Alumni-Karrieren
Studiert, gegründet, ausgezeichnet: ZU-Alumnus Thorin Wäschle erinnert sich an die Gründung von HALM
Interview: Michael Scheyer | Fotos: HALM & Jonas Wresch/KfW
18.11.2025
People
Thorin Wäschle (r.) studierte an der Zeppelin Universität.
Thorin Wäschle (r.) studierte an der Zeppelin Universität.
Produktion der HALM GmbH in Hohenmocker, Hersteller vorgefertigter Wandelemente mit Strohdämmung für nachhaltige Holzbau- und Fertighaus-Konstruktionen. Aufgenommen im Oktober 2025 © Foto: Jonas WreschFoto: © Jonas Wresch
© Jonas Wresch
Alumni-Karrieren

Studiert, gegründet, ausgezeichnet: ZU-Alumnus Thorin Wäschle erinnert sich an die Gründung von HALM

Interview: Michael Scheyer | Fotos: HALM & Jonas Wresch/KfW
18.11.2025
People

HALM will nachhaltiges Bauen in die Breite bringen. Für die Idee, mit natürlichen Ressourcen zu arbeiten, wurde das Unternehmen des ZU-Alumnus mit dem KfW Award Gründen ausgezeichnet.

Lieber Thorin, fangen wir vorne an: Wann hast Du Studiert, was hast Du studiert und warum hast Du an der ZU studiert?


Wäschle: Das ist eine gute Frage, da muss ich auch kurz überlegen! Also, ich habe zwischen 2012 und 2016 an der Zeppelin Universität am Bodensee studiert. Gestartet bin ich tatsächlich mit dem Studiengang 'Corporate Management & Economics' (CME). Der Gedanke war damals: Wirtschaft ist der Motor, Wirtschaft bewegt und verändert am meisten. Das klang einfach nach dem Wichtigsten.


Die ersten beiden Semester waren super, weil die Zeppelin Uni ja sehr breit ausgerichtet ist – das war auch ein Grund für meine Entscheidung, weil ich eben auch in andere Bereiche reinschnuppern wollte. Ich habe dann gemerkt, dass meine Interessen schnell in eine andere Richtung gingen. Schon im dritten und vierten Semester habe ich meine Kurse so gewählt, dass ich stark Richtung 'Sociology, Politics & Economics' (SPE) abgedriftet bin.


Zum fünften Semester habe ich dann offiziell gewechselt und bin bei SPE gelandet. Der Grund war klar: Das, was mich wirklich gepackt hat, war nicht die reine Mikroökonomie oder die strengen Wirtschaftsmodelle. Es waren die Schnittstellen. Kurse wie 'Geld und Märkte', wo eine Verbindung zwischen Soziologie, Politik und Ökonomie hergestellt wurde und man das Ganze im größeren Kontext sehen konnte. Das hat mir unglaublich Spaß gemacht und meine Neugier gestillt.


Diese Makroperspektive auf das Gesamtsystem war wirklich das Coole an SPE. Klar, das Unternehmertum fand ich auch immer spannend – deshalb bin ich wahrscheinlich auch selbstständig – aber diese breitere Sicht war einfach ein Gewinn. Ich habe übrigens später gehört, dass dieser Wechsel von CME zu den breiteren Studiengängen wie SPE dort gar nicht so selten war! Das breite Angebot war einfach sehr verlockend.

Produktion der HALM GmbH in Hohenmocker,

Deine Ausbildung hat viel mit Theorie zu tun. Aber Du beschäftigst Dich mit Hausbau. Wie bist Du von der Tafel im Hörsaal zum Stroh in der Hauswand gekommen.


Wäschle: Nach meinem Master hatte ich genug von der Theorie und der Wissenschaft. Der Wendepunkt kam, als meine zwei Brüder und ich durch einen Zufall – unser Onkel hatte es ungesehen ersteigert – auf einem riesigen Landgut mit 14 Hektar landeten. Die Brüder sind handwerklich und architektonisch unterwegs. Das brachte mich zurück zu meinen Master-Fragen: Wie funktionieren gemeinwohlorientierte Landnutzungsformen? Wir dachten viel über Genossenschaften nach, um uns abseits der klassischen Strukturen zu organisieren.


Wir fingen praktisch an: Gebäude sanieren und im Sommer Workshop-Festivals veranstalten, die Handwerk, Kunst und theoretische Diskussionen über Eigentum mischten.


Aufgrund des Architektur-Hintergrunds und der Erfahrung im ökologischen Bauen entstand dann die Idee: Wir wollen eine Produktion für nachhaltige Fertighäuser aufbauen. Das sollte die ökonomische Basis für den Ort schaffen. Bauen war für mich ein Schock, als ich die Zahlen sah: Zwei Drittel der CO2-Emissionen und 80% des Mülls gehen auf den Bau zurück. Und dann gab es da eine Bauweise, die genau das Gegenteil macht: wir binden rund 20t CO2 in einem Einfamilienhaus, mit schnell nachwachsenden, kreislauffähigen Rohstoffen.


Im Bauwesen gibt es große Unterschiede: viel Hightech, aber auch viel Steinzeit. Gerade der ökologische Bau war oft auf Mitmachbaustellen beschränkt (z.B. Strohbau) und damit nicht massentauglich oder einfach zu kaufen. Hier sahen wir eine Chance, das zu ändern.

Baustelle: So sieht ein Haus von HALM aus.

Hattest Du denn im Studium schon den Gedanken, einmal zu gründen? Oder kam das erst später?


Wäschle: Im Studium hatte ich die Gründung als Option im Hinterkopf, aber es war kein fester Plan. Ich habe nicht nur darauf gewartet, von der Uni wegzukommen, um sofort loszulegen. Es kam eher durch das konkrete Projekt hier auf dem Landgut. Da passte plötzlich alles zusammen: das Projekt, meine Lust, mich richtig zu engagieren, und vor allem die richtigen Leute. Wir waren insgesamt sechs Gründer, inklusive meiner zwei Brüder, und hatten uns davor schon zwei bis drei Jahre intensiv damit beschäftigt, bevor wir offiziell gegründet haben.


In der Zeit zwischen Uni und Gründung habe ich übrigens in einer kleinen GGmbH, einer Stiftung, der FINC-Foundation, gearbeitet. Dort ging es genau um diese Themen: Gemeinwohlorientierte Landnutzung, ökologische Landwirtschaft und Netzwerke. Das war eine sehr kleine, agile Struktur, die mein Chef selbst gegründet hatte, weil ihm seine alte Organisation zu träge war. Er war sozusagen ein 'Gemeinwohl-Unternehmer'. Das hat mich sehr inspiriert.


Als dann hier das Projekt mit den passenden Leuten und dieser konkreten Idee da war, war klar: Jetzt ziehen wir das durch!

Wie war der Gründungsprozess für Euch?


Wäschle: Der Gründungsprozess war nicht Hals über Kopf. Wir hatten eine längere Vorgründungszeit; wir sind nicht volles Risiko gegangen. Ich war zum Beispiel noch halb bei meiner Stiftung angestellt. Wir haben die Firma erst mit dem ersten Auftrag offiziell gegründet und das Ganze dann sukzessive, mit wachsendem Zeitaufwand, aufgebaut.


Die ersten beiden Jahre waren aber holprig. Wir sind mitten in den Zinsschock der Bauwirtschaft geraten. Von sechs geplanten Projekten blieb plötzlich nur noch eines übrig – das war hart! Zum Glück hatten wir damals nur einen Festangestellten über uns hinaus; heute sind wir schon 15 Leute.


Mein Part war nicht das Bauen, dafür haben wir Zimmerermeister und Architekten. Ich habe mich stark um die Fördermittelakquise und Finanzierung gekümmert und musste mich in alle organisatorischen Bereiche reindenken, vom Personalwesen bis zur Struktur. Diese Agilität und die Fähigkeit, sich schnell in neue, komplexe Themen einzuarbeiten und kurzfristige Entscheidungen mit einer langfristigen Vision zu verbinden, das habe ich definitiv aus dem Studium mitgenommen. Auch das selbstbewusste Überzeugen von anderen, sei es bei Förderanträgen oder Awards, das war eine tolle Schule an der Uni!

Das Team der HALM GmbH bei einem gemeinsamen Ausflug.

Euer Unternehmen heißt HALM. Was bietet HALM genau an?


Wäschle: Halm bietet im Prinzip einen 'Rohbau plus' an, der maximal nachhaltig und wohngesund ist. Das Besondere ist die Vorfertigung und der Montageservice.


Wir nutzen ein klassisches Holzrahmenbausystem, wobei die Zwischenräume mit Stroh als Dämmstoff gefüllt werden. Das Stroh ist dabei fast unverarbeitet. Wir versehen die Elemente schon im Werk mit fertigen Oberflächen, zum Beispiel Holz oder Lehmputz – das ist die ökologisch hochwertigste Variante.


Diese Kombination der Vorfertigung ist neu! Wir liefern die Elemente zur Baustelle, und die Montage dauert für ein Einfamilienhaus nur etwa zwei Krantage. Insgesamt sind wir vor Ort in einer Woche fertig, inklusive eingebauter Fenster und Türen.

Wir übernehmen damit etwa 30 bis 40 Prozent des gesamten Bauvolumens – den Rest, wie Dach und Innenausbau, machen andere. Aber: Unser Teil ist extrem planbar. Wir hatten noch nie Probleme mit Kostensteigerungen oder Terminverschiebungen. Das gibt unseren Kunden große Sicherheit!

Ihr seid nun mit dem KfW Award Gründen ausgezeichnet worden. Herzlichen Glückwunsch. Wofür wurdet Ihr denn eigentlich ausgezeichnet?


Wäschle: Die Auszeichnung, die wir erhalten haben, prämiert eine Mischung aus sehr vielversprechenden, jungen Gründungen – ich glaube, die Firmen dürfen maximal fünf Jahre alt sein. Der Fokus liegt auf zukunftsfähigen Geschäftsmodellen.


Was total spannend war: Man zeichnet nicht nur eine bestimmte Branche aus, sondern es ist ein sehr breites Feld. Bei der Preisverleihung war wirklich alles dabei! Von 3D-gedruckten Schuhen über Start-ups im Bereich Künstliche Intelligenz bis hin zu einer App für Kinder mit Neurodermitis.


Innovation spielt eine wichtige Rolle. Es wurden zwar explizit auch nachhaltigkeitsgetriebene Geschäftsmodelle wie unseres prämiert, aber das ist eben nicht die einzige Bedingung. Der Preis würdigt einfach Unternehmen, die den ersten erfolgreichen Schritt mit einem innovativen, zukunftsfähigen Konzept geschafft haben.

Thorin Wäschle und Rüdiger Wäschle von der Firma HALM GmbH, Landessieger Mecklenburg-Vorpommern des KfW Award Gründen 2025

Was bedeutet Euch die Auszeichnung?


Wäschle: Wir freuen uns riesig über die Auszeichnung, denn sie ist vor allem eine Bestätigung. Sie zeigt uns und bestätigt unser eigenes Gefühl, dass wir auf einem guten und zukunftsfähigen Weg sind. Es ist einfach toll, wenn jemand von außen sagt: 'Mensch, das ist ein tolles Startup, das hat Zukunft!'

Gleichzeitig ist der Preis für uns vor allem ein Werkzeug, um Aufmerksamkeit zu generieren. Nicht nur für Halm als Unternehmen, sondern auch für die Art zu bauen. Wir wollen zeigen: Es gibt bereits klimaneutrale und nachhaltige Lösungen in der Baubranche, die man jetzt nutzen und skalieren muss.


Wir hoffen natürlich, dass uns dieses Prädikat Vertrauen schenkt – gerade bei neuen Kundengruppen. Wir bauen mit Stroh; das Material ist zwar schon seit knapp 20 Jahren als Baustoff zertifiziert, aber für viele ist es noch neu. Diese Auszeichnung soll helfen, dieses Vertrauen zu stärken, damit die Leute sagen: 'Okay, das probieren wir aus, wir investieren da rein!

Produktion der HALM GmbH in Hohenmocker,

Mitmachen und Thorin Wäschle unterstützen!

Und der Publikumspreis, der läuft noch?


Wäschle: Genau! Bis Ende November läuft noch die Abstimmung für den Publikumspreis. Die 5000 € sind nett, aber darum geht es uns gar nicht in erster Linie. Wichtiger ist die Aufmerksamkeit, die wir dadurch einen Monat lang auf unsere Gründung, unser Thema und das ökologische Bauen lenken können.


Apropos Organisation: Wir haben viel über Unternehmensformen nachgedacht und sind aktuell soziokratisch organisiert. Unser großes Ziel ist es, in Verantwortungseigentum überzugehen. Das bedeutet, das Unternehmen gehört sich quasi selbst, wird von den Mitarbeitern gesteuert und Gewinne werden reinvestiert. Ein Exit wird damit blockiert.


Was uns wirklich antreibt, ist, das ökologische Bauen aus der Nische zu holen. Jede Stimme für den Publikumspreis hilft, dieses Ziel zu unterstützen und die Sache weiter zu verbreiten. Deswegen wäre es super, wenn wir das teilen könnten.



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