
Nachhaltigkeit ist für Unternehmen keine Ansichtssache, sondern eine Frage des Selbsterhaltungstriebs. Steffen Erath, Head of Innovation der Hansgrohe Group kommt zum Transcultural Leadership Summit der ZU, um die Begeisterung für Nachhaltigkeitsfragen wieder zu entflammen.
Herr Erath, Sie beschäftigen sich mit Nachhaltigkeit. Wie sind Sie
denn selbst zu diesem Thema gekommen? Über die Arbeit, also über die Firma Hansgrohe,
oder war das vorher schon ein Thema, das sie erforschen wollten?
Erath: Ich bin seit 20 Jahren im Umfeld von Innovation tätig. Das heißt,
ich würde meinen eigenen Themenschwerpunkt als Innovation bezeichnen. Und
Innovatoren lieben nichts mehr als relevante Probleme. Auf der Seite der
Nutzenden gehen die Probleme aber gerade aus. Und deswegen trat bei mir das
Feld der Nachhaltigkeit auf. Ich glaube auch, dass wir viel größere
gesellschaftliche und planetare Probleme haben als Nutzerprobleme. Diese großen
Probleme zu lösen, sollte das Ziel sein. Als Innovator geht also kein Weg an Nachhaltigkeit vorbei. Mein
Lösungsansatz zielt aber nicht darauf ab zu verteidigen, also Risiko zu
minimieren. Sondern ich betrachte Nachhaltigkeit als Chance und gehe sozusagen
mit einer Angriffsstrategie vor. Mit dem Ziel, Gutes zu tun und Business zu
machen. Ich denke, man kann es miteinander verbinden. Wenn wir es schaffen, mit
Innovation Gutes zu tun, dann wird auf einmal der Hebel der Marktwirtschaft zu
unserem größten Transformationshebel. Das ist für mich der Kern und deshalb gehen
Innovation und Nachhaltigkeit Hand in Hand.
Die „Green Vision“ von Hansgrohe strebt an, den Energieverbrauch in Bädern und Küchen um 90 Prozent zu senken. Bei Energie habe ich immer Windräder und Solarpanels im Kopf, aber nicht meine eigenen Waschbecken. Haben wir da noch Nachholbedarf?
Erath: Auf jeden Fall. Wir haben eine Wasserkrise, eine Energiekrise und
eine Klimakrise – und auf alle drei Themen zahlt das Badezimmer ein. Beim Wasser
haben wir bis 2030 40 Prozent mehr Nachfrage als Angebot. In Süddeutschland haben
wir in den vergangenen 20 Jahren Grundwasser in der Größenordnung des Bodensees
verloren.
Wo lernst du den Wert des Wassers richtig zu schätzen? Das ist im Badezimmer, wenn du täglich duschst, wenn du dir die Zähne putzt. Wir müssen die Wertschätzung des Wassers wieder erhöhen. Das geht nicht über den Preis. 1000 Liter kosten 5,50 Euro. Mit diesem Konzept-Badezimmer wollen wir zeigen, dass es möglich ist, 90 Prozent der Energie, CO2 und Wasser zu sparen und sich trotzdem wohlzufühlen. Dass es ihnen trotzdem Vergnügen breitet, ins Bad zu gehen, zu duschen und sich die Zähne zu putzen und pro Jahr nochmal 500 Euro zu sparen. Da kann doch niemand was dagegen haben.
Ist Nachhaltigkeit mittlerweile ein Geschäftsmodell bei Hansgrohe?
Erath: Ich glaube, das ist die Basis eines jedes Unternehmens. Denn das
Ziel ist doch, dass es das Unternehmen übermorgen noch gibt. Es geht also um
unternehmerische Überlebensfähigkeit. Deswegen müssen wir mal diese dogmatische
und politische Nachhaltigkeit – ESG (*Environmental, Social and
Governance) und CSRD (*Corporate Sustainability Reporting Directive) – ausklammern. Dann ist zum Schluss Nachhaltigkeit nichts anderes als die
radikale und konsequente Anwendung des gesunden Menschenverstandes. Die
kaufmännische Sorgfaltspflicht verlangt von jedem Unternehmer und jeder
Unternehmerin, nachhaltig zu wirtschaften.
Dieser Gedanke hat mich motiviert, ein Buch zu schreiben und eine Methodik zu entwickeln, die „Planet Central Innovation“ heißt. Bei Hansgrohe versuchen wir das natürlich bereits anzuwenden. Aber es wird nur dann funktionieren, wenn alle in dieselbe Richtung gehen. Wir müssen also weg vom „kompetitiven Vorteil“ hin zum „kollaborativen Vorteil“. Also wenn wir Wasser sparen wollen, aber die Rohrleitungsversorger am Ende die Rohrleitungen mit Frischwasser spülen. Da haben wir systemisch wieder nichts gelernt. Wir müssen die Themen in einem Ökosystem-Ansatz angehen. Dann geht es uns auch als Gesellschaft ganzheitlich besser, und die Geschäfte können Wachstum generieren.

Im November findet an der Zeppelin Universität wieder der Transcultural Leadership Summit (TLS) statt. Dessen Grundgedanke ist es, sich Themen aus verschiedenen Perspektiven und Kultur- und Sprachräumen zu nähern. Wenn man international Geschäfte machen möchte, muss man verstehen, wie die anderen zu dem Geschäft stehen. Wie überbrückt Hansgrohe, das international tätig ist, die kulturellen Barrieren?
Erath: Wir verkaufen unsere Produkte in über 140 Ländern dieser Welt. Wir
erleben den globalen Norden mit viel Wasserverbrauch. Hier müssen wir sparen. Es
gibt aber auch ganz viele Regionen auf der Welt, da gibt es noch zu wenig
Wasser, da braucht es ein anderes kulturelles Verständnis. In Ländern den
Wasserverbrauch zu reduzieren, in denen der
durchschnittliche Wasserverbrauch bei 20 Liter pro Person pro Tag liegt, wäre unsinnig. Für ein menschenwürdiges Leben braucht
es eher 50 Liter pro Tag. Vielleicht brauchen wir dagegen nicht 127 Liter in
Deutschland, sondern unter 100 und über 50. Das sind zwei verschiedene
Problemstellungen und dafür braucht es unterschiedliche Verständnisse. Und
nicht die Annahme, dass der globale Norden weiß, wie man die Probleme des
globalen Südens löst. Wenn wir zum Beispiel dem globalen Süden sagen „Trinkt
kein dreckiges Wasser“, dann ist das so, als würden sie zu uns sagen „Esst nicht
so fettiges Essen“. Obwohl wir unsere eigenen Probleme kennen, tun wir es
trotzdem.
Wir haben aktuell ein Projekt im globalen Süden. Da geht es nicht darum, Wasserfilter oder Wasserkocher zu verkaufen. Sondern wir wollen den Menschen ermöglichen, ihren Alltag zu meistern, eine würdevolle Hygiene anbieten, damit die Menschen Zeit haben, sich um wichtigere Dinge zu kommen, um ihren Lebensstandard selbst zu erhöhen. Das funktioniert aber nur, wenn man das vor Ort macht und von den Leuten erfährt, was sie brauchen. Nur dort funktioniert Innovation – vor allen Dingen soziale Innovation. Das Ziel kann es nicht sein, eine Brause von uns 10 Euro billiger anzubieten. Sondern diejenige Brause zu entwickeln, die sie dort brauchen. Dazu müssen wir aber vor Ort sein. Anders geht es nicht.
Womit werden Sie sich denn beim TLS im November beschäftigen? Wollen Sie einen Ausblick geben?
Erath: Ich bringe Nachhaltigkeit als Innovationssuchfeld mit ein. Um ein Reframing von Nachhaltigkeit geht es mir. Dass wir das mal von einer anderen Sichtweise sehen, auch interkulturell. Wir werden uns das Nachhaltigkeitsproblem mal nicht von der Warte der Nachhaltigkeitsmanager:innen aus ansehen, sondern von der Warte der Innovator:innen.
Da haben wir auf einmal ein ganz anderes Setting, ein ganz anderes Spiel. Und ich behaupte, auf dieses Spiel haben mehr Leute Bock als auf das bisherige. Das ist ein bisschen so, wie wenn Schiedsrichter:innen versuchen, Fußball zu spielen. Schiedsrichter sind gut, um Regeln aufzustellen. Aber diejenigen, die spielen, sind meistens nicht Schiedsrichter:innen, und ich glaube, die meisten Leute haben Bock, Tore zu schießen und nicht Fußballregeln zu befolgen. Nachhaltigkeit wird aus meiner Sicht momentan zu sehr als Schiedsrichterdisziplin definiert. Da liegt meiner Ansicht nach der Grund für die „Green Fatigue“. Der will ich entgegenwirken. Nicht mit Ideologie und mahnendem Zeigefinger. Sondern auf eine sehr rationale und auch opportunistisch marktwirtschaftliche Art und Weise. Ich bin überzeugt, dass nur das mehrheitsfähig ist derzeit. Wir brauchen Mehrheiten in unserer Demokratie, sonst verändert sich nichts.



