
Jil Tischer ist in der Ostberliner Kulturszene großgeworden. Dort gediehen ihre Kreativität und ihr Bedürfnis, sich selbst künstlerisch auszudrücken. Das dynamische und energiegeladene Umfeld an der ZU wiederum ermutigte sie, groß zu denken und noch größere Projekte zu realisieren: sei es ein zehntägiges Festival zu organisieren oder hundertseitige Publikationen zu gestalten.
Die Spurensuche nach der kreativen Ader von Jil Tischer führt in ihren Familien-, aber auch in ihren Freundeskreis. Erste eigene kreative Regungen gingen auf eine analoge Kamera zurück, die sie von ihrer älteren Schwester geschenkt bekam. „Generell bin ich in Berlin-Prenzlauer Berg von einem kreativen Freundeskreis umgeben gewesen. Viele meiner Freund:innen haben früh angefangen zu musizieren, zu malen, zu designen oder zu fotografieren – mit dem Ziel, später einmal als Kunst- und Kulturschaffende zu wirken“, erzählt Tischer. „Dieses soziale Umfeld hat mich ermuntert, meine eigene Kreativität ernst und mich selbst als kunstschaffende Person wahrzunehmen.“
Das durch Events wie die Berlin Art Week oder die Gallery Weekend Berlin geweckte Interesse für Kunstgalerien brachte sie vorerst zur Leipziger Galerie EIGEN+ART, deren Entstehungsgeschichte sie bis heute beeindruckt – entwickelte sie sich doch von einem illegalen Treffpunkt schnell zu einer bekannten Adresse für ein ambitioniertes Ausstellungsprogramm. Ein Kommunikationsjob in der Fotosammlung Schloss Kummerow, die zu einem signifikanten Teil aus Werken ehemaliger DDR-Fotografen besteht, brachte ihr die Selbstwirkung kultureller Institutionen näher. Mehr eigene Gestaltungskraft verlieh ihr das Praktikum in einer Film- und Fotoproduktion. „Da das Team anfangs lediglich aus der Gründerin und ihrer rechten Hand sowie zwei Praktikantinnen bestand, wurde mir von Anfang an unglaublich viel Verantwortung übertragen“, berichtet Tischer, deren visuelle Vorstellungskraft und organisatorisches Schaffen damals schon stark gefördert und gefordert wurden.
Hautnah erlebte Jil Tischer mit, wie das Team und die Produktionen anwuchsen. Kurzzeitig poppte da der Gedanke auf, in der Produktionsfirma zu bleiben. „Doch mit Vertragsende war klar, dass das nicht alles ist, was ich im Leben wissen will“, bemerkt Tischer, die über einen Sommer hinweg einen Online-Studienführer durchspielte, wobei ihr eine spezielle Frage im Gedächtnis haften blieb: Du willst herausfinden, was post-heroische Kulturmanager:innen und feministische Dramaturg:innen dazu qualifiziert, einen neuen Blick auf die Welt zu eröffnen?
„Und je mehr ich mich mit dem CCM-Bachelor und der ZU beschäftigte, umso mehr fand ich mich darin wieder“, erläutert Tischer. Aus dem Gefühl heraus, an der ZU willkommen und gut aufgehoben zu sein, wirkte sie in ihren ersten beiden Semestern dabei mit, Cheerleading-Choreografien einzustudieren und (Tunnel-)Partys zu organisieren, um Geld für die Studioräume von Welle20 zu sammeln. Was sie von Anfang an mehr als alles andere interessierte, war mit dem artsprogram das künstlerische Programm der Universität. „Bereits in der Einführungswoche wusste ich, dass die Stelle der Kuratorischen Assistenz beim artsprogram einem ,a dream come true‘ gleichkäme“, erwähnt Tischer, die mehr als glücklich war, als ihr genau diese Stelle zwei Jahre später anvertraut wurde.
Im Studium selbst hatte es ihr zunächst die Stadtsoziologie angetan. Als das Angebot kam, zusammen mit Lilli Kim Schreiber das Seekult-Festival zu konzipieren und zu organisieren, musste sie nicht lange überlegen und wusste sofort, in welche Richtung das Event gehen soll. Wie kann eine Stadt aussehen, die die Bedürfnisse von Care-Personen in den Vordergrund stellt und nicht die von Industrie und Auto? Was bedeutet es für den öffentlichen Raum, wenn Parks nicht beleuchtet sind und es zu viele Unterführungen gibt? „Friedrichshafen ist eine perfekte Spielwiese, um diese Fragen zu stellen. Und es ist bemerkenswert, wie sich dadurch plötzlich der eigene Blick auf eine Stadt wandelt. Mit den Aktionen auf dem Seekult-Festival wollten wir diese veränderte Wahrnehmung auch bei den Bürger:innen wecken“, bemerkt Tischer.
Vorwiegend aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kamen Künstler:innen, Architekt:innen, Kurator:innen und Kulturarbeiter:innen nach Friedrichshafen, um an überall in der Stadt verteilten Standorten gemeinsam mit den Besucher:innen in den Dialog zu treten und mit ihnen über Formen der Stadtentwicklung und des städtischen Zusammenlebens nachzudenken und zu diskutieren. „Dem Kollektiv-Gedanken folgend, haben wir darüber hinaus versucht, möglichst viele studentische und zivilgesellschaftliche Initiativen in das Programm einzubeziehen und sie so zu einem Teil des Festivals werden zu lassen“, ergänzt Tischer. Heraus kam ein Festival mit 40 Veranstaltungen in zehn Tagen.
Doch damit war die Arbeit an dem Projekt mitnichten abgeschlossen. Im Zentrum von Seekult stand der Verein „Der Raum e.V.“, der nicht nur während des Festivals als Begegnungs-, Ausstellungs- und Wohlfühlort für alle diente. Diesen Verein übernahm nun Jil Tischer. Rund 50 Formate gingen im Semester über die Bühne, dabei wurde der Raum von studentischen Initiativen, aber auch von städtischen Kunst- und Kulturvereinen bespielt. „Da wir den Raum kostenfrei zur Verfügung stellten, wurde es mit der Zeit immer schwieriger, die laufenden Kosten zu stemmen“, erzählt Tischer, die Klinken putzte, um das Überleben des Raumes zu sichern. „Zwar hat uns eine erfolgreiche Spendenaktion eine Zeit lang über Wasser gehalten, doch nach zwei Semestern war das Konzept nicht mehr tragfähig. Zwar bin ich dankbar für die Momente, die wir geschaffen haben. Doch zur Wahrheit gehört auch dazu, dass wir das Konzept schon früher hätten neu- und überdenken oder den Raum hätten auf- und übergeben müssen“, räumt Tischer ein.
Seekult begleitet Jil Tischer bis heute: Erst kürzlich ist unter dem Titel „Fluid Spaces – Urban Curating for Decentralities“ ein Buch zum damaligen Festival in limitierter Edition erschienen. Ihre Aufgabe war es, gemeinsam mit einer Grafikdesignerin das Buch gleichsam in ein Kunstwerk zu verwandeln. „Wie die Standorte in der Stadt, wollten wir die Publikation bunt und lebendig wirken lassen“, so Tischer.
Jil Tischer ist bestens vertraut mit dem Publizieren. Parallel zum Seekult-Festival arbeitete sie mit am Journal of Cultural Management and Cultural Policy – herausgegeben unter anderem von ZU-Professor Martin Tröndle – und am Reader „Fear, Resentiment, Division – A Survival Kit for Antifascist Killjoys“ als Begleitpublikation zum Symposium „Angst, Ressentiment, Spaltung“ mit Texten etwa von der Soziologin Eva Illouz. Doch obschon sie für ihre Hausarbeiten immer gute Noten bekam, blieb ihr Blick auf das eigene wissenschaftliche Tun als Erstakademikerin stets ein wenig getrübt. Das änderte sich schlagartig, als sie für ein Semester an die UC Berkeley ging und sich in einem PhD-Kurs mit Doktorand:innen wiederfand, um über die Kritische Theorie der Frankfurter Schule zu fachsimpeln. „Die mir dort widerfahrene Wertschätzung hat mein forscherisches Selbstvertrauen immens gestärkt“, betont Tischer.
Bestärkt durch die akademische Erfahrung an der UC Berkeley, sieht Jil Tischer vor ihrem geistigen Auge als nächsten Schritt einen Master. Wo immer sie auch landen mag, auch dort wird sie an ihre Zeit an der ZU mit einem guten Gefühl zurückblicken: „Die ZU ist für diejenigen gemacht, die über sich hinauswachsen und mit ihren Ideen etwas bewegen wollen – und das in einem Umfeld voller interessanter, intelligenter und offener Menschen. Es ist wichtig, das Privileg, an der ZU studieren zu dürfen, als solches wahrzunehmen.“



