
Max Langfeldt hat seine berufliche Laufbahn mit einem geisteswissenschaftlichen Studium begonnen und ist über Umwege in der Filmbranche angekommen. An der ZU unterrichtet er Dokumentarfilm.
Lassen Sie uns vorne anfangen, um Sie kennenzulernen. Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Video, das Sie selbst gedreht haben?
Langfeldt: Das erste Video, das ich gedreht habe, war während meines Studiums an der Humboldt-Universität in Berlin, so um 2007 oder 2008. Ich habe damals ein Dokumentarfilmseminar bei Professorin Christina von Braun besucht – das war Teil meines Kulturwissenschaftsstudiums. Das Seminar ging über zwei Semester, und im zweiten Teil haben wir dann praktische Workshops gemacht, unter anderem zu Kameraarbeit und Schnitt. Da habe ich dann zum ersten Mal selbst gedreht.
Es war genau in dieser Übergangszeit von analog zu digital. Wir haben damals auf Mini-DV-Bändern gefilmt – das war zwar schon HD, aber eben noch auf Kassetten. Die mussten wir dann in Echtzeit in den Rechner überspielen, um sie digital schneiden zu können. Das heißt: Kamera anschließen, auf Play drücken, und dann wurde das Material in Echtzeit aufgenommen. Das war alles noch ziemlich kompliziert damals.
Aber rückblickend natürlich spannend, dass ich das noch so kennengelernt habe. In jedem Fall habe ich da zum ersten Mal verstanden, dass Filmemachen ein Beruf ist, den ich mit meinem Studium erreichen kann.
Und die Faszination für das Filmen war dann so groß, dass Sie das dann auch beruflich machen wollten?
Langfeldt: Ich habe damals lange gebraucht, um herauszufinden, was ich eigentlich mit meinem Studium anfangen will. Als Geisteswissenschaftler hat man oft spannende Themen, aber es bleibt die Frage: Wie übersetzt sich das in einen Beruf? Mir hat es sehr geholfen, eine konkrete Perspektive zu bekommen – dass es tatsächlich Berufe gibt, die mit dem Studium zu tun haben und die mich interessieren. Fotografie war da schon früh ein Thema für mich: Meine Mutter hat mir mit sechs Jahren eine analoge Kamera geschenkt, die ich bis heute habe. Seitdem habe ich eigentlich immer fotografiert und Bilder gemacht.
Nach dem Seminar bei Christina von Braun habe ich mir selbst einen Camcorder gekauft, den ich im Auslandssemester einfach mitgenommen habe. Als Teil einer Projektarbeit für die deutsche Botschaft in Havanna habe ich dann meinen ersten kleinen Dokumentarfilm gemacht. 2010 konnte ich daraus sogar eine journalistische Veröffentlichung bei Zeit Online schneiden – das war für mich der Startschuss. Danach war klar, dass ich in diese Richtung gehen will.
Natürlich habe ich auch Umwege genommen: Pressearbeit, Bewerbungen bei Journalistenschulen, Volontariate. Ich habe schnell gemerkt, dass mir reine Pressearbeit aber nicht liegt – ich wollte nicht nur berichten, was andere machen, sondern selbst kreativ arbeiten. Das Erzählen mit Kamera, Schnitt und Gestaltung hat sich für mich einfach richtiger angefühlt. So habe ich parallel angefangen, Videos für Kulturhäuser oder den RBB zu produzieren und mich schließlich bei einer Produktionsfirma beworben.
Heißt das, dass man mit einem geisteswissenschaftlichen Studium, was ja eigentlich theoretisch ausgeprägt ist, auch gut eine praktische Karriere in der Medienbranche beginnen kann?
Langfeldt: Ich glaube, am Ende hängt alles davon ab, was man wirklich machen will. Wer in Richtung Film und Dokumentation gehen möchte, profitiert sehr von einem inhaltlichen Studium – egal ob geisteswissenschaftlich oder in einem anderen Fach. Denn dort lernt man, komplexe Themen zu verstehen und sie so zu übersetzen, dass man später daraus Geschichten erzählen kann. Für längere Formate und Storytelling halte ich ein inhaltliches Studium für sehr sinnvoll. Wer eher klassischen Journalismus im Blick hat, kann auch den direkten Weg über Journalistenschulen gehen.
Natürlich gibt es heute viel Druck auf dem Markt: Man soll jung in Journalistenschulen und Volontariate kommen, was nicht immer leicht ist. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass es oft hilfreich ist, vorher ein Studium abgeschlossen zu haben. Auch an Filmhochschulen ist es üblich, dass Bewerber vorher schon etwas anderes studiert und dadurch Erfahrung und eine gewisse Reife mitgebracht haben. Das halte ich auch weiterhin für sinnvoll, gerade weil es einem hilft, eigene Inhalte mit Substanz zu entwickeln. Parallel dazu ist es wichtig, einfach selbst zu starten – mit der heutigen Technik ist es ja möglich, früh eigene Projekte umzusetzen, sei es durch Praktika, Produktionsfirmen oder eigene Experimente.
Wenn man aber stärker in den klassischen Journalismus will, bleibt der Weg über Journalistenschulen und Sender eine Option. Allerdings ist der Markt schwieriger geworden: Nach einem Boom durch die Streaming-Welle wird heute weniger produziert, besonders kleinere Formate im öffentlich-rechtlichen Bereich. Für Neueinsteiger sind die Hürden deshalb höher als noch vor einigen Jahren.

Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gibt es ja auch Veränderungen. Klassische Dokumentarspartensender sollen abgeschafft werden. Es gibt weniger Geld und weniger Sendezeit.
Langfeldt: Meine Anfänge hatte ich als Junior-Redakteur und Autor für Formate bei ZDF Kultur – z.B. den ZDFkulturpalast mit Pegah Ferydoni. Mit der Sendung wurde unsere Redaktion auch für den Grimme-Preis nominiert. Das war eine spannende Zeit, weil der Sender damals viele neue Formate ausprobierte und junge Leute eine Plattform bekamen. Leider wurde das Ganze später wegen Sparmaßnahmen eingestellt und die frischen Ansätze verschwanden wieder. Das war total schade. Aber später kam dann irgendwann „Funk“ – was tatsächlich mehr Sinn machte, weil Inhalte dahin gebracht wurden, wo junge Zuschauer tatsächlich sind: auf YouTube oder Social Media. Aber die Branche und der Medienmarkt verändern sich wirklich ständig.
Als ich 2017 in die Selbstständigkeit gegangen bin, war überhaupt nicht klar, ob es für Dokumentarfilme in Deutschland noch eine Zukunft gibt. Damals gab es fast nur zwei Arten von Produktionen: zum einen diese klassischen History-Dokus oder aufbereitete Nachrichtensequenzen, und zum anderen die alteingesessenen Dokumentarfilmer, die seit Jahrzehnten für bestimmte Sender arbeiteten. Das waren Leute, die es sich also leisten konnten, lange Zeit und Arbeit in ein neues Projekt zu stecken, weil sie schon wussten, wo sie ihre Filme unterbringen konnten, weil sie fest im System etabliert waren. Daneben existierten eigentlich nur ältere Formate wie „Terra X“, die es auch damals schon seit Jahrzehnten gab. Für Neueinsteiger oder jüngere Filmemacher schien es damals wenig Möglichkeiten zu geben.
Mit dem Aufkommen der Streamer hat sich für mich noch einmal ein ganz neues Feld geöffnet: Frühe Netflix-Dokuserien wie „Chef’s Table“ haben vorgemacht, dass Dokumentarfilm auch filmisches Storytelling sein kann, mit viel höherem Anspruch an die visuelle Gestaltung, und man damit auch ein junges Publikum erreicht. Ich hatte das Glück, genau in diese Entwicklung hineinzurutschen. Eines meiner ersten Projekte als Selbstständiger war „Streetphilosophy“ für Arte, produziert von der kleinen Berliner Firma „Weltrecorder". Das war ein ungewöhnliches Schwarz-Weiß-Format, das früh erkannt hat, dass da Raum für Neues entsteht: Anfang-20-Jährige stellten große philosophische Fragen und suchten die Antworten darauf beim Späti-Verkäufer genauso wie bei echten Philosophen. Gedreht wurde digital, aber mit alten Vintage-Objektiven, was dem Ganzen einen besonderen Look gab. Die Produktion gewann sogar den Grimme-Preis, und für mich war das ein wichtiger Startpunkt, aus dem viele weitere Projekte entstanden. In dieser Phase begann auch der große Mediatheken-Boom: Plötzlich wollten die Sender nicht mehr nur Zweitverwertung zeigen, sondern eigenen Content produzieren – ähnlich wie die Streamer. Das war eine riesige Chance, auch wenn die Lage sich inzwischen wieder verändert hat.
Heute wird auch, wie bei den Streamern, insgesamt weniger, aber immer noch
hochwertigere Sachen produziert. Wohin der Dokumentarmarkt genau geht, ist
schwer zu sagen. Klar ist für mich aber: Doku ist längst nicht mehr nur eine
vermeintliche „objektive Abbildung der Wahrheit“. Es ist ein filmisches Genre,
das Geschichten erzählt – nah am Leben, aber auch offen für erzählerische
Mittel und eine gewisse Überschneidung mit fiktionalem Storytelling.
Was würden Sie jungen Menschen empfehlen, die gerne eine Karriere als Dokumentarfilmer beginnen würden?
Langfeldt: Also, die Frage, wie man in die Branche kommt, ist echt schwierig. Ich glaube, man braucht heute vielleicht noch ein bisschen mehr Mut und Entschlossenheit. Einfach, weil die Hürde zwischen Ausbildung und Berufseinsteiger und den Projekten, die am Markt angeboten werden, größer geworden ist. Ein möglicher Weg wäre, nach einer Ausbildung oder einem inhaltlichen Studium an eine Filmhochschule mit einem guten Netzwerk zu gehen, wie zum Beispiel die DFFB in Berlin oder die in Ludwigsburg. Wenn man da dann schon über Werbung oder Fiction reinkommt, kann man über die gesammelten Kontakte auf einem relativ hohen Niveau in der Branche Fuß fassen. Von da ist der Weg in andere Formate, wie zum Beispiel Dokus, dann leichter.
Der andere Weg wäre, über eigene Praxis in einer Produktionsfirma oder bei einem Sender reinzukommen. Also erst ein Studium in einem inhaltlichen Bereich, parallel eigene Projekte, dann ein Praktikum oder Volontariat bei einem TV-Sender oder einer Zeitung. So kann man sich über den klassischen TV-Journalismus langsam in die Doku-Welt vorarbeiten.
Am Ende geht es in beiden Fällen darum, Erfahrung zu sammeln und Kontakte aufzubauen, um irgendwann seine eigenen Projekte pitchen zu können. Ich denke, es gibt keinen pauschalen Weg. Wie gesagt, verändert sich alles ja ständig – jetzt mit KI noch mehr. Ich selbst war ein Quereinsteiger. Und wenn man genau weiß, wo man hinwill, kann das auch heute noch funktionieren.
Wie gehen Sie als Dokumentarfilmer mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz um?
Langfeldt: Also, ich glaube, es geht darum, dass man sich selbst zum Experten für den Einsatz von KI-Tools macht, um das eigene Produkt zu verbessern. Man wird dadurch effizienter und schneller. Aber nur, wenn man weiß, wie sie funktionieren. Und damit meine ich nicht die praktische Nutzung, sondern, wie sie zu ihren Ergebnissen kommen. Man kann KI natürlich für Recherche nutzen. Aber, ganz im Sinne der Aufklärung, muss man die Ergebnisse und die Tools immer auch kritisch hinterfragen und verstehen und dabei auch immer seinen eigenen Verstand benutzen – also beispielsweise die Quellen von KI-Chatbots immer überprüfen.
Aber ich habe auch früh mit visuellen Tools wie Midjourney und Runway experimentiert und sowohl Storyboards, als auch Hintergründe für Interviews oder so kreiert. Die eigentliche Kernkompetenz ist, aus einem komplexen Thema eine gute Geschichte zu formen. Man muss sich unersetzbar machen, indem man Dinge leistet, die eine KI nicht kann. Also zum Beispiel die Fähigkeit, verschiedene komplexe Themen und Fragen miteinander zu verknüpfen. Oder eine vermeintlich einfache Anekdote als Schlüsselstory zu einer viel größeren Frage zu nutzen und so weiter.
Als Geisteswissenschaftler kann ich mich in alles hineinarbeiten – egal ob Halbleitertechnologie, für ein Interview mit einem Physiker, die Biologie hinter Plant-based Food für eine Doku über die Ernährung der Zukunft oder das Gespräch mit einem Ingenieur zu Carbon Capture. Die Botschaft ist also: Man darf sich nicht auf die „Fleißarbeiten“ oder Juniorpositionen verlassen, die KI übernehmen wird. Stattdessen müssen wir auf einer Metaebene agieren können, sozusagen eine Brücke zwischen der KI und dem Endprodukt sein. Das gilt übrigens nicht nur für die Medienbranche, sondern für die meisten anderen Berufe auch.



