Studentische Initiative
„Dieses Dauerpubertäre, das ist der Kern, das müssen wir bewahren!“
Interview: Michael Scheyer | Fotos: Richard Reichel
17.04.2025
Science
Screenshot: ZU gut, um wahr zu sein
Screenshot: ZU gut, um wahr zu sein
© ZU
Studentische Initiative

„Dieses Dauerpubertäre, das ist der Kern, das müssen wir bewahren!“

Interview: Michael Scheyer | Fotos: Richard Reichel
17.04.2025
Science

Das Event „Stunde Null“ sollte die Motivation der Studierendenschaft an der ZU wecken. Lisa Montigel und Arved Friese über die Kraft der Gemeinschaft und das Potenzial leerer Räume.

Ganz platt gefragt: Wo kam die Idee für Stunde Null her?


Arved Friese: Ich hatte in einem Kurs von Prof. Jan Söffner eine Hausarbeitsaufgabe mit einer kulturwissenschaftlichen Fragestellung und wollte mir dafür die Initiativenlandschaft an der ZU anschauen. Wir fanden heraus, dass die heutige Situation nicht mehr dieselbe war, wie wir sie von alten Erzählungen her kannten oder wie sie vor Corona noch gewesen sein soll. Zusammen mit anderen Studierenden fing ein Austausch darüber an, was die Initiativenlandschaft ausmacht, was sie besonders macht und warum sie möglicherweise nicht mehr so gelebt wird, wie das früher der Fall war. Daraus hat sich eine regelrechte Bewegung entwickelt, die sich sehr stark auf das studentische Engagement konzentrierte. Aus dieser Bewegung ging auch das Team hervor, mit dem wir später das Video produziert haben. Bei der Frage, wie wir all das, was wir uns wünschen, umsetzen können, kam Lisa ins Spiel.


Lisa Montigel: Die zweite Hälfte der Geschichte beginnt in einem Kurs bei Prof. Maren Lehmann. Für einen Methodenkurs untersuchten wir den Spirit der ZU. Die Fragen lauteten: Was ist gemeint mit dem Wort des ZU-Spirits? Was steckt dahinter? Was meinen wir, wenn wir vom Spirit sprechen? Wer meint was mit diesem Begriff? Dadurch angestachelt trat ich auch später das Amt der studentischen Senatorin an. Gerade mal zwei oder drei Monate später stellten wir dann fest, dass wir beide dieselbe Idee vor Augen hatten: die Menschen wecken und das studentische Engagement wiederbeleben. Das haben wir dann miteinander verbunden und die Anfänge für Stunde Null entwickelt. Immer mit dem Ziel: Es muss bald etwas passieren. Der richtige Zeitpunkt war und ist immer: JETZT.

Arved Friese und Lisa Montigel haben das Event Stunde Null im Namen der Studierendenschaft der ZU organisiert.
Arved Friese und Lisa Montigel haben das Event Stunde Null im Namen der Studierendenschaft der ZU organisiert.
© Carsten Schulz/Richard Reichel

Arved Friese: Es gab auch noch eine weitere Arbeit bei Julia Hügler, wo es darum ging, wie die ZU generell so aufgestellt ist gerade. Da ging es viel um Zahlen und da haben wir festgestellt, dass es so viele Kleinigkeiten gibt, die angegangen werden müssen. Da ging es vor allem um kulturelle Fragen, die wir nur in der Gemeinschaft lösen können. Zum Beispiel die Frage, wie unsere Gemeinschaft auf dem Campus eigentlich aussehen soll. Wie können wir als Community wieder attraktiv für neue Studis sein? So etwas kann man nicht einfach top-down entscheiden, sondern das muss aus der Gemeinschaft selbst kommen. Die Stunde Null sollte den Startpunkt für die Gemeinschaft setzen; für Mitarbeitende, Forschende und Studierende zusammen: Jetzt gestalten wir unsere Zukunft gemeinsam.

Der Begriff Stunde Null symbolisiert den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg. Habt Ihr den starken Begriff bewusst so gewählt?


Lisa: Am Anfang haben wir immer von einem Knall gesprochen. Also, es braucht einen Knall, es braucht einen Ruck, es braucht eine Zäsur, es braucht etwas, das einen Unterschied macht, sonst machen wir weiter wie bisher. Wir wollten nicht, dass Stunde Null in einem politischen oder bisherigen Kontext verstanden wird! Deswegen haben wir uns für den Subtext „Realistische Utopien“ entschieden.

Was aus „Stunde Null“ folgen soll

Friedrichshafens Oberbürgermeister Simon Blümcke drückt seine Bewunderung für das studentische Engagement an der ZU aus.
Friedrichshafens Oberbürgermeister Simon Blümcke drückt seine Bewunderung für das studentische Engagement an der ZU aus.
© Richard Reichel

Auf jeden Fall geht es um einen Anfang. Was soll denn daraus alles folgen?


Arved Friese: Im besten Falle folgt daraus eine Motivationswelle. Wenn einen etwas stört, dann wird meist nur darüber gesprochen. Das haben wir beobachtet. Bei allen, egal ob Studierenden, Mitarbeitende oder Forschenden. Wir wollen, dass die Leute wieder aktiv werden, wenn sie etwas stört, und es dann einfach selbst ändern. Da muss man irgendetwas in Bewegung setzen, Initiative ergreifen, sich engagieren, um eben die Sachen so zu verändern, wie man sie sich eigentlich wünscht. Es geht aber nicht darum zu sagen: Hier sehe ich ein Problem und das ist meine Lösung. Sondern zu sagen: hier gibt es ein Problem und lasst uns gemeinsam an einer Lösung arbeiten. Wir möchten, dass wir uns in Zukunft wieder mehr auf die Lösungen und weniger auf die Probleme fokussieren.


Lisa Montigel: Zur historischen Stunde Null ging es immerhin auch um den Gemeinschaftsgeist: Lasst uns gemeinsam anpacken. Wir haben bewusst nicht gesagt: Arved Friese und Lisa Montigel laden zur Stunde Null ein, sondern wir haben uns entschieden, anonym und aus der Mitte heraus einzuladen. Wir wollten vermeiden, im Namen der Studierendenschaft einzuladen, damit sich auch hier niemand falsch repräsentiert fühlt. Aber es geht am Ende um uns Alle!


Arved Friese: Im Grunde genommen sollte die Stunde Null auch einfach nur eine Sammlung von all den Ideen der Studierenden sein, die wir in den letzten zwei Jahren aufgeschnappt haben und die manchmal wenig gehört werden. Das Einzige, was wir gemacht haben, war das Ganze zu organisieren, dass man eben einmal sieht, was denn eigentlich alles los ist bei uns – was wir können, wenn wir es wollen. Und ich denke, darum war die Stunde Null auch so erfolgreich, weil es die Gesamtstimmung abgebildet hat und sich viele in dieser Energie wiederfinden konnte.

Eine der vielen Ideen war es, ein neues Image-Video zu produzieren, das die Perspektive der studentischen Initiativen abbildet. Wie kam es dazu?


Arved Friese: Die Idee entstand vor etwa einem Jahr. Wir wollten aus den Erkenntnissen der Marketing- und Finance-Kurse, die wir besuchten, etwas machen, um uns als Studierende besser zu repräsentieren. Mit Professor Martin Fritze nutzten wir die letzten 15 Minuten des Marketingkurses, um ein ZU-Video zu konzipieren, das die Theorie des Kurses mit der Praxis einer Filmproduktion verbindet. Eine Gruppe Studierender sammelte und wertete zunächst Daten über die ZU aus. Das Ergebnis unserer Erhebung zeigt, dass den Studierenden das Engagement, das Dynamische, das Gemeinschaftliche und dieser Pioniergeist am wichtigsten sind. Auch das Campusleben ist Teil dessen, was für uns die ZU ausmacht. Beim Dreh unterstützten dann Prof. Christian Opitz und Prof. Matthias Weiß und circa 80 Studierende. Das Erfolgsrezept für dieses Video ist, dass hier alle zusammengearbeitet haben: Studierende, Forschende und Verwaltungsmitarbeitende. Das war ja genau das, wovon wir immer geredet haben.

Zwei Alumni, Frieder Kümmerer und Ferdinand Wintermantel, erinnern sich an ihre eigene Zeit als Studierende der ZU.
Zwei Alumni, Frieder Kümmerer und Ferdinand Wintermantel, erinnern sich an ihre eigene Zeit als Studierende der ZU.
© Richard Reichel

Nochmal zum "Stunde Null" Event: Zwei Alumni waren da, Frieder Kümmerer und Ferdinand Wintermantel, und haben über ihre eigene Zeit vor zehn Jahren gesprochen. Die Probleme und die Gedanken, die sie beschäftigt haben, klangen identisch mit der Situation heute, findet Ihr nicht?


Lisa: Ja, zu 100 Prozent. Da hat sich wenig geändert, weil es, denke ich, auch irgendwo das Konzept der Universität ist, dass da ein leerer Raum ist, den man füllen wollen muss. Wenn irgendwo ein Kunstwerk stehen soll, eine Initiative fehlt oder eine Kreidewand zu leer erscheint; wer kümmert sich darum? Die Idee der ZU ist nicht, dass das jemand für mich macht, sondern dass ich das selbst mache, dass ich lerne selbst zu erschaffen. Und in ebendiesem leeren Raum entsteht unsere Engagementkultur und von Zeit zu Zeit auch der Pioniergeist unserer Uni.


Arved Friese: Genau das hat es so spannend gemacht mit Frieder und Ferdi zu sprechen, dass eben die gleichen Sachen auch schon vor zehn Jahren Thema waren. Und ich denke, das ist auch die Überschrift des ganzen Events – vielleicht auch der ganzen ZU – einfach machen, die Probleme angehen und ausprobieren. Es ist immer wieder dasselbe. Trial-and-Error. Scheitern kann man auch immer, aber daraus wird man lernen. Dabei kann man wieder neue Lösungen finden. Es braucht Mut zum Risiko und Mut zum Scheitern. Dass es trotzdem klappen kann, haben Frieder und Ferdi gezeigt!


Lisa Montigel: Und das ist auch der Punkt für mich: Die ZU darf nicht erwachsen werden wollen! Denn dabei entsteht der Drang nach prätentiöser Geradlinigkeit. Dieses Dauerpubertäre, was wir hier haben, muss bewahrt werden. Und jetzt quasi auch im Vorgriff auf die Zukunft, im Hinblick auf die Ewigkeit dieses Interviews: Die ZU wird sicher wieder an den Punkt kommen, wo es eine Krise gibt, wo wir wieder einmal die Grundsatzfragen diskutieren. Aber diese Fragen, diese kleinen Krisen, schaffen dann immer auch wieder das Neue oder erinnern an das Alte. Es ist zumindest mein Glaube, dass es diesen Leerraum braucht, damit der Wunsch entsteht, den leeren Raum zu füllen.

Das Graf-von-Soden-Forum der ZU ist voll gefüllt.
Das Graf-von-Soden-Forum der ZU ist voll gefüllt.
© Richard Reichel

Was ist eure Botschaft oder eure Aufforderung oder euer Impuls an die Gemeinschaft jetzt?


Arved Friese: Einfach machen.


Lisa Montigel: Einfach machen, selber machen, jetzt machen. Und vor allem gemeinsam machen!


Arved Friese: Oft wird eine Erklärung verlangt, wo soll ich anfangen? Was ist der erste Schritt? Und genau das ist eben das Schwierige. Ich glaube, da gilt es nur, diesen simpel klingenden Satz wirklich zu leben und einfach anzufangen. Sich in das Risiko fallen zu lassen. Irgendwie. Am besten mal mit anderen darüber reden. Wenn ich eine Idee habe für irgendwas, gibt es bestimmt an der ZU mindestens zwei, drei andere Personen, die diese Idee teilen. Findet euch zusammen, redet darüber und in diesen Gesprächen werden Ansätze entstehen, wie man dann diese Ideen realisieren kann. Und ehe man sich versieht, hat man quasi eine Initiative gegründet. Das sollte nicht das Ziel sein, es muss kein Verein werden. Es ist vielleicht nur das gemeinsame Schaffen einer gemeinsamen Idee, einer gemeinsamen Vision, die man dann zusammen zum Leben erweckt. Und der Weg, das ist die Initiative am Ende.


Lisa Montigel: Die meisten von uns studieren drei oder vier Jahre an der ZU. Das ist eine besondere Zeit! Die meisten von uns sind zwischen 18 und 24 Jahre alt und in dieser Zeit kann man so viele tolle Sachen umsetzen und erreichen, die einen noch das ganze Leben verfolgen – auf eine schöne Art und Weise! Genau wie Frieder und Ferdinand sich bei Stunde 0 erinnert haben. Es geht gar nicht darum, die nächsten Knallerinitiativen aufzubauen. Aber es geht vor allem darum, dass man die Sachen, die man interessant findet, die einen begeistern, dass man die verfolgt und diese Ideen auf keinen Fall in sich schlummern lässt. Sprecht mit Menschen über Dinge, die euch bewegen, schließt euch zusammen, verbunden durch Interessen. Einfach machen! Und weil das alleine manchmal ganz schön schwer ist: Einfach gemeinsam machen! Und sich in das Risiko fallen lassen. Wenn man eine Sache aus Neugier und mit Spaß und Durchhaltevermögen macht, ist Scheitern fast unmöglich. Deswegen sind wir doch an der ZU!


Vielen Dank für das Gespräch.

Ausgelassene Stimmung nach der Veranstaltung.
Ausgelassene Stimmung nach der Veranstaltung.
© Richard Reichel

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