Zwischen Musik, Leselampe und Croissantduft verschwimmen die Grenzen zwischen Stadt und Universität. Das Seekult x Lange Nacht der Musik Festival zeigt, wie Kultur verbinden kann.
Während draußen die Sonne den Himmel in warme Farben taucht, füllt ruhiger, souliger Pop das Gewächshaus des Blumenhaus Mayer. Christina Zeile und Moritz Colsman, zwei Studierende der Zeppelin Universität, begleiten den Abend. Moritz sitzt am Klavier, beide singen, mal im Duett, mal solo. Irgendwo zwischen Pop und Soul ist die Musik ruhig und trotzdem eindringlich, sie füllt das Gewächshaus und passt perfekt zur Sommerstimmung des Abends.
Zwischen bunt beleuchteten Palmen und Kunstwerken der Freien Kunstakademie Überlingen mischt sich ein vielfältiges Publikum: Studierende, Alumnae und Alumni, die für das Wochenende an den Bodensee zurückgekehrt sind, und viele Gäste aus Friedrichshafen. Ein entspannter und lebendiger Auftakt für ein Festivalwochenende, das Kunst, Musik und Stadtgesellschaft zusammenbringt.

Später tanzt eine ausgelassene Menge gut gelaunter Besucher:innen im gut gefüllten Glashaus. Sobald die Sonne untergegangen ist, drängen sich hier die Menschen dicht an dicht und genießen die Musik, die ebenso vielfältig ist wie das Publikum. Von Balladen bis Rock ist alles dabei. Acts wie der Jugendchor St. Columban und die Rockband John Leon & Escalation verkörpern das Konzept des Festivals, das vom 30. April bis zum 3. Mai zu verschiedenen Konzerten, Workshops und mehr einlud und dabei die Stadt in ein interdisziplinäres Kunsterlebnis verwandelte.

Erstmals als gemeinsame Veranstaltung konzipiert, bringt das Festival in diesem Jahr Kunst, Musik und Stadtgesellschaft zusammen. Unter dem Motto „Ein Festival in Deinen Sinnen“ will das Festival die Wahrnehmung herausfordern, Brücken schlagen, zwischen Stadt und Universität, Kunst und Musik, Menschen und Perspektiven. Svenja Hoffmann, eine der beiden Gesamtleitungen, betont: „Uns sind die Verbindungen am wichtigsten: nicht nur zwischen den Festivals, sondern vor allem zwischen den Menschen.“
So sieht am nächsten Abend die Kulisse schon komplett anders aus. Statt Lichterketten und Festivaltrubel spielt alles hier in einem abgedunkelten, schlichten Raum. Die Autorin Anne Freytag gilt als eine der spannendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur. Sie nimmt Platz, schlägt ihr Buch auf und beginnt direkt zu lesen. „Ich werfe meine Leser gerne mitten ins Geschehen“, sagt sie.
Und genau das tut sie an diesem Abend auch mit ihrem Publikum.
Sie nimmt die Zuschauer:innen mit auf eine Reise. Auf eine Yacht in den Philippinen, mit sieben reichen Menschen, die auf den ersten Blick alles haben: Erfolg, Geld, die perfekte Beziehung…und innerlich doch zerrissen sind. Freytag liest aus ihrem neuen Roman „Blaues Wunder“, der von der Inszenierung des perfekten Lebens erzählt und was dahintersteckt.
Doch auch für Nicht-Literaturfans gab es am Donnerstag mehr als genug Programm, um sich in etwas ganz Neuem auszuprobieren. Sei es beim Croissantbacken, einem Schauspiel- oder Kunstworkshop.

Am letzten Abend zieht das Festival ins Kulturhaus Caserne, eine bekannte Location für Studierende der Zeppelin Universität, die zur Langen Nacht der Musik jedes Mal zu etwas ganz Besonderem wird. Zwei Bühnen bieten Platz für Indie-Pop, Jazz, Rock und elektronische Beats. Unter Dutzenden Diskokugeln tanzt das Publikum zu Acts wie The Sixters und Carlo5, während auf der kleineren Werkstattbühne Acts wie die Luftschiffkapelle für intime Stimmung sorgen oder SHIMMER. das Publikum tanzen lässt. Auch draußen herrscht bei sommerlichem Wetter eine gute Stimmung. Unter der im Abendlicht funkelnden Deko sitzen Menschen, die zwischen den Auftritten eine kleine Pause brauchen, sich an den Foodtrucks stärken oder spontan ein Tattoo bei den Tättowierern des UKIYO TATTOO ATELIER stechen lassen.

Trotz einiger Sorgen im Vorfeld, etwa wegen des Wetters oder des Konzepts im Innenhof ohne Außenbühne, konnte das Team überzeugen: „Ich hatte kurzzeitig Sorge, ob unser Konzept für den Innenhof aufgeht, dann hat sich das Wetter aber gehalten, das Publikum war begeistert“, erzählt Hoffmann. „Einige Stimmen haben den durch Foodtrucks, Graffiti-Workshop, Tätowierer und Lounge-Bereich gefüllten Innenhof sogar den letzten Jahren vorgezogen.“

Es ist ein Abend der Begegnungen, musikalisch wie menschlich. Studierende, Häfler:innen, Newcomer-Bands aus der Region und Künstler:innen aus ganz Deutschland feiern gemeinsam. Von der silbern glitzernden Deko über das gelungene Line-up bis hin zu den Awareness-Teams, die jederzeit ansprechbar sind, falls sich jemand mal nicht wohlfühlt: Alles wirkt durchdacht und liebevoll umgesetzt. Dafür verantwortlich sind die 19 Studierenden der Zeppelin Universität, die das Festival ohne viel Vorerfahrung, aber mit viel Liebe und Engagement auf die Beine gestellt haben. „Ich werde immer von dem Prozess begeistert sein, dass aus 19 teils völlig fremden Menschen ein Team wurde, auch wenn es natürlich auch mal holprig war“, erzählt Hoffmann.

So wurde Friedrichshafen vier Tage lang zur Bühne für Musik, Kunst und Begegnung: Das Seekult x Lange Nacht der Musik Festival hat durch all die verschiedenen Konzerte, Lesungen, Workshops und Installationen nicht nur tolle Erlebnisse geboten, sondern auch einen Ort der Begegnung geschaffen, der Menschen aus der Stadt und der Universität zusammenbringt. Zwischen Diskokugeln, Leselampen und Croissantduft wurde deutlich, was passiert, wenn Stadt und Universität gemeinsam Kultur gestalten.



