
Zwischen Tanzbeats, Hinterhöfen und Zapfsäulen: Drei Tage lang bringt SEEQUENZ Musik, Kunst und die Menschen der Stadt Friedrichshafen zusammen – und es zeigt, was passiert, wenn sich ein Festival nicht nur über Bühnen, sondern durch eine ganze Stadt bewegt.
Spätestens als SHIMMER. um 21.30 Uhr auf der Bühne steht, ist aus dem Kulturhaus Caserne ein Ort guter Laune, Tanzlust und lockerer Atmosphäre geworden. An einem der ersten warmen Abende des Jahres drängen sich Studierende, Häfler:innen, Freundesgruppen und Besucher:innen aus der Region vor die Bühne. Einige kennen die Band offenbar längst. Andere bleiben einfach stehen, weil ihr deutschsprachiger Indie- und Synth-Pop genau die Disco-Energie hat, bei der man sich kaum entscheiden muss, ob man erst zuhören oder direkt tanzen will.
Die vierköpfige Band aus Stuttgart ist für langjährige Besucher:innen des Festivals längst keine Unbekannte mehr. „Wir freuen uns, wieder hier zu sein!“, ruft die Band ins Publikum. Die Menge jubelt und klatscht. SHIMMER. tritt bereits das dritte Jahr in Folge in Friedrichshafen auf. Doch auch für neue Besucher:innen ist die Band sichtbar ein Highlight des Abends. Dass der aktuelle studentische Vizepräsident Till Burberg, der das Festival 2024 mitleitete, inzwischen Manager der Band ist, erzählt auch nebenbei etwas Zentrales über dieses Festival: Es endet nicht immer, wenn die letzte Bühne abgebaut, alle Kabel verstaut und alle Lichter erloschen sind. Manchmal entstehen daraus Verbindungen, die bestehen bleiben.

Das diesjährige SEEQUENZ-Festival ist die neu interpretierte Fortsetzung von Seekult x Lange Nacht der Musik aus 2025. Organisiert wird es im Rahmen eines Kurses von Studierenden der Zeppelin Universität – jedes Jahr in neuer Besetzung, mit neuen Ideen und einem neuen Blick darauf, wie Kultur an der Schnittstelle zwischen Universität und Stadt entstehen kann. In diesem Jahr steht das Festival unter dem Motto „Horizonte in Bewegung“.

Das wird beim Tanz in den Mai, mit dem das Festival traditionellerweise startet, schnell spürbar. Drei Bühnen verteilen sich über das Gelände des Kulturhauses Caserne: draußen der Innenhof mit viel Platz, Ständen und Foodtrucks, etwas versteckt die Werkstatt als kleiner, fast wohnzimmerartiger Raum und im Innenbereich das Casino mit Clubcharakter. Wer an diesem Abend über das Gelände läuft, bewegt sich nicht nur von Auftritt zu Auftritt, sondern auch von Stimmung zu Stimmung.
Auch musikalisch bleibt der Abend in Bewegung. Das Line-up bietet eine große Bandbreite an Musikstilen und -genre, die gerade durch ihre Wechsel und die verschiedenen Bühnen funktioniert: Indie-Pop, Rap, elektronische Beats und ruhigere Momente stehen nicht gegeneinander, sondern nebeneinander. Mal steht das Publikum ruhig vor der Bühne und lauscht sanften Balladen, mal wird laut mitgesungen, mal tanzen die Leute schon nach wenigen Takten, obwohl sie die Songs wahrscheinlich gerade zum ersten Mal hören.

Nach dem turbulenten Auftakt verändert sich das Festivaltempo. Am Freitag rücken Fotografie, Performance und kleine Kulturformate in den Vordergrund, am Samstag führt eine Kulturwanderung durch Friedrichshafen. Im Café Loft liest Autorin Resi eigene Texte über Scham – ein Gefühl, das jeder kenne und über das trotzdem selten offen gesprochen werde. Der Ton ist anders als noch zwei Tage zuvor in der Caserne. Die Leute hören gebannt zu, vielleicht auch ein bisschen vorsichtiger als sonst.
In einem kleinen Innenhof wird es wieder musikalischer. Radioactive Honey, eine Rockband aus Friedrichshafen, spielt ihre Songs unter der warmen Nachmittagssonne. Spaziergänger:innen stoppen am Hoftor, als Gitarren und Drums auf die Straße klingen. Der Nachmittag bietet Besucher:innen des Festivals einen neuen Blick auf die eigene Stadt – oder zumindest eine andere Erfahrung mit ihr.

Der Weg führt schließlich in die Ausstellung „Spark“ von Lena Röing Baer im Kunstverein Friedrichshafen. Der Raum ist schlicht gestaltet: An den Wänden hängen Fotografien rund um Autofahren, Rauchen und Tanken, in der Mitte stehen drei alte Zapfsäulen. Die Künstlerin hat sie selbst gekauft und aufbereitet. Was auf den ersten Blick nach nostalgischer Alltagsästhetik wirken könnte, wird schnell zu einer Auseinandersetzung mit vertrauten Gewohnheiten und Routinen in einer sich wandelnden Welt. Klimakrise, Mobilität, Konsum – all das steht nicht als Schlagwort im Raum, sondern steckt in Bildern, Gegenständen und Hintergrundmusik.
SEEQUENZ zeigt in diesem Jahr, wie unterschiedlich Kultur wirken kann, wenn sie nicht an einem Ort bleibt. Das Festival führt seine Besucher:innen durch die Nacht und durch die Stadt. Mal laut, mal leise, mal körperlich, mal gedanklich. Zwischen tanzenden Menschen, Hinterhöfen und ruhigen Momenten entsteht ein Festivalgefühl, das weniger durch ein einzelnes Highlight lebt als durch die Bewegung dazwischen.
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