Club of International Politics
Medienwandel: "Es ist einfach, eine Meinung zu haben. Es ist schwer, sie zu begründen"
Text: Michael Scheyer | Foto: Jim Papke
09.09.2025
Life
Kirsten Ludowig, stellvertretende Chefredakteurin des Handelsblatts (l.), und Oliver Köhr, Chefredakteur der ARD sprechen mit ZU-Studentin Mina Tessenyi.
Kirsten Ludowig, stellvertretende Chefredakteurin des Handelsblatts (l.), und Oliver Köhr, Chefredakteur der ARD sprechen mit ZU-Studentin Mina Tessenyi.
© Jim Papke
Club of International Politics

Medienwandel: "Es ist einfach, eine Meinung zu haben. Es ist schwer, sie zu begründen"

Text: Michael Scheyer | Foto: Jim Papke
09.09.2025
Life

Kirsten Ludowig, stellvertretende Chefredakteurin des Handelsblatts, und Oliver Köhr, Chefredakteur der ARD, sprechen an der Zeppelin Universität über die Gefahren des Medienwandels. Das Problem ist klar, die Antworten darauf aber nicht.

Eine Flut von Texten, Bilder und Videos, die mit künstlicher Intelligenz generiert werden, bricht aktuell über die Menschheit herein. Und damit einher geht eine Meinungsflut nie dagewesenen Ausmaßes. Laut Kirsten Ludowig, stellvertretende Chefredakteurin des Handelsblatts, sei dies ein ernstzunehmendes Problem für die Gesellschaft. Denn wenn Meinungen stärker gewichtet würden als Fakten, dann fördere dies die Polarisierung und treibe einen immer größeren Keil in die Gesellschaft.

„Es ist einfach, eine Meinung zu haben“, sagt Ludowig beim Global Talk des Club of International Politics im gut besuchten Graf-vom-Soden-Forum der Zeppelin Universität. „Aber es ist schwer, sie zu begründen.“ Damit sich Bürgerinnen und Bürger konstruktiv miteinander austauschen könnten, bedarf es einer Grundlage, auf die man sich verständigen könne. Diese Grundlage seien bisher Fakten gewesen. Oder einfach nur: die Wahrheit. Aber im Zeitalter der KI, die Desinformation und Falschinformation fördere, sei die Grundlage des gemeinsamen Austauschs gefährdet.

Fast komplett voll. Die Nachfrage nach den Meinungen der Spitzenjournalistin und des Spitzenjournalisten ist gefragt.
Fast komplett voll. Die Nachfrage nach den Meinungen der Spitzenjournalistin und des Spitzenjournalisten ist gefragt.
© Jim Papke

Zusammen mit ARD-Chefredakteur Oliver Köhr ist Ludowig vom Club of International Politics eingeladen worden, um über den Wandel zu diskutieren, dem sich Medienunternehmen in Deutschland und auf der ganzen Welt ausgesetzt sehen. Moderatorin Mina Tessenyi, Studentin der Zeppelin Universität, spricht mit den beiden Redaktionsleitungen über das, was als politische Färbung von Medien wahrgenommen wird. Ob das also stimme, dass Medienvertreter:innen in Deutschland im politischen Spektrum eher links einzuordnen seien. Sie lässt die Gäste und das Publikum Schlagzeilen raten. Ist es also möglich, anhand der Schlagzeile allein zu erkennen, ob sie von der Bild, dem Spiegel, dem Handelsblatt oder der Tagesschau geschrieben worden ist? Die beiden Gäste liegen jedenfalls immer richtig.

Moderatorin Tessenyi ist als angehende Journalistin mit der Branche vertraut. Das verleiht dem Gespräch Tiefe. So berichtet sie auch von ihren ersten Erlebnissen als Praktikantin der Bild-Zeitung. Selbst die Praktikant:innen würden dort von Leser:innen beschimpft und es würde ihnen nahegelegt, sich doch bitte für ein anderes Medium zu entscheiden. Ludowig und Köhr springen der Bild-Zeitung jedoch zur Seite: Zwar hätten die Redakteur:innen dort einen flexiblen moralischen Kompass. Aber gleichzeitig habe die Bild häufig bemerkenswert rasche Recherchen und wisse immer sehr schnell, wohin die Reise des Meinungsbilds gehe. „Um das gesamte Bild zu haben“, sagt dann auch Oliver Köhr, „gehört die Bild dazu.“

Oliver Köhr (r.), ist Chefredakteur der ARD.
Oliver Köhr (r.), ist Chefredakteur der ARD.
© Jim Papke

Sind Medien wie das Handelsblatt oder die ARD zu nah am Staat?

„Wir sind dazu da, dem Staat auf die Finger zu schauen“, antwortet Oliver Köhr auf die Frage, ob Medien in Deutschland zu staatsnah seien. Eine solche Nähe wird von einer wachsenden Bevölkerungsgruppe unterstellt. Meist basierten die Vorwürfe jedoch auf grotesken Verschwörungstheorien – die eben aufgrund des Potenzials, das KI den Menschen an die Hand gebe, enorme Reichweiten erzielen könnten. „Die Frage, was Wirklichkeit ist, wird uns in Zukunft immer stärker herausfordern“, erläutert Köhr. Deshalb solle bei der ARD eine ähnliche Faktencheck-Redaktion aufgebaut werden, wie es sie bei der britischen BBC schon länger gebe.

Kirsten Ludowig (m.) und Mina Tessenyi, Moderatorin des Club of International Politics.
Kirsten Ludowig (m.) und Mina Tessenyi, Moderatorin des Club of International Politics.
© Jim Papke

Das Gespräch in seiner Gesamtheit macht deutlich, dass führende Medienschaffende wie Ludowig und Köhr die Probleme der Zeit natürlich präzise erkennen und analysieren können. Aber es offenbart auch, dass niemand so richtig Antworten auf die Herausforderungen hat, mit denen es die Medien zu tun haben. Allen voran KI. 

Auch die Medien müssen – so wie alle Branchen auch – ein Stück weit „auf Sicht fahren“, wie das gerne heißt. Sie müssen also abwarten, was KI wirklich verändern wird, und sich dann anpassen. 

Möglicherweise, wenn die Welt von künstlich generierten Inhalten nur so geflutet wird, erleben wir dank KI ja auch eine Renaissance der Medien. Und zwar dann, wenn Menschen aufgrund eines KI-Überdrusses sich wieder gezielt für Quellen entscheiden, die dafür gerade stehen, die Wahrheit zu verkaufen: mit Abonnements unabhängig finanzierte Medien.

Weitere Artikel

Zeit, um zu entscheiden

Diese Webseite verwendet externe Medien, wie z.B. Karten und Videos, und externe Analysewerkzeuge, welche alle dazu genutzt werden können, Daten über Ihr Verhalten zu sammeln. Dabei werden auch Cookies gesetzt. Die Einwilligung zur Nutzung der Cookies & Erweiterungen können Sie jederzeit anpassen bzw. widerrufen.

Eine Erklärung zur Funktionsweise unserer Datenschutzeinstellungen und eine Übersicht zu den verwendeten Analyse-/Marketingwerkzeugen und externen Medien finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.