
Reisen können ein ganzes Leben verändern. So ist es Jonas Nickel widerfahren. Auf einer Reise nach Nairobi stieß der ausgebildete Notfallsanitäter auf eine Flugambulanz zwischen Kenia und Tansania. Als er später als Praktikant mehrere Luftrettungsmissionen begleitete, wurde er auf einen Schlangenpark mit angebundener Schlangenbiss-Klinik in der Nähe von Arusha aufmerksam. Der von ihm mitgegründete Verein Pflaster für Tansania e.V. rettete seither nicht nur die Snake Park Clinic vor dem Aus, sondern übernahm auch deren komplette operative Leitung. Jonas Nickel treibt ein Ziel an: eine kostenfreie Behandlung von Schlangenbissen in ganz Tansania zu ermöglichen.
Kaum auf die Welt gekommen, trat Jonas Nickel auch schon seine erste Reise an: Von Berlin ging es mit seinen (Adoptiv-)Eltern in den Großraum Stuttgart, genauer gesagt nach Remshalden-Grunbach. „Letztlich bin ich einfach nur glücklich darüber und dankbar dafür, dass ich in einer perfekten Familie großgeworden bin.“ Was er seinen Eltern vor allem verdankt, sind die Faszination fürs Reisen und die Offenheit für Neues: „Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir mit dem Camper zum Nordkap oder nach Griechenland gefahren und dort wie auch anderswo mit Land und Leuten in Kontakt gekommen sind.“
Dass er wenig Berührungsängste im Umgang mit Menschen hat, bewies Jonas Nickel auch, als er sich für sein schulisches Sozialpraktikum die Neurointensivstation der Diakonie Stetten aussuchte. „Dort habe ich erstmals erlebt, wie es ist, schwerstbehinderte Menschen intensivmedizinisch zu versorgen“, bemerkt Nickel. Was viele abschrecken würde, war für ihn wie eine Initialzündung, sich weiter im Gesundheitswesen zu betätigen. Direkt nach dem Praktikum trat er in den vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) betreuten Schulsanitätsdienst ein und behandelte als Ersthelfer kleinere Notfälle wie Schnittwunden oder Sportverletzungen.
Fasziniert vom medizinischen Rettungsdienst, folgte nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Johanniter-Unfall-Hilfe in Stuttgart. Im Rahmen dessen ließ er sich zum Rettungssanitäter ausbilden, sodass er einsatzfähig war in den Bereichen Krankentransport und Hausnotruf. Als Rettungssanitäter war er dazu befähigt, einen Krankentransportwagen zu führen und vorwiegend ältere Menschen zu Krankenhaus- oder Arztterminen zu bringen oder als Assistenzpersonal in einem Rettungswagen mitzufahren, der vorrangig bei lebensbedrohlichen Notfällen ausrückt.
Nachdem er ein Jahr für den DRK-Rettungsdienst Esslingen-Nürtingen als Rettungssanitäter im Einsatz war, ging Jonas Nickel an die DRK-Landesschule in Sinsheim, um eine dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter zu durchlaufen. Neben der Theorie – wie Einsatztaktik, Anatomie, Pharmakologie, Recht oder Qualitätsmanagement – arbeitete er jeweils mehrere Wochen in der Allgemeinpflege, in der Notaufnahme, in der Anästhesie sowie auf der Intensivstation einer Klinik und verbrachte viele Stunden auf der Rettungswache, zunächst als Beifahrer, später als Fahrer eines Rettungswagens. „Besonders einschneidend war die Coronapandemie, als wir tagtäglich mehrere schwersterkrankte Covidpatienten in Krankenhäuser einliefern mussten und uns regelmäßig an unsere Belastungsgrenzen und sogar in Lebensgefahr brachten“, berichtet Nickel. „Den Notfallsanitäter habe ich gemacht, weil ich Menschen in den schlimmsten Lagen ihres Lebens helfen möchte. Diese Lebenslagen akut zu verbessern, ist herausfordernd und erfüllend zugleich“, sagt Nickel, der der DRK-Landesschule bis heute als Dozent verbunden geblieben ist.
Um seine Ausbildungsvergütung aufzubessern, arbeitete Jonas Nickel weiter für die Johanniter-Unfall-Hilfe und die Diakonie Stetten. Von dem Geld leistete er sich auch die eine oder andere Auslandsreise. Eine davon führte ihn nach Nairobi, wo er mit Arusha Medivac einen Anbieter von Flugambulanzen kennenlernte, der zwischen Tansania und Kenia verkehrt. Zwei Jahre später fand er sich dort als Praktikant auf einem Sitz einer Propellermaschine wieder und begleitete mehrere Luftrettungsmissionen. Darüber hinaus half er in kleinen, von der Organisation betriebenen Kliniken aus. „Dabei habe ich auch erstmals von der Snake Park Clinic in der Nähe von Arusha erfahren“, erwähnt Nickel. „Da während der Coronapandemie aber die (überlebens-)wichtigen Touristeneinnahmen ausblieben, standen der Schlangenpark und die Schlangenbiss-Klinik kurz vor dem Aus – was besonders verheerend gewesen wäre, weil es zu dem Zeitpunkt die einzige Klinik war, die über ein Antivenom gegen Schlangenbisse verfügte.“
Um die Klinik finanziell zu unterstützen, gründete Jonas Nickel nach seiner Rückkehr nach Deutschland gemeinsam mit Freund:innen einen Verein: Das war die Geburtsstunde von Pflaster für Tansania e.V. Seither kommen die gesammelten Spenden aber nicht nur der Snake Park Clinic zugute, sondern auch dem Kafika House, in dem Kinder mit reversiblem Handicap wie Klumpfuß oder Wasserkopf operiert und rehabilitiert werden. „Mittlerweile haben wir sogar die komplette operative Leitung der Schlangenbiss-Klinik übernommen, das heißt, wir haben vor Ort geschultes medizinisches Fachpersonal, mit dem wir eng zusammenarbeiten“, ergänzt Nickel, der selbst zwei bis vier Monate im Jahr in Tansania lebt. „Außerdem haben wir gemeinsam mit der WHO und NGOs eine Guideline erarbeitet, wie man in einem Setting mit wenig Ressourcen Schlangenbisse gut behandeln kann.“
Doch das größte Ziel des Vereins bleibt nach wie vor: „Wir sprechen mit der WHO und der tansanischen Regierung über Wege, wie wir eine kostenfreie Behandlung von Schlangenbissen in ganz Tansania anbieten können.“ Denn das Antivenom ist kostenintensiv und in nicht ausreichenden Mengen und teils nicht ausreichender Qualität verfügbar. „Zumindest in unserer Klinik können wir Patient:innen kostenfrei behandeln, doch weite Teile Tansanias bleiben für unser Tun unerreichbar“, bemerkt Nickel. „Mein Traum ist und bleibt es, dass irgendwann einmal das Antivenom in lokalen Produktionsstätten synthetisch hergestellt wird.“
Weltweit kommt es pro Jahr zu 5,4 Millionen Schlangenbisse, davon verlaufen bis zu 130.000 Schlangenbisse tödlich, rund 400.000 Schlangenbisse führen zu einem permanenten Handicap. „Besonders betroffen sind die Gesellschaften und Volkswirtschaften im globalen Süden“, sagt Nickel. Oft fühlt er sich wie in einen Kampf gegen Windmühlen verwickelt, weil für Stakeholder aus dem globalen Norden das Thema zu weit weg von der eigenen Lebensrealität ist und die Ostafrikanische Gemeinschaft (EAC) mit vielen weiteren schwerwiegenden Probleme im Gesundheitswesen konfrontiert ist – Ebola, Mpox oder Tuberkulose, um nur einige zu nennen.
Einen inneren Konflikt zu lösen hatte Jonas Nickel, als ihm klar wurde, dass mit der Ausbildung zum Notfallsanitäter das Ende der Fahnenstange erreicht war, sich weiterzuentwickeln. „Ich wusste nur, dass für mich entweder ein Studium der Medizin oder der Politik in Frage kommt“, erläutert Nickel. Letztlich entschied er sich für den PAIR-Bachelor an der ZU, um mehr über internationale Sicherheitspolitik, nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit und öffentliche Verwaltung zu erfahren. „Auch in der Medizin hätte ich noch viel erreichen können, doch ich habe das Gefühl, dass mir ein Bachelor in International Relations und ein Master in Public oder Global Health genau das richtige Handwerkszeug vermitteln, um das Thema Schlangenbisse in einer internationalen Organisation wie der WHO voranzutreiben“, erklärt Nickel.
Fragen rund um Schlangenbisse begleiten ihn auch in seiner Humboldt- und Bachelorarbeit. „Bereits vor drei Jahren habe ich damit begonnen, unseren Patient:innen einen Fragebogen vorzulegen, um Daten zu Schlangenbissen zu ermitteln“, beschreibt Nickel, der für seine Forschungen das Christian-Fiedler-Stipendium des Leadership Excellence Institute Zeppelin | LEIZ erhalten hat. „Ich bin guter Dinge, dass die Forschungsergebnisse in Kooperation mit dem National Institute for Medical Research (NIMR) in Tansania publiziert werden, um mehr Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und in den Köpfen zu verankern“, bemerkt Nickel.



