
Lilli Kim Schreiber war in Richtung Journalismus unterwegs, als sie in ihren CCM-Bachelor an der ZU startete – mit dem Ziel, so viel wie möglich über Kommunikation und Medien zu erfahren, um gewappnet zu sein für ein journalistisches Volontariat. Aha-Momente mitten im Studium veränderten alles: Als sie in soziologischen Schriften von Pierre Bourdieu auf Erklärungen für unterschiedliche Alltagsbeobachtungen stieß; als sie in internationalen Forschungsnetzwerken erlebte, was Kulturpolitik ist und was sie bewirkt.
Lilli Kim Schreiber war im Kindergartenalter, als ihre in der Textilbranche arbeitenden Eltern aus Süddeutschland, nahe der Grenze zu Basel, nach Appenzell zogen. Die künstlerisch-kreative Ader bekam sie von ihrer Mutter gewissermaßen mit in die Wiege gelegt, die früher beruflich als Textildesignerin Stoffe entwarf und in ihrer Jugend viel Zeit vor der Staffelei verbracht hatte. „Wir haben zusammen oft Museen und Kunstausstellungen besucht, als ich noch ganz klein war“, erwähnt Schreiber.
Wie ihre Mutter, so fing auch Lilli Kim Schreiber früh mit dem Malen an – und darüber hinaus mit dem Schreiben von Geschichten. Letzteres mündete in ihrer Schulzeit darin, dass sie nicht nur die Schüler- und Maturazeitung redaktionell betreute, sondern im Rahmen eines Buchprojektes auch einen Kriminalroman verfasste. Auf ihrem Gymnasium in allem gefördert, entwickelte sie schließlich ein besonderes Faible für Geisteswissenschaften und Sprachen. Neben Deutsch, Geschichte und Kunst zählten zu ihren Lieblingsfächern Englisch und Französisch, aber auch Latein und Altgriechisch. „Dabei haben mich vor allem die historischen Hintergründe der römischen und griechischen Lyrik und Epik interessiert“, ergänzt Schreiber.
Besonders fasziniert vom römischen Recht, wechselte sie nach Abschluss der Eidgenössischen Matura an die Universität Luzern, um Jura zu studieren. „Auch wenn ich ganz angetan war von Kursen wie Rechtsgeschichte und Rechtsphilosophie, so musste ich bereits nach dem ersten Semester doch erkennen, dass die Rechtswissenschaften nicht das Richtige für mich sind. Das kritische Hinterfragen hat mir gefehlt“, gesteht Schreiber.
Die Freude am Schreiben führte sie zu einem Praktikum in der Lokalredaktion der Appenzeller Zeitung, einem kleinen Ableger vom St. Galler Tagblatt. „Man hat mich direkt ins kalte Wasser geschmissen, mich von Tag eins an Interviews führen und Artikel publizieren lassen – was aber meinem Selbstbewusstsein einen kräftigen Schub gegeben hat“, berichtet Schreiber. Das Angebot für ein journalistisches Volontariat stand schon damals im Raum. „Doch zunächst wollte ich mir in einem Studium mehr Wissen über Kommunikation und Medien aneignen“, erklärt Schreiber, deren Entscheidung für die ZU und für den CCM-Bachelor im Sommer vor dem Studienstart im September fiel. „Ein wahrer Glücksgriff“, wie sie selbst sagt. „Die ZU war im Umkreis die einzige Universität, die Kultur und Kommunikation in einem Studiengang vereint“, bemerkt Schreiber.
In der Praxis blieb sie dem Journalismus treu. Ihr erstes Sommerpraktikum absolvierte sie erneut beim St. Galler Tagblatt, diesmal aber in der Stadt- und Kulturredaktion. Noch bis in den August vergangenen Jahres hinein arbeitete sie zudem als freie Journalistin, zunächst für das Tagblatt, später für das Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Eigene kuratorische Erfahrungen sammelte sie, indem sie ein Jahr lang unter der Woche als Assistenz im artsprogram und am Wochenende als Werkstudentin in der Kunsthalle Appenzell arbeitete sowie in Kooperation mit dem Literaturhaus Vorarlberg die digitale Lyrikausstellung „in|:stag:|e“ kuratierte.
Der Gedanke, nach dem Bachelorstudium ein journalistisches Volontariat zu machen, geriet mittlerweile weit in den Hintergrund. Denn zusehends rückten die Soziologie und die Kulturwissenschaften in ihren Fokus. Auslöser war ein Einführungsseminar der Soziologie am Phänomen der Mode. Dort lernte sie mit Franz Schultheis einen Soziologen kennen, der sie bis heute wissenschaftlich begleitet. „Bereits da habe ich mich in die Soziologie von Pierre Bourdieu verguckt“, bemerkt Schreiber. „Wie eine bestimmte Klientel sich in öffentlichen Räumen wie Kunstmuseen oder Galerien verhält: Soziale Verhaltensweisen und ein gruppenspezifischer Habitus, die ich in meiner Zeit als Journalistin häufig beobachtete, wurden plötzlich wissenschaftlich erfassbar und verständlich.“
Zufällig suchte Franz Schultheis zu dem Zeitpunkt eine neue studentische Hilfskraft. „Von nichts profitiere ich mehr als von unseren Unterhaltungen, aus denen ich fast mein gesamtes Wissen über die Person und die Forschung von Pierre Bourdieu schöpfe – standen sich beide Soziologen doch durch die gemeinsame Arbeit in Paris sehr nah“, erklärt Schreiber. Zunehmend wurde sie in die Forschungsarbeit ihres Professors eingebunden, ihr das Lektorat von zwei Publikationen anvertraut und die Mitwirkung an einem DFG-Projekt zur Visualisierung soziologischer Praxis ermöglicht. „Es geht um die Analyse eines von Bourdieu herausgegebenen Journals, das sehr experimentell mit wissenschaftlichen Standards umgegangen ist“, erzählt Schreiber.
Auf seinen Algerienreisen unternahm Pierre Bourdieu seine ersten soziologischen Gehversuche – mit der Kamera im Gepäck. Wie die dabei entstandenen Fotografien nach seinem Tod im Jahr 2002 in weltweiten Ausstellungen inszeniert wurden – ob eher als Forschungsmaterial oder als fotografische Kunst: Das untersucht Lilli Kim Schreiber in einer Vergleichsstudie. „Darauf aufbauend soll in meiner Bachelorarbeit der rezeptionsästhetische Blick auf die Fotografien seitens der Besucher:innen dieser Ausstellungen analysiert werden – also wie sich die Aura der Fotografien durch die öffentliche Diskussion manifestiert und weiterträgt“, beschreibt Schreiber.
Wer sich welche öffentlichen Räume wie aneignet: Um diese und weitere soziologische Fragen drehten sich auch Interviews und Befragungen, die Lilli Kim Schreiber und Jil Tischer in Friedrichshafen führten, als es darum ging, ein Konzept für eine von ihnen gemeinsam geleitete 13. Ausgabe des Seekult-Festivals zu entwickeln. „Daraus entstand die Idee, die verschiedenen Gruppen innerhalb der städtischen Bevölkerung zusammenzubringen“, erläutert Schreiber. Unter dem Motto „Fluide Räume. Ein Festival für Dezentrales“ wurden an mehr als zwölf Standorten über 40 Formate realisiert; unter dem gleichnamigen Titel soll demnächst ein Sammelband über das Festival mit Texten sowohl von Besucher:innen als auch von Studierenden und Wissenschaftler:innen erscheinen.
Eine neue Perspektive eröffnete sich ihr auch in einem Kurs von Juniorprofessorin Meike Lettau zur Kulturpolitik. Lilli Kim Schreiber führten im Zuge dessen und im weiteren Studienverlauf eine Exkursion nach Kampala und Forschungsresidenzen nach Beirut, Tunis und Kairo. Als Teil des Forschungsnetzwerks „Tawasol“ forscht sie zu autonomen Kollektiven und künstlerischen Praktiken in Tunesien und Ägypten. Erst kürzlich hat sie sogar ihren ersten wissenschaftlichen Aufsatz über die Verschiebung der Rolle des Kurators in einem von Meike Lettau mitherausgegebenen und im renommierten Wissenschaftsverlag Routledge erschienenen Sammelband veröffentlicht. „Ein gewichtiger Grund, warum ich mich für die ZU entschieden habe, war auch die einzigartige Möglichkeit, studentische Forschung zu betreiben“, betont Schreiber, die ihr soziologisches, aber auch politisches Wissen in einem Auslandssemester am Institut d’Etudes Politiques de Paris (Sciences Po) in Reims vertiefte.
Bevor es mit einem Master in Soziologie oder Kulturpolitik in Frankreich weitergehen soll, macht Lilli Kim Schreiber nach dem Bachelor zunächst einmal ein Praktikum in der Außenstelle Paris des DAAD. „Ich habe das Gefühl, an der ZU eine Art Neustart erlebt zu haben: vor allem durch die Begegnungen und die Zusammenarbeit mit Wissenschaftler:innen, aber auch Studierenden, die mir neue Sichtweisen auf Gesellschaften mit auf den Weg gegeben haben“, so Schreiber.



