
Für Miray Salman ist es keineswegs nur eine Forschungsfrage, sondern weitaus mehr: Wie kann die Teilhabe von marginalisierten Gruppen an Technologien und Algorithmen gelingen? Betont sie doch, dass gerade die gerechte Gestaltung der Digitalisierung wegweisend ist für den demokratischen Fortschritt. Und so hat sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Lücken in der digitalen Welt aufzuspüren und Online-Lösungen für alle zu entwickeln. Nach ihrem CCM-Bachelor an der Zeppelin Universität hat sie erst kürzlich ihren Master of Public Policy an der University of California, Berkeley, erfolgreich abgeschlossen; womöglich folgt schon bald eine Promotion.
Was war Dein Beweggrund, an der ZU studieren zu wollen?
Miray Salman: Das ist eine gute Frage. Damals war es eine Kombination aus Bauchgefühl und Logik. Ganz grob gesehen treffe ich meine Entscheidungen heute immer noch aus dieser Balance heraus. Und es ist natürlich nicht leicht, sich gegen die ZU zu entscheiden, wenn man einmal den See gesehen hat.
Was ist Dir von Deiner Zeit an der ZU am meisten in Erinnerung geblieben und wie hat diese Zeit Deinen weiteren Ausbildungsweg geprägt?
Salman: Die Initiativenlandschaft hat mich am meisten geprägt. Das Studium an der ZU hat mich dazu motiviert, hart an meinen Herzensthemen zu arbeiten und ehrliche und gut recherchierte Lösungen mit Spaß und in Zusammenarbeit mit Kommilitoninnen und Kommilitonen sowie Betroffenen durchzusetzen, oft als Pilotprojekte in Forschung und Praxis. Ich habe an der ZU gelernt, dass ich meine Leidenschaft mit rigoroser Qualität umsetzen kann. Und gelernt, wie Zusammenarbeit, Durchsetzungsfähigkeit, Geduld, persistence und konstantes gemeinsames Iterieren von Ideen und Lösungen zu großartigen Ergebnissen führen, die allen voran für Menschen sind.
Du hast in einem Artikel für ZU|Daily vom Digital Gender Gap berichtet. Wie kamst Du dazu, Dich mit dieser gesellschaftlichen Problemstellung auseinanderzusetzen?
Salman: Ich reflektierte viel darüber, was es bedeutet, sich als starke und kompetente Frau mit Migrationshintergrund in Orten zu bewegen, in denen Menschen mit solchen (intersektionalen) Hintergründen unterrepräsentiert sind, und warum das so ist. Ich erlebte und beobachtete viele Vorurteile und viele Herausforderungen und Reibungspunkte. Neue Technologien und Programmiersprachen waren wie ein Hobby für mich, zu dem sich der Zugang nicht sehr einfach gestaltete. Ich war neugierig, denn mir war bewusst, welches Veränderungspotenzial algorithmische Entscheidungsprozesse haben können. Es war für mich ein no-brainer, dass der Übergang in neue, Algorithmen-gesteuerte Systeme gefährlich für jene sein wird, die von ihrer Gestaltung ausgeschlossen sind.
Ich schaute mir die Zahlen an. In Deutschland hatten wir zu der Zeit einen der weltweit größten KI-Talentpools und waren gleichzeitig unter den Top 3 der Länder mit der größten Digital Gender Gap in diesem Pool. In Kombination bedeutete dies, dass wir im Grunde sehr einseitige Innovationen verfolgen. Eines meiner Interviews für meine Humboldt-Arbeit bewegte mich sehr. Auf die Frage hin, warum sich meine Interviewpartnerin trotz Interesse an Technologie nicht vorstellen kann, sich mehr Digitalkompetenzen anzueignen, kam die Antwort "I’m just not made for it". Diese schockierende Aussage ließ mich hinterfragen, wie wir es geschafft hatten, 50 Prozent der Bevölkerung Glauben zu machen, sie seien biologisch zu etwas nicht fähig.
Demokratischer Fortschritt kann nur dann sicher und gewinnbringend für alle erreicht werden, wenn alle Zugang und begehbare Wege zur Mitgestaltung von Technologien und Algorithmen haben. Ich identifizierte die Teilhabe von marginalisierten Gruppen an Technologien und Algorithmen damals als eines der wichtigsten Themen der Welt und für Deutschland.
Erst kürzlich hast Du Deinen Master an der University of California, Berkeley, erfolgreich abgeschlossen. Wo siehst Du die Unterschiede zu Deinem ZU-Studium und was hat Dich bewogen, nach Berkeley zu gehen?
Salman: Berkeley ist ein toller Ort und ich habe das Leben und Studieren dort geliebt (Go Bears!). Ein großer Vorteil an Berkeley ist der Zugang zu rigorosen quantitativen, technologischen und analytischen Kursen, die sehr inklusiv gestaltet sind. An der ZU gab es für mich damals vergleichsweise nur einige wenige Optionen, Themen aus der quantitativen Perspektive zu betrachten oder Programmiersprachen zu lernen. Zudem sticht an der UC Berkeley insbesondere der equity-Fokus heraus. Nahezu alle Professor:innen haben einen Fokus an der Schnittstelle zu equity – sei es in Applied Econometrics, Computational Social Science oder Politics and Public Policy. Dieser integrative equity-Fokus und der Zugang zu quantitativen Lernmöglichkeiten haben mich dazu bewegt, an der UC Berkeley zu studieren. Und wie es der Zufall so will, habe ich wieder an einem wunderschönen Gewässer studiert – dieses Mal der Pazifische Ozean.
Du strebst nach Deinem Master noch eine Promotion an. Was reizt Dich an der akademischen Arbeit und mit welchen Themen setzt Du Dich heute auseinander?
Salman: Was mich an der akademischen Arbeit reizt? Dazu habe ich eine ganz langweilige Antwort: Ich liebe das Forschen. Dieser Teil war in jeder meiner Praxiserfahrungen immer der, den ich am meisten genossen habe.
Ich möchte Unsichtbarkeiten und Lücken in der KI, in Algorithmen und in kritischen Technologien adressieren, um dazu beizutragen, dass sie sicher für alle weiterentwickelt und umgesetzt werden. Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf dem Zugang der Gesundheitsversorgung für alle mit einem besonderen Fokus auf Gesundheit von Frauen und Geflüchteten. Algorithmen-gesteuerte Lösungen sicher für alle zu machen, ist ein Menschenrecht, denn Sicherheit bedeutet Sicherheit für alle.
Momentan setze ich mich akademisch in diesem Zusammenhang mit Themen wie Human-Machine-Interaction, Automation Bias und Invisibilities and Security in AI auseinander. Zuvor habe ich zusammen mit einem Forschungsteam in Stanford an der Pilotierung einer KI-Lösung zur Krebsuntersuchung für Geflüchtete mitgearbeitet, in Deutschland Online-Lösungen für Gesundheitskapazitäten für Geflüchtete in einem participatory-Ansatz entwickelt und einen Bericht mit Empfehlungen zur Berücksichtigung von Datengerechtigkeitskennzahlen für ein Departement des kalifornischen Bundesstaates erarbeitet.
Auf welche Weise bist Du noch mit dem ZU-Netzwerk verbunden?
Salman: Ich bin bis heute mit ZUler:innen verbunden und treffe sie überall auf der Welt wieder. Manchmal facetime ich mit meinen Freunden aus der ZU-Zeit. Ich genieße es sehr, Leute von der ZU wieder zu treffen. Ich bin auch noch mit meinem damaligen Tandem Coach und meiner BA-Betreuerin in Kontakt. Vergangenes Jahr haben wir uns in San Francisco zum Mittagessen wiedergesehen.
Wenn Du nach dem Alumni-Netzwerk der ZU gefragt werden würdest: Welche Formate gefallen Dir besonders gut und was würdest Du Dir noch wünschen?
Salman: Mir gefällt es gut, dass man vom Alumni-Netzwerk hin und wieder mal zum Sommerfest oder anderen Vor-Ort-Veranstaltungen eingeladen wird. Da ich momentan in den USA lebe, würde ich mich aber auch sehr über Online-Formate freuen. Ich fände es auch toll, mehr von den Alumni und Alumnae sowie aktuellen Studierenden sehen zu können, beispielsweise durch eine Liste mit Namen und Links zu Websites oder LinkedIn-Profilen.
Was ist Dein Lieblingszitat oder Dein Lebensmotto, das Dich auf Deinem Karriereweg begleitet hat?
Salman: "Honest and hard work always pays off." Ich habe dies selbst in Erfahrung gebracht. Ganz egal, wie ich die Probleme im Moment wahrgenommen habe und wie viele Hürden es gab – wann immer ich ehrliche und harte Arbeit geleistet habe, war ich mit den Ergebnissen glücklich.
Welchen Podcast- oder Buchvorschlag hast Du für die Alumni-Community?
Salman: Fei-Fei Li – The Worlds I See: Sie ist Professorin und Ko-Direktorin des Stanford’s Human-Centered AI Institute. Sie hat das Feld der KI insbesondere in den Bereichen Computer Vision, Deep Learning, und Natural Language Processing signifikant vorangetrieben. Ihr Buch zeigt wunderbare Narrative zwischen Diversität und Technologie auf. Sie ist ein großes Vorbild für mich.
Joy Buolamwini – Unmasking AI: Sie erforscht Bias in AI aus technologischen und poetischen Perspektiven. Ihre Arbeit zu Bias in Facial Recognition ist ein fantastischer Beleg und Proof of Concept dafür, dass wir Algorithmen nicht als Blackbox akzeptieren müssen – ein Argument, dessen Deus ex Machina-Funktion viel zu oft für den Technologiesektor akzeptiert wird.



