Praxis der Nachrichtenmedien im Spring 2025
„Stimme der Mehrheit?“ - Die journalistische Qualität von „Nius“ im Kontext der Alternativmedien
Text & Grafik: Antonia von Achten
01.07.2025
Science
Visualisierung Nius als Alternativmedium. Grafik erstellt mit KI.
Visualisierung Nius als Alternativmedium. Grafik erstellt mit KI.
© Zeppelin Universität
Praxis der Nachrichtenmedien im Spring 2025

„Stimme der Mehrheit?“ - Die journalistische Qualität von „Nius“ im Kontext der Alternativmedien

Text & Grafik: Antonia von Achten
01.07.2025
Science

Ex-Bild-Chef Reichelt startet "Nius": Ein "Alternativmedium" mit aggressiver, rechtspopulistischer Rhetorik. Statt Qualitäts-Journalismus dominieren Skandalisierung, Polarisierung & mangelnde Sorgfalt. Prüfung eingeleitet.

Schwarz, Weiß, grelles Rot. Schlagzeilen in Versalien. Begriffe wie „Ampel-Wahnsinn“, „Zwang“, „Skandal“, daneben dramatische Porträts und zugespitzte Kommentare. So präsentiert sich die Website des Nachrichtenportals „Nius“. Diese Ästhetik ist Teil einer erfolgreichen Strategie. 


Inmitten wachsender Medienkritik und sinkenden Vertrauens in etablierte Informationsquellen feiern sogenannte Alternativmedien Erfolge, wie t-online am 14. Februar 2024 berichtete. Ein sichtbares Beispiel: „Nius“, gegründet im Juli 2023 vom ehemaligen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. Das Portal versteht sich selbst als „Stimme der Mehrheit“ (vgl. v.O.,2024). Der Anspruch: eine unabhängige, ideologiefreie Alternative zum klassischen Journalismus zu bieten. Doch wie ist es um die journalistische Qualität und Glaubwürdigkeit dieses Angebots bestellt? 


Julian Reichelt, der nach einem Skandal um Machtmissbrauch und unethisches Verhalten bei der „Bild“ entlassen wurde, prägt „Nius“ mit seiner polarisierenden Rhetorik. Seine journalistische Praxis war schon zuvor stark umstritten - Boulevardisierung, Dramatisierung und ein Hang zu konservativen bis rechtspopulistischen Positionen gehörten zu seinem Markenzeichen. 


Hinter „Nius“ steht die VIUS SE & Co. KGaA, die gerichtlich und außergerichtlich von ihrer persönlich haftenden Gesellschafterin, der VIUS Management SE, vertreten wird. Zu deren geschäftsführenden Direktoren zählen Julian Reichelt selbst sowie Christian Opitz und Vera Regensburger (vgl. NiUS, o.D.). Finanziell unterstützt wird das Projekt maßgeblich von Frank Gotthardt, einem Unternehmer aus dem Gesundheitssektor, der sich öffentlich als Förderer „wertkonservativer“ Medienangebote positioniert hat (vgl. Wienand, 2024). Diese personelle wie wirtschaftliche Konstellation wirft Fragen nach redaktioneller Unabhängigkeit und möglicher Einflussnahme auf. Zwar betont „Nius“ die Trennung von Geschäftsführung und Redaktion, doch in der deutschen Medienethik gilt die klare Abgrenzung zwischen Eigentümerinteressen und redaktioneller Linie als elementarer Qualitätsstandard (vgl. Pressekodex, 2025: Ziffer 6). Ob und wie dieser bei „Nius“ gewahrt wird, ist bislang nicht transparent überprüfbar - und bleibt ein offener Punkt in der Bewertung des Projekts. 


„Nius“ beschreibt sich selbst als Gegenpol zum Mainstream-Journalismus. Reichelt selbst erklärte in einem frühen Videoformat auf „Nius“: „Wir machen Journalismus für die, die von ARD und ZDF nicht mehr erfahren, was wirklich passiert.“ In seiner „Über uns“ – Sektion betont das Portal seinen Anspruch auf Meinungsfreiheit, kritische Berichterstattung und den Fokus auf Themen, die in den etablierten Medien „nicht ausreichend beleuchtet“ würden (vgl. NiUS, o.D.). Dabei wird bewusst der Eindruck erzeugt, man berichte unabhängiger und weniger ideologisch beeinflusst als klassische Medienhäuser. Der Slogan „Stimme der Mehrheit“ suggeriert zudem, dass man gesellschaftliche Mehrheitsmeinungen repräsentiere - eine Deutung, die empirisch kaum belegt ist, aber zur Selbsterhöhung beiträgt. 


Inhaltlich positioniert sich „Nius“ rechtskonservativ bis rechtspopulistisch. Die Berichterstattung ist geprägt durch eine starke Kritik an Parteien wie SPD, Grünen und FDP, einer ablehnenden Haltung zur Migrations- und Asylpolitik, einer klaren Gegenposition zur Klimapolitik und Energiewende sowie durch regelmäßige Angriffe auf öffentlich-rechtliche Medien. 


Zahlreiche Beiträge zeigen sich zudem AfD-freundlich und stilistisch eng an den Boulevardjournalismus angelehnt. Die journalistische Qualität von „Nius“ ist - trotz professionellem Auftreten - vielfach umstritten: Zwar nutzt das Portal moderne visuelle Gestaltung, schnelle Newsformate und klare Thesen, doch darunter leidet oft die journalistische Sorgfalt. Quellen bleiben teilweise unklar und Gegendarstellungen kommen selten zu Wort. Beiträge sind häufig stark meinungsgetrieben, was eine objektive Informationsvermittlung erschwert. Zudem wird mit suggestiven Überschriften gearbeitet, die Emotionalisierung und Skandalisierung vor sachlicher Einordnung priorisieren. 


Ein Beispiel: Am 5. Februar 2024 titelte „Nius“ auf seiner Website: „Ampel will unsere Kinder umerziehen - mit Ihrem Steuergeld!“ (NiUS, 2024) Im Artikel wird ein Bildungsprogramm des Familienministeriums in suggestivem Ton als ideologisches Umerziehungsprojekt dargestellt - ohne Einordnung, ohne Einordnung der Quellen, ohne Stimmen der Gegenseite. 


Fachlich entspricht dies häufig nicht den Standards an Qualität, wie sie z. B. vom Pressekodex des Deutschen Presserats gefordert werden - etwa hinsichtlich Quellentransparenz, Ausgewogenheit und der Trennung von Nachricht und Meinung (vgl. Pressekodex, 2025). Während seriöse Medien redaktionelle Kontrolle, Recherche und Gegenprüfung als zentral verstehen, basiert „Nius“ häufig auf Zuspitzung und Skandalisierung, um Reichweite zu erzeugen. 


Ein Qualitätsmerkmal professionellen Journalismus - nämlich, Komplexität verständlich zu machen, ohne zu vereinfachen - wird damit umgekehrt: Komplexe Themen werden vereinfacht, emotionalisiert oder tendenziös dargestellt, was einer pluralistischen Öffentlichkeit eher schadet als nutzt. 


Die mangelnde Qualität des Portals zeigt sich auch daran, dass inzwischen eine offizielle Prüfung eingeleitet wurde: Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB), zuständig für den Anbieter hinter „Nius“, geht derzeit mehreren Beschwerden wegen möglicher Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht nach (vgl. o.V.,2024). Anlass zur Kritik geben unter anderem die Veröffentlichung von Anschuldigungen ohne die Einholung von Gegenstimmen, sachliche Fehler wie die Verwechslung von ARD-Magazinen (vgl. GÜRGEN, 2023), ein Mangel an professioneller Distanz bei persönlichen Angriffen - etwa im Fall des „Kontraste“ - Journalisten Georg Heil sowie der Verdacht des Plagiats (vgl. Sagarz, 2024): Textpassagen anderer Medien sollen nahezu vollständig übernommen worden sein, ohne korrekte Quellenangabe (vgl. Wienand, 2024). 


Auch medienwissenschaftliche Stimmen fallen eindeutig aus. Fachleute bewerten „Nius“ mehrheitlich kritisch und verorten das Portal klar am Rand des professionellen Journalismus. Der Politikwissenschaftler Markus Linden bezeichnet es als ein „rechtspopulistisches Agitationsformat mit journalistischem Anstrich“, das weniger auf faktenbasierte Information als auf meinungsstarke Zuspitzung setze (vgl. Sagarz, 2024). Der Journalist Lars Wienand nennt „Nius“ sogar „Bild auf Speed“ (vgl. Wienand, 2024) - eine Formulierung, die die aggressive Mischung aus Sensationslust, Dramaturgie und politischer Agenda pointiert auf den Punkt bringt (vgl. Lüring, 2024). Gemeinsam ist diesen Einschätzungen die Warnung, dass das Portal nicht zur ausgewogenen Meinungsbildung beiträgt, sondern zur ideologischen Polarisierung. 


„Nius“ zeigt exemplarisch, wie sich neue mediale Akteure zwischen Kritik an etablierten Medien und dem Vorschub populistischer Narrative bewegen. Das Portal inszeniert sich als Plattform für Meinungsfreiheit - bedient jedoch oft einseitige Weltbilder, emotionalisiert und polemisiert. Statt Differenzierung dominieren Zuspitzung und ideologische Schlagrichtung. In Zeiten medialer Überforderung und zunehmender Desinformation tragen Formate wie „Nius“ weniger zur pluralistischen Meinungsbildung bei als zur gesellschaftlichen Polarisierung.

Quellenverzeichnis:


  • HARMS, F. (17.06.2025): Ranking der Nachrichtenquellen in Deutschland, denen die Bürger am stärksten vertrauen im Jahr 2025, Statista: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/877238/umfrage/ranking-der-vertrauenswuerdigsten-nachrichtenquellen-in-deutschland/ 


  • LÜRING, L. (18.02.2024): Warum gibt es Kritik am Nachrichtenportal „Nius“?, BR24: https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/warum-gibt-es-kritik-am-nachrichtenportal-nius,U4aJ8yf 



  • NIUS (o.D.): Impressum: https://www.nius.de/pages/impressum 


  • o.V. (15.02.2024): Medienanstalt Berlin-Brandenburg prüft sieben Beschwerden gegen Reichelts Plattform, Faz: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medienanstalt-berlin-brandenburg-prueft-sieben-beschwerden-gegen-nius-19521032.html PRESSEKODEX (19.03.2025): Ethische Standards für den Journalismus: https://www.presserat.de/pressekodex.html 


  • SAGARZ, K. (14.02.2024): Sorgfaltspflicht verletzt? Reichelt-Portal „Nius“ im Visier der Medienaufsicht, Tagessiegel: https://www.tagesspiegel.de/kultur/sorgfaltspflicht-verletzt-reichelt-portal-nius-im-visier-der-medienaufsicht-11209693.html 


  • WIENAND, L. (14.02.2024): Medienaufsicht nimmt sich Reichelts neues Portal vor, T-Online: https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_100340918/julian-reichelt-medienaufsicht-prueft-nius-ex-bild-chef-befoerdert.html

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