
Bei einer Lesung ihres neuen Buches „Explosive Moderne“ an der ZU, zeigt Eva Illouz, wie sie Emotionen radikal neu denkt: Sie sind nicht nur privat, sondern prägen unsere Gesellschaft. Was bedeutet das für unser Verständnis von Gefühlen?
„I believe almost any emotion is neither positive nor negative. Psychologically it makes sense to speak about them in positive and negative emotions. As a sociologist I look at the function of emotions, envy for example, while personally not a pleasent emotion, can serve many positive functions for a society.“, mit diesen Sätzen eröffnet die Soziologin Eva Illouz einen Einblick in ihre Denkweise und Art Emotionen zu betrachten und wirft eine essenzielle Frage auf, mit der sie sich in ihrer Forschung beschäftigt: Wie beeinflussen Emotionen unsere Gesellschaft, jenseits ihrer scheinbaren moralischen Bewertung? Während Psychologie Gefühle als positiv oder negativ kategorisiert, betrachtet Illouz deren Funktion – etwa wie Neid uns antreiben kann oder Hoffnung uns über Unsicherheiten hinwegträgt.
Die französisch-israelische Soziologin beschäftigt sich seit über zwei Jahrzehnten mit der Soziologie der Emotionen. Ihre Bücher über Konsumkultur und Liebe sind zum Bestseller geworden, und ihre Arbeiten haben die Art verändert, wie wir über Gefühle und ihre gesellschaftliche Bedeutung nachdenken. Mit ihrem neuesten Buch „Explosive Moderne“ gibt sie uns erneut Einblicke in die Dynamik unserer turbulenten Gegenwart.

Emotionen gelten im politischen und gesellschaftlichen Diskurs oft als irrational, als Gegenspieler des Verstands und damit etwas Negativem, das lieber unterdrückt werden sollte. Doch Eva Illouz sieht das anders. Sie zeigt unter anderem in ihrem neuen Buch, wie Gefühle wie Angst, Hoffnung, Nostalgie, Enttäuschung, Eifersucht oder Neid die Grundlage vieler gesellschaftlicher Entscheidungen und Entwicklungen bilden.
Illouz erklärt: „How seriously we take emotions to guide ourselves is an aspect of modernity. Emotions have always existed, we simply did not really consult them, but now they really have become the ground of reality, which is the ground for making them much more explosive“. Unsere Zeit sei geprägt davon, dass Emotionen zunehmend die Grundlage vieler unserer Entscheidungen und eine Art Leitlinie bilden, an der wir uns orientieren und dadurch explosiver wirken denn je.

Bei einem Book Launch an der Zeppelin Universität stellt Illouz ihr neues Buch, kurz nach der Veröffentlichung, vor. Trotz der recht einfachen Struktur – ein Vorlesen ausgewählter Passagen aus ihrem Buch – schafft Illouz es offensichtlich, das Publikum durch ihre spannenden und intellektuellen Gedanken, welche sie prägnant und eingänglich auf den Punkt bringt, zu fesseln.
Jedes Kapitel ihres Buches widmet sich einer spezifischen Emotion. So analysiert sie beispielsweise, wie Hoffnung in unruhigen Zeiten zum Überlebensanker wird, oder wie Neid nicht nur destruktiv, sondern auch produktiv wirken kann, indem er Konkurrenz und Innovation antreibt. Ihr Ansatz, Emotionen immer auch in ihrem soziologischen und historischen Kontext zu analysieren, verdeutlicht, dass Gefühle nicht isoliert betrachtet werden können, sondern immer im Wechselspiel mit gesellschaftlichen Entwicklungen stehen.

Warum wählte Illouz gerade diese Emotionen für ihr Buch aus? „There was nothing systematic in my choosing these emotions, I just went with whatever interested me personally, and some of them imposed themselves because of literature, for example because of some books that I have read and liked“, erklärt sie.
Es ist unter anderem genau dieser Bezug zu Literatur und ihre Art, soziologische Theorien mit historischen Momenten, Literatur, Kunst und Philosophie zu verknüpfen, der Illouz Arbeit so beeindruckend und eingänglich macht. Shakespeare, Aristoteles oder Figuren aus Romanen – für Illouz sind sie keine bloßen Zitate, sondern lebendige Werkzeuge, um Emotionen in ihrem gesellschaftlichen Kontext verständlich zu machen.
Dabei fokussiert sie sich insbesondere in ihrem neusten Buch auf den Roman und das unter anderem, weil er ihrer Meinung nach ein Genre verkörpert, das uns einen Einblick in die Gefühle der Menschen gibt und wie Emotionen erlebt und ausgedrückt werden können: „Fiction is a prime tool of emotional socialization, it is not the only one by a long shot, literature is much less promising than it used to… but fiction is nevertheless one place where we learn emotion“.

Ihr Talent, vielfältige Eindrücke miteinander zu verbinden, zeigte sich auch bei ihrer Lesung an der ZU. Die Anzahl angeregter Fragen des Publikums nach der Lesung macht deutlich, welche Wirkung ihre Worte haben. Auch die Diversität des Publikums, von Studierenden, über Professoren, bis hin zu einer beeindruckenden Anzahl an externen Besuchern aus der Umgebung zeigt, wie relevant Illouz Arbeit besonders in der heutigen Zeit ist.
Nicht umsonst gehört Eva Illouz, Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique (CSE-EHESS) in Paris und Seniorprofessorin für Theory of Emotions & Modernity an der Zeppelin Universität, zu den einflussreichsten Stimmen der Soziologie. Ihre Vorträge und Bücher faszinieren nicht nur durch ihren intellektuellen Gehalt, sondern auch durch ihre Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge elegant und verständlich auf den Punkt zu bringen. Illouz repräsentiert eine neue Art des Denkens über das, was unsere Gesellschaft prägt – und zeigt, wie wichtig es ist, Emotionen als zentrale Elemente unserer Welt zu verstehen.



