Still from Whiteface, 2022, Dual-channel video installation, colour, loop, Duration: 35 minutes, 23 seconds.Commissioned by the Museum Folkwang with support from the Kunsthalle Baden-Baden
Still from Whiteface, 2022, Dual-channel video installation, colour, loop, Duration: 35 minutes, 23 seconds.Commissioned by the Museum Folkwang with support from the Kunsthalle Baden-Baden

‘WHITEFACE‘

Candice Breitz

16 | 09 | - 01 | 12 | 2023 White Box, ZF Campus | ZU


Woraus nährt sich Rassismus? Was bedeutet es in einer weißen Haut zu stecken? Welche Privilegien sind damit verbunden? Und welche Rolle haben Fernsehgrößen, Comedians, und Blogger bei der Mobilisierung von Ressentiments?


Die aus Südafrika stammende Künstlerin Candice Breitz, die als Weiße während des Apartheidregimes in Südafrika aufwuchs, zählt zu den wichtigsten Stimmen in der aktuellen Debatte zu Themen wie Identitätspolitik, Rassismus, Weißsein und Politiken der Repräsentation. Mit ihren Fotografien und Videoarbeiten blickt sie vor allem auf die Rolle der Popkultur und populärer Medienformate bei der Konstruktion und Formierung von kollektiven und individuellen Identitäten. Schon seit den 1990er Jahren macht sie dabei auch das eigene Weißsein und andere rassifizierte Kategorien zum Thema. Ihre Arbeiten, die weltweit seit vielen Jahren in den großen Museen und Biennalen gezeigt werden, bestechen dabei durch ihre Genauigkeit in der Beobachtung und eine ganz eigene Ästhetik. Durch eine reduktionistische, serielle und betont arrangierte Bildsprache machen ihre Videoarbeiten und Fotografien stets die mediale Konstruiertheit des Gezeigten augenfällig.


In ihrer 2022 entstandenen Videoinstallation ‘Whiteface‘, die an der Zeppelin Universität in einem gleißend weißen Raum inszeniert wird, befasst sich Breitz mit rassistischen Klischees, Sprechweisen und Argumentationsmustern wie sie alltäglich in den Massenmedien zirkulieren und so vergiftete Resonanzräume und Identifikationsangebote ausbilden.


In dem Video tritt die Künstlerin selbst auf – bekleidet mit einem weißen Hemd, mit und ohne unterschiedliche platinblonde Perücken. Verstörend an ihrem multiplen Auftritt sind dabei schon aufs erste Hinsehen die zombiehaften etwas irren weißen Kontaktlinsen. Die Künstlerin steht vor einem schneeweißen Hintergrund und bewegt ihre Lippen und gestikuliert wie eine umgekehrte Synchronsprecherin zu den Stimmen und den Redefragmenten ganz unterschiedlicher teilweise bekannter Persönlichkeiten. Thema dieses collagierten Re-enactments von Redebeiträgen sind mehr oder weniger radikale, absurde, kritisch-reflexive bis höchst zynische Kommentare von weißen Personen zu ihrem eigenen Weißsein. Diese reichen von der Reproduktion Alltagsrassismem, Vorstellungen weißer Vorherrschaft bis hin zu rechtsextremer Propaganda.


Das Spektrum der Personen, die hier zu Wort kommen, geht dabei vom rechtsextremen White-Supremacy-Aktivist Richard Spencer, über den ehemaligen Fox-News Fernsehmoderator Tucker Carlson, der durch seine zunehmend paranoide Weltsicht zum Skandalfall wurde, den Comedian Bill Maher, der lange die Show Late-Night-Talkshow Politically Incorrect moderierte, über die umstrittene weiße Aktivistin und ehemalige African-American-Studies-Dozentin Rachel Dolezal, die sich als Schwarze ausgab und heftige Debatten zur Un/möglichkeit "transracial identity" entfachte, bis hin zur Soziologin und Antirassismusberaterin Robin DiAngelo, die das Konzept der „weißen Zerbrechlichkeit“ prägte und in ihrem Buch What Does It Mean to Be White? über systemischen Rassismus schrieb. Neben den aus Funk, Fernsehen und YouTube bekannten Größen hat Candice Breitz über die Jahre ein Archiv angelegt, das auch anonyme Blogger umfasst. Hierin sammelt sie Stimmen weißer Menschen, die über Weißsein sprechen.

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Die zugleich minimalistische wie betont theatralische Verkleidung, die Repetition bestimmter Passagen, Klatschen und Fingerschnippen wie auch der Auftritt einer Art Chor, in dem die Künstlerin in unterschiedlichen Rollen verdreifacht nebeneinander agiert, strukturieren das 35 Minuten Video. Durch sich wiederholende kurze Sprechgesänge wie „White people talking about race, White people talking about race, White people talking about race“, die immer wiederkehrende Frage „Who are you?“, ein repetitives „tick tock, tick tock – boom!“ und eine vielfach eingespielte Soundfolge, die aus dem Soundboard einer Quizsendung entnommen zu sein scheint, entsteht eine eindringliche Choreografie. Auch wenn die aneinandergereihten Zitate durch die rhythmischen Wiederholungen gleichsam in einzelne Kapitel eingeteilt werden, so verliert sich in den ineinandergefügten Aussagen jedes Argument. Themenfelder wie White Privilege, die Definition von Rassismus, Reverse Racism, White Fragility oder das angeblich drohende Aussterben der „Weißen Rasse“ werden angeteasert und versanden wieder.


Breitz macht sich hier selbst zum Echo, das fragmentierte Statements aus dem undurchdringlichen Dickicht aktueller Rassismus-Debatten wiederkäut oder einpeitscht. Das Material verschränkt rassistische Stereotypen aus Massenmedien, semantische Muster eines scheinbar harmlos daherkommenden Alltagsrassismus mit Bruchstücken akademischer Diskurse, Wutreden, Comedy und rechtsextremer Verachtung. Das Re-enactment der Stimmen macht damit weniger einzelne Sprecher:innenpositionen kenntlich, sondern konfrontiert vielmehr mit jenem widersprüchlichen Spektrum von Denk- und Redeweisen, argumentativen Figuren und Befindlichkeiten, das weißer Vorherrschaft zugrunde liegt.


Für die „White Box“, den Ausstellungsraum des artsprogram der Zeppelin Universität, wurde diese gleichermaßen emotional aufgeladene wie satirische Videoarbeit zum Weißsein als immersiver Raum arrangiert.

Durch eine Studiengruppe, eine Podiumsdiskussion mit der Soziologin Eva Illouz und dem Politikwissenschaftler Simon Koschut und ein abschließendes experimentelles Symposium wird die Arbeit in einen breiteren Kontext gestellt, der über sie stark US-amerikanisch geprägten Debatten hinausweist.

Candice Breitz by Tobias Zielony, 2019
Candice Breitz by Tobias Zielony, 2019

Zur Künstlerin

Candice Breitz (geboren 1972 in Johannesburg) lebt als Künstlerin in Berlin. Während ihrer gesamten künstlerischen Laufbahn hat Breitz die Dynamik erforscht, durch die Individuen in Bezug auf eine größere Gemeinschaft geformt werden, sei es die unmittelbare Gemeinschaft der Familie, oder die realen und imaginierten Gemeinschaften, die nicht nur durch Fragen der nationalen Zugehörigkeit, Race, Gender und Religion, sondern auch durch den zunehmend unleugbaren Einfluss von Mainstream-Medien wie Fernsehen, Kino und anderer Populärkultur geprägt werden.

In jüngster Zeit konzentrierte sich Breitz' Arbeit auf die Bedingungen, unter denen Empathie erzeugt wird, und reflektierte über eine mediengesättigte globale Kultur, in der eine starke Identifikation mit fiktiven Charakteren und prominenten Persönlichkeiten mit einer weit verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber der Notlage derjenigen einhergeht, die mit den Widrigkeiten der realen Welt zu kämpfen haben. Im Jahr 2022 schloss sie die ‘White Noise Trilogy‘ ab, ein Trio von Mehrkanal-Videoinstallationen, das ‘Love Story‘ (2016), TLDR (2017) und ‘Whiteface‘ (2022) umfasst.

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In den letzten zehn Jahren waren Einzelausstellungen von Breitz‘ Werk in der Tate Liverpool, im Museum Folkwang, Essen (2022), in der FMAV / Fondazione Modena Arti Visive, Modena (2022), im Contemporary Jewish Museum, San Francisco (2021), Kunstmuseum Bonn (2020), Baltimore Museum of Art (2020), Auckland Art Gallery Toi o Tāmaki, Neuseeland (2020), West Den Haag, Den Haag (2019), FACT / Foundation for Art & Creative Technology, Liverpool (2019), Neuer Berliner Kunstverein (2019), Boston Museum of Fine Arts (2018), Arken Museum of Modern Art, Kopenhagen (2018), Museum Frieder Burda I Salon Berlin (2018), Stavanger Kunstmuseum (2018), Kunstmuseum Stuttgart (2017), Blaffer Art Museum, Houston (2014), Centre d’Art Contemporain Genève (2014), National Gallery of Canada, Ottawa (2013), Void Contemporary Art Space, Derry (2013), South African National Gallery, Cape Town (2012) und ACMI / Australian Centre for the Moving Image, Melbourne (2012),et.al. Collection Lambert en Avignon, Sonnabend Gallery (New York), FACT / Foundation for Art & Creative Technology (Liverpool), Neuer Berliner Kunstverein (Berlin)


Im Jahr 2017 vertrat Breitz Südafrika auf der 57. Biennale von Venedig (gemeinsam mit Mohau Modisakeng). Sie hat außerdem an Biennalen/Triennalen in Johannesburg, São Paulo, Istanbul, Taipeh, Gwangju, Tirana, Göteborg, New Orleans, Singapur, Dakar, Melbourne, Cleveland, Sharjah, Aichi, Rabat und Prag teilgenommen.


Ihre Arbeiten wurden auf dem Sundance Film Festival (New Frontier, 2009), auf dem Toronto International Film Festival (David Cronenberg: Transformation, 2013) und im Herbstsalon des Gorki Theaters (4. Berliner Herbstsalon: De-heimatize It!, Berlin, 2019) gezeigt.


Verantwortlich für das Projekt

Rahel Gloria Spöhrer | Kuratorische Leitung des artsprogram der Zeppelin Universität | rahel.spoehrer@zu.de


Prof. Dr. Karen van den Berg | Wissenschaftliche Leitung des artsprogram der Zeppelin Universität | karen.vandenberg@zu.de


Martin Beck, Alexander Fahl, Ramiz Hetemi, Laetita Lüke, Aladi Njei | 

Technische Planung und Einrichtung


Marei Brodeck, Niklas Ehret, Laetita Lüke, Lilli Kim Schreiber | Kuratorische Assistenz


Dank an | Moritz Colsman, Jessica Fischer, Konrad Müller, Belle Santos, Sophie Mak-Schram 

Weitere Informationen

Mehr Informationen zu dem Jahresthema Being Wrong


Mehr Informationen zu der Ringvorlesung in Zusammenarbeit mit Arts of the Working Class und dem Zentrum für Kulturproduktion 


‘Whiteface‘ Zeppelin Universität

Geöffnet Di-Do 10-16h für Abendveranstaltungen und auf Anfrage

Telefon: 07541 6009 1302

E-Mail: artsprogram@zeppelin-university.net

Förderung

Sparkasse Bodensee

Baden-Württemberg Stiftung

Fränkel Stiftung

Zeit, um zu entscheiden

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