
Dass er sich einmal als Statistik-Tutor unter seinen Kommiliton:innen einen Namen machen würde. Dass er einmal als CIP-Vorstandsmitglied mit Persönlichkeiten aus Politik und Diplomatie auf Augenhöhe und auf öffentlicher Bühne diskutieren würde. Manchmal muss sich Otmar Böss kneifen, um zu realisieren, dass all das inzwischen real ist. Doch an der ZU hat er gelernt, einfach das zu tun, was ihm und anderen guttut – und erfahren, dass es sich lohnt, Unbekanntes zu wagen.
Otmar Böss stammt aus Nassereith. In der österreichischen Gemeinde leben mehr Kühe als Menschen, sie ist idyllisch umgeben von den Tiroler Bergen und weniger idyllisch gelegen am vielbefahrenen Fernpass nach Imst. „Das Dorfleben ist sehr ländlich und traditionell geprägt, in der Kindheit und Jugend spielt sich viel in der Jungbauernschaft, Musikkapelle und in Sportvereinen ab“, erzählt Böss. In der Gemeinde haben seine Eltern nicht nur ein Haus gebaut, sondern auch ein Unternehmen in der Werbetechnik aufgebaut. „Insbesondere für Firmen in der Tourismusbranche haben wir Logos erstellt, Autobeschriftungen produziert oder Werbeschilder gefertigt“, berichtet Böss, der in den Betriebsräumen seine eigene Spielecke hatte und bei so gut wie jeder Montage dabei war. „Mein Vater, meine Mutter und ich waren ein durch und durch eingespieltes Trio“, sagt Böss.
Das änderte sich schlagartig, als sein Vater, der immer kerngesund und nie beim Arzt war, eines Tages über starke Kopfschmerzen klagte, die schließlich zu Ohnmachtsanfällen führten. Otmar Böss verständigte sofort den Notarzt. Wenig später wurde sein Vater mit einer Gehirnblutung nach Innsbruck ins Krankenhaus eingeliefert. „Mein Vater war eine starke Person, die über alles Bescheid wusste und alles unter Kontrolle hatte. Als ich ihn plötzlich auf der Intensivstation im Koma liegen sah, brach für mich die Welt zusammen“, bemerkt Böss.
Fels in der Brandung war seine Mutter, die sich nun um alles kümmerte und ihren damals 15-jährigen Sohn darin unterstützte, sein Leben in geordneten Bahnen fortzuführen. „Diese schwierige Phase hat uns noch enger zusammengeschweißt“, erwähnt Böss. Als sich abzeichnete, dass bei seinem Vater, der einige Monate im Wachkoma lag, keine Heilungschancen mehr bestanden, musste Otmar Böss lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, eigene Risiken einzugehen und eigene Chancen zu ergreifen.
Denn bis zur Matura folgte Otmar Böss dem Lebensweg seines Vaters: von der Grundschule über die Mittelschule zur Bundeshandelsakademie für Wirtschaftsinformatik. „Ihm war es wichtig, dass ich zunächst etwas Handfestes in der Tasche habe. Womöglich spielte er mit dem Gedanken, dass ich später einmal in das familiengeführte Unternehmen einsteige und dort meine wirtschaftlichen Kompetenzen einbringe“, erklärt Böss. Doch eigentlich interessierte er sich mehr für das Kreative, liebte es, Bilder und Videos zu bearbeiten oder Logos und Webseiten zu erstellen. „Daraus erwuchs der Wunsch, Grafikdesign oder Architektur zu studieren“, ergänzt Böss. Mit dem Tod des Vaters verbunden war die Auflösung des Unternehmens. Noch einschneidender für seinen weiteren Lebensweg sollte sich aber sein Zivildienst erweisen, den er in einer Flüchtlingsunterkunft in Innsbruck absolvierte.
Kurz nach Abschluss der Reife- und Diplomprüfung mit Auszeichnung bestand seine Aufgabe als Junge für alles plötzlich darin, im Flüchtlingsheim auch mal die Pissoire auszupumpen und damit wahre Drecksarbeit zu leisten. „Was mich dagegen psychisch belastet und zum Nachdenken gebracht hat, war die Tatsache, dass geflüchtete Menschen voller Zuversicht ankommen, aber dann so lange zusammengepfercht auf kleinstem Raum auf ihre Bescheide warten, bis sie innerlich daran zerbrechen“, erzählt Böss. „Diese Ungerechtigkeiten haben bei mir zu einem Umdenken in dem Sinne geführt, dass ich etwas studieren wollte, mit dem ich die Welt ein Stück gerechter machen kann.“
Also suchte er nach einem Studienort, der seinen Wissensdurst stillt und kritisches Denken und Hinterfragen nicht nur toleriert, sondern geradezu herausfordert. In einem Tweet stolperte er über den Claim „zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik“ und mit der Zeppelin Universität über einen Ort, an dem interdisziplinär studiert werden kann. „Ohne mit jemandem groß darüber zu reden oder mir die Universität vor Ort anzuschauen, hatte ich mich erfolgreich für einen Studienplatz im SPE-Bachelor beworben“, berichtet Böss. Im August bezog er ein Zimmer in einer WG, im September startete er an der ZU.
„Als Mensch, der sich für viele Dinge begeistern kann, war und ist es noch immer ein Traum, mich mit so einem bunten und breiten Blumenstrauß an Themen zwischen Soziologie, Politik und Ökonomie beschäftigen zu dürfen“, erwähnt Böss, der von Anfang an von der offenen und ihm bis dahin unbekannten Diskussionskultur fasziniert war. Andererseits war das studentische Leben für ihn, der als Nicht-Akademikerkind mit Fremdwörtern wie Kommiliton:in oder Tutorium nichts anzufangen wusste, in den ersten beiden Semestern auch überfordernd. „Im Kopf war ich noch lange in meiner gewohnten Umgebung in meinem Dorf, weil sich die Universität anfangs fremd anfühlte“, beschreibt Böss, der zwei Semester lang jedes Wochenende nach Hause fuhr.
Um im studentischen Umfeld und Alltag an- und zurecht zu kommen, musste Otmar Böss das Dorfleben ein Stück weit los- und hinter sich lassen. „Das Gefühl, mit harter Arbeit alles schaffen zu können, hat letzten Endes den Umschwung herbeigeführt“, erläutert Böss. Eine hohe Begabung und schnelle Auffassungsgabe führten zu exzellenten Bewertungen – selbst in Kursen, in denen sich der übliche Notendurchschnitt in Grenzen hält wie Statistik, Empirische Sozialforschung oder Makroökonomie, um nur einige Beispiele zu nennen. „An der ZU hat sich eines grundlegend geändert: Plötzlich habe ich mich mit der Mathematik immer tiefer in einen selbstgewählten Kaninchenbau begeben. Denn ein korrektes Ergebnis ist der perfekte Ausgleich zu einer gesellschaftspolitischen Debatte, die wie eine Box ohne Deckel ist“, erzählt Böss.
Auf eine 1,0 in Statistik folgte eine Mail mit der Frage, ob Otmar Böss sich nicht vorstellen könne, etwas zu geben, das inzwischen zu einem festen Bestandteil seines Wortschatzes gehört: ein Tutorium. Zunächst befallen vom Imposter-Syndrom, überzeugten ihn schließlich Kommiliton:innen davon, das Tutorium in Statistik zu übernehmen – denn bereits in der Prüfungsphase hätte er ihnen die eine oder andere statistische Methode überzeugend erklärt. „Als mir dann auch noch ein Professor bescheinigte, dass die Universität ein Raum ist, an dem man sich Fehler erlauben kann, habe ich mich dazu bereit erklärt“, ergänzt Böss.
Nachdem er sich den ganzen Sommer auf sein erstes Tutorium vorbereitet hatte, stand er in seinem dritten Semester vor Masterstudierenden und brachte diesen sowohl deskriptive als auch induktive Statistik näher. „Es macht unglaublich viel Spaß, meinen Mitstudierenden auf diese Weise zu helfen“, so Böss, der auch privat Nachhilfe gibt, um seine Kommiliton:innen durch die Unwägbarkeiten der Statistik zu navigieren. Nach zwei weiteren Tutorien in Statistik leitet er in diesem Semester nun auch ein Tutorium in Makroökonomie. Doch für viele bleibt Otmar Böss der Statistik-Tutor – erst recht, seitdem er für eines seiner Tutorien in Statistik mit dem Best Tutor Award ausgezeichnet wurde. „Diesen Preis zu bekommen, war nicht nur wunderschön, sondern auch eine tolle Wertschätzung für meine geleistete Arbeit“, sagt Böss.
Was er als Österreicher und zudem SPÖ-Parteimitglied nicht nachvollziehen kann, ist, warum so viele Menschen aus der Arbeiterschicht die FPÖ gewählt haben. „In meiner Bachelorarbeit möchte ich mir nun genauer anschauen, welche ökonomischen Faktoren Populismus begünstigen und mit welchen Narrativen Populisten diejenigen zu überzeugen versuchen, die sich zusehends abgehängt fühlen“, erläutert Böss. Über das wissenschaftliche Arbeiten und methodische Vorgehen befindet er sich in ständigem Austausch mit dem Lehrstuhl für Politische Soziologie von Professor Dr. Martin Elff, an dem er als studentische Hilfskraft bis heute tätig ist.
„Bereits in meinen Praktika im Tiroler Landtag und im Europäischen Parlament habe ich erfahren, dass es im politischen Betrieb diejenigen gibt, die an vorderster Front Wahlkampf machen und in Parlamenten Reden schwingen, und dass es diejenigen gibt, die im Hintergrund an Parteiprogrammen tüfteln“, erzählt Böss. „Das hat mich zu dem Gedanken geführt, durch objektive Forschung Informationen und Daten zusammenzustellen und davon ausgehend Ideen und Lösungen für drängende Fragen unserer Zeit zu entwickeln.“ Er hält es für sehr wahrscheinlich, dass er einmal in einem Master in den USA oder im europäischen Raum und in einer anschließenden Promotion weiter Forschung betreiben wird.



