Club of International Politics
UN-Experte Dr. Ekkehard Griep verteidigt die Rolle der Vereinten Nationen
Text: Mina Tessenyi | Fotos: Jim Papke
23.10.2025
Life
UN-Experte Dr. Ekkehard Griep verteidigt die Rolle der Vereinten Nationen
UN-Experte Dr. Ekkehard Griep verteidigt die Rolle der Vereinten Nationen
© Jim Papke
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UN-Experte Dr. Ekkehard Griep verteidigt die Rolle der Vereinten Nationen

Text: Mina Tessenyi | Fotos: Jim Papke
23.10.2025
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Die Weltordnung wankt, die Vereinten Nationen stehen unter Kritik und die Frage nach internationaler Zusammenarbeit ist offener denn je. Beim CIP-Talk an der Zeppelin Universität stellt sich Dr. Ekkehard Griep der zentralen Frage: Findet die Welt noch gemeinsam Lösungen?

Während die Aufmerksamkeit der Welt auf Israel-Gaza und die Ukraine gerichtet ist, geraten mehr als 300 weitere Konflikte nahezu vollständig aus dem Fokus. Die große Mehrheit davon sind innerstaatliche Kriege, viele von ihnen „seit Jahrzehnten ungelöst“. Es sind Konflikte wie im Jemen oder auf Haiti, die Millionen Menschen betreffen, aber kaum politische Aufmerksamkeit erhalten. In diesen Regionen arbeitet die UN an Stabilität, humanitärer Unterstützung und Vermittlung: meist leise im Schatten der Öffentlichkeit. Dabei entsteht Frieden nicht am Konferenztisch allein, sondern in einem „ständigen Aushandlungsprozess.“


Dr. Ekkehard Griep spricht aus Erfahrung und vertritt eine klare Haltung: Ohne die UN gäbe es in vielen Regionen der Welt keinen Schutz für die Zivilgesellschaft. Er selbst arbeitete im UN-Sekretariat in New York, im Department of Peacekeeping Operations, für die NATO in Brüssel und das Auswärtige Amt. Seine Perspektive auf internationale Politik ist demnach durch unzählige Erfahrungen in Konfliktregionen geprägt. Doch diese Einstellung lässt Moderatorin und ZU-Studentin Michelle Bleichner nicht so stehen und konfrontiert ihn mit Kritik an der UN, die viele im Publikum herumtreibt.

UN-Experte Dr. Ekkehard Griep verteidigt die Rolle der Vereinten Nationen
UN-Experte Dr. Ekkehard Griep verteidigt die Rolle der Vereinten Nationen

Der Talk gibt seltene Einblicke in die Praxis internationaler Friedenssicherung. Griep spricht das Problem an, dass viele Menschen ein unvollständiges Bild der Vereinten Nationen haben: „Die meisten denken an nur drei Begriffe: New York, Sicherheitsrat, Generalsekretär.“ Doch dieses Verständnis greift zu kurz, denn die eigentliche Arbeit findet abseits der medialen Welt statt.


Vor allem rund um Friedenseinsätze gibt es Mythen. „Eine Friedensmission fällt nicht vom blauen Himmel“, stellt Griep klar. Sie beginnt fast immer mit informellen Gesprächen im Sicherheitsrat, langen Abstimmungen und verhandelten Mandaten. CIP-Vorstandsmitglied Bleichner bleibt konzentriert, reflektiert und fragt nach den politischen Grenzen der UN, die es doch auch gebe. „Das stimmt, heute ist der Sicherheitsrat oft blockiert“, räumt Griep bedrückt ein. Rivalitäten zwischen den Vetomächten – insbesondere Russland, China und den USA – erschweren Entscheidungen und verzögern Einsätze.

UN-Experte Dr. Ekkehard Griep verteidigt die Rolle der Vereinten Nationen
UN-Experte Dr. Ekkehard Griep verteidigt die Rolle der Vereinten Nationen

Mitten im Gespräch greift Griep plötzlich in die Innentasche seines Jacketts und holt ein kleines hellblaues Heft hervor: die UN-Charta. „Hier steht alles drin“, sagt er und blättert zu den entscheidenden Kapiteln 6 und 7, die den Rahmen für Einsätze festlegen. Kapitel 6 regelt Vermittlung und Verhandlung, Kapitel 7 Maßnahmen zur Friedenserzwingung. Doch Griep warnt vor Missverständnissen: „Kapitel 7 heißt nicht direkt Militär!“ Zunächst beginnt eine Mission mit Sanktionen und dem Einfrieren von Finanzflüssen. Dabei werde immer nach den drei unverrückbaren Grundprinzipien der Vereinten Nationen gehandelt: die Zustimmung der Konfliktparteien, Unparteilichkeit und Gewalt nur zur Selbstverteidigung. „Die UN ist keine Kampfmission“, betont er vertrauenswürdig.

UN-Experte Dr. Ekkehard Griep verteidigt die Rolle der Vereinten Nationen
UN-Experte Dr. Ekkehard Griep verteidigt die Rolle der Vereinten Nationen

Bleichner hakt weiter nach: Wie sah die UN-Mission in Mali aus? Leider ist das westafrikanische Land ein Beispiel für die Grenzen internationaler Friedensbemühungen. Seit 2013 war die UN dort mit MINUSMA im Einsatz. Doch Griep erklärt, was falsch gelaufen ist: Dem Land sei viel versprochen worden, aber einiges davon konnte nicht realisiert werden. Als die Regierung den Einsatz schließlich beendete, zog sich die UN zurück, denn „wenn das Land selbst sagt, dass sie die Mission nicht mehr möchten, gehen die Vereinten Nationen sofort raus.“ Die Mission scheiterte also nicht an militärischer Stärke, sondern an fehlender politischer Akzeptanz.

Dass Friedenseinsätze auch erfolgreich sein können, zeigt der UN-Experte stolz am Beispiel Kolumbien. Nach über 50 Jahren Krieg zwischen der Regierung und der FARC-Guerilla gelang 2016 ein Friedensabkommen. „Ein Land allein kann so etwas nicht stemmen“, sagt Griep. Mit 700 helfenden Mitarbeitenden richtete die UN im ganzen Land Waffensammelstellen ein, überwachte die Abrüstungen und schuf Vertrauen zwischen ehemaligen Kämpfern und Bevölkerung. Kolumbien zeigt, was möglich ist, wenn politischer Wille und internationale Begleitung zusammenkommen. Die Mission zeigt, wozu die UN in der Lage ist.


Heute stehen die Vereinten Nationen vor einer Bewährungsprobe. Eine Finanzkrise gefährdet Einsätze weltweit, da einige Staaten – darunter die USA und China – ihre Beiträge verspätet oder gar nicht zahlen. Das schwächt zahlreiche Programme, darunter die UNRWA in Gaza oder 20 Organisationen in der Ukraine. Gleichzeitig wird über Standortalternativen diskutiert, da die Lebenshaltungskosten in New York zu hoch sind. Die „UN Women“ arbeitet bereits von Bonn aus: ein Zeichen dafür, wie ernst es um die Zukunft der UN wirklich steht.

UN-Experte Dr. Ekkehard Griep verteidigt die Rolle der Vereinten Nationen
UN-Experte Dr. Ekkehard Griep verteidigt die Rolle der Vereinten Nationen

Zum Ende formuliert Griep nachdenklich einen Befund: „Es sind schwierige Zeiten für den Multilateralismus. Machtpolitik ist zu einer neuen Währung geworden. Da ist es schwer für eine Organisation, die auf Kooperation setzt.“ Doch er macht auch Mut und verweist darauf, dass viele Regierungschefs – darunter Trump – Ende September die Bühne der UN für ihre politischen Appelle nutzten. Dieses Engagement zeigt, dass noch ein gemeinsamer Nenner da ist. Moderatorin Bleichner lächelt und stimmt zu.

Zum Ende schließt Herr Dr. Griep den Abend zuversichtlich mit einem Appell, der weniger verteidigt, sondern motiviert: „Es gibt so viel Potenzial im UN-System.“ Wir müssten das nur gemeinsam zur Geltung bringen.

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