkurs ,Automate the Boring Stuff with Python‘ teilgenommen, der alles andere als langweilig war und mir unglaublich viel Spaß gemacht hat“, erzählt Bühringer, der zu Beginn des Studiums sich selbst eingestehen musste, dass die soziologischen und politischen Theorien nicht das Wahre für ihn sind. Der Erkenntnis folgte der Wechsel von SPE zu CME. Bevor er sein Studium mit dem CME-Bachelor fortsetzte, besuchte er ein zehnwöchiges Data Science Bootcamp in Vollzeit in Berlin. „Dieses Bootcamp war der Wendepunkt in meinem Werdegang“, betont Bühringer. „Denn dabei habe ich die Themen entdeckt, die mich fortan begleiten sollten wie Datenmanagement oder Machine und Deep Learning.“
Eine Programmiersprache, mit der an der ZU statistische und Datenanalysen durchgeführt werden, ist R. „Dank meiner Programmierkenntnisse fiel es mir relativ leicht, mit R zu arbeiten“, bemerkt Bühringer. Was in einem Methodenkurs auch der Kursleiterin Professorin Dr. Franziska Peter auffiel; was ihn wiederum zum Tutor der Kurse „Advanced Statistics“, „Applied Statistics with R“ und „Data Science“ machte. „Für mich waren die Tutorien nicht nur eine Gelegenheit, meine eigenen Kompetenzen zu erweitern. Sie waren auch eine Chance, meine Mitstudierenden mit einer Programmiersprache vertraut zu machen“, erläutert Bühringer, der sich zeitweise als Event- und Initiativenvorstand der Student Lounge e.V. und als Zweiter Vorsitzender des Hochschulsports auch anderweitig am studentischen und universitären Leben aktiv beteiligte.
Um sein Wissen rund um Data Science und Statistik zu vertiefen, legte Nicolas Bühringer im sechsten und siebten Semester gleich zwei Auslandssemester ein. Zunächst ging es für ihn an die Universidad Carlos III de Madrid. Dort belegte er ausschließlich quantitative Kurse unter anderem zu Datenstrukturen und Algorithmen. „Das Gute an dieser Universität war, dass ich freie Kurswahl hatte“, bemerkt Bühringer. Ganz anders an der University of California, Berkeley, da dort die Bestandsstudierenden bei der Kurswahl Vorrang haben und daher stark nachgefragte Kurse zu Data Science oder Informatik früh ausgebucht sind. „Das war zwar schade, machte aber nichts, weil ich so die Möglichkeit hatte, neue Horizonte zu erkunden“, erklärt Bühringer. „Und die Kurse zu Mathematik, Astronomie und Bioengineering waren die besten, die ich jemals besucht habe. Denn das Niveau der Dozierenden und Studierenden liegt auf einem unglaublich hohen Level, was einen anspornt und zugleich über sich hinauswachsen lässt.“
Nicolas Bühringer weiß, wie es sich anfühlt, die eigenen Grenzen zu überwinden. „Alles fing mit einer Doku über den Ironman Hawaii an“, so Bühringer. Von da an ließ ihn der Reiz, das Unmögliche zu schaffen, nicht mehr los. In den ersten Semesterferien in Berlin von Knieproblemen geplagt, wagte er nach zwei YouTube-Tutorials über Kraulstil den Sprung ins Becken eines nahegelegenen Freibades – mit dem Ziel, einen Kilometer am Stück zu schwimmen. Danach zwar völlig erschöpft, ließ er nicht locker, sodass er nach dem Sommer unter der erforderlichen Zeit für die Schwimmstrecke eines halben Ironmans blieb – 1,9 Kilometer in unter 1 Stunde und 10 Minuten.
Ein Jahr später nahm er am Ironman 70.3 Zell am See-Kaprun teil und begab sich auf die 1,9 Kilometer lange Schwimmstrecke, die 90 Kilometer lange Radstrecke und die 21,1 Kilometer lange Laufstrecke. „Es hätte nicht schlimmer kommen können, weil es den ganzen Tag wie aus Kübeln geschüttet hat“, erzählt Bühringer. Verheerender als das Wetter war sein Sturz auf der letzten Abfahrt: Puls runter von 170 auf 105, Tempo runter von 35 auf 0 km/h. Drei Minuten zeichnete der Tracker keine Geschwindigkeit auf, noch länger blieb die Erinnerung weg, bis sein Bewusstsein beim Laufen allmählich wieder einsetzte. Vollgepumpt mit Adrenalin und mit letzter Kraft schaffte es Nicolas Bühringer ins Ziel. „Das war das Härteste, was ich jemals erlebt habe“, sagt Bühringer, der nach dem Zieleinlauf direkt ins Krankenhaus eingeliefert wurde: „Zum Glück war nichts passiert, letztlich hat mich der entzweigebrochene Helm vor Schlimmeren bewahrt.“ Dem Sport ist er treu geblieben, auch wenn er inzwischen die Sprintdistanz bevorzugt – 750 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren und 5 Kilometer Laufen. Bisherige Bilanz: Teilnahmen bei einer Europameisterschaft und einer Weltmeisterschaft der Amateure, Trophäen bei lokalen Wettbewerben. Der Traum, irgendwann einmal beim Ironman Hawaii oder der Challenge Roth an der Startlinie zu stehen, hat ihn jedoch nie verlassen.
Nach den Auslandssemestern nach Deutschland zurückgekehrt, stand nur noch die Bachelorarbeit an, die Nicolas Bühringer bei Professorin Dr. Franziska Peter schrieb. „Denn an ihrem Lehrstuhl wird viel zum Einsatz von neuronalen Netzwerken zur Vorhersage von Aktienkursschwankungen geforscht. Dabei ist die Trainingseffizienz von neuronalen Netzwerken abhängig von den eingespeisten Dateigrößen. Daher habe ich in meiner Bachelorarbeit versucht, die jeweilige Größe der in einem Diagramm angezeigten Balken für die Aktienreturns – grün für steigend, rot für fallend – zu komprimieren“, berichtet Bühringer, dem das „Experiment“ – wie er seine Abschlussarbeit selbst bezeichnet – geglückt ist.
Mit dem Geld, das er als selbstständiger und an der ZU und darüber hinaus tätiger Event- und Porträtfotograf angespart hat, wollte er ursprünglich nach dem Bachelor eine längere Weltreise unternehmen. Doch mittlerweile hat er seinen Platz in der Welt gefunden und sich direkt auf Statistik-Master an europäischen Universitäten beworben. „An der ZU habe ich mich selbst und meine Interessen besser kennen und einschätzen gelernt. Auch wenn einem an der Universität viele Möglichkeiten offenstehen: Man muss eigene Entscheidungen treffen und eigene Wege gehen. Und mit den Entscheidungen, die ich bisher gefällt habe, und den Wegen, die ich bislang eingeschlagen habe, fühle ich mich sehr glücklich.“



