Digitale Technologien in der Kommunikation
Vertrauen geht über Verständnis
von PD Dr. Martin R. Herbers
25.11.2025
Science
Digitale Technologien in der Kommunikation

Vertrauen geht über Verständnis

von PD Dr. Martin R. Herbers
25.11.2025
Science

Wie die digitale Transformation das Vertrauen in öffentliche Kommunikation beschädigt und damit unsere Demokratie herausfordert und wie die Kommunikationswissenschaft dem begegnen kann, erläutert ZU-Privatdozent und Kommunikationsexperte Dr. Martin R. Herbers in einem Gastbeitrag.

Vertrauen ist die unsichtbare Infrastruktur öffentlicher Kommunikation – und damit jeder Demokratie. Es ermöglicht, dass Bürger:innen politische Informationen als glaubwürdig annehmen, journalistische Institutionen als legitim betrachten und demokratische Verfahren auf Zustimmung beruhen können. Doch diese Infrastruktur ist brüchig geworden.


Digitale Technologien verändern die Grundlagen öffentlicher Kommunikation tiefgreifend. Strategische Desinformationen, KI-generierte Deepfakes und algorithmische Aufmerksamkeitsökonomien untergraben die Glaubwürdigkeit niederschwellig und meist kaum wahrnehmbar. Hinzu kommen ökonomische Zwänge im Journalismus, die redaktionelle Entscheidungen zunehmend nach Reichweite und Klickzahlen erfolgen lassen. Das Ergebnis ist eine doppelte Vertrauenskrise: Auf Seiten des Publikums wächst das potenzielle Misstrauen gegenüber journalistischen Medien und auf Seiten der Medienschaffenden der Druck, ökonomischen statt publizistischen Zielen zu folgen, um überhaupt noch ein Publikum erreichen zu können.


Wenn Vertrauen die Voraussetzung demokratischer Öffentlichkeit ist, steht damit auch die Demokratie selbst unter Druck. Sie verliert ihre kommunikative Stabilität. Doch was bedeutet Vertrauen überhaupt – und warum ist es für Öffentlichkeit so zentral?

„Der Verlust des Vertrauens ist kein individueller, sondern ein systemischer Prozess mit gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen.“
„Der Verlust des Vertrauens ist kein individueller, sondern ein systemischer Prozess mit gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen.“
© Pixabay/TheDigitalArtist

Vertrauen als sozialer Mechanismus

Der Soziologe Georg Simmel beschrieb Vertrauen als „Hypothese künftigen Handelns“, also als riskanten sozialen Vorschuss, der Kooperation überhaupt erst ermöglicht. Ohne Vertrauen, so Simmel, wäre gesellschaftliches Leben lediglich eine Abfolge von Misstrauensbekundungen, Kontrolle und Rückzug. Vertrauen ist somit ein Akt der sozialen Öffnung: ein bewusstes Wagnis, sich angreifbar zu machen, um gemeinsame Handlungsfähigkeit zu gewinnen.


Niklas Luhmann hat diesen Gedanken in seiner soziologischen Theorie weitergeführt. Für ihn ist Vertrauen ein „Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“. Wir vertrauen, weil wir gemeinsam handeln müssen, obwohl wir nicht alles wissen können, was der jeweils andere weiß – und das auch niemals vollständig können werden. Vertrauen füllt Wissenslücken und macht den Normalzustand der Unwissenheit funktional.


In der öffentlichen Kommunikation bedeutet das: Medien und andere kommunikative Institutionen stellen kollektive Vertrauensvorschüsse her. Journalist:innen, Redaktionen, Wissenschaft und Politik bilden ein System wechselseitiger Erwartungssicherheit. Wenn diese Strukturen brüchig werden, entstehen neue Unsicherheiten, nicht nur über die Inhalte, sondern über die Glaubwürdigkeit der Kommunikator:innen selbst. Der Verlust des Vertrauens ist daher kein individueller, sondern ein systemischer Prozess mit gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen.

Transformation und Veränderung des Vertrauens durch digitale Technologie

Mit der Digitalisierung verschiebt sich die kommunikativ aufgebaute Vertrauensbeziehung weiter. Wir verlassen uns nicht mehr nur auf Institutionen, sondern auch zunehmend auf technische Systeme, etwa auf Algorithmen, Plattformen und Protokolle. Diese neuen Vermittler machen Kommunikation effizienter, aber auch intransparenter. Vertrauen wird auch zur Frage des dahinterliegenden Codes und nicht mehr ausschließlich der Reputation der Kommunikator:innen.


Ein Algorithmus, mit dessen Hilfe unsere Nachrichten ausgewählt werden, ist kein neutraler Vermittler, sondern folgt den eingebauten Präferenzen derjenigen, die ihn codiert haben. So entsteht eine paradoxe Situation: Wir sind gesamtgesellschaftlich auf technische Kommunikationssysteme angewiesen, deren Funktionsweise wir aber kaum verstehen und die dazu noch in privatwirtschaftlicher Hand sind. So entfallen die notwendige Transparenz und öffentliche Rechenschaftspflicht, die aber nötig wäre, um genau dieses Kommunikationssystem vertrauensvoll einzusetzen. Vertrauen wird damit entpersonalisiert und zugleich fragiler.

„Die Blockchain ist kein Allheilmittel, aber sie eröffnet einen Möglichkeitsraum, Vertrauen neu zu strukturieren.“
„Die Blockchain ist kein Allheilmittel, aber sie eröffnet einen Möglichkeitsraum, Vertrauen neu zu strukturieren.“
© Pixabay/TheDigitalArtist

Blockchain als Vertrauenstechnologie?

Eine Technologie, die diese Entwicklung aufgreift und umkehrt, ist die Blockchain. Sie kann als technische Übersetzung des Vertrauens verstanden werden. Anstatt Vertrauen in zentrale Akteure zu legen, verteilt sie es auf ein Netzwerk von Teilnehmenden. Durch kryptographische Verfahren werden Informationen manipulationssicher gespeichert; Urheberschaft und Veränderung bleiben nachvollziehbar.


Blockchain-Technologien schaffen damit Transparenz, Authentifizierung und Nachvollziehbarkeit, ohne eine zentrale Instanz zu benötigen. Journalistische Projekte könnten so zeigen, wie Inhalte dezentral verifiziert und Urheberschaften dauerhaft gesichert werden können. Auf europäischer Ebene arbeitet die European Blockchain Services Infrastructure (EBSI) daran, ähnliche Prinzipien auf öffentliche Verwaltungsprozesse zu übertragen.


Die Blockchain ist kein Allheilmittel, aber sie eröffnet einen Möglichkeitsraum, Vertrauen neu zu strukturieren. Vertrauen wird hier nicht ersetzt, sondern operationalisiert: als überprüfbare Beziehung zwischen Akteuren, Systemen und Daten. Allerdings muss auch diese Technologie grundlegend verstanden werden, bevor sie tiefgreifend eingesetzt werden kann. Es ist also individuell, aber vor allem gesellschaftlich der Aufbau von Literacy und Kompetenzen gefordert, um diese Technologien demokratisch funktional einzusetzen.


Damit ist auch die Kommunikationswissenschaft selbst gefordert. Es genügt nicht, den Wandel öffentlicher Kommunikation zu analysieren. Sie muss ihn mitgestalten. Transformation wird damit nicht nur zum Gegenstand, sondern zur Aufgabe.

Eine transformative Kommunikationswissenschaft als Reaktion auf den Wandel

Die Kommunikationswissenschaft steht vor der Aufgabe, die aktuellen und zukünftigen technologischen und sozialen Wandelprozesse analytisch zu fassen. Denn Vertrauen ist nun nicht nur sozial organisiert, sondern auch technologisch implementiert. Wer den Code schreibt, prägt, was wir wissen können – und wie wir auf dieser Basis handeln können.


Eine transformative Kommunikationswissenschaft versteht dann Vertrauen als sozial-technische Infrastruktur, deren Funktionsweise empirisch untersucht und zugleich normativ reflektiert werden muss. Sie beobachtet nicht nur, wie Technologien Vertrauen verändern, sondern fragt, wie diese Veränderungen demokratisch eingebettet werden können.


Vertrauen, so ließe sich mit Simmel und Luhmann sagen, bleibt ein riskanter Vorschuss – aber einer, den wir im digitalen Zeitalter bewusst erneuern müssen. Denn Öffentlichkeit ist kein stabiler Zustand, sondern ein fortwährender Aushandlungsprozess zwischen Wissen und Nicht-Wissen, Kontrolle und Kooperation.


Die Krise des Vertrauens in öffentliche Kommunikation ist damit kein Endpunkt, sondern ein Wendepunkt. Sie zwingt uns, Öffentlichkeit als Infrastruktur neu zu denken – als Zusammenspiel von sozialem Vertrauen und technischer Verlässlichkeit. Wenn Vertrauen die Infrastruktur der öffentlichen Kommunikation ist, dann muss die Kommunikationswissenschaft zur (Mit-)Gestalterin der Öffentlichkeit werden.

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