Biennale in Venedig
Eine Reise durch die afrikanische Gegenwartskunst
Text & Fotos: Angelica V. Marte und Werner Zips
24.10.2024
Science
Biennale in Venedig

Eine Reise durch die afrikanische Gegenwartskunst

Text & Fotos: Angelica V. Marte und Werner Zips
24.10.2024
Science

Wer bis jetzt noch nicht bei der Biennale in Venedig war, stellt sich vielleicht die Frage, ob sich denn der Besuch auszahlt. Die Antwort von ZU-Gastwissenschaftlerin Angelica V. Marte und dem Sozial- und Kulturanthropologen Werner Zips braucht ein Rufzeichen: Und wie! Noch sind gut vier Wochen Zeit für einen Kurzurlaub, wobei dieser nicht zu kurz ausfallen sollte. Beide hatten immerhin eine ganze Woche und danach das Gefühl, gerade einmal an der Oberfläche ihrer künstlerischen und zwischenmenschlichen Dimensionen gekratzt zu haben.

Die diesjährige Biennale ist eine Kunstausstellung der Begegnungen mit dem Fremden bis hin zum noch Unbekannten in einem selbst. Sie hinterfragt die Ebene der historischen und gegenwärtigen Beziehungen von Fremdheit, die weder vor den globalen Dimensionen des Kolonialismus und der Migration noch vor der eigenen Person haltmacht. Ihr Thema Stranieri Ovunque (Fremde überall) ist Anspruch, Konzept und Denkanstoß zugleich. Sie erfordert eine Reise nach Venedig – die inoffizielle Welthauptstadt des Tourismus seit alters her. Im weiteren Sinn braucht es aber eine viel weitere Reise in jene Erfahrungswelten, die bisher hinter dem Schleier der Exotik und des Exotismus weitgehend verborgen blieben.


Die erste banale Dimension überfällt die Ankömmlinge bereits am Hauptbahnhof Santa Lucia im Koffergeschiebe Körper an Körper. Sie setzt sich im überfüllten Vaporetto mit dicht gedrängten, schwitzenden Leibern „aus aller Herren Länder“ fort, um einen veralteten Begriff zu verwenden, der auf die Herrschenden oder Machthaber anspielt, die sich eine solche (freiwillige) Reise leisten können. Das lässt die Alltagserfahrungen der rund 50.000 Einheimische zählenden Lagunenstadt mit ihren in der Hochsaison bis zu 165.000 Besucher:innen täglich erahnen. Fremde überall – das passt in Venedig wie die doppelsinnige Faust aufs Auge.


Diesen Bezug stellt der brasilianische Kurator der Biennale, Adriano Pedrosa, ganz bewusst her. Der künstlerische Leiter des Kunstmuseums von São Paulo ließ sich bei der Themenwahl auch von dem anarchistischen Kollektiv Stranieri Ovunque aus Turin inspirieren, das Anfang der 2000er Jahre gegen Rassismus und Xenophobie auftrat. In seinen Worten bezieht sich diese (selbst-)kritische Dimension auf die unterschiedliche Bewegungsfreiheit und die differenten Lebensbedingungen über Staaten, Nationen, Territorien und Grenzen hinweg:


„In (den damit verbundenen) Krisen spiegeln sich die Gefahren und Fallgruben, die mit Sprache, Übersetzung und Nationalität verbunden sind. Sie unterstreichen jene Unterschiede und Ungleichheiten, die durch Identität, Nationalität, Race, Gender, Sexualität, Freiheit und Wohlstand bedingt sind. In diesem Panorama hat der Titel ,Fremde überall‘ mehrere Bedeutungen. Erstens, dass man, egal wo man hingeht und wo man ist, immer auf Fremde trifft – sie/wir sind überall. Zweitens, dass du, egal wo dich befindest, immer, tatsächlich und tief im Inneren ein Fremder bist.“

Afrikanische Gegenwartskunst bei der Biennale in Venedig: Jean Michael Dissake, Kamerun Pavillon
Afrikanische Gegenwartskunst bei der Biennale in Venedig: Jean Michael Dissake, Kamerun Pavillon

Für Pedrosa kann der Ausdruck „Fremde überall“ aber auch ein Motto, ein Slogan, ein Aufruf zum Handeln und einen Aufschrei der Begeisterung, Freude oder Furcht bedeuten. Darüber hinaus bezieht sich der Titel auch auf die heutige (Politik der) Angst in Europa und anderswo vor wachsenden Flüchtlingsbewegungen. Wer in manchen dieser Bezüge Reizworte wiederfindet, dem sei diese Kunstreise vielleicht besonders ans Herz gelegt. Die Ausstellung kommt (weitgehend) ohne erhobene Zeigefinger und moralistische Hochtöne aus, die das menschliche Gehör bei heutigen Debatten bisweilen überfordern. In ihrem Mittelpunkt stehen zwar Identitäten und deren historisch vorbelastete Beziehungen, aber ohne die Kurzschlüsse der Identitätspolitik, die das (jeweils) Eigene mit dem Guten und unfehlbar Richtigen gleichsetzt. Dazu einige wenige Schlaglichter, die das eigene Erkunden der insgesamt 331 beteiligten Kunstschaffenden und zahlreichen Events im Umfeld der Biennale keinesfalls beschränken wollen.


Beginnen wir chronologisch in der Eingangshalle zum Arsenale, das explizit dem Thema gewidmet ist. Umrahmt von den vielfarbigen und vielsprachigen Neonschriftzügen zu Stranieri Ovunque von Claire Fontaine begegnet einem die lebensgroße Skulptur „Refugee Astronaut VIII“ von Yinka Shonibare. Mit ihrem afrikanischen Gewand ruft sie Assoziationen an Bootsflüchtlinge aus Afrika hervor, die ein prall gefüllter Rucksack irdischer Besitztümer und eine Art Taucherhelm mit Sauerstoffflasche zu einer Allegorie auf drohende Umweltkatastrophen und humanitäre Krisen verdichtet.


Wie so oft bei dieser zugespitzt interaktiven Biennale lohnt es sich bei dem Kunstwerk zu verweilen, nicht nur um den Begleittext zu seinem vieldeutigen Gehalt zu lesen, sondern vor allem, um die unterschiedlichen Reaktionen der Besucher:innen auf dieses Entrée wirken zu lassen. Frei nach dem Zitat „Ist das Kunst oder kann das weg?“ schlendern nicht Wenige achtlos an Shonibares Flüchtlingsastronauten vorbei, als wäre die Skulptur eine Art Wegweiser. Das Werk steht exemplarisch für die zentralen Themen der Migration und Entkolonialisierung. Ebenso wie die Auswahl der Kunstschaffenden, die – laut Adriano Pedrosa (im Ausstellungskatalog) – überwiegend selbst Fremde, Immigranten, Expats, diasporisch, émigrés, Exilierte oder Flüchtlinge sind.

Afrikanische Gegenwartskunst bei der Biennale in Venedig: Susanne Wenger im Arsenale
Afrikanische Gegenwartskunst bei der Biennale in Venedig: Susanne Wenger im Arsenale

Gemäß unserem selbstgewählten Schwerpunkt konzentrieren wir uns auf Kunstschaffende aus Afrika und der afrikanischen Diaspora. Das ist bei dieser Biennale im bisher ungekannten Ausmaß möglich. Nicht weniger als 18 von insgesamt 87 nationalen Pavillons präsentieren Kunst mit afrikanischen Perspektiven. Neben den im engeren Sinn afrikanischen Länderausstellungen von Ägypten, Äthiopien, Benin, der Demokratischen Republik Kongo, Kamerun, Nigeria, der Republik Côte d'Ivoire, Senegal, Seychellen, Simbabwe, Südafrika, Tansania und Uganda sind das Frankreich, Großbritannien, Kanada, die Niederlande und Portugal. Im Verein mit dem allgegenwärtigen indigenen Fokus und anderen Aspekten der Diversität versteht sich die Biennale als enthusiastischer Aufruf zur kulturellen Diversität und der Befruchtung von wechselseitiger Fremdheit.


„Endlich sind zeitgenössische Kunstformen aus Afrika, Asien und allen anderen Teilen der Welt bei der Biennale – vielleicht dem europäischen Epizentrum für Gegenwartskunst – angekommen“, meint Professor Dr. Thomas Fillitz, Experte für afrikanische Kunst und Biennalen in Afrika. Für ihn steht die Körperlichkeit eines alle Sinne umfassenden Einlassens auf die Fremdheitserfahrung mit dem Anderen im Vordergrund: „Wenn wir dieses körperliche Erleben, von dem so viele Kunstschaffende in Afrika reden, nicht zulassen und immer nur Vergleiche zu europäischer oder US-amerikanischer Kunst herstellen, versäumen wir das Entscheidende, nämlich das Nachempfinden und den Perspektivenwechsel.“


Dem könnte Julien Creuzet, der mit seiner multimedialen Kunst den gesamten französischen Pavillon in den Giardini innen wie außen bespielt, durchaus zustimmen. Schon mit der Verlegung der französischen Pressekonferenz auf die Karibikinsel Martinique gelang ihm ein Ausrufezeichen zur Dekolonisation zu setzen und die bisherige Gewissheit von Zentrum und Peripherie auf den Kopf zu stellen. Dabei betonte er die Wichtigkeit der körperlichen Erfahrung von Kunst: „Für mich war es notwendig, hierher zu kommen. Meine Kunstschule waren die Bilder und Landschaften, die uns hier umgeben. Sie sind Teil unseres Selbst, in unseren Körper eingeschrieben, in unserem Blut, unserer DNA. Ich kann kaum erklären, was sich in diesem französischen Pavillon finden lässt, aber es wendet sich an den Körper. Du brauchst Wachheit all deiner Sinne, um zu erkennen, was darin zu sehen und zu erfahren ist. Wie wir in unserer Jugend, als wir im Regenwald nach einer Vogelspinne Ausschau hielten, die im dichten Blätterwerk praktisch unsichtbar ist.“


Das symbolisiert das frei erhältliche Ausstellungsposter, das auf der Vorderseite eine Tarantel zeigt und auf der Rückseite Natur bezogene Gedichte von Julien Creuzet. Sein Gesamtkunstwerk aus Installationen, Videowänden, Bildhauerei, Gerüchen, Tönen, Musik und Poesie ruft die sinnliche Erfahrung der Natur hervor und ihrer Zerstörung durch den Menschen. Besonders drastisch dargestellt in einer Video-Animation, in der sich eine Meeresschildröte immer und immer wieder in einem sogenannten Geisternetz verfängt. Verstrickung und Entwirrung – die beiden miteinander vielfach verbundenen Elemente – betreffen sowohl die Mensch-Umwelt-Beziehungen als auch die Nachbeben der Kolonisation. Der multimediale Pavillon des martiniquanisch-französischen Kunstschaffende berührt so viele Sinnes- und Wahrnehmungswelten, dass sich ein Besuch von mehreren Stunden empfiehlt.

Afrikanische Gegenwartskunst bei der Biennale in Venedig: Julien Creuzet, Frankreich Pavillon
Afrikanische Gegenwartskunst bei der Biennale in Venedig: Julien Creuzet, Frankreich Pavillon

Im Landespavillon des westafrikanischen Benin werden diese ökologischen und sozialen Themen durch den Fokus auf die vitale Rolle von Frauen bei der Erhaltung und Erneuerung sozialer Einheit ergänzt. Das vielsagende Motto „Alles Wertvolle ist zerbrechlich“ gipfelt in der Frage, ob diese Fragilität eine Stärke oder Schwäche darstellt. Die Arbeiten der Künstlerin Moufouli Bello zeigen selbstbewusste Frauen als Rückgrat der Gesellschaft. Im Mittelpunkt des Pavillons steht eine begehbare, aus leeren Benzinkanistern gebaute Rundhütte von Romuald Hazoumè, die vor dem Hintergrund der Yoruba Traditionen die ephemere Natur jeglicher Existenz – von Menschen, Pflanzen und Tieren – anspricht. Im Verlust von Biodiversität wird die menschliche Verantwortung für das große Ganze sichtbar gemacht.

Afrikanische Gegenwartskunst bei der Biennale in Venedig: Romuald Hazoumè, Benin Pavillon
Afrikanische Gegenwartskunst bei der Biennale in Venedig: Romuald Hazoumè, Benin Pavillon

Um ähnliche Beziehungen geht es auch in der Monumentalkunst des senegalesischen Künstlers Aliou Diagne. Er bespielt den Pavillon seines Landes im Arsenale. Auf bis zu zehn mal vier Meter großen Werken zeigt er in seiner einzigartigen Puzzle ähnlichen Technik, wie unbewusste Zeichen zu dynamischen Gemälden einer voranschreitenden Bewusstwerdung und Wahrnehmung werden. In der Landessprache Wolof heißt sein Projekt Bokk, was so viel heißt wie Bande oder Verbindungen. Es appelliert an den Gedanken der Einheit angesichts der planetaren Herausforderungen vor allem in Folge des Klimawandels. Aus der Nähe betrachtet, vermitteln seine Bilder einen abstrakten Eindruck, erst aus einigem Abstand verschmelzen sie zu Szenen des Alltagslebens im Senegal. Davor liegt wie hingestreut eine in der Mitte auseinandergebrochene Piroge. Der Bruch dieses für die illegale Migration nach Europa verwendeten Fischerbootes ist vieldeutig, lässt an gestrandete Flüchtlinge denken, in tieferer Bedeutung aber auch an zerbrochene Träume und gebrochene Versprechungen.

Afrikanische Gegenwartskunst bei der Biennale in Venedig: Aliou Diagne, Senegal Pavillon
Afrikanische Gegenwartskunst bei der Biennale in Venedig: Aliou Diagne, Senegal Pavillon

„Diese Biennale macht einen Unterschied“, sagt Tanaka Marawu, der verantwortliche Restaurator des Pavillons von Simbabwe, „sie zeigt, dass wir in Afrika verstanden haben, dass wir uns selbst repräsentieren müssen, um der Welt unbekannte Narrative über unsere Gemeinschaften näherzubringen. Wir sind nicht mehr länger nur Passagiere auf unserem eigenen Schiff, sondern bestimmen den Kurs. Als Erzähler unserer eigenen Geschichte.“ Dass es sich dabei um eine Geschichte des Kontakts handelt, die alles andere als gleichberechtigt war, bringen die Werke von Moffat Takadiwa auf den Punkt. Seine großformatigen Installationen hauchen Abfallprodukten wie alten Zahnbürsten, Schreibmaschinentastaturen und Knöpfen neues Leben ein.

Afrikanische Gegenwartskunst bei der Biennale in Venedig: Moffat Takadiwa, Simbabwe Pavillon
Afrikanische Gegenwartskunst bei der Biennale in Venedig: Moffat Takadiwa, Simbabwe Pavillon

Die Installation „Land Redistribution“, die auf Simbabwes jüngere Geschichte der Landenteignung weißer Farmer anspielt, besteht aus alten Knöpfen und Ähnlichem. Kuverts liegen bereit, in denen sich die Besucher:innen einige Knöpfe als ein Stück Simbabwe mitnehmen dürfen. „Afrika wurde eine zentrale Müllhalde der Welt“, meint dazu Tanaka Marawu, „doch jetzt verschiffen wir große Kunstwerke aus genau diesen Abfällen zurück nach Europa. Takadiwas Arbeiten sind bis zu 200.000 Euro wert, aber ihr eigentlicher Wert liegt in ihrem Beitrag zu einer besseren und humaneren Welt. Das zeigt, wie mächtig visuelle Kunst bei der Verbindung unserer Gesellschaften sein kann.“

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