Pionierin des Monats
Ezgi Gülistan Gül: Mit Fokus gegen das Vergessen
von Sebastian Paul
21.08.2025
People
Ezgi Gülistan Gül
Ezgi Gülistan Gül
© Anna Weber
Pionierin des Monats

Ezgi Gülistan Gül: Mit Fokus gegen das Vergessen

von Sebastian Paul
21.08.2025
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Ezgi Gülistan Gül lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Trotz anderslautender Einschätzungen hat sie das Abitur gemacht und ein Studium aufgenommen – und ermuntert nun andere, ebenso an sich zu glauben und ihren Weg zu gehen. Konsequent und kraftvoll bleibt Ezgi Gülistan Gül auch, indem sie sich nicht zu schade ist, unbequeme Tatsachen auszusprechen. Dabei ist ihr Ziel, Wissen in die Welt setzen, das nie belehrend, sondern immer bereichernd ist.

Mehr als 30 Jahre oder zwei Generationen, nachdem ihr Großvater als kurdischer Gastarbeiter von der Türkei nach Deutschland kam, erblickte Ezgi Gülistan Gül das Licht der Welt – mitten auf der Schwäbischen Alb in einem 3000-Seelenvorort von Tübingen. Danach ging es nach Balingen, wo sie ihre Jugendzeit verbrachte. „Zwar hatte ich als Kind und Jugendliche nie Berührungsängste oder Probleme, in einer Gemeinschaft Anschluss zu finden. Auf dem Gymnasium allerdings begegnete ich Lehrkräften, die mir das Abitur nicht zutrauten“, berichtet Gül, die sich davon aber nicht unterkriegen ließ und nach der zehnten Klasse auf ein Wirtschaftsgymnasium wechselte und dieses mit dem Abitur in der Tasche verließ.


Auch wenn es ihren Eltern wichtig war, den politischen Hintergrund der Familie nicht allzu sehr in den Vordergrund zu rücken, kam Ezgi Gülistan Gül nicht umhin, sich nach und nach intensiver mit dem kurdischen Leben und der kurdischen Kultur auseinanderzusetzen. Mehr noch: Sie engagierte sich früh in der alevitischen Gemeinde und leistete dort Bildungsarbeit. „Abseits politischer Themen ging es vor allem darum, das Selbstbewusstsein von Menschen mit Migrationshintergrund zu stärken und ihnen Wege und Mittel aufzuzeigen, wie sie sich behaupten und wie sie ihre Ziele erreichen können“, ergänzt Gül.


Das gilt auch für ihren Weg an die ZU. „Für mich war schon immer klar, dass ich mich in einem Studium mit den Themen beschäftigen möchte, die mich bislang begleitet haben: eben mit Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Und das an einem Ort, der mich fördert und fordert. Da waren der SPE-Bachelor und die ZU genau das, was ich mir vorstellte und wünschte.“

Von der Soziologie zur Politischen Soziologie

Ins kalte Wasser geschmissen fühlte sich Ezgi Gülistan Gül, als in ihrem ersten Soziologie-Kurs die Lektüre von Max Weber oder Émile Durkheim anstand. Doch ließ sie sich davon nicht abschrecken. Im Gegenteil: „Ich war besonders fasziniert von der Soziologie. Sie hat die einzigartige Fähigkeit, nicht nur bestehende Machtverhältnisse zu analysieren, sondern auch danach zu fragen, wie Macht funktioniert und wie sie sich auf das Leben verschiedenster Menschen auswirkt“, erläutert Gül. Aus der Entdeckung, dass sich soziologische Theorien ideal mit politischen Fragen verbinden lassen, resultierte ihr Fokus auf die Politische Soziologie – und dabei vor allem auf staatenlose und marginalisierte Gruppen in der MENA-Region (Middle East and North Africa Region). „Besonders das Verhältnis von Staaten und Gesellschaften interessiert mich und wie staatlich sanktionierte Gewalt produziert und gezielt eingesetzt wird“, erwähnt Gül.


Um ihren Fokus zu vertiefen, nahm sie an einer Kurdish Studies Conference an der London School of Economics and Political Science (LSE) teil und legte ein Auslandssemester an der American University of Armenia ein. „Besonders die Teilnahme an der Konferenz war ein erleuchtender Moment, weil ich gesehen habe, wie stark das Forschungsfeld in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gewachsen ist“, erklärt Gül. In Armenien wiederum erlebte sie aus erster Hand mehr über den gesellschaftlichen Umgang mit dem Erbe eines Genozids.


Ezgi Gülistan Gül erinnert sich noch gut an die Geschichten ihrer Großeltern, aus denen hervorging, wie Kurdinnen und Kurden einst mit Armenierinnen und Armeniern in verschiedenen Regionen der heutigen Türkei zusammenlebten. Während Letztere 1915/16 aus dem Land vertrieben wurden, blieb eine Vertreibung Ersteren erspart. „Mit dem Wissen, dass die historische Gewalt an den einen nicht losgelöst ist von der gegenwärtigen Gewalt an den anderen, habe ich stets versucht, Verbindungen in den jeweiligen Unterdrückungsgeschichten herzustellen“, beschreibt Gül, „wobei mir immer wieder der Begriff der Verleugnung begegnet ist.“ In ihrer Humboldt-Arbeit durchleuchtete sie Reden von türkischen Politikern und türkische Gesetzestexte daraufhin, wie sie durch Verleugnung neue Gewalt nicht nur legitimieren, sondern auch produzieren. „Solange ein Genozid nicht anerkannt wird, kann der Zyklus der Gewalt nicht durchbrochen werden“, konstatiert Gül. In ihrer Bachelorarbeit hat sie die Politik der Verleugnung konzeptualisiert, sodass ihre Erkenntnisse auf andere Fälle von Post-Genozid- und Post-Konfliktregionen übertragen werden können.


Zwischenzeitlich verfasste Ezgi Gülistan Gül eine Hausarbeit zu künstlerischen Interventionen im Kontext von Konflikten und Gewalt, genauer gesagt, wie kurdische Künstler:innen und Kollektive auf die aktuellen Probleme der Kurdinnen und Kurden in Nordostsyrien aufmerksam machen. „Kunst kann eine Form von Traumabewältigung sein und eine große Öffentlichkeit darüber informieren, welche komplexen Realitäten hinter Angriffen auf die Freiheit der Kurdinnen und Kurden stecken“, bemerkt Gül. Das Besondere daran: Unterstützt von Juniorprofessorin Dr. Meike Lettau, wurde aus der Hausarbeit ein Paper, das auf der Wissensplattform KULTURELLE BILDUNG ONLINE erschienen ist.

Fokus auf Außenpolitik und Menschenrechte

Außenpolitik und Menschenrechte sind Themen, die Ezgi Gülistan Gül während ihres Bachelorstudiums nicht nur in der Theorie erlernen, sondern auch in der Praxis erfahren wollte. Ihr erstes Praktikum führte sie daher zur Unterabteilung Europa im Deutschen Bundestag – zu einem Zeitpunkt, als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine erst wenige Monate andauerte. „In der Zeit ging es noch darum, welche Sanktionspakete geschnürt werden sollen und wie humanitäre Hilfe geleistet werden soll“, erläutert Gül. In eine andere Perspektive wechselte sie für ihr zweites Praktikum, das sie bei Amnesty International Deutschland absolvierte – diesmal mit Fokus auf die MENA-Region und auf Asien. „Meine Aufgabe war es, Berichte über Menschenrechtsverletzungen aufzubereiten, meine Betreuerin darüber zu briefen und sie zu Gesprächen im Deutschen Bundestag oder im Auswärtigen Amt oder auf Protestaktionen vor dem Bundeskanzleramt zu begleiten“, erzählt Gül, die dabei erschütternde Einblicke in Menschenrechtsverletzungen an Frauen sowie an der kurdischen Minderheit im Iran erhielt.


Aktuell forscht Ezgi Gülistan Gül als Humanity in Action Fellow in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. In Seminaren, Workshops und in einer Projektarbeit geht es erneut um Themen wie Verleugnung, Versöhnung und Erinnerungskultur. Im Herbst nächsten Jahres dann startet sie in einen Master in Politische Soziologie: „Ich möchte neues Wissen produzieren, aber nicht mit dem Anspruch, die gegenwärtige akademische Welt zu belehren, sondern mit meinen Perspektiven zu bereichern“, sagt Gül.

Vorbild für junge Menschen

Was Ezgi Gülistan Gül besonders auszeichnet, ist, dass sie mit dem Geleisteten und Erreichten nicht hinter dem Berg hält. Als Wertebotschafterin der Bildungsbewegung GermanDream und inteGREATer e.V. geht sie regelmäßig an Schulen, um in Wertedialogen über Menschenrechtsthemen wie Rassismus und Antisemitismus zu diskutieren oder aber ihren eigenen Bildungsweg mit den Schüler:innen zu teilen: „Es ist so wichtig, dass junge Menschen Vorbilder haben, mit denen sie sich identifizieren und an denen sie sich orientieren können und die ihnen zeigen, was alles möglich ist, wenn man nur an sich glaubt.“

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