
Bei der 6. Female Founders Night an der Zeppelin Universität zeigen sich zwischen Social Entrepreneurship, Technologie und Kunst neue Perspektiven auf eine faire Wirtschaftswelt. Dabei wird eins klar: Wir reden heute nicht mehr darüber, ob Gleichberechtigung wichtig ist, sondern darüber, wie sie funktioniert. Auf diesem Weg stehen wir nicht mehr am Anfang. Aber sind wir schon am Ziel?
Sie steht schon lange auf der Wunschliste und dieses Jahr kommt sie endlich den weiten Weg aus Berlin an den Bodensee: Verena Pausder, Vorsitzende des Startup-Verbands und bekannte Stimme des Podcasts „Fast & Curious“. Als sie die Bühne des Graf-von-Soden-Forums für eine Keynote betritt, füllt sie den Saal mit einer Mischung aus Witz und Ehrlichkeit. „Ich wollte direkt nach dem Abi eine Salatbar aufmachen“, erzählt sie lachend. „Ist gescheitert. Na und?“ Damit zerlegt sie den Mythos des perfekten Werdegangs. Niemand müsse fehlerfrei sein, um etwas zu bewegen. Man brauche nur „mehr Menschen, die einfach machen“ – und das am besten zusammen. Das Publikum nickt und verfällt in lauten Applaus.
Die Unternehmerin spricht offen über die Minderheit von Frauen in der Gründungszene. Aber genau darin liege eine Kraft, so Pausder: „Seht es als Stärke, dass ihr eine von wenigen seid. Ich will nicht sagen, dass ihr es leicht habt. Aber seht es als Chance, sichtbar zu sein.“ Anstatt sich von Strukturen entmutigen zu lassen, plädiert sie dafür, den „unterschätzten“ Status zu nutzen. Ihre Botschaft: Wer unterschätzt wird, hat die Freiheit, Regeln zu brechen.
Ein Blick ins Publikum zeigt, was Pausder meint: Student:innen,
Gründer:innen, Unternehmer:innen, Investor:innen – ein gemischtes Publikum, das
nicht übereinander, sondern miteinander spricht.

Moderatorin Lilli Germann eröffnet den Tag mit dem Satz: „Unternehmertum kennt keine Grenzen.“ Sie macht deutlich, dass Female Leadership von Diversität und Kreativität lebt. Auch Antonia von Achten, Studentin der Zeppelin Universität und Teil des General Management Boards der Initiative, formuliert klar, dass an der ZU weibliche Führungskultur zwar als selbstverständlich gesehen wird, aber „da draußen gibt es noch viel zu tun.“
Gemeinsam mit Co-Leiterin Nele Amen und einem fünfzehnköpfigen Team schafft es die Initiative, einen Raum des Austauschs zu bauen. Er schafft Begegnungen, die außerhalb etablierter Netzwerke oft nicht stattfinden: besonders für Frauen, die gründen oder führen möchten. Damit machte das Event einen Schritt in genau die richtige Richtung.

Zum ersten Mal wird die Female Founders Night durch einen künstlerischen Teil ergänzt. Kurator Till Leander Schröder verwandelt den Campus in ein temporäres Museum mit Arbeiten internationaler Künstlerinnen, die ihre feministischen Perspektive ausdrücken. Die Ausstellung demonstriert, dass Gleichberechtigung nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine kulturelle Aufgabe ist.
In weißer Kreide steht an den schwarzen Tafelwänden des ZF-Campus: „I am fucking angry because it is still an insult to be called a girl.“ Auf den violetten Programmheften: „Society hates women and its fucking disgusting.“ Beide Sätze stammen von der Künstlerin Lise Bøgh Pedersen und zeigen, wie wütend sie auf die noch herrschenden patriarchalen Strukturen ist.
Die Schwere der Thematik ist an diesem Tag auch körperlich spürbar: Ein lauter und fordernder Soundtrack der Künstlerin Mathilde Zeuthen, abgespielt vor Pausders Keynote, vibriert durch den Saal. Er macht unbequem spürbar, dass Gleichberechtigung kein Harmonieprojekt ist. Ungleichheit ist emotional, sozial und deshalb politisch.

Neben Pausder ist es die Unternehmerin Isabel Bonacker, stellvertretende Vorsitzende der Babor Beauty Group, die das Thema Führung auf den Kern zurückführt: Verantwortung beginnt nicht im Titel oder im Geschlecht, sondern in der Entscheidung, etwas zu tun. Sie appelliert: „Unternehmen kommt von etwas unternehmen.“ Also nicht warten, bis jemand Verantwortung überträgt, sondern sie sich nehmen, denn „die wichtigste Stimme ist deine eigene.“
Lena Winter, Gründerin des Berliner Auktionshauses am Grunewald, und Nicole Srock.Stanley, CEO der Designagentur dan pearlman, erzählen im Panel „Beyond the Frame“ über die Machtmechanismen im Kreativmarkt. Winter beschreibt den Kunstmarkt als Struktur, die weibliche Talente unsichtbar macht. Um ein alternatives System aufzubauen, in dem Kunst zugänglich wird und sie nicht an elitäre Räume gebunden ist, holt Winter „Schätze aus zweiter Reihe zurück: oft von Künstlerinnen, die nie gesehen wurden.“

Srock.Stanley geht einen Schritt weiter und spricht von der Notwendigkeit neuer Infrastrukturen: „Jede Frau muss die Freiheit haben, ihr Leben zu gestalten.“ Die Designerin meint damit Betreuungsangebote, flexible Arbeitsmodelle und Finanzierungsmöglichkeiten für Gründerinnen. Sie erzählt, dass ihr Gehalt in den ersten Kinderjahren fast ausschließlich in Kitas und Horte floss. Außerdem fügt sie hinzu: „Kreativität ist nicht alles. Aber ohne Kreativität ist alles nichts.“ Es ist ein Angriff auf alte Denkmuster, denn was als weich gilt, wird oft unterschätzt. Aber genau darin liegt die große Kraft.
Beide Künstlerinnen sind sich einig: Female Leadership heißt, sich eine Infrastruktur zu bauen, um in einer männerdominierten Welt den Arbeitsalltag bewältigen zu können. Dazu gehören private Rahmenbedingungen wie auch Awareness in der eigenen Firma. Winter baute sich mit der Gründung ihres Auktionshauses einen „eigenen Kosmos, der nicht toxisch und weniger elitär ist“.
Weitere fünf Panels und zwei Workshops beschäftigen sich an dem Nachmittag mit ähnlichen Fragen über weibliche Führung und Gründungen. Doch dieses Panel verdeutlicht den Ernst der patriarchalen Strukturen besonders klar. „Wir müssen uns lustvoll streiten – sonst verändert sich nichts“, appelliert Srock.Stanley abschließend.

Was die Female Founders Night 2025 beeindruckend deutlich macht: Es geht nicht darum, Frauen stärker zu machen. Sie sind es längst. Es geht darum, Strukturen zu schaffen, in denen weibliche Führung nicht als Diversity-Maßnahme gilt, sondern als Normalität. Diesen Fortschritt braucht es, und er entsteht an Orten wie der Zeppelin Universität, wo Menschen einander zuhören und Verantwortung übernehmen.
Die Bedeutung dieses Raums unterstreichen ebenfalls Oberbürgermeister Simon Blümcke und ZU-Geschäftsführer Thomas Brandt in ihren Begrüßungsworten. Vielleicht ist es auch genau das, was Verena Pausder meint, als sie zum Abschied sagt: „Ich bin so neidisch auf euch. Gerne wäre ich noch einmal jung und würde hier studieren!“



