Mangrovenwälder
Verbündete im Kampf gegen den Klimawandel
von Angelica V. Marte & Werner Zips
05.06.2025
Science
Mangrovenwälder

Verbündete im Kampf gegen den Klimawandel

von Angelica V. Marte & Werner Zips
05.06.2025
Science

Tourist:innen lieben nichts mehr als lange weiße Sandstrände, die in aller Regel als „wild und unberührt“ angepriesen werden. Das Gegenteil ist zumeist der Fall: Sie sind Resultate eines ökologischen Frevels – der Abholzung der Mangroven. Ob die Gezeitenwälder die weitere Vernichtung durch den Menschen überdauern werden, ist mehr als fraglich. Auf den Seychellen gehen dagegen inzwischen mehrere Initiativen vor. Wie sie das tun, davon haben sich ZU-Gastwissenschaftlerin Angelica V. Marte und der Sozial- und Kulturanthropologe Werner Zips ein Bild gemacht.

Noch bedecken Mangroven, die bis zu 60 Meter aus dem Meer in die Höhe wachsen können, 15 Prozent der weltweiten Küsten. In den natürlichen Lebensräumen der Mangrovenwälder, wo das Meer auf flache Küstenabschnitte trifft, liefern sie als CO2-Speicher, Wasserfilter, Küstenschutz, Lebensraum für Jungtiere und Einkommensquellen für lokale Bevölkerungen eine Vielzahl von sogenannten „Ecosystem-Services“. Trotzdem stehen sie vielerorts stark unter Druck.


Umweltverschmutzung – vor allem die Plastikvermüllung der im Meer endenden Flüsse mit ihren verheerenden Auswirkungen auf die Küstenvegetation – und die immer noch kaum gebremste Abholzung durch den Menschen machen ihnen zu schaffen. In den vergangenen 50 Jahren sorgte ihr Hauptfeind – der Mensch – für die Zerstörung von über einem Drittel aller Mangroven. Der WWF geht auf der Grundlage von Daten der Global Mangrove Watch (GMW) von einem Gesamtverlust von 40 Prozent aus. Zumeist mussten sie menschlichen Bauwerken wie Hotels weichen. Vielerorts ersetzten Aquakulturen für Zuchtfische die natürlichen Laichplätze aller wilden Rifffischarten.


Dieser Tausch wilder Fische gegen Zuchtfarmen im Meer führt zu hohen Folgekosten für die ökologische Integrität, aber auch für die menschliche Gesundheit. Gezüchtete Fische sind oft von Parasiten befallen und mit Antibiotika vollgepumpt. Für die Nahrungssicherheit des Menschen erweist sich die scheinbare Wirtschaftsförderung als ebenso kurzsichtig wie der Verzicht auf den Schutz der Küsten gegen den Anstieg der Weltmeere und die damit einhergehende Küstenerosion. Von der steigenden Gefahr bei Extremwetterereignissen oder Tsunamis gar nicht zu reden.


Mangroven wären die besten Verbündeten des Menschen im Kampf gegen die Folgen der Erderwärmung. Nach unterschiedlichen Schätzungen speichern sie fünf bis zehnmal mehr Kohlenstoff als Wälder an Land. Meeresbiologen nennen sie daher gerne die „Regenwälder des Meeres“. In den vielfältigen Ökosystemen der Mangrovenwälder finden unzählige aquatische Lebensformen, aber auch viele Vogelarten und Reptilien geschützte Lebensräume für Jungtiere. Nach Jahrzehnten der weltweiten, gedankenlosen Vernichtung hat ein Umdenken eingesetzt. Das zeigt sich immer mehr in staatlichen, privaten und gemeinschaftlichen Initiativen zur Wiederaufforstung der Gezeitenwälder. Auf den Seychellen involvieren sich zunehmend auch große Hotels und Resorts. Pars pro toto wollen wir daher über deren Initiativen berichten.

Die vielfältigen Ökosysteme der Mangrovenwälder stehen vielerorts unter Druck.
Die vielfältigen Ökosysteme der Mangrovenwälder stehen vielerorts unter Druck.

Die Atolle der Outer Islands auf den Seychellen

Viel abgelegener geht es auch auf den Seychellen kaum. Nach einer knapp 30-minütigen Bootsfahrt stoppt der Skipper rund 30 Meter vor Saint-François, einem Atoll der äußeren Seychellen, das zur Alphonse Gruppe gehört. Jetzt heißt es schwimmen und waten. Wer zu dieser Koralleninsel will, muss zuerst durch den „Canal de Mort“. Nomen est omen, der „Todeskanal“ ist auch für seine Schiffwracks berühmt. Die Meeresbiologin Eleanor Brighton kennt die Biodiversität mit ihren Brutkolonien verschiedener Meeresvogelarten im Mangrovenwald der Lagune. Jetzt wirkt sie konsterniert: „So habe ich das in all den Jahren noch nie gesehen. Normalerweise stehen nur Teile des Waldes unter Wasser. Das muss am Starkregen der vergangenen Tage liegen. Ich fürchte zu den Schwarznacken-Seeschwalben kommen wir jetzt nur schwimmend.“


Eleanor erkennt die skeptischen Blicke: „Mehr als eineinhalb Meter tief kann die Lagune nicht sein, da können wir durchwaten.“ Kaum zu Ende gesprochen, schreckt uns ein lautes Wasserplanschen auf, wie von einer Bauchlandung Moby Dicks. Jetzt gelingt es ihr deutlich schlechter, Mut zu machen: „Irgendwas Großes ist hier auf der Jagd.“ Auf die gestresste Frage „Like what?“ kommt die lakonische Antwort „Könnte ein Bullenhai oder ein Zackenbarsch sein, die jagen gerne im flachen Wasser. Don’t worry! Wir gehören nicht zu deren Menüplan.“

Im Kinderzimmer von Schwarzspitzen- und Zitronenhaien

Es wird trotzdem einige Zeit dauern, bis wir uns im Windschatten von Eleanor entspannen und durch das trübe Meerwasser der Lagune waten. Dann aber entfaltet sich die ganze Wunderwelt dieser Gezeitenwälder. Feenseeschwalben jagen über unseren Köpfen und Fregattvögel kommen von ihren ausgedehnten Fischzügen zurück. Wir entdecken sieben Stachelrochen im knietiefen Wasser nahe der Sandbank, offenbar auf Beutezug. Eleanor ist begeistert: „Diese Rochenart heißt wissenschaftlich Urogymnus granulatus, auch Mangroven-Peitschenschwanz-Rochen genannt. Da würde ich nicht zu nahekommen. Sie sind hoch giftig. Tödlich, um genau zu sein.“ Plötzlich tauchen zwei offenbar neugierige Kleine Schwarzspitzenhaie auf – so der Name der Art.


„Keine Sorge“, beruhigt Eleanor, „das sind noch Baby-Haie. Wir marschieren gerade durch ihren Kindergarten. Sie sind bestimmt Geschwister. Vielleicht haben sie vorher geplantscht.“ Sie springen gerne aus dem Wasser, wenn sie einen Fischschwarm jagen. Die Weibchen gebären zwischen einem und zehn Jungen. Das Besondere an dieser Art ist, dass sie sich asexuell reproduzieren kann. Diese Jungfernzeugung ist ihre einzige Rettung. Laut Weltnaturschutzbehörde IUCN sind sie gefährdet – vor allem wegen der Überfischung und der geringen Fortpflanzung. Ohne die Kinderstuben der Mangrovenwälder, die für menschlichen Fischfang kaum zugänglich sind, wären sie vermutlich schon ausgestorben. Genauso wie eine sogenannte „Hai-Schule“ von jungen Sichelflossen-Zitronenhaien, die uns neugierig umkreist. „Die wollen nur spielen“, weiß Eleanor.

Als ökologischer Korridor zwischen Land und Wasser bieten Mangrovenwälder optimale Futterplätze und Brutgebiete für Fische und Vögel – so auch dem Schlankschnabelnoddi.
Als ökologischer Korridor zwischen Land und Wasser bieten Mangrovenwälder optimale Futterplätze und Brutgebiete für Fische und Vögel – so auch dem Schlankschnabelnoddi.

Mangrovenökologie als Ferienuni

Vor dem Abendessen hält Eleanor einen Vortrag über Mangrovenökologie für die Gäste des einzigen Resorts weit und breit auf der Nachbarinsel Alphonse. Die aus dem Herzen Londons stammende Meeresbiologin arbeitet als Ökologie- und Nachhaltigkeitsmanagerin für Blue Safari, ein südafrikanisches Tourismusunternehmen, das sich auf die abgeschiedensten Winkel dieser Erde spezialisiert hat. Ihre mit neuesten wissenschaftlichen Daten und Zahlen unterlegte PowerPoint-Präsentation ist im besten Sinne aufklärend:


„Lange hat die Menschheit Mangroven als lästige natürliche Verbauung paradiesischer tropischer Strände betrachtet und kompromisslos abgeholzt. Dabei sind sie unsere wichtigste Lebensversicherung gegen die Urgewalt des Meeres. Es müssen keine Tsunamis sein. Da reicht schon die langsame, aber stetige Küstenerosion. Kurz: Mangrovenwälder schützen gegen die steigenden Meeresspiegel, gegen Wind, Wellen und die gefräßige Kraft der Gezeiten. Überdies sind sie höchst effektive Kohlenstoffspeicher und damit natürliche Verbündete des Menschen im Kampf gegen den Klimawandel. Deshalb liegen unsere Bungalows auf Alphonse versteckt hinter Mangroven ohne direkten Strandzugang.“

Die Meeresbiologin Eleanor Brighton sagt: „Mangrovenwälder sind höchst effektive Kohlenstoffspeicher und damit natürlich Verbündete des Menschen im Kampf gegen den Klimawandel.“
Die Meeresbiologin Eleanor Brighton sagt: „Mangrovenwälder sind höchst effektive Kohlenstoffspeicher und damit natürlich Verbündete des Menschen im Kampf gegen den Klimawandel.“

Luxusresorts und ökologisches (Ge)Wissen

Mangroven und Tourismus – das war bisher keine Liebesgeschichte. Tempore mutantur. Seit umweltbewusste Reisende immer mehr auf die Klimabilanz und Nachhaltigkeit der Resorts schauen, verbessert sich die Beziehung nachhaltig. Lange Zeit war die touristische Entwicklung auch auf den Seychellen eine Einbahnstraße in die falsche Richtung – aus Sicht der Mangrovenwälder. Der Bau neuer Hotels bedeutete in aller Regel die Entfernung der Mangroven – zugunsten von direktem Strandblick aus der Suite und „unberührter Strände“ oder was man dafür hielt. Dass es auch anders geht, zeigen jüngere Großprojekte wie das Constance Ephelia im Norden der Hauptinsel Mahé.


Das Luxusresort liegt mitten im ersten Feuchtgebietereservat nach der Ramsar Konvention, wie der aus Deutschland stammende Biologe Markus Ultsch-Unrath auf seinen täglichen „Walking Safaris“ durch die ausgedehnten Mangrovenwälder erklärt:


„Auf den Seychellen gibt es sieben Arten von Mangroven, die sich alle in unserem Schutzgebiet finden. Es ist das letzte große Mangrovenfeuchtgebiet auf den Hauptinseln. Zum Schutz dieser 120 Hektar haben wir eine Kooperation zwischen dem Hotel, der Regierung und den umliegenden Gemeinschaften aufgebaut. Wir wollen alle für den Erhalt der Mangroven sensibilisieren. Das bedeutet die Verantwortung für die natürliche Reinheit dieses wichtigen Filters zwischen Flüssen und Meer zu erhöhen. Auch auf den Seychellen ist Plastik allgegenwärtig. Deshalb organisieren wir halbjährlich einen Mangroven-Reinigungstag. Damit wächst auch das Bewusstsein für einen nachhaltigen Umgang mit Plastik und anderen Schadstoffen. Außerdem haben wir eine Baumschule für Mangroven eingerichtet, die wir regelmäßig gemeinsam mit den Communities auswildern. Daran nehmen auch interessierte Gäste des Resorts teil, was die Beziehungen zwischen Einheimischen und Tourist:innen fördert.“


Dafür sorgt vor allem die Nachhaltigkeitskoordinatorin des Resorts Hilary Albert, die selbst von der Hauptinsel Mahé stammt. Ihr liebstes Projekt ist die Herstellung des sogenannten Mangrovenhonigs: „Unsere Bienen holen sich den Blütenstaub von den Mangrovenblüten, den sie in unseren Bienenstöcken zu Honig verwandeln. Am Ende einer Mangroventour für Tourist:innen stelle ich immer unser Bienenprojekt vor, wovon auch die lokale Bevölkerung profitiert. Umso mehr unterstützen sie die Rehabilitation der Mangroven.“

Nachhaltigkeitszertifizierungen als Verkaufsargument

Kein Wunder, dass das Constance Ephelia als erstes Hotel auf den Seychellen eine Nachhaltigkeitszertifizierung von Green Globe erhielt, einer Initiative zur Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele für Tourismus. Noch wichtiger findet Markus Ultsch-Unrath als Nachhaltigkeitsmanager des Hotels jedoch die gelebte Praxis. Sein Aufforstungsprogramm wird von vielen Gästen angenommen und erhöht somit indirekt auch die globale Akzeptanz von Renaturierungsprojekten im ureigensten Interesse des Menschen. Erlebnisurlaub in der Gestalt von aktivem Umweltschutz entwickelt sich zum Marketingschlager. Die Natur steht wieder im Mittelpunkt.


Mithilfe lokaler Mitstreiter:innen schleppen Markus und Hilary bis zu 40 Sprösslinge mitsamt Wurzeln und Erde aus der Hotel-eigenen Baumschule auf den Bergrücken am Rande des Resorts. An geeigneter Stelle helfen sie den begeisterten Tourist:innen beim Pflanzen ihres eigenen Baumes auf den Seychellen. „Bis jetzt haben wir unzählige seltene Bäume und über 4000 Mangrovengewächse gepflanzt. Umgeben von den Bergen des Morne Seychelles National Parks zu Land und des Baie Ternay Marine National Parks zu Wasser empfinden wir für Naturschutz eine besondere Verpflichtung.“


Für Ameer Ebrahim, Mastermind hinter dem nationalen Fischerei Management Plan der Regierung und Berater unzähliger Umweltprojekte, ist das ein Gebot der Stunde. Der Meeresbiologe war mit dafür verantwortlich, dass sich die Seychellen dazu verpflichtet haben, 50 Prozent ihrer verbliebenen Mangroven und Seewiesenhabitate bis zum heurigen Jahr 2025 zu schützen und 100 Prozent bis 2030: „Mangroven und Seewiesen sind das Rückgrat unserer Nahrungssicherheit und Garanten unserer weiteren Existenz. Sie sind das Kinderzimmer all unserer Rifffische, die uns ernähren, und schützen zudem unsere Koralleninseln vor dem Untergang.“

Auf seinen täglichen „Walking Safaris“ sensibilisiert der aus Deutschland stammende Biologe Markus Ultsch-Unrath für einen bewussten und nachhaltigen Umgang mit Plastik und anderen Schadstoffen.
Auf seinen täglichen „Walking Safaris“ sensibilisiert der aus Deutschland stammende Biologe Markus Ultsch-Unrath für einen bewussten und nachhaltigen Umgang mit Plastik und anderen Schadstoffen.

Tempozentrismus als Auslaufmodell

In der Vergangenheit fehlte es oftmals – auch auf den Seychellen – am entsprechenden Weitblick. Im Vordergrund standen kurzfristige (und kurzsichtige) materielle Überlegungen. Immer mehr Investoren, Unternehmer:innen und vor allem auch die lokale Politik wenden sich von diesem Tempozentrismus ab, der für die Vernachlässigung langfristiger Konsequenzen zugunsten schneller Rentabilitätsrechnungen steht. In den vergangenen Jahren setzt sich sichtbar ein gestiegenes Umweltbewusstsein durch, dem das langfristige Vermächtnis vor kurzfristige Gewinne geht. Sunil Shah, Hoteleigentümer des JA Enchanted Island Resort auf Round Island mitten im Sainte Anne Marine National Park, begrünte das winzige Eiland mit 20.000 Pflanzen. So wurde aus der ökologisch abgewirtschafteten ehemaligen Leprainsel ein Tropenparadies für seltene einheimische Arten:


„Diese Insel ist Hunderte von Millionen Jahren alt. Ich bin gerade auf der Bildfläche aufgetaucht. Nach geologischen Begriffen ist unsere individuelle Existenz nicht einmal der Bruchteil einer Millisekunde. Aber was wir während unseres begrenzten Lebens auf diesem Planeten tun, hat enormen Einfluss auf den Zustand des Planeten. Man muss sich seines wahren Erbes daher immer bewusst sein.“


Seit nun auch Tourist:innen immer häufiger nach dem CO2-Fußabdruck und der Klimabilanz ihres Wahlhotels fragen, bessert sich die Beziehung Mensch zu Mangroven zusehends. Renaturierung kommt ganz oben auf vielen Social Media-Kanälen und im Tourismusmarketing. Als Reisende können wir alle dazu einen Beitrag leisten, indem wir vor unseren Buchungen ganz bewusst die ökologische Frage stellen und danach entscheiden.

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