
Beim CIP-Talk zeigt PD Dr. Militärökonom Marcus Keupp: Russlands Krieg ist nicht nur ein Grenzkonflikt, sondern Ausdruck eines imperialen Denkens. Wer der Bedrohung entgegnen will, muss diese Logik verstehen – erst dann wird klar, was Europa tun kann.
„Gilt künftig noch das westfälische Prinzip der Staatengleichheit – oder sind wir zurück bei imperialen Großmächten?“ Mit dieser Frage setzt Privatdozent Dr. Marcus Keupp den Ton für den Abend. Für ihn ist Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht nur ein Konflikt um Grenzen, sondern ein Angriff auf die Idee, dass Staaten grundsätzlich gleichberechtigt sind und selbst entscheiden dürfen, wie sie leben und mit wem sie sich verbünden. Es gehe darum, ob künftig wieder „die Großen“ bestimmen, was „die Kleinen“ dürfen.
Russland, so Keupp, teile die Welt wieder in Einflusszonen ein. Ein Nachbarland sei dann kein gleichberechtigter Partner, sondern ein Einflussgebiet. Daraus entstehe auch die Propaganda, die der Ukraine das Existenzrecht abspricht – nach dem Muster: Da ist ein Gebiet, das sich für unabhängig erklärt hat, eigentlich aber zu „uns“ gehört.
Keupp, Jahrgang 1977, ist Privatdozent für Militärökonomie an der Militärakademie der ETH Zürich. Als Militärökonom, betont er, schaue er nicht nur darauf, wer in einem Krieg wo steht oder wie schnell sich eine Front verschiebt. Stattdessen interessiert ihn, womit dieser Krieg bezahlt wird, wie lange ein Land diesen durchhält und welche Ressourcen dabei verbraucht werden. Wer den Krieg nur als militärisches Geschehen betrachte, verstehe ihn nicht.

Die Wahrnehmung Russlands erinnere ihn oft an den „Zauberer von Oz“, erzählt Keupp – ein Vergleich, der im Saal für Lachen sorgt. Im Film erscheint der Zauberer zuerst als riesige, furchteinflößende Gestalt. Am Ende entpuppt er sich jedoch als kleiner Mann hinter einer Maschine, der mit Licht, Lärm und Effekten seine Macht nur vorspielt.
Genau so werde Russland im Westen häufig gesehen: als Supermacht, die man ohnehin nicht besiegen könne. In der Realität sei das Land militärisch und ökonomisch deutlich weniger leistungsfähig, als viele glaubten. Harmlos mache das Russland jedoch nicht. Die große Gefahr liege in der kompromisslosen imperialen Zielsetzung: Russland sei bereit, sehr hohe Kosten zu akzeptieren, um sein Einflussgebiet auszuweiten. „Am Ende zählt nur, dass dort die russische Flagge weht“, sagt Keupp, um Putins Denkweise zuzuspitzen.

Moderatorin Michelle Bleichner greift die wirtschaftliche Dimension des Krieges auf. Keupp schildert eindrücklich die russische Kriegsökonomie. Der Staat bündele nahezu alle verfügbaren Ressourcen im militärischen Apparat, während die zivile Wirtschaft zunehmend in eine Rezession gerate.
Krieg sei für Russland kein Ausnahmezustand mehr. Im Gegenteil: „Krieg ist Frieden“, formuliert Keupp zugespitzt. Der Dauerkrieg stabilisiere Putins politisches System. Selbst eine militärische Niederlage würde daran wenig ändern: Russland werde nicht kollabieren, sondern in eine immer primitivere Kriegsökonomie zurückfallen.
Keupp warnt deshalb vor der Vorstellung, Putin werde irgendwann aufhören, weil der „Preis zu hoch“ werde. „Jeder, der ihn als dumm darstellt, hat den Mann nicht verstanden“, meint Keupp. Der russische Präsident handle ideologisch überzeugt, getragen von einem imperialen Geschichtsbild. Was dagegen wirkt, fasst Keupp klar zusammen: „Das Einzige, was diese Art von Mensch respektiert, ist Widerstand. Harter Widerstand.“

Bleichner fragt nach den strategischen Konsequenzen: „Wie sieht Deutschlands Rolle in dieser neuen Welt aus?“ Keupp wird deutlich: Jahrzehntelang habe man sich sicherheitspolitisch auf den Schutz der USA verlassen – ein Zustand, den er als „erlernte Hilflosigkeit“ bezeichnete. Diese Haltung sei heute nicht mehr tragfähig.
Gleichzeitig bleibt er zuversichtlich: Europa verfüge über enorme wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Ressourcen. Es fehle weniger an Fähigkeit als an politischer Entschlossenheit. Deutschland sei dafür ein deutliches Beispiel: Sondervermögen, Industrie und finanzielle Stärke seien vorhanden. Doch der Wille, diese konsequent einzusetzen, bleibe zu zögerlich.
Sein Appell: Europa müsse lernen, die eigenen Interessen wieder aktiv und selbstbewusst in der Welt zu vertreten. Stärke sei Voraussetzung für Stabilität, auch in Verhandlungen. Waffenlieferungen an die Ukraine versteht Keupp dabei nicht als Eskalation, sondern als notwendige Verteidigung Europas.
In der Fragerunde kommt die nukleare Bedrohung zur Sprache. Keupp antwortet nüchtern: Das reale Risiko eines Atomkriegs liege bei „null“. Nukleare Drohungen seien in aller erster Linie ein Propagandainstrument. „Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter“, erinnert er mit Blick auf die Logik des Kalten Krieges. Nukleare Abschreckung bleibe also weiterhin das Fundament globaler Sicherheit.
Trotz aller Ernsthaftigkeit endet der Abend nicht in einem Gefühl von Ohnmacht. Keupp warnt eindringlich vor Russlands imperialer Logik, diese Warnung aber konsequent mit Zuversicht. Der Westen sei nicht schwach. Europa könne handeln. Sein Grundsatz: Die Bedrohung ist real – Europas Stärke auch.
So wird der Abend des Club of International Politics zu weit mehr als nur einer geopolitischen Analyse: zu einem Aufruf für strategisches und entschiedenes Handeln in einer Welt, in der Machtpolitik zurückgekehrt ist – und Handlungsfähigkeit umso wichtiger wird.



