
Alternative Medien wie „Reitschuster“ versprechen kritischen Journalismus. Doch wie vertrauenswürdig sind sie? Ein Faktencheck zeigt die Schwächen.
Schon morgens strömen über Radio, Zeitung oder digitale Anzeigen zahlreiche Nachrichten auf uns ein. Die Medienlandschaft ermöglicht es, überall und jederzeit auf dem neuesten Stand zu sein. Doch die Flut an Informationen überfordert. Gerade in weltpolitisch turbulenten Zeiten wünschen sich viele Menschen ein Nachrichtenmedium, dem sie vertrauen können. Setzen hier „alternative Medien“ an?
Alternative Medien sind – wie der Name sagt – alternativ. Sie funktionieren anders als die öffentlich-rechtlichen und grenzen sich bewusst von ihnen ab. Ein Beispiel ist das Portal „Reitschuster“. Der Journalist Boris Reitschuster schreibt sich auf die Fahne, kritischen Journalismus zu liefern – angeblich „ohne Haltung, Belehrung und Ideologie“. Prof. Dr. Thorsten Schäfer von der Fachhochschule Darmstadt, Bereich Online-Journalismus, ordnet den Begriff weiter ein. Er weist darauf hin, dass das Spektrum der „alternativen Medien“ von der lokalen Tageszeitung bis zum X-Account prominenter Politikerinnen und Politiker reicht. Die Funktion sei immer das Hinterfragen der etablierten Medien. „Früher galten alternative Medien als links, heute wird der Begriff aufgrund der negativen Konnotation zu Fake News kaum noch verwendet.“
Inwiefern Lesende auf Reitschusters journalistische Arbeit vertrauen können, lässt sich anhand folgender drei Artikel darlegen:
Artikel 1: „Merz und die vergessenen Wahlversprechen“
Der Gastbeitrag der Publizistin Vera Lengsfeld, die bis 1996 für die Grünen und nach ihrem Parteiwechsel für die CDU im Bundestag saß, erschien am 26. Februar 2025 auf dem Portal Reitschuster. Der Kommentar greift die Themen Migrations- und Haushaltspolitik auf. Bereits im Wahlkampf boten beide Themen viel Diskussionsstoff und sind auch nach der Wahl Kernthemen. Friedrich Merz definiere mit der gewonnenen Wahl zum nächsten Bundeskanzler die Migrationspolitik und den Bundeshaushalt neu. Sein ursprüngliches Vorhaben, die unkontrollierte Migration in Deutschland zu stoppen, habe der CDU-Politiker revidiert. Seine korrigierte Haushaltspolitik sei aus Sicht der Wähler nicht nachvollziehbar. Die Aufhebung der Schuldenbremse wolle Merz gemeinsam mit der noch amtierenden Bundesregierung durchsetzen. Durch die Neuausrichtung in den Kernthemen Migration und Haushalt fühle sich ein Teil seiner CDU-Wählerschaft abgehängt.
Es mangelt der Autorin an Weitsicht. Wo sind die Perspektiven anderer Parteien oder überparteilicher Akteure? Der zynische Tonfall Lengsfelds gegenüber vorkommenden Akteuren verdeutlicht ihren Groll – etwa gegenüber Annalena Baerbock, der sie unterstellt, ein „Regierungs-Taxi“ errichtet zu haben, um Afghanen die Einreise nach Deutschland zu erleichtern. Wenn jedoch Polemik eintritt, ist keine neutrale Meinungsbildung mehr möglich.
Artikel 2: „Friedrich Merz und der Marsch in die Planwirtschaft“
Boris Reitschuster behandelt in seinem Beitrag vom 17. März 2025 ebenfalls Merz' gebrochene Wahlversprechen. Den geänderten Kurs in der Migrations- und Haushaltspolitik setze Merz in die Tat um: Milliardenschwere Schuldenpakete, steigende Renten und ein höherer Mindestlohn von 15 Euro seien geplant. Ein unerwarteter Kurswechsel, der sich von der klassischen Marktwirtschaft verabschiede und in Richtung Sozialstaat gehe. Unternehmen würden sich nach besseren Wirtschaftskonditionen im Ausland umsehen, und der Mittelstand kritisiere die steigenden Ausgaben. Die politische Linie zwischen CDU und SPD verblasse zunehmend.
Wie stehen die Wählerschaft, Unternehmen und Wirtschaftsliberale zu Merz' politischen Vorhaben? Reitschuster zufolge sei die Antwort klar: Sie fühlten sich verraten. Auch Altkanzler Helmut Kohl kommt in dem Beitrag zu Wort. Kohl prophezeite einst: „Bei einer Staatsquote von 50 Prozent beginnt der Sozialismus.“ Die Rückendeckung des Altkanzlers bekräftigt Reitschusters Haltung zum angebahnten Sozialstaat, der für ihn zum „Wohlfahrtsstaat“ mutiert.
Die Haltung der Wähler, von Wirtschaftsvertretern und Unternehmen verallgemeinert Reitschuster, ohne die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen. Hingegen hätten aktuelle Meinungsbeiträge aus den Bereichen Wirtschaft, Politik und Soziales eine breitgestreute Perspektive eingebracht. Auch Kohls Beitrag erweitert die Perspektive nur bedingt. Zeitpunkt und Sachzusammenhang bleiben unklar. Zudem war Kohl selbst Bundeskanzler und bietet dadurch begrenzten Mehrwert. Mit der Süddeutschen Zeitung, die Reitschuster als chronisch links bezeichnet, greift er eine mediale Gegenposition auf. Jedoch mangelt es an Sachlichkeit. Auch Fakten kommen wie oft bei diesem Medium zu kurz. Die „billionenschweren Schuldenpakete“, von denen Reitschuster spricht, waren laut der kommenden Merz-Regierung nur halb so groß: nämlich 500 Milliarden Euro. Professionalität und Vertrauen in Medien fängt mit guter Recherche an.
Artikel 3: „Faust Merz“
In dem Artikel vom 21. März 2025 fällt gleich zu Anfang das Foto von Friedrich Merz auf: Sein angsteinflößender Blick könnte wahrhaftig in einem Drama Goethes auftauchen. Es geht um das Geschäft mit Rot-Grün oder laut Reitschuster um das Geschäft mit dem Teufel. In dem politischen Drama inszeniert sich Reitschuster als Goethe. Merz wird zu Faust, und Mephisto wird mit Lars Klingbeil, Robert Habeck und Anton Hofreiter gleich dreifach besetzt. Reitschusters Drama spielt auf die Zusammenarbeit mit Rot-Grün an, durch die Merz sein 500 Milliarden Euro schweres Schuldenpaket beschließt. In dem Beitrag heißt es, Merz gefährde damit die deutsche Finanzstabilität, seine politische Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Wählerschaft.
Der Teufel nimmt politische Gestalt an, verstummt aber. Eigene Worte von SPD und Grünen zu diesem Pakt bleiben aus. Der einseitige Blick beschränkt sich auf die Darstellung von Merz als Verräter seiner politischen Identität. Mit dem plötzlichen Schuldenpaket hat er das öffentliche Vertrauen in seine Person verspielt. Erneut fehlt es aber an Fakten und Perspektiven, damit der Leser selbst dieses Urteil fällen könnte. Durch den Vergleich mit Faust, einem der bekanntesten deutschen Literaturwerke, wird der Artikel zynisch und polemisch aufgezogen. Erneut steht fest: Durch Polemik bleibt auch eine unvoreingenommene Meinungsbildung auf der Strecke.
Und jetzt?
Wie soll man nun als Leserschaft mit den Beiträgen des Nachrichtenportals umgehen? Die Beiträge von Reitschuster und seinen Gastautoren sind dürftig mit Fakten geschmückt, voller Polemik und insgesamt einseitig in der Darstellung. Professionelle, unabhängige und aufgearbeitete Nachrichten finden Nutzer auf diesem Portal eher nicht. Die Artikel können lediglich einen Denkanstoß bieten.
Das Beispiel Reitschuster als selbsternanntes alternatives Medium ist daher ein Beleg für die Dringlichkeit von Faktenchecks. Prof. Dr. Thorsten Schäfer rät zu folgendem grundsätzlichen Vorgehen: Sieht das Bildmaterial gestellt aus, gibt es den Artikel doppelt oder ist das Video stark verkürzt, dann liegt es nahe, dass es sich um Fake News handelt. Außerdem lohnt es sich, einen Blick ins Impressum zu werfen, um die Quelle in ihrer Professionalität einzuordnen.



