
Johannes Volkmann absolvierte seinen Bachelor an der ZU. Seit einem Jahr sitzt er im Bundestag. Wir wollten wissen, wie ein erfolgreicher Start dort aussieht.
Lieber Herr Volkmann, im Februar 2025 sind Sie im Wahlkreis Lahn-Dill im Erstmandat in den Bundestag gewählt worden. Wenn Sie jetzt auf dieses Jahr zurückblicken, wie war das für Sie?
Johannes Volkmann: Mein Start im Bundestag war anders als erwartet. Noch bevor der neugewählte Bundestag erstmalig zusammengetreten war, stand die Abstimmung über das Sondervermögen an. Als frisch gewählte Abgeordnete konnten wir uns an der Abstimmung noch nicht beteiligen, gleichwohl aber an den Debatten in der Fraktion.
Dazu kam die Herausforderung, dass wir in den ersten acht Wochen noch keine eigenen Büros hatten. Die alten Räume wurden erst am letzten Tag der Wahlperiode des alten Parlaments frei, neue mussten erst verteilt werden. Mein Team stand schon, aber wir sind ständig zwischen verschiedenen Konferenzräumen hin‑ und hergezogen. Man konnte da natürlich keine Dokumente liegen lassen, musste jeden Tag umziehen – das hat den Anfang logistisch etwas ruckelig gestaltet.
Was mir aber enorm geholfen hat, war die positive Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen. Fast ein Drittel unserer Fraktion ist neugewählt und wir haben uns in den ersten Wochen gegenseitig unterstützt, Tipps gegeben und uns den Einstieg leichter gemacht. Dieses Miteinander hat viel Druck herausgenommen und mir den Start deutlich erleichtert.
Wie sieht das denn am ersten Tag im Bundestag aus? Kommt man dann morgens an, klingelt, und sagt: "Hallo, ich bin jetzt da, wo soll ich hin?" Oder gibt es eine Art von Einführungsveranstaltung?
Johannes Volkmann: Ja, genau. Man
stellt sich an der Pforte vor und bekommt an einem Willkommenstisch den
Abgeordnetenausweis. Es gibt eine ganze Reihe von Einführungsveranstaltungen,
wie von der Bundestags‑IT und verschiedener Fachdienste. Außerdem hat meine Fraktion in
den ersten Tagen so eine Art Bootcamp organisiert. Dort wurden alle Neulinge
zusammengeholt und wir sind gemeinsam die wichtigsten Themen durchgegangen –
von der Frage, wie ich plötzlich Arbeitgeber werde und Personalverantwortung
übernehme, bis hin zu ganz praktischen Dingen: Wie leihe ich ein Buch in der
Parlamentsbibliothek aus? Im Grunde fühlt sich das alles ein bisschen wie eine
Ersti‑Woche an der Universität an.

Gab es denn etwas im Bundestag, was Sie vorher so aus Ihrer bisherigen politischen Karriere nicht kannten, oder waren Sie gleich mit allem vertraut?
Johannes Volkmann: Ich kannte
die Abgeordnetenbüros im Europäischen Parlament ja bereits aus meiner Zeit als
Mitarbeiter dort. Insofern war mir der parlamentarische Alltag grundsätzlich
vertraut, auch wenn sich in der Praxis natürlich vieles unterscheidet. Der
Bundestag ist deutlich stärker von der Dynamik zwischen Regierung und
Opposition geprägt als das Europäische Parlament, in dem es keine festen
Mehrheiten gibt.
Unterm Strich würde ich sagen: Es gibt wenig wirklich Überraschendes – aber vieles, dessen man sich erst dann bewusst wird, wenn man tatsächlich vor Ort ist. Zum Beispiel die mediale Aufmerksamkeit, die plötzlich zu einem sehr präsenten Teil des eigenen Alltags wird.
Haben Sie sich dann gleich überlegen müssen, in welche Ausschüsse Sie wollen, in welchen Gruppen oder Netzwerken Sie sich engagieren wollen? Oder war das schon vorher klar?
Johannes Volkmann: Man gibt zu
Beginn eine Art Wunschzettel mit seinen Ausschuss‑Präferenzen ab. Die Landesgruppenvorsitzenden
– bei mir also der hessische – verhandeln dann untereinander, wer welche Plätze
bekommt. Dieser Prozess wird intern auch mit etwas Augenzwinkern „Teppichhändlerrunde“ genannt, weil man ständig
verschiedene Optionen austauscht.
Der Auswärtige Ausschuss
gehört durchaus zu den nachgefragten Ausschüssen. Insofern ist es ein großes
Privileg, dort bereits in der ersten Wahlperiode mitwirken zu dürfen. Zusätzlich
habe ich einen Platz im Entwicklungsausschuss übernommen. Besonders hoch im
Kurs steht der Haushaltsausschuss, weil dort über die Mittelverwendung aus dem
Bundeshaushalt Richtungsentscheidungen getroffen werden. Insgesamt bin ich sehr
zufrieden, vor allem weil Außen‑ und
Sicherheitspolitik mit Blick auf China und Ostasien genau meinem
Interessenprofil entsprechen.

Haben Sie sich im Vorfeld eigene Ziele für Ihre Amtszeit gesetzt oder muss man die dann auch so ein bisschen unterordnen, abhängig davon, in welchen Ausschüssen man unterkommt?
Johannes Volkmann: Zum einen habe ich natürlich fachpolitische Ziele, die stark davon abhängen, in welchen Ausschüssen ich tätig bin. Ein zentrales Anliegen ist es, die Risiken in unseren Lieferketten gegenüber China zu verringern und Abhängigkeiten – etwa bei kritischen Rohstoffen – abzubauen. Genau in diesem Politikfeld kann ich jetzt konkret mitarbeiten, wie wir es im Koalitionsvertrag unter dem Schlagwort „De-Risking“ vereinbart haben.
Gleichzeitig gibt es Wahlkreisthemen, die für meine Arbeit ebenso wichtig sind. Bei uns vor Ort geht es vor allem um verkehrspolitische Fragen: den Ausbau der A45 und der B49, die Sanierung der Bahnstrecken und eine bessere Anbindung an den Fernverkehr. Das sind Themen, die die Menschen hier unmittelbar betreffen. Und um sich dafür einzusetzen, muss man nicht zwingend Mitglied im Verkehrsausschuss sein, sondern im Austausch mit Fachkollegen, Ministerien und Infrastrukturgesellschaften stehen.
Wie war das für Sie, das erste Mal im Plenum zu sprechen? Es war natürlich nicht das allererste Mal an einem Mikrofon, aber vielleicht doch nochmal was Neues?
Johannes Volkmann: Das lässt sich mit keinem anderen Rednerpult in Deutschland
vergleichen, weil der Plenarsaal einfach ein ganz besonderer Ort ist. Als ich
dort zum ersten Mal saß und zum Bundestagsadler hochgeschaut habe, war das ein
sehr bewegender Moment. Man sitzt ja nicht für sich selbst dort – ich darf
280.000 Menschen in meinem Wahlkreis vertreten, die mir mehrheitlich ihre
Stimme anvertraut haben, und das ist eine enorme Verantwortung. Und auch wenn
man nicht jeden Tag im Rampenlicht steht – es gibt diese kleinen Momente, in
denen ich im Plenarsaal sitze, hochschaue und spüre, dass dieser Ort jedes Mal
aufs Neue etwas Besonderes hat.
Bei meiner ersten Rede ging es um einen Auslandseinsatz der Bundeswehr, konkret um die erneute Mandatierung des Kosovoeinsatzes. Eine konkrete Gefährdungslage besteht dort zwar derzeit nicht, aber dennoch trifft man die Entscheidung, Soldatinnen und Soldaten in einen bewaffneten Auslandseinsatz zu schicken, nicht leichtfertig.
Also geht es weniger um die Fähigkeit des Sprechens, sondern um die
Selbstwahrnehmung der Bedeutung?
Johannes Volkmann: Für mich ist es eine große Ehre, im Plenarsaal sprechen zu
dürfen. Das ist kein Mikrofon wie jedes andere. Aus meinem früheren Beruf als
Redenschreiber habe ich den Anspruch mitgenommen, meine Reden im Bundestag
grundsätzlich persönlich zu formulieren. Mir ist wichtig, dass das, was ich im
Plenum sage, authentisch ist und meinen Überzeugungen Ausdruck verleiht.

Nun kommen Sie von der Zeppelin Universität, wo das studentische Mitgestalten gelebt wird. Was ist denn anstrengender: studentischer Senator an der ZU oder Parlamentarier im Bundestag?
Johannes Volkmann: Das ist tagesformabhängig, würde ich sagen. Das Mandat im
Bundestag bringt ein großes Privileg mit sich: Man hat als direkt gewählter
Abgeordneter sowohl rechtlich als auch praktisch ein hohes Maß an persönlicher Freiheit.
Gleichzeitig bin ich Teil einer Fraktion und in die dortigen
Entscheidungsprozesse eingebunden – ich bin nicht als Einzelperson gewählt
worden, sondern als Vertreter der CDU. Die gemeinsame Entscheidungsfindung ist
für die effektive Mehrheitsfindung in der Regierungsmehrheit sehr wichtig.
In vielem erinnert mich das an meine Zeit als studentischer Senator: Man ist Ansprechpartner für die Interessen der Menschen, die man vertritt. In meinem Wahlkreisbüro erreichen uns täglich Mails von Bürgerinnen und Bürgern, oft mit sehr schwierigen persönlichen Situationen – von Deutschen in Haft im Ausland bis zu Menschen, die wichtige Einzelanliegen haben. Man kann nicht jedem direkt helfen, aber man kann oft sinnvolle Ansprechpartner vermitteln, Auskunft geben oder durch praktische Hinweise Ergebnisse beschleunigen.
So ähnlich war es früher auch im ZU-Prüfungsausschuss: Man fungiert manchmal als Fürsprecher für diejenigen, die einem mit wichtigen Anliegen Vertrauen schenken. Und dieses Grundmuster prägt meine Arbeit auch heute.
Würden Sie Ihre Amtszeit als studentischer Senator als Beginn Ihrer
politischen Laufbahn sehen?
Johannes Volkmann: Schülervertretung, Hochschulpolitik,
später Kommunalpolitik – das waren für mich tatsächlich alles Schritte auf dem
Weg, Verantwortung für andere zu übernehmen. Und dieser Weg hat mich
schließlich bis in den Deutschen Bundestag geführt.
Gerade die Arbeit in Gremien hat mir viel beigebracht, was heute noch entscheidend ist: einen Konsens aufzubauen, gemeinsam Vorlagen zu entwickeln und in der Diskussion zu überzeugen oder sich überzeugen zu lassen. Diese eher handwerklichen Aspekte lernt man weniger im Seminar, sondern nur durchs praktische Tun – und auch im Bundestag lernt man als Neuling in jeder Sitzungswoche Neues.

Wenn Sie den gegenwärtigen Studierenden der Politikwissenschaften, die sich für eine politische Karriere interessieren, einen Rat geben könnten. Wie würde der lauten?
Johannes Volkmann: Ein Universalrezept gibt es nicht, aber ich glaube, man sollte
Politik nicht als Karriereprojekt beginnen, sondern aus einer inneren
Überzeugung heraus, etwas verändern zu wollen. Das kann auf lokaler Ebene
anfangen oder auf einer größeren – entscheidend ist, überhaupt anzufangen. Sich
zu einer politischen Partei zu bekennen, sich dort einzubringen, für
Gemeindevertretungen oder Kreistage zu kandidieren und dort durch gute,
sachorientierte Arbeit zu überzeugen, ist aus meiner Sicht der
vielversprechendste Weg.
Wichtig ist auch: Geht in politische Parteien und Jugendorganisationen! Unsere Demokratie lebt von Beteiligung, und es bereitet mir Sorgen, dass die Parteien immer stärker überaltern und sich weniger Menschen langfristig einbringen wollen. Politik braucht aber genau dieses Commitment – auch dann mitzuwirken, wenn es mal Gegenwind gibt.
Und man sollte sich nicht abschrecken lassen, wenn einem Dinge
nicht gefallen. Im Gegenteil: Genau das sollte ein Ansporn sein, auf
Veränderung zu drängen.
Vielen Dank, Herr Volkmann, für das Interview, und weiter viel Erfolg.



