
Matthias Eckmann ist mit einem Häfler Hilfsverein in die Ukraine gefahren, um dringend benötigte Hilfsgüter zu übergeben. Vor Ort hat er eine neue Perspektive auf den Konflikt entwickelt.
Herr Eckmann, Sie haben eine herausfordernde Reise in die Ukraine gemacht, um dort Hilfsgüter zu übergeben. Wie kam es zu dieser Reise?
Eckmann: Der Friedrichshafener Gemeinderat hatte nach Beginn des Krieges beschlossen, dass wir eine Solidarpartnerstadt in der Ukraine wollen. Das ist der Rang unterhalb einer Städtepartnerschaft, der aber im Rang einer Städtepartnerschaft geführt werden kann. So handhabt Friedrichshafen das aktuell. Der Wunsch war es, eine Stadt zu finden, mit der Friedrichshafen bereits Verbindungen hat. Die Wahl fiel auf Horishni Plavni in der Zentralukraine, das ungefähr vier Fahrstunden östlich von Kyjiw am Fluss Dnepr gelegen ist. Da ist die größte Erzmine in Europa, mit einem riesengroßen Loch – deutlich größer als Garzweiler – und Zeppelin hat dort einen Standort, weil die ganzen Maschinen, die da eingesetzt werden, von Zeppelin vertrieben und gewartet werden.
Infolge der Solidarpartnerschaft haben Wolfgang Sigg und Werner Nuber dann den Verein „Brücke nach Horishni Plavni“ gegründet. Dieser organisiert die Transporte, und das war jetzt die dritte Fahrt des Vereins dorthin. Begonnen hatten die Hilfsfahrten aber bereits früher, zu Beginn des Krieges, als Werner Nuber anfing, Hilfsgüter an die polnisch-ukrainische Grenze zu fahren. Der Verein führt dieses Vorhaben nun mit größerer Reichweite und Schlagkraft weiter.

Sie sind der einzige ZU-Student, der an der Reise teilgenommen hat? Wie haben Ihre Kommiliton:innen reagiert, als sie davon erfahren haben?
Eckmann: Viele haben mich zuvor gefragt, ob ich Angst davor habe, zu fahren, und wie ich dazu käme, so ein Abenteuer auf mich zu nehmen. Nachdem ich verschiedene Storys in den sozialen Medien geteilt hatte und zurückgekommen war, haben mich einige darauf angesprochen und gesagt, sie könnten sich vorstellen, das nächste Mal mitzufahren. Einfach, um den Leuten dort zu helfen, weil sie in den Medien sehen, was passiert.
Ich muss auch aus eigener Erfahrung sagen, das ist was ganz anderes, wenn man dann wirklich dort war. Künftig kann ich auf jeden Fall noch Hilfe brauchen, vor allem, weil die Fahrt entsprechend lange ist. Interessierte können sich daher immer gerne melden.

Wie war Ihr erster Eindruck von diesem Land?
Eckmann: Also, erst mal war es ein Land der Gegensätze, das ist mir sehr
aufgefallen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist sehr deutlich. Wir sind wirklich
lange übers Land gefahren, auf diesen nicht immer optimalen Straßen. Da sieht
man dann Pferdekutschen genauso wie große SUVs. Es ist ein Land, in dem die
Sowjetunion nach wie vor gegenwärtig ist. Ganz viel Bausubstanz von damals ist
erhalten beziehungsweise noch in Verwendung, ebenso Fahrzeuge von damals.
Irgendwann hat es dann einen Schwenk in die Moderne gegeben. Und jetzt treffen
da die Moderne mit ihrer Digitalisierung mit der Geschichte aufeinander. Super
alte Gebäude von außen mit modernster Technik drinnen. Das hat mich teilweise
sprachlos gemacht.

Wie war es mit der Sicherheit? Hatten Sie keine Sorge vor Angriffen?
Eckmann: Doch, man hat ständig das drückende Gefühl, dass irgendwas
passieren könnte. Immer wieder gab es Luftalarm. Die Ukrainer haben Apps, die sie
zum Glück sehr gut informieren über Angriffe und präzise sowie frühzeitig
Auskunft darüber geben, wo Raketen einschlagen. So geht der Alltag ganz normal
weiter.
Also in Kiew war blühendes Leben. Und auch in Horishni Plavni waren die Leute, wie ich finde, sehr entspannt – dafür, dass es schon seit dreieinhalb Jahren diese Bedrohungslage gibt. Aber vielleicht gewöhnt man sich nach der Zeit auch ein Stück weit dran. Von Gefechten haben wir nichts mitbekommen. Horishni Plavni liegt 150 Kilometer von der Front entfernt. Aber wir haben ein Krankenhaus besucht und dort Soldaten getroffen, die verwundet worden waren. Das war sehr emotional.
Die Ukrainer haben auch eine düstere Art von Humor entwickelt, um mit der Situation umzugehen. Luftverteidigung bräuchten sie nicht, sie hätten schon ihre Kirchen. Das ist auf uns übergesprungen. Wir haben gesagt, wir müssen uns gar nicht anschnallen, weil das gegen die Raketen auch nichts hilft.

Wie hat das Erlebte Ihre Perspektive auf die Ukraine beeinflusst?
Eckmann: Es gab einen Moment, der unseren Besuch in ein anderes Licht rückte. Bei einem Abendessen hielt einer der dortigen Bürgermeister, Ivan Pavlenko, eine Rede über den 29. September 1943. Das ist der Tag, an dem die Region von den Nazis befreit wurde. Damals gab es die Stadt Horishni Plavni noch nicht. Aber die Region feiert diesen Tag als den Tag, an dem die Russen sie von den Deutschen befreit haben. An diesem Tag, dem 29. September 2025, war es umgekehrt: Da saßen die Deutschen als Freunde mit am Tisch, brachten Hilfsgüter, während viele ukrainische Familien nach Deutschland geflüchtet sind, und nun sind es die Russen, die auf sie schießen. Ivan meinte, dass das ein merkwürdiges Gefühl sei, wie sich die Situation nach 80 Jahren umgedreht habe. Mitten in der Rede meldete die App Luftalarm. Wir Deutschen haben draufgeschaut und erleichtert gesehen: Das ist 30 Kilometer entfernt, und dann ging es weiter.
Grundsätzlich, nachdem ich gesehen habe, was da alles herunterkommt – nordkoreanische Raketen oder Drohnen, und wo das herunterkommt –, habe ich mir gedacht: Boah, das ist schon sehr eindeutig ein Angriff auf die Zivilbevölkerung, die überhaupt nichts für die russische Aggression kann.
Das hat mich jedenfalls in meiner Grundhaltung zum Krieg bestätigt. Auch die
vielen Bilder von Gefallenen, die überall hängen, haben mich bewegt. Überall
Flaggen, überall Gedenktafeln mit den Opfern seit 2014. Die Ukrainer sprechen
auch nicht von dreieinhalb Jahren Krieg, sondern vom Krieg, der seit 2014 andauert, seit den Protesten auf dem
Maidan. Die Geschichte war für mich vordergründig gar nicht da. Und als ich das
alles gesehen habe, dachte ich mir, dass man gar nicht so tief
drinstecken kann
in jedem Konflikt, der auf dieser Welt gerade passiert. Wir hätten – als
Europäer – viel früher hingucken müssen und entsprechend intervenieren.

Was war das denn für eine Gruppe? Wer waren die Mitreisenden?
Eckmann: Also, ich war mit Abstand der Jüngste. Die anderen waren alle 40 plus, und teilweise waren die schon öfter in der Ukraine. Jürgen Schipek zum Beispiel war schon sechs oder sieben Mal da. Dessen Motivation ist es auch, sich die Städte genau anzuschauen und sich zu überlegen, wie das Land irgendwann wieder aufgebaut werden kann. Da ist enorm viel Bausubstanz kaputtgegangen. Wie schafft man es, dass alle wieder ein Dach über dem Kopf haben? Derzeit gibt es dort keine Denke im Sinne von: Wie bauen wir gemeinschaftlichen Wohnraum? Entweder Du hast was oder nicht. Und da denkt er schon an die Zukunft. Und Marie Sidorschuk ist selbst Ukrainerin. Für die war es selbstverständlich, dass Sie mitfährt. Das klingt schräg, aber viele der 1500 Ukrainerinnen in Friedrichshafen machen auch Urlaub beziehungsweise besuchen ihre Familien in der Ukraine, die teilweise nicht geflohen sind, weil sie nicht können oder wollen.
Eine Ukrainerin, welche seit Beginn des Krieges in Friedrichshafen ist, war wohl erst kürzlich zwei Wochen in Odessa, wo Gefechte stattfinden. Die Umstände für einen Besuch sind entsprechend schwierig, aber sie sind alle sehr stolz auf die Verteidigung und ihre Soldaten. Sie wissen alle: Wenn sie sich nicht verteidigen, dann gibt es die Ukraine nicht mehr. Außerdem mit dabei waren Werner Nuber, Vorsitzender des Vereins, sowie zwei Freunde von Werner, Volker und Hubert.

Wollen Sie noch erklären, was Sie eigentlich dorthin gebracht haben?
Eckmann: Ganz besonders wichtig waren die beiden Krankentransporter. Wir wussten, dass sie große Probleme haben, Menschen, die nicht einfach in ein Auto einsteigen können, aus dem Umland ins Krankenhaus zu bringen. Die Dankbarkeit war überwältigend, die konnten das gar nicht fassen, dass wir denen zwei neue Fahrzeuge hinstellen. Außerdem haben wir eine höhenverstellbare Krankenliege für Rehabilitationsmaßnahmen mitgebracht. Wir hatten vorher den Bedarf abgefragt, damit wir das mitbringen konnten, was benötigt wird. Auch kleinere Dinge natürlich, wie Medikamente. Teilweise auch mal Kleidung. Wir haben auch Pakete gepackt für Soldaten an der Front. Kleinigkeiten wie Feuchttücher oder Kaffee. Dinge, die man halt brauchen kann, die man nicht unbedingt vom Militär bekommt. Schokolade, Süßigkeiten, solche Sachen.
Aber wir haben es auch geschafft, einen Stromgenerator hinzubringen zu lassen. Der
Rotary Club hat es geschafft, von einem Stadtwerk am See ein Stromaggregat geschenkt
zu bekommen. Das versorgt jetzt einen Luftschutzkeller mit Strom. Aber ich habe
für mich jedenfalls festgestellt, dass wir noch viel mehr helfen müssen. Das
wird sicherlich nicht die letzte Fahrt gewesen sein. Und natürlich freuen wir
uns sehr über jede Unterstützung und vor allem über Spenden, die wir immer direkt
umsetzen und, je nach Bedarf, nötige Güter organisieren.



