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71 % (play)

Audio-Installation von Martina Mächler

Ein Ausstellungsprojekt des artsprogram


Gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung und der Fränkel Stiftung


09 | 10 | 2018 - 15 | 02 | 2019


Die Ausstellung der 1991 in der Schweiz geborenen Künstlerin Martina Mächler zeigte die Installation „71% (play)“, in der sich Mächler mit einer der letzten Bastionen der Freiheit befasste, die sich der bewussten Steuerung und Optimierung weitgehend entzieht.


Länger schon beschäftigt sich Martina Mächler in ihren meist performativen, multimedialen Projekten mit dem Zusammenhang von Arbeit, Subjektivierung und Disziplinierung. Dabei untersucht sie vor allem die ökonomische Dimension von Freiheit, indem sie sich Selbstversuchen unterzieht.
So präsentiert sie beispielsweise ihre ökonomische Jahresbilanz als junge Künstlerin in präzise inszenierten Jahresabschluss-Performances. Seit 2013 führt Mächler akribisch Buch über ihre knappen Einnahmen und Ausgaben. Diese werden minuziös notiert, in Grafiken und Diagramme überführt und fassen so das Leben der Künstlerin als Spur ökonomischer Zahlen und Fakten.


In ihrer Arbeit „71% (play)“, die im Rahmen von „Inseln der Freiheit“ ausgestellt wurde, geht es um einen entscheidenden Rückzugsraum, von dem gerade Kapitalismus-kritiker*innen sagen, er sei der einzige verbliebene Bereich, in dem das Subjekt unzugänglich, verletzlich und widerspenstig bleibt: mit dem Schlaf.
In der mehrteiligen Installation, die aus einem Teppich, Kissen und vier Lautsprechern besteht, hört man – im Anschluss an den Sound auf dem Markt verfügbarer Schlaf-Apps – verschiedene Stimmen, die sich unterhalten. Diese spiegeln den inneren Monolog einer Protagonistin, die sich gerade den monophasischen Schlaf abgewöhnen und durch polyphasische Schlafzyklen ersetzen will. Dabei versucht sie dem zeitsparenden Everyman-Schlafplan zu folgen, den einige Prominente nutzen, um mehr Arbeitszeit zu gewinnen. Dieser Plan, zu dessen Durchführung Apps Hilfestellungen leisten, besteht aus 3,5 Stunden Kernschlaf und 20-minütigen Power-Naps alle 6 Stunden. Die Stimmen aus den Lautsprechern bringen unterschiedliche Handlungsanweisungen oder Vorschläge vor und lassen erahnen, auf welche wahrscheinlich nie endende Schleife der Optimierung man sich einlässt, wenn man sich von einer solchen App den Alltag diktieren lässt. Die Installation provoziert Fragen wie: Welcher Raum bleibt für freie und spontane Entscheidungen? Gibt es noch Platz für Müßiggang? Welche Rolle spielt das soziale Umfeld?


Begleitet wurde die Ausstellung „71 % (play)“ von einer Reihe wissenschaftlicher Lunch-Talks, Lesungen und Performances. Zudem fand am 05.11.2018 eine Aufführung der performativen Intervention „guided session 05“ statt. Diese von der ausstellenden Künstlerin Martina Mächler mit Karolin Brägger entwickelte Audio-Performance griff das Thema der Regeneration auf. Ausgehend von theoretischen, popkulturellen und politischen Texten zum Thema entsteht dabei eine collageförmige Erzählung, deren Charakter an angeleitete Meditationssitzungen erinnert.


Kontakt
Ulrike Shepherd | Kuratorin des artsprogram der Zeppelin Universität | ulrike.shepherd@zu.de
Prof. Dr. Karen van den Berg | Akademische Sprecherin des artsprogram | karen.vandenberg@zu.de


Fotos: Karen van den Berg (1. Foto) und Valentin Kremer