Pionier des Monats
Augustin Renz: Jongleur mit drei Standbeinen
von Sebastian Paul
25.09.2025
People
Pionier des Monats

Augustin Renz: Jongleur mit drei Standbeinen

von Sebastian Paul
25.09.2025
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Augustin Renz gefällt die Rolle des Lobbyisten. Ob in der Schul- oder Hochschulpolitik sieht er es als seine Aufgabe, die Interessen anderer kraftvoll zu vertreten, aber auch zwischen Interessen zu vermitteln. Als Bachelorstudent wiederum verknüpft er die Weltbetrachtungen miteinander, die ihm die Soziologie, Politik und Ökonomie bieten. Ausgehend davon sucht er schließlich als qualitativer und quantitativer Forscher nach Wegen, aktuelle Probleme zu lösen.

Augustin Renz ist im erweiterten Speckgürtel von Stuttgart aufgewachsen. Eine Region, in der auch das Familienunternehmen Renz seine Postanschrift hat. Mit Brief- und Paketsendungen ist das von seinem Urgroßvater vor genau 100 Jahren in Kirchberg an der Murr gegründete Unternehmen bestens vertraut, stellt es doch mechanische und digital-vernetzte Brief- und Paketkastenanlagen her. „Solange ich mich erinnern kann, ist das Unternehmen ein fester Bestandteil in der Familie, jedoch stets im positiven Sinne und nicht aufdringlich“, bemerkt Renz, dessen Vater seit einigen Jahren die Geschäfte führt und die Europäisierung des Unternehmens maßgeblich vorantreibt. „Mein Vater hat es verstanden, mich und meine Geschwister an das Familienunternehmen heranzuführen und daran teilhaben zu lassen, ohne dies an Erwartungen zu knüpfen.“


Der Mutter war es wichtig, ihre Kinder früh mit der Welt der Kunst und Kultur vertraut zu machen. „Der regelmäßige Besuch von Museen und Konzerten hat bei mir dazu geführt, dass ich bis heute vor allem von klassischer Musik und der Oper begeistert bin“, erwähnt Renz, der von sich selbst als passioniertem Hobby-Violinisten und Freund von Literatur und Kunst spricht. Dies ist jedoch nur ein Teil seines Interessenspektrums: „Ein weiteres Steckenpferd von mir war und ist die Gesellschafts-, die Politik- und die Wirtschaftsbetrachtung.“ Auslöser war ein Radio, das er mit zehn Jahren in die Hände bekam. Er drehte sich durch die Frequenzen und blieb beim Deutschlandfunk hängen. Jahre exzessiven Hörens haben ihre Spuren hinterlassen. Noch heute kennt er den Sendeplan auswendig – und: „Das, was ich im Radio gehört habe, wollte ich auch verstehen. Daher habe ich die im Radio besprochenen Themen auch im Familienkreis diskutiert.“

Verantwortungsgefühl und Mitgestaltungswille schon immer vorhanden

Einer gewissen Tradition in der Familie folgend, besuchte Augustin Renz eine Waldorfschule – und das von der ersten Klasse bis zum Abitur. Wenn ihm etwas nicht in den Kram passt oder ihm Missstände begegnen, dann ist es für ihn nicht damit getan, nur herumzunörgeln – sondern die Dinge beim Namen zu nennen, in Bewegung zu setzen und bestenfalls zu verändern. „Verantwortungsgefühl und Mitgestaltungswille sind bei mir schon immer vorhanden gewesen“, erläutert Renz. Genauso die Beharrlichkeit, an einmal gesteckten Zielen festzuhalten. Wenn er bei einer Wahl zum Klassensprecher oder in den Landesschülerbeirat eine Niederlage kassierte, ließ er den Kopf nicht hängen und versuchte es eben erneut. Und die Hartnäckigkeit zahlte sich aus, wenn er schließlich doch zum Klassensprecher oder in den Landesschülerbeirat gewählt wurde.


„Pointiert und provokativ, aber auch konstruktiv“: So bezeichnet Augustin Renz das von ihm federführend erarbeitete Grundsatzprogramm des 15. Landesschülerbeirats. Die darin festgehaltenen Forderungen etwa nach Lehrerbenotungen, mehr Alltagsunterricht oder Ethik statt Religion erzeugten einen überregionalen Medienwirbel, sogar die Süddeutsche Zeitung berichtete darüber. „Es ist gar nicht so einfach, den Spagat zu meistern, einerseits konstruktiv sein zu wollen und andererseits eindringlich sein zu müssen“, erwähnt Renz. „Wer mich bislang in Gremien erlebt hat, der weiß, dass ich auch mal zugespitzt und polemisch formulieren kann. Das tue ich aber nur, um andere aufzuwecken und mit meinen Forderungen durchzudringen.“


Vor, während und nach dem Abitur wusste Augustin Renz, dass es auf ein interdisziplinäres Studium hinausläuft. Dass es aber ein Bachelor an der ZU wird, hatte – zumindest anfangs – einen ganz pragmatischen Grund: Hätte er für ein Studium direkt nach dem Abitur das Land Baden-Württemberg verlassen, hätte er sein Amt im Landesschülerbeirat niederlegen müssen. Um dieses gewissenhaft bis zum Ende der Amtszeit auszuführen und mehr Klarheit in Fragen der Studienwahl zu erlangen, belegte er für ein Semester das Kompass-Studium. „Weil mir die enorme intellektuelle Breite so gut gefallen hat, habe ich mich danach ganz bewusst für den Bachelor in Soziologie, Politik und Ökonomie entschieden. Denn meiner Meinung nach sind es gerade die Verknüpfungen zwischen den Weltbetrachtungen, die ungemein befruchtend und bereichernd sind“, erklärt Renz.

Von der Schul- in die Hochschulpolitik

Zutiefst überzeugt von der ZU, dauerte es nicht lange, bis Augustin Renz in die Hochschulpolitik aktiv einstieg. In den ersten beiden Semestern saß er als Vertreter für das Zeppelin-Jahr im Student Council. Mitglied dessen blieb er auch überschneidend und anschließend als SPE-Programmschaftssprecher – nur gesellten sich jetzt der Fachbereichsrat, der Programmrat und das Teaching Council hinzu. „Die ersten beiden Ämter gaben mir einen Einblick und ein Gefühl für die Hochschulpolitik und die relevanten Gremien. Nur wollte ich gerne auch im höchsten universitären Gremium, dem Senat, mitwirken“, berichtet Renz.


Im vierten Semester war Augustin Renz bereit für den nächsten Schritt: das Amt eines von vier studentischen Senator:innen. „Die Gremienarbeit und die Abstimmungsprozesse hatten mit dem neuen Amt ein deutlich höheres Level angenommen. Hätten wir im Team nicht so gut funktioniert, dann wären wir das eine oder andere Mal an unsere Grenzen gestoßen“, erzählt Renz.


Mehrgleisig bewegt Augustin Renz sich nicht nur in der Hochschulpolitik, sondern auch im Studium: von Politischer Philosophie und Ökonomischer Theoriengeschichte über System- und Organisationstheorie bis hin zu quantitativen Methoden. Ein Thema, das ihn im gesamten Studium begleitet, ist der soziale Wohnungsbau. Angefangen mit einem Zeppelin-Projekt, in dem er das künftige Wohnquartier im Fallenbrunnen Nordost in Friedrichshafen aus der sozialen Perspektive betrachtete; fortgesetzt mit einer Hausarbeit, in der er anhand von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) untersuchte, wie sich die Wohnqualität und das Wohnumfeld auf die Lebenszufriedenheit auswirken. „Das Thema sozialer Wohnungsbau interessiert mich allein schon deshalb, da die Wohnraumknappheit einer der zentralen sozialen Fragen unserer Gegenwart ist“, betont Renz, der in den vergangenen zwei Jahren auch als studentische Hilfskraft Einblicke in die Forschung erhielt – zunächst am Lehrstuhl für Politikwissenschaft von Professor Dr. Joachim Behnke und anschließend am Lehrstuhl für Soziologische Theorie von Professorin Dr. Maren Lehmann. Seit einem Jahr wird er zudem als Stipendiat der Stiftung der Deutschen Wirtschaft gefördert, eine Anerkennung seiner studentischen und ehrenamtlichen Leistungen.

Semester an der UC Berkeley bedeutet auch Pause von der Hochschulpolitik

Nach sechs Jahren durchgängigem Engagement in der Schul- und Hochschulpolitik legt Augustin Renz nun eine Pause ein. Seit einigen Wochen lebt und studiert er an der UC Berkeley und beschäftigt sich dort mit Fragen rund um Populismus, Bürokratie, Soziale Ungleichheit und Künstliche Intelligenz. „Es ist ein ambivalentes Gefühl. Einerseits bin ich froh, die Hochschulpolitik erst einmal hinter mir zu lassen. Auch weil ich davon überzeugt bin, dass mit einem personellen auch immer ein Perspektivwechsel verbunden ist, den es von Zeit zu Zeit einfach braucht. Andererseits bin ich ein Stück weit traurig, weil an der Universität gerade so viele wegweisende Dinge passieren, die ich gerne mitbegleiten und mitgestalten würde“, kommentiert Renz. Und er fügt lachend hinzu: „Der Mikrokosmos der Hyperaufgeregtheit fehlt mir jetzt schon.“


Wie es für Augustin Renz nach dem Studium weitergeht, ist noch offen – drei mögliche Lebenspfade hat er sich jedoch für die fernere Zukunft skizziert: „Entweder bleibe ich der interdisziplinären Wissenschaft treu oder steige nach einem Master in Management ins Familienunternehmen ein. Ebenfalls nicht ausgeschlossen ist, dass mein Weg von der Schul- über die Hochschul- in die professionelle Politik führt.“

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