Pionier des Monats
Jan Ennker: Die Kunst zu tun, was man will
von Sebastian Paul
29.01.2026
People
Jan Ennker
Jan Ennker
© ZU/Sebastian Paul
Pionier des Monats

Jan Ennker: Die Kunst zu tun, was man will

von Sebastian Paul
29.01.2026
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Jan Ennker hätte es wie seine Geschwister machen können: in die Fußstapfen der Eltern treten und die Familie um einen weiteren Arzt bereichern. Er aber geht einen eigenen Weg, obgleich dieser lange im Dunkeln blieb. Das, was er im Leben wirklich machen will, wurde ihm erst während eines Lockdowns klar. Seither ist für ihn ein Leben ohne Kunst nicht mehr denkbar.

Alles in allem ist Jan Ennker im beschaulichen Lahr/Schwarzwald behütet großgeworden. Einzig der Umstand, dass sowohl der Vater als auch die Mutter in der Herzchirurgie eines Herzzentrums tätig waren, wirkte sich zuweilen unvorteilhaft auf den Familienalltag aus. Wenn er seine Eltern zu Gesicht bekam, dann größtenteils frühmorgens und spätabends. Daher war er in seiner Kindheit zumeist umgeben und umsorgt von Au-pairs aus Kasachstan, Weißrussland und aus der Ukraine. „Das aber hatte den Vorteil, dass ich mit Deutsch und Russisch bilingual aufgewachsen bin“, erwähnt Ennker.


Offen und aufgeschlossen anderen Menschen und Kulturen gegenüber, zog Jan Ennker im Alter von 14 Jahren in die Schweiz, um dort seine Jugend- und Schulzeit fortzusetzen. Auf einem Internat, auf dem Schüler:innen aus mehr als 45 Nationen zusammenkommen, waren ihm jedenfalls Anlaufschwierigkeiten fremd. „Was von der Zeit am Ende geblieben ist, sind vor allem die Freundschaften weltweit, von denen bis heute viele Bestand haben“, bemerkt Ennker.


Die Einsicht, im Ärztedasein nicht nur einen Beruf, sondern vielmehr eine Berufung des Helfens und Heilens zu sehen, setzte sich auch bei seinen Geschwistern durch. Nicht so bei Jan Ennker: „Ich weiß nicht genau warum, aber die häufige Abwesenheit meiner Eltern in meiner Kindheit hat bestimmt einen Anteil daran, dass der Ärzteberuf für mich nicht in Frage kam. Weil ich mich aber ansonsten orientierungslos fühlte, habe ich die Entscheidung über meine eigene berufliche Zukunft so lange wie nur möglich vor mir hergeschoben“, erzählt Ennker, der jedoch hinzufügt: „Insbesondere meine Mutter und meine Schwester haben mich dazu ermutigt, meinen eigenen Weg zu gehen. Hauptsache, dass ich mir dabei selbst treu bleibe und mit Stolz in den Spiegel blicken kann.“

Ein Praktikum im Kunsthaus Hannover verändert alles

Doch ganz losgelöst von den familiären Erwartungen und Vorstellungen blieb seine erste Findungsphase nach der Schweizer Maturität nicht. Und so ging es für ihn zurück nach Deutschland, genauer gesagt an die Leibniz Universität Hannover, um Rechtswissenschaften zu studieren – und um wieder mehr Zeit mit seiner inzwischen überwiegend dort arbeitenden und lebenden Mutter zu verbringen. Dass er eines Tages mit ihr in einer Kunstgalerie landete, lag daran, dass ihm die dort ausgestellten Motive bekannt vorkamen. Aus einem kurzen Abstecher wurde ein langes Gespräch mit dem Mitgründer des Kunsthauses Hannover, Frank Hoff, der zufällig gerade vor Ort war. „Wir waren einander so sympathisch, dass er mir vorschlug, mich doch bei ihm zu melden, falls ich Interesse an einem Praktikum hätte“, erzählt Ennker. Ein Angebot, dass er nach zwei Semestern Jura wahrnahm – „einem Studium, das mich insgesamt mehr frustriert als begeistert hat“.


Kaum ins Praktikum gestartet, wurde ihm auch schon die Verantwortung über einen Showroom übertragen. „Außerdem war es meine Aufgabe, unsere Künstler:innen an Galerien mit einem ähnlichen Profil und Programm zu vermitteln“, ergänzt Ennker, dem es mit seiner einnehmenden Art sogar gelang, in einem Telefonat den damaligen Albertina-Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder zu überzeugen und ein in einer privaten Sammlung befindliches Ölgemälde als Leihgabe in der Albertina Modern unterzubringen. „Das war der Moment, in dem ich Blut geleckt hatte“, so Ennker. Oder anders formuliert: Ein so nachhaltiger Moment, dass er sich und seine berufliche Zukunft seither im Kunstfeld sieht. Und plötzlich sind da die Kindheitserinnerungen an Museumsbesuche mit der Familie oder an Wänden hängende oder lehnende russisch-orthodoxe Ikonen. Oder das Buch mit dem Titel „Medizin im Spiegel der Kunst“, das in der Wohnung seiner Mutter im Regal stand und das er in der Zeit des Jurastudiums und eines Lockdowns zigfach durchblätterte.

Das optimale Verhältnis von Theorie und Praxis im CCM-Bachelor

Die Frage, welcher Studiengang das neu geweckte Interesse am ehesten widerspiegelt, führte ihn zum CCM-Bachelor an der ZU. Überzeugt haben ihn letztlich Fragen wie: Wie kuratiert man eine Ausstellung? Wie kommt man an Fördergelder? Welche Fähigkeiten braucht es als Museumsdirektor? Wie funktionieren Kulturorganisationen? Und was sind die Schnittstellen zwischen Kultur und Politik? „Was mich am Studium aber am meisten faszinierte: Dass ich plötzlich imstande war, meine Beobachtungen in der Praxis nun auch theoretisch benennen und unterfüttern zu können. Wenn etwa das Habituskonzept des französischen Soziologen Pierre Bourdieu erklärt, warum sich Menschen in einem Museum so verhalten, wie sie sich verhalten, oder seine Kapitaltheorie den kulturellen, symbolischen, sozialen und ökonomischen Wert von Kunstwerken erläutert.“


Besonderes Highlight für ihn war außerdem seine Teilnahme am تواصل [Tawasol] Cultural Production and Policy Network. Ein Netzwerk, das transkulturelle Zusammenarbeit im Spannungsfeld der Rolle der Künste in der Gesellschaft zwischen der WANA-Region und Deutschland erforschte; das ihn nach Beirut, Kairo und Tunis führte; das in die gemeinsam mit Ricarda Hommann und Julia Hartmann kuratierte Ausstellung „Places in the In-Between“ mündete, die sich den Übergangsräumen zwischen Geografie, Identität und politischer Verortung widmete.


Doch die Theorie allein war es nicht, weswegen Jan Ennker sich für den CCM-Bachelor entschied, sondern auch die Aussicht, das erlernte Wissen praktisch anzuwenden. Und so belegte er einen Praxiskurs, in dem es ausschließlich darum ging, in einem studentischen Team ein Kulturfestival zu konzipieren und zu kuratieren. Nach einem halben Jahr Vorbereitungszeit war es im Herbst 2023 dann soweit: Unter dem Motto „Fluide Räume. Ein Festival für Dezentrales“ fand überall in der Stadt verteilt das Seekult-Festival statt. Jan Ennker oblag es, vor allem Musiker:innen anzufragen, einzuladen und zu betreuen. Er war es auch, der gemeinsam mit dem Inhaber des Blumenhauses Mayer, Florian Mayer, eine Idee wiederbelebte: War das Gewächshaus früher einmal Gastgeber für bestimmte ZU-Events, so wurde es nun wieder als Spielort für studentisch organisierte Konzerte genutzt. „Einen so stadtbekannten Ort zu bespielen, war für uns natürlich eine großartige Gelegenheit, Begegnungen zwischen Studierenden und Bürger:innen zu ermöglichen“, erklärt Ennker.

Brückenbauer zwischen Universität und Stadt im Kunstverein Friedrichshafen

Eine weitere Möglichkeit, eine Brücke zwischen Universität und Stadt zu schlagen, eröffnete sich ihm, als sich die aktuelle Vorstandsvorsitzende des Kunstvereins Friedrichshafen bei ihm meldete und ihn dazu ermunterte, für einen Vorstandsposten zu kandidieren. Er überlegte nicht lange, „und natürlich war ich überglücklich, als es mit der Wahl zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden tatsächlich geklappt hat“ – so Jan Ennker, der bereits vor der Wahl Mitglied im Kunstverein war. „Auch das eine oder andere Praktikum im Kunstverein habe ich mittlerweile an ZU-Studierende vermittelt“, ergänzt Ennker, der in der Kunstgalerie Sprüth Magers in New York City und in der Kunsthall Trondheim selbst weitere Praxiserfahrungen im Kunstbetrieb sammelte.


Um dem Kunstverein Friedrichshafen für das entgegengebrachte Vertrauen etwas zurückzugeben, widmete Jan Ennker diesem seine Bachelorarbeit: „Kunstverein als Sprungbrett – Zur Rolle des Kunstvereins Friedrichshafen in der Karriereförderung junger Künstler:innen“ lautete denn auch der Titel. „Ausgehend von drei Interviews mit jungen Künstler:innen und einem Interview mit der Künstlerischen Leitung habe ich ermittelt, dass die Stärke eines Kunstvereins darin liegt, dass sie Reflexionsräume zur Verfügung stellt, in denen junge Künstler:innen sich in einem sicheren Setting frei entfalten und neue künstlerische Ideen entwickeln können“, erläutert Ennker.


Die Arbeit für den Kunstverein Friedrichshafen hat ihn in seinem Glauben an die sinn- und gemeinschaftsstiftende Wirkung von Kunst bestärkt. „Ich kann von mir nun auch behaupten, meine Berufung gefunden zu haben. Und es wäre gelogen, wenn mich der Blick in den Spiegel nicht mit gewissem Stolz erfüllt“, sagt Ennker.

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