Club of International Politics
Gregor Gysi und die Kunst, Politik humorvoll zu erklären
Text: Mina Tessenyi | Fotos: Jim Papke
03.12.2025
Life
Gregor Gysi und die Kunst, Politik humorvoll zu erklären
Gregor Gysi und die Kunst, Politik humorvoll zu erklären
© Jim Papke
Club of International Politics

Gregor Gysi und die Kunst, Politik humorvoll zu erklären

Text: Mina Tessenyi | Fotos: Jim Papke
03.12.2025
Life

Warum Talkshows ihn nerven, weshalb sich die Bundestagskultur spürbar verändert und wieso er und Friedrich Merz sich duzen: Gregor Gysi, langjähriger Spitzenvertreter der Partei Die Linke, zeigt im CIP-Talk an der Zeppelin Universität, wie leichtfüßig politische Analyse sein kann.

Als Gregor Gysi an diesem Abend das Graf-von-Soden-Forum betritt, huscht vielen im Raum ein verschmitztes Lächeln übers Gesicht. Die bekannte Mischung aus selbstironischen Sprüchen, kessen Debatten und klarer Analyse prägt seinen Auftritt seit Jahren. Statt im Studio von Maischberger oder Lanz sitzt er heute mitten auf dem ZU-Campus: eingeladen vom Club of International Politics.


Gysi, in Ost-Berlin aufgewachsen, einst Rechtsanwalt, später prägende Figur der ostdeutschen Opposition, ist heute direkt gewählter Bundestagsabgeordneter aus Berlin Treptow-Köpenick für Die Linke. Was ihn bis heute besonders auszeichnet, ist sein politisch geschulter Kopf, der seine Herkunft aus der DDR nie ausblendet: verpackt in Humor.


„An den Talks im Fernsehen nervt es mich eh, dass da noch andere sitzen“, sagt Gysi trocken und macht deutlich, wie sehr er die ZU-Atmosphäre in diesem Moment schätzt. „Und sie sind immer abends, da würde ich viel lieber ein Bier trinken gehen.“ Als Moderator Gabriel Hoensbroech, Vorsitzender des CIP und Politik-Student, ihn schmunzelnd fragt, ob er das an diesem Abend auch lieber tun wolle, kontert Gysi: „Hier mag ich es. Hier bin ich allein und niemand unterbricht mich.“ 350 Zuschauer:innen im Publikum lachen.

Gregor Gysi (l.) im Gespräch mit Gabriel Hoensbroech, Vorstandsvorsitzender des Club of International Politics.
Gregor Gysi (l.) im Gespräch mit Gabriel Hoensbroech, Vorstandsvorsitzender des Club of International Politics.
© Jim Papke

Wenn politische Stimmung kippt: Gysi über das neue Klima im Bundestag

Während im Graf-von-Soden-Forum eine erwartungsvolle Mischung aus politischer Analyse und Berliner Kabarett herrscht, sieht es im Parlament anders aus. Die Stimmung im Bundestag, sagt Gysi, habe sich spürbar verändert – und zwar nicht zum Besseren. Im Bundestag halte sich die Freude über die Anwesenheit einer bestimmten Partei in Grenzen.


Gemeint ist die AfD. Ihr Einzug habe das Klima, den Tonfall und das gesamte Gefühl im Plenarsaal grundlegend geändert, erklärt Gysi: „Früher war meine Partei das Hassobjekt.“ Nun sei es die Alternative für Deutschland.

Gregor Gysi spricht offen über eine Koalition, die in vielen Fragen mit sich selbst ringe, und über eine CDU, die sich nicht entscheiden könne, ob sie moderieren oder polarisieren wolle. Besonders Bundeskanzler Friedrich Merz bekommt an diesem Abend einige Seitenhiebe ab. „Merz rennt den Ereignissen hinterher, ohne ein politisches Ziel zu haben“, kommentiert Gysi. Damit meint er, dass Politik ohne erkennbare Linie Orientierung und Vertrauen verliere.


Moderator Gabriel Hoensbroech weitet den Blick und hakt kritisch nach, wie der Politiker die Grenzen deutscher Handlungsfähigkeit einschätze, die gleichzeitig unter innerem und äußerem Druck steht. Viel Druck komme von außen durch die USA, erklärt Gysi, denn Trump wolle, „dass wir Demokratie und Rechtsstaat abbauen“. Von innen wiederum mache die AfD Druck und verschiebe damit politische Grundhaltungen. „Doch wie viel Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit wert ist, merken wir erst, wenn sie weg sind“, sagt Gysi. Damit macht er deutlich, wie wichtig es ihm ist, dass wir die Bedeutung der Werte erkennen und verstehen, wie schützenswert sie sind.

Gregor Gysi ist beliebt: Das Graf-von-Soden-Forum war bis zum letzten Platz belegt.
Gregor Gysi ist beliebt: Das Graf-von-Soden-Forum war bis zum letzten Platz belegt.

Gysi und Merz sind schon beim Du: Es fehlt nur noch das Glas Wein

Gysi und Merz sind zwar schon beim Du, doch ganz freiwillig ist das nicht. Beide wurden – Merz bereits 2006, Gysi 2017 – mit dem Orden „Wider den tierischen Ernst“ des Aachener Karnevalsvereins ausgezeichnet. Und mit dieser Auszeichnung kommt eine ungewöhnliche Regel: Die Ordens­träger:innen duzen sich untereinander.


Auf die Frage, wie er in der Rolle des Beraters mit Merz umgehen würde, antwortet Gysi, er würde ihn erst mal „auf ein Glas Wein einladen“. Dabei würde er ihm gerne deutlich machen, dass Friedrich Merz (CDU) und Lars Klingbeil (SPD), Vizekanzler und Bundesminister der Finanzen, endlich lernen müssten, im Kabinett konstruktiv miteinander umzugehen. „Klingbeil muss akzeptieren, dass Merz Kanzler ist, und Merz muss akzeptieren, dass er einen Koalitionspartner hat und Entscheidungen nicht alleine treffen kann“, erklärt der Bundestagsabgeordnete. Er meint, dass politische Zusammenarbeit scheitert, wenn zentrale Akteure sich gegenseitig die Legitimität absprechen, und genau das jede gemeinsame Entscheidung blockiert.

Gabriel Hoensbroech fühlt Gregor Gysi auf den Zahn.
Gabriel Hoensbroech fühlt Gregor Gysi auf den Zahn.

„Dass die Ukraine siegt, ist eine Illusion.“

Als ZU-Student Hoensbroech das Thema Ukraine anspricht – ein Thema, bei dem Die Linke regelmäßig für Diskussionen sorgt –, wird es im Saal merklich stiller. Für Gysi steht fest, dass die Ukraine den Krieg nicht gewinnen kann. Hätte die EU jedoch frühzeitig einen Waffenstillstand gefordert, wäre sie heute stärker in diplomatische Prozesse eingebunden, meint er. Stattdessen stehe sie nun zwischen äußeren Erwartungen und eigener politischer Zerrissenheit.


Moderator Hoensbroech widerspricht deutlich. Ein erzwungener Waffenstillstand unter russischen Bedingungen, so sein Einwand, würde nicht nur eine Legitimierung von Gewalt bedeuten, sondern auch ein fatales Signal an andere autoritäre Staaten senden. Abschreckung sei Voraussetzung dafür, dass Diplomatie überhaupt wirken könne.


Gysi kontert und erzählt, wie er Friedrich Merz und Marie-Agnes Strack-Zimmermann, FDP-Politikerin und Mitglied des Europäischen Parlaments, geraten habe, die NATO- und EU-Staaten sollten möglichst früh einen Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine einfordern. Die Reaktion damals: Das werde ohnehin nicht passieren. Heute, so Gysi, zeige sich genau darin das Problem. „Wenn es Trump fordert, dann wüsste Putin wenigstens, dass wir es auch gefordert haben“, kommentiert er und macht damit deutlich, dass Deutschland nun womöglich mit am Verhandlungstisch säße.


Hier zeigen sich zwei Weltbilder, die sich klar gegenüberstehen. Denn Hoensbroech bleibt dabei: Ohne klare sicherheitspolitische Verantwortung Deutschlands innerhalb der NATO verliere Europa seine eigene strategische Handlungsfähigkeit.

Aber Gregor Gysi kann auch sehr Ernst werden.
Aber Gregor Gysi kann auch sehr Ernst werden.

Der Rechtsruck komme nicht aus dem Nichts, erklärt Gysi. Er entstehe dort, wo Parteien versuchen, die AfD rhetorisch einzuholen. „Wenn man es mit der AfD versucht, dann wählen die Leute das Original, nicht den Abklatsch“, sagt er.


CDU-Mitglied Hoensbroech ist dem Politiker im zentralen inhaltlichen Moment gewachsen. Der ZU-Student tritt sachlich und ohne Scheu vor Widerspruch auf, indem er fragt, ob Gysi denn einen Vorschlag gegen den Rechtsruck habe.


Der Bundestagsabgeordnete schlägt daraufhin ein Zusammenkommen aller demokratischen Kräfte – ergänzt durch Stimmen aus Wissenschaft, Kunst und Kultur – vor, um strategisch darüber nachzudenken, wie man dem Druck begegnen kann. Es brauche Zusammenarbeit, appelliert er.

Israel, Palästina und die Linke: Gysi zum Nahost-Konflikt

Durch die vermehrten Antisemitismus-Vorwürfe gegenüber seiner Partei spricht CIP-Vorsitzender Hoensbroech das Thema Nahost bewusst kritisch an und fragt den Politiker, ob sich Die Linke über ihre Linie parteiintern klar sei. Gysi gibt zu, dass seine Partei lernen müsse, konsequenter zu handeln, wenn interne Grenzen überschritten werden: besonders mit Blick auf den Jugendverband. Kritik an Israel und der Regierung Netanjahu sei legitim, betont er, aber nicht als Deckmantel für antisemitische Narrative.


Grundsätzlich stehe die Linke für ein sicheres Israel ein, aber ebenso für ein sicheres Palästina. Der Beschluss einer Zweistaatenlösung müsse endlich ernsthaft verfolgt werden. Wer Solidarität fordere, dürfe den Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 jedoch nicht vergessen. „Das tun viele“, sagt Gysi und macht damit deutlich, wie schnell Debatten einseitig werden.

Natürlich gab es auch die Möglichkeit, Fragen zu stellen.
Natürlich gab es auch die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

An diesem Abend begrüßt der Club of International Politics auch Gäste des Humboldt-Instituts, eines Vereins für Deutsch als Fremdsprache, im Publikum. Hoensbroech gibt einem Schüler das Wort. Der junge Mann berichtet, dass er vor einem Jahr aus Somalia nach Deutschland gekommen ist, und fragt Gregor Gysi, welche Chancen seine Partei ihm für seine Integration bieten könne. Der Politiker ordnet das Thema Migration in einen größeren Rahmen ein und nennt drei Voraussetzungen: Er müsse so früh wie möglich Deutsch lernen dürfen, so früh wie möglich arbeiten können und Familien dürften nicht in wenigen Straßenzügen gebündelt werden. „So entstehen Clan-Strukturen“, erklärt er.


Für ihn ist klar: Der Staat hat die Pflicht, Chancen bereitzustellen. Bildung, Sprachkurse, faire Zugänge. Erst, wenn diese Grundlagen geschaffen sind, lässt sich darüber sprechen, welche Verantwortung bei den Menschen selbst liegt.

Danke, Herr Gysi.

Zum Ende des Abends wird deutlich, was Gregor Gysi als Kernaufgabe einer Opposition versteht: Argumente zu liefern, die den Zeitgeist verändern. Ob es ihm gelingt, diesen Anspruch in seiner Partei und darüber hinaus zu verankern, wird sich spätestens bei der nächsten Wahl zeigen. Wir sind gespannt.


Ein Abend wie dieser zeigt, wie lebendig der Austausch unterschiedlicher Perspektiven an der Zeppelin Universität sein kann. Die ZU ist dankbar, dass Gregor Gysi den weiten Weg aus Berlin für uns auf sich genommen und gemeinsam mit Gabriel Hoensbroech diesen offenen Dialog möglich gemacht hat.

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