Pierre Bourdieu im Centre Pompidou
Prof. Schultheis: „Kritiker erkennen nun eine andere Seite an Bourdieu“
Interview: Michael Scheyer
25.11.2024
Science
Prof. Franz Schultheis bei der Eröffnung der Pierre Bourdieu-Ausstellung im Centre Pompidou
Prof. Franz Schultheis bei der Eröffnung der Pierre Bourdieu-Ausstellung im Centre Pompidou
Pierre Bourdieu im Centre Pompidou

Prof. Schultheis: „Kritiker erkennen nun eine andere Seite an Bourdieu“

Interview: Michael Scheyer
25.11.2024
Science

Pierre Bourdieus fotografisches Werk wird von der ZU an das Centre Pompidou in Paris übergeben. Prof. Franz Schultheis hat das Archiv lange Zeit verwaltet und erläutert, wie wichtig es für das Verständnis des meistzitierten Soziologen ist.

Herr Professor Schultheis, wie sind Sie denn in den Besitz der Fotografien des Soziologen Pierre Bourdieu gekommen?


Ich war seit 1987 als chercheur associé an Pierre Bourdieus Forschungszentrum tätig und kümmerte mich neben gemeinsamen Forschungen um die deutschsprachigen Ausgaben seiner Werke. Dazu zählten auch seine Algerien-Studien und in unseren zahlreichen Gesprächen erwähnte Bourdieu 1999 erstmals seine umfangreiche Foto-Sammlung aus dieser Zeit – über 3000 Aufnahmen, die er als wertvolles Forschungsinstrument betrachtete. Diese visuelle Dimension seiner Arbeit war in der Bourdieu-Rezeption bis dahin weitgehend unbeachtet geblieben.

Ich überzeugte Bourdieu davon, diese Fotos der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nach einigen Diskussionen stimmte er zu und übergab mir die Fotos. Mit diesen reiste ich in die Schweiz und begann, eine Ausstellung vorzubereiten. Nach einigen Schwierigkeiten fanden wir Partner in Graz und Paris. Die Ausstellung tourte weltweit und machte Bourdieus fotografisches Werk einem breiten Publikum bekannt.


An der Zeppelin Universität setzten wir diese Arbeit im Kontext des artsprogram fort und organisierten weitere Ausstellungen und Publikationen. 2023 erwarb schließlich das Centre Pompidou in Paris das physische Archiv, während das digitale Archiv als Besitz der Fondation Bourdieu weiterhin für Forschungszwecke zugänglich bleibt.

Man muss dazu verstehen, dass Bourdieu diese 3000 Fotografien mit 35 mm Filmmaterial geschossen hat, also nicht digital. Das ist eine sehr große Anzahl von Fotografien, wenn man dies berücksichtigt.


In einem unserer Gespräche erzählte Bourdieu, dass er mit 25 Jahren, frisch als Lehrer angestellt, extra nach Deutschland fuhr, um eine Ikoflex-Kamera zu erwerben. Während seiner Feldforschung in Algerien während des Befreiungskriegs setzte er diese intensiv ein und erstellte unter schwierigen Bedingungen rund 3000 Aufnahmen. Die Fotografie war für ihn kein bloßes Hobby, sondern ein systematischer Bestandteil seiner Feldforschung. Er behandelte jedes Negativ mit großer Sorgfalt und verwahrte es in speziellen Papiertüten. Obwohl er sich selbst nicht als professionellen oder künstlerischen Fotografen bezeichnete, unterstreicht dieser Aufwand die Bedeutung der Fotografie für seine wissenschaftliche Arbeit.

Die Dauerausstellung von Pierre Bourdieus Fotoarchiv im Centre Pompidou in Paris.
Die Dauerausstellung von Pierre Bourdieus Fotoarchiv im Centre Pompidou in Paris.
© Franz Schultheis

Nun liegt bei einer Fotografie auf der Hand, was darauf zu sehen ist. Aber was lässt sich denn aus den Fotografien herauslesen oder soziologisch deuten?


Die Fotografie Bourdieus hat viele Funktionen. Sie dient der Ethnographie, indem sie Zeugnisse anderer Kulturen visuell festhält, wie die Architektur und das Innenleben eines kabylischen Hauses, die später ausgewertet werden können. Bourdieu nutzte Fotografie auch zur Visualisierung seiner theoretischen Konzepte, wie "Habitus". Er versuchte, den geschlechtsspezifischen Habitus fotografisch festzuhalten, indem er gesellschaftliche Zuschreibungen an Mann und Frau und die Manifestationen männlicher Herrschaft dokumentierte: der Mann aufrecht und stolz, die Frau gebückt und mit weniger anerkannten Tätigkeiten beschäftigt.


Bourdieu hielt auch die Grausamkeiten des Kolonialkrieges fest, nicht wie üblich durch Panzer und Schlachten, sondern durch die erzwungene Umgruppierung der Bevölkerung. Er fotografierte zerstörte Häuser und dokumentierte die Entwurzelung der Menschen, die aus ihren Lebensräumen vertrieben wurden. Diese Entfremdung versuchte er in den Gesichtern der Menschen festzuhalten, indem er viele Porträtfotos machte. Fotografie war für ihn ein Mittel, Zeugnis abzulegen und den Menschen zu Hause in Frankreich zu zeigen, was wirklich geschah, da die Realitäten des Kolonialkrieges in Frankreich weitgehend verdrängt blieben.

Pierre Bourdieus fotografisches Werk im Pariser Museum Centre Pompidou.
Pierre Bourdieus fotografisches Werk im Pariser Museum Centre Pompidou.
© PRIVAT

Pierre Bourdieu war als Fotograf mehrere Dinge gleichzeitig

Da verdichten sich gleich mehrere Funktionen: die des Journalisten, des Historikers, des Chronisten, aber allem voran natürlich die des Soziologen. War der Einsatz von Fotografie denn weitverbreitet in der Soziologie oder einzigartig, wie im Falle Bourdieus?


Es gibt z.B. Fotografien von Lévy Strauss aus seinen Feldforschungen in Südamerika und andere Forscher, die auf Bali die Sozialisationsprozesse durch Erlernen des traditionellen Tanzes detailliert festgehalten haben. Soziologen wie Ervin Goffman haben die Konstruktion der gesellschaftlichen Repräsentation des weiblichen Geschlechts anhand von Werbefotografien untersucht. Die visuelle Soziologie hat eine lange Tradition, die vor 100 Jahren in der Chicago-Schule begann, aber später in den Hintergrund rückte, da die Akademisierung der Soziologie zunahm und Fotografie aus dem Repertoire legitimer Forschungsinstrumente und -methoden verbannt wurde.


Bourdieu war jedoch ein Autodidakt, der nie Sozial- oder Kulturwissenschaften studierte und sich die Soziologie selbst aneignete. Befreit von akademischen Regeln, konnte er sozusagen undiszipliniert lernen und viele Dinge ausprobieren: Skizzen anfertigen, Riten und Mythen untersuchen, die kabylische Sprache lernen, Gewänder und Möbelverzierungen analysieren. Diese neugierige und systematische Forschung in Algerien lieferte ihm, wie er sagte, ein Kapital an soziologischen Erkenntnisinteressen für ein ganzes Leben.


Seine frühen Forschungen begleiteten ihn derweil bis zu seinem Tod. In der Mitte der 90er Jahre griff er z.B. in seiner Studie „La Domination Masculine“ auf seine Fotografie zurück und baute gestützt auf sein fotografisches Archiv direkt auf seinen früheren Beobachtungen und deren fotografischer Dokumentation auf.

Die Dauerausstellung von Pierre Bourdieus Fotoarchiv im Centre Pompidou in Paris.
Die Dauerausstellung von Pierre Bourdieus Fotoarchiv im Centre Pompidou in Paris.

Für diejenigen, die sich intensiver damit beschäftigen möchten, haben Sie bestimmt Buchempfehlungen?


Es gibt eine Studie namens „Bourdieus Wege in die Soziologie“, die seine Lehr- und Wanderjahre in Algerien schildert, jedoch mit nur wenigen Fotografien. An der Zeppelin Universität haben wir gemeinsam mit dem verstorbenen Stephan Egger und Charlotte Hüser, damals noch Studierende an der ZU, ein erstes Buch zu Bourdieus Fotografie beim Transcript-Verlag. Nach Eggers Tod übernahm Hüser dessen Stelle und wir stellten drei weitere Bücher zusammen. Eines behandelt die visuelle Soziologie Bourdieus, mit Schwerpunkt auf den Geschlechterverhältnissen, ein weiteres heißt „Habitat und Habitus“ und untersucht die Bedeutung des Wohnens für die Prägung des Habitus. Das dritte Buch, stark auf Fotografie zentriert, erschien beim Verlag Turia und Kant und trägt den Titel „Konversion des Blicks“ und gerade ist eine neue Auflage des Buches „Pierre Bourdie-Images d´Algérie“ bei Actes Sud erschienen, dass ich gemeinsam mit Christine Frisinghelli von Camera Austria herausgegeben habe.

Nun übergeben sie die Fotografien an das Centre Pompidou. Was machen die damit?


In einer Ausstellung wird den Besuchern des Centre von Oktober 2024 bis März 2025 erstmals diese Fotografie in Form der von Bourdieu selbst veranlassten Originalabzügen vorgestellt und mit Auszügen aus seinen ethnografischen Notizen und einem Film der algerischen Künstlerin Katia Kameli kontextualisiert.


Florian Ebner, der Direktor der Fotografie beim Centre Pompidou, engagiert sich stark für die Nutzung der Fotografie in den Wissenschaften als dokumentarische Methode. Bourdieus Fotoarchiv soll in die Bibliothek Kandinsky integriert werden, wo wichtige physische Dokumente von Poeten und Malern archiviert sind. Das Centre Pompidou wird nächstes Jahr für Renovationen eine lange Zeit geschlossen, und dies ist eine der letzten Ausstellungen vor der Schließung.


Symbolisch ist auch die Rückkehr der Fotografie von Bourdieu nach Paris, nachdem sie in der Schweiz gehütet und dann an der Zeppelin Universität intensiv erforscht wurde. Dies markiert eine Rückkehr an ihren ursprünglichen Austragungsort und einen bedeutenden Akt kulturellen Erbes.

Damit kehrt das fotografische Werk Bourdieus auch zurück in das Heimatland. Wieso die Umwege über die Schweiz und Deutschland?


Ein aufmerksamer Betrachter hätte schon lange bemerken können, dass Bourdieu Fotografie nutzte, da auf mehreren seiner Bücher Fotografien aus Algerien zu sehen sind. Bourdieu selbst hat jedoch die Autorenschaft verschwiegen und sein Fotoarchiv lange Jahre ungeordnet in Schuhkartons aufbewahrt. Ich war als Chercheur Associé lange Jahre an Bourdieus Centre de Sociologie Européenne tätig und hatte ein Vertrauensverhältnis zu ihm. Dieses Vertrauen war nötig, um ihn dazu bewegen zu können, die Fotos zu zeigen, denn Bourdieu fürchtete, dass man ihm unterstellen könnte, sich als Künstler gebärden zu wollen. Um den wissenschaftlichen Stellenwert klar zu markieren, werden die Fotos von uns auch nie ohne Text bzw. ohne Kontext gezeigt.


Im Centre Pompidou werden die Fotos nun zusammen mit Zitaten aus der Feldforschung präsentiert, was eine andere Konnotation erzeugt. Ähnliches erlebten wir in den Deichtorhallen und der Photographers Gallery in London, wo das Publikum die ästhetische Qualität der Bilder dennoch erkannte und anerkannte. Bourdieu betonte, dass der Blick durch die Kamera seinen soziologischen Blick schärfte und ihm dazu verhalf, neue Formen der Reflexivität im Umgang mit der beobachteten Wirklichkeit entwickelte.

Die Dauerausstellung von Pierre Bourdieus Fotoarchiv im Centre Pompidou in Paris.
Die Dauerausstellung von Pierre Bourdieus Fotoarchiv im Centre Pompidou in Paris.

Was, glauben Sie, kann die Ausstellung heute noch bewirken?


Bourdieu ist durch das Bekanntwerden seiner Fotografie in ein neues Licht gerückt worden. Kritiker, die ihn wegen seiner stets sehr kritischen Haltung zuvor eher skeptisch sahen, erkennen nun eine andere Seite an ihm. Als weltweit meistzitierter zeitgenössischer Sozialwissenschaftler hat sein Werk immer auch starke Konkurrenzeffekte erzeugt. Doch seine Fotografie, die auch von seinen Gegnern geschätzt wird, zeigt eine Empathie und Sensibilität, die besänftigend wirkt. Diese lange Zeit verborgene Seite des bourdieuschen Zugangs zur gesellschaftlichen Wirklichkeit ergänzt seinen soziologischen Diskurs und verleiht ihm eine anschauliche Dimension.


Hinweis:

Die Ausstellung wurde mit Christine Frisinghelli, Franz Schultheis und Sophie Virilio konzipiert. Sie wird in Zusammenarbeit mit Camera Austria in Graz, der Stiftung Pierre Bourdieu und dem Verein Atelier Paul Virilio organisiert.


 Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.


Weitere Artikel

Zeit, um zu entscheiden

Diese Webseite verwendet externe Medien, wie z.B. Karten und Videos, und externe Analysewerkzeuge, welche alle dazu genutzt werden können, Daten über Ihr Verhalten zu sammeln. Dabei werden auch Cookies gesetzt. Die Einwilligung zur Nutzung der Cookies & Erweiterungen können Sie jederzeit anpassen bzw. widerrufen.

Eine Erklärung zur Funktionsweise unserer Datenschutzeinstellungen und eine Übersicht zu den verwendeten Analyse-/Marketingwerkzeugen und externen Medien finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.