Pionierin des Monats
Yelyzaveta Rudnieva: Über Umwege zum Ziel
von Sebastian Paul
11.12.2025
People
Yelyzaveta Rudnieva
Yelyzaveta Rudnieva
© privat
Pionierin des Monats

Yelyzaveta Rudnieva: Über Umwege zum Ziel

von Sebastian Paul
11.12.2025
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Als der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ausbrach, begann für Yelyzaveta Rudnieva, ihren jüngeren Bruder und ihre Mutter eine Odyssee mit ungewissem Ausgang. Von Kiew gelangten sie über Lemberg und Warschau nach Berlin und von dort aus über mehrere Umwege schließlich nach Ravensburg. Vom Stipendium für ukrainische Geflüchtete angezogen, führte der Weg von Yelyzaveta Rudnieva an die ZU. Hier schöpft sie neue Hoffnung und verfolgt einen neuen Traum.

Yelyzaveta Rudnieva ist behütet und beschützt in Kiew großgeworden. Da es zum damaligen Zeitpunkt in der Ukraine üblich war, die Schule elf Jahre zu besuchen, musste sie sich bereits im Alter von 16 Jahren klar darüber sein, wie es mit ihr beruflich weitergeht. „Ein Gap Year einzulegen war nirgends ein Thema, sondern vielmehr war es gang und gäbe, eine Ausbildung oder ein Studium aufzunehmen. Was aber immer wieder dazu führt, dass viele junge Menschen mit einer Sache beginnen und mit etwas anderem abschließen“, bemerkt Rudnieva. Sie selbst orientierte sich am Weg ihrer Mutter, die Englisch studierte und als Sprachlehrerin arbeitete.


Mit dem Schulabschluss in der Tasche ging Yelyzaveta Rudnieva an die Kyiv National Linguistic University, um Englische und Deutsche Sprache und Literatur zu studieren. Bemerkenswert dabei ist, dass sie auf der Schule zwar durchgängig Englischunterricht genoss, aber erst auf der Universität richtig Deutsch lernte. „Das Studium war vor allem deshalb interessant, weil man neben Grammatik, Syntax und Phonetik auch in die Entwicklung einer Sprache eintauchte oder vermittelt bekam, worauf es beim Dolmetschen und Übersetzen ankommt“, berichtet Rudnieva. „Dieses tiefe Verständnis von Sprachen war jedoch essenziell, um diese auch anderen näher- und beibringen zu können.“ Nach dem Bachelorabschluss folgte sie weiter dem Pfad ihrer Mutter, indem sie Sprachkurse gab – und das sowohl als Nachhilfelehrerin wie auch als Lehrkraft an einer Sprachschule.

Eigene Modemarke als lang gehegter Traum

Zeitgleich ließ sie einen lang gehegten Traum Realität werden: „Als kleines Kind wollte ich immer Modedesignerin werden, als Teenagerin habe ich viel Wert auf stilvolle Kleidung gelegt. Seit jeher fasziniert mich Mode, weil sie in der Lage ist, etwas nach außen zu tragen, ohne etwas sagen zu müssen“, erläutert Rudnieva. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin aus Kindheitstagen gründete sie schließlich eine Modemarke: Bental' Brand. „Wir bildeten die perfekte Kombination: Während sie eine begnadete Zeichnerin ist, bin ich gut darin, die Finanzen im Blick zu behalten und einen Fahrplan vorzugeben“, erklärt Rudnieva. Wie in der Ukraine weit verbreitet, verkauften sie die eigens kreierten und individuell angepassten Kleidungsstücke über einen Online-Shop auf Instagram – später legten und stellten sie ihre Mode zusätzlich in gemieteten Showrooms und Pop-up-Stores aus. „Das Geschäft lief so gut, dass sich daraus etwas hätte entwickeln können“, sagt Rudnieva.

Kriegsausbruch und Entscheidung zur Flucht

Doch dann kam der 24. Februar 2022. „Obwohl bereits viele Gerüchte im Umlauf waren, die dazu aufriefen, sich auf den Ernstfall vorzubereiten und sich unbedingt einen Survival Kit mit Dokumenten, Pass und Geld anzulegen, war ich mir relativ sicher, dass nichts dergleichen passiert – was im Rückblick natürlich naiv war“, erzählt Rudnieva. Intuitiv ergriff sie lediglich eine Vorsichtsmaßnahme, indem sie zwei Tage zuvor Geld von ihrem Konto abhob und in US-Dollar umtauschte.


Die Nacht vom 23. auf den 24. Februar steht ihr noch vor Augen, als wäre es erst gestern gewesen. „Es war 5 Uhr morgens, als Freunde mich anriefen und mir sagten, dass der Krieg begonnen hat“, berichtet Rudnieva. Sie weiß noch, wie sie trotz alledem in aller Seelenruhe ihre Sachen zusammenpackte und sich im Bad frisch machte, bis ihr Vater in der Tür stand und sie abholte. „Draußen zeigte sich mir ein völlig anderes Bild: Überall waren Menschen mit Koffern und Taschen unterwegs, es war ein einziges Chaos“, berichtet Rudnieva. „Ganz im Gegensatz zu den folgenden zwei Wochen, in denen mein Leben und das vieler anderer in der Ukraine zum völligen Stillstand kam.“ Eine Zeit, die sie gemeinsam unter anderem mit ihrem jüngeren Bruder und ihrem inzwischen von der Mutter getrennten Vater im Keller eines mehrstöckigen Wohnhauses verbrachte – und dort auf das wartete, was als Nächstes kommen mag.


Währenddessen reifte in ihren Eltern die Entscheidung, dass es für die Familie am besten ist, wenn Yelyzaveta Rudnieva zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Mutter die Stadt verlässt. Vom Kiewer Bahnhof ging es in einem überfüllten Zug in den Westen der Ukraine nach Lemberg und von dort in einem übervollen Bus weiter zur polnischen Grenze. „Ich weiß noch genau, mit wie viel Herzlichkeit und Liebe wir dort aufgenommen worden sind“, sagt Rudnieva. Immer entlang der Route Richtung Westen hieß das nächste Ziel Warschau. „Erst dort haben wir beschlossen, dass es wegen meiner Sprachkenntnisse am sinnvollsten wäre, nach Berlin weiterzureisen“, erwähnt Rudnieva. In Deutschland angekommen, übernachteten sie bei Bekannten von Bekannten mal hier und mal dort für eine Woche oder auch mal länger.


„Von meiner besten Freundin hatte ich erfahren, dass eine Freundin mit ihrer Schwester und Mutter in Weingarten lebt und es in Ravensburg eine Familie gibt, die bereit ist, uns für einen längeren Zeitraum aufzunehmen“, erzählt Rudnieva. Von Anfang an waren die Sympathien auf beiden Seiten vorhanden, sodass sich schließlich alles gut zusammenfügte: „Nach den andauernden Reisestrapazen waren wir überglücklich, uns endlich an einem Ort angekommen zu fühlen.“ Auch wenn viele aus ihrem Bekannten- und Freundeskreis mittlerweile aus Kiew geflohen sind, lebt ihr Vater bis heute in demselben mehrstöckigen Wohnhaus. „Wir vermissen ihn zwar schmerzlich, trösten uns aber mit dem Wissen, dass er als Handwerker in der Ukraine mehr denn je gebraucht wird“, sagt Rudnieva.

Ankommen in Ravensburg und Weg an die Zeppelin Universität

Kaum in Ravensburg angekommen, arbeitete Yelyzaveta Rudnieva wieder als Sprachlehrerin und leitete einen Deutsch-Einführungskurs für ukrainische Geflüchtete. Solange, bis ihr Studium an der ZU startete. „Der Gedanke an ein weiteres Studium kam auf, als mich eine an der Pädagogischen Hochschule Weingarten tätige Nachbarin darauf ansprach, ob ich dort nicht ein Lehramtsstudium aufnehmen möchte, um anschließend an einer Schule unterrichten zu dürfen“, beschreibt Rudnieva. „Mir aber war klar, dass der Beruf einer Lehrerin für mich nicht in Frage kommt, sondern dass ich etwas Neues wagen muss. Und so wie der geopolitische Krieg mein Leben beeinträchtigt hat, musste es auf ein politikwissenschaftliches Studium hinauslaufen“, bemerkt Rudnieva.


Der Anstoß, es doch mit dem PAIR-Bachelor an der ZU zu versuchen, kam letztlich vom Sohn der Gastfamilie, der ihr als CME-Alumnus vom universitären und studentischen Leben und darüber hinaus vom Stipendium für ukrainische Geflüchtete berichtete. „Was mir am Auswahlprozess besonders gefiel, war, dass es nicht nur darum ging, ob die Universität zu einem passt, sondern man selbst auch zur Universität“, erläutert Rudnieva.


Yelyzaveta Rudnieva bekennt, dass sie trotz ihrer Deutschkenntnisse in den ersten Wochen und Monaten Schwierigkeiten hatte, die wissenschaftlichen Vorträge und Texte zu durchdringen. Viel Nachbereitungszeit teilweise bis spät in die Nacht war erforderlich, bis sie die Inhalte eines Seminars komplett verstand. „Das hat mir die Energie gegeben, selbst fest daran zu glauben, dass ich das Studium schaffen kann“, erwähnt Rudnieva. In so einigen Projekten und Hausarbeiten hat sie aus verschiedenen Blickwinkeln das, was seit mehr als zwei Jahren in der Ukraine geschieht, betrachtet – um dadurch die Vorgänge selbst besser beschreiben und nachvollziehen zu können. „Dabei interessieren mich vor allem die Beziehungen zwischen der Ukraine und der Europäischen Union, aber auch zwischen der Ukraine und einzelnen europäischen Staaten. Ebenso spannend sind Fragestellungen, die sich um das Feld der Politischen Ökonomie drehen: seien es Effekte einer Sanktions- oder einer Zollpolitik“, erläutert Rudnieva.


Im Bewusstsein, dass der Krieg in der Ukraine auch zu einem drastischen Umdenken in der europäischen Energiepolitik geführt hat, arbeitet Yelyzaveta Rudnieva seit geraumer Zeit als Werkstudentin in der Energiebranche: zunächst im Bereich Windkraftausbau bei der Caeli Wind GmbH und aktuell im Bereich Energiehandel bei der Syneco Trading GmbH. „In beiden Unternehmen habe ich wertvolle Einblicke erhalten, was es braucht, um neue Energiequellen zu erschließen oder auszubauen, aber auch was nötig ist, um die Infrastruktur vor Angriffen jedweder Art zu schützen“, erzählt Rudnieva.

Hoffnung auf ein friedliches Leben in der Ukraine

Yelyzaveta Rudnieva hat seit dem Beginn ihres PAIR-Bachelorstudiums einen neuen Traum: „Sollte die Ukraine jemals der Europäischen Union beitreten, dann wäre es meine Ambition, für einen Sitz im Europäischen Parlament zu kandidieren, also dort mein Land zu vertreten, wo meine Stimme zählt.“ Solange aber in der Ukraine ein heftiger Krieg tobt, ist es bis dahin ein weiter Weg. „Die Hoffnung auf eine Rückkehr in mein Heimatland und an ein friedliches Leben in der Ukraine begleiten mich unentwegt, auch wenn ein absehbares Ende des Krieges in weiter Ferne liegt“, erwähnt Rudnieva, die zuletzt vor zwei Jahren ihren Vater in Kiew besuchte und auf den Straßen Menschen erlebte, die zwar gezeichnet sind vom Kriegsalltag, zugleich aber versuchen, stark zu bleiben und jeden Tag so gut es geht zu genießen. Und sie fügt hinzu: „Allerdings bin ich niemand, der Deutschland den Rücken kehrt, sobald der Krieg beendet ist. Denn dafür bin ich Deutschland, der Universität und den Menschen, die mich in allem unterstützen und fest an mich glauben, viel zu dankbar.“

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