
Die zwei Kulturen, mit denen Sivany Kanagalingam aufgewachsen ist, haben ihr einen Raum gegeben, um Neues zu entdecken und Altbewährtes zu hinterfragen. Das kritische Denken hat sie mittlerweile im PAIR-Studium verfeinert. Sich mit Gegebenem nicht einfach abzufinden, führte bei ihr auch dazu, sich auf vielfältige Weise zu engagieren: ob es für eine zivile Hilfsorganisation ist, die dort unterstützt, wo die Not am größten ist – oder für einen gemeinnützigen Verein, der möglichst viele junge Menschen dazu befähigen möchte, sich für die Demokratie einzusetzen. Um nur zwei von vielen Beispielen zu nennen.
1983 war das Jahr, in dem der jahrzehntealte Konflikt zwischen der singhalesischen Mehrheit und der tamilischen Minderheit in Sri Lanka in einen Bürgerkrieg mündete, der erst 2009 endete. „Noch heute werden die Tamilen systematisch diskriminiert“, erwähnt Kanagalingam. „Meinen Eltern blieb beispielsweise der Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen verwehrt.“ Vor den unmittelbaren Folgen des Bürgerkriegs geflohen, wurde die Familie schließlich sesshaft und heimisch in Stuttgart. Um die Jahrtausendwende kam Sivany Kanagalingam als drittes Kind und einzige Tochter zur Welt.
Sowohl mit der deutschen als auch mit der tamilischen Kultur und Sprache ist sie aufgewachsen. „Ich schätze es sehr und bin meinen Eltern dankbar, dass sie meinen Brüdern und mir Tamilisch beigebracht und es uns ermöglicht haben, neben dem deutschen Schulunterricht auf eine tamilische Schule zu gehen. Ansonsten hätte ich viel weniger über mich und meinen Weg zwischen den beiden Kulturen gelernt“, sagt Kanagalingam. „Mit zwei Kulturen aufzuwachsen, bedeutet auch, beide miteinander zu vergleichen und kritisch zu hinterfragen.“
Als sie aufgrund mehrerer Bänderrisse ihre Handballkarriere notgedrungen aufgeben musste, nutzte sie die freigewordene Energie und Zeit, um sich für andere einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. Ganz klassisch führte ihr Weg auf dem Gymnasium von der Klassen- zur Schulsprecherin. Außerdem ließ sie sich zur Jugendbegleiterin qualifizieren, um jüngeren Schüler:innen Nachhilfe zu geben oder bei Hausaufgaben zu unterstützen. Der Beginn eines Dominoeffekts, wie sie selbst sagt. „Vieles, was kommen sollte, hatte jedoch damit zu tun, dass ich auf meinem Weg Menschen traf, die mir Wege gezeigt und Türen geöffnet haben, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren“, erwähnt Kanagalingam.
Eine Lehrerin war es denn auch, die sie auf den Jugendrat Stuttgart-Ost aufmerksam machte. „Zunächst hatte ich überhaupt keine Ahnung von Kommunalpolitik. Weil ich aber neugierig war, ließ ich mich für den Jugendrat aufstellen“, erzählt Kanagalingam. Als gewähltes Mitglied im Jugendrat machte sie sich unter anderem für einen erweiterten ÖPNV und Smart Benches stark; als Sachverständige wiederum beteiligte sie sich am städtebaulichen Wettbewerb „Ein neues Stöckach“ und brachte so die Perspektive einer Jugendlichen auf ein neues Stadtquartier in Stuttgart ein.
Um junge Menschen für die (Kommunal-)Politik zu sensibilisieren und zu begeistern, wurde sie bereits während ihrer Zeit im Jugendrat Mitglied im Team Tomorrow e.V. Dahinter steckt ein gemeinnütziger Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, möglichst viele junge Menschen zu befähigen, sich für die Demokratie einzusetzen. „Die Arbeit in dem Verein hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich dort nach dem Abitur ein FSJ gemacht habe“, sagt Kanagalingam. Und das im Superwahljahr – OB-Wahl in Stuttgart, Landtagswahl in Baden-Württemberg und Bundestagswahl in Deutschland – und mitten in der Coronapandemie. „Daher drehte sich das gesamte FSJ darum, sich Projekte und Aktionen zu überlegen, um junge Menschen davon zu überzeugen, zur Wahlurne zu gehen und ihre Stimme abzugeben“, berichtet Kanagalingam.
In einer Gemeinschaft an einem gesellschaftspolitischen Thema zu arbeiten: Das war ihr nicht nur in der Kommunalpolitik möglich, sondern auch beim Theater- und Schauspiel. Bezugnehmend auf das Projekt „Gegen das Vergessen“ des Fotografen und Filmemachers Luigi Toscano über Überlebende der NS-Verfolgung und die Parabel „Brauner Morgen“ von Franck Pavloff über den schrittweisen Verlust der Freiheit in einem totalitären Staat entwickelte das Jugendensemble von LOKSTOFF! ein mobiles Konzept, um die Botschaft – nie wieder Ausgrenzung und Entmenschlichung, nie wieder Totalitarismus und Faschismus zuzulassen – in die Schulen zu tragen. „Theater im öffentlichen Raum bietet eine wunderbare Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen und Mitmenschen für ein Engagement zu ermutigen“, bemerkt Kanagalingam, die für ihr eigenes Engagement vielfach mit Preisen und Auszeichnungen bedacht wurde. „Diese Ehrungen bestätigen und bekräftigen zwar, aber mir bedeutet es viel mehr, wenn es Menschen in meinem Umfeld sind, die mich und mein Tun wertschätzen“, bemerkt Kanagalingam.
Schon während der Abiturprüfungen hatte Sivany Kanagalingam sich für einen Studienplatz an der ZU beworben. Dass die Wahl auf die ZU fiel, war natürlich kein Zufall: „In Stuttgart bin ich ständig Menschen über den Weg gelaufen, die an der ZU studiert haben“, erzählt Kanagalingam. „Letztlich aber haben die Aussichten, an einer kleinen Universität mit viel Gemeinschaft, Freiheit und Unterstützung über den Tellerrand hinaus zu studieren und sich gemeinsam mit anderen in studentischen Initiativen zu engagieren, den Ausschlag gegeben.“
Zugleich räumt sie ein, dass sie mit Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen hatte, in die Welt einer Privatuniversität hineinzufinden. „Beim Ankommen geholfen hat mir vor allem die studentische Initiative FirstGen@ZU, in der man sich mit anderen Studierenden mit nicht-akademischem Hintergrund austauscht und sich gegenseitig bei Problemen unterstützt. Daher bin ich bis heute im Vorstand der Initiative, um anderen die gleiche Hilfe zukommen zu lassen, die ich selbst erfahren habe“, sagt Kanagalingam, die zudem als Vorstandsmitglied des Club of International Politics e.V. aktiv war und noch heute als Hochschulgruppensprecherin der Friedrich-Ebert-Stiftung und als Studienbotschafterin des Landes Baden-Württemberg aktiv ist.
Die Hoffnung, neue Perspektiven kennenzulernen, erfüllte sich spätestens zu dem Zeitpunkt, als sie in einem Kurs vom ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter Florian Keppeler entdeckte, wie viel Potenzial in der öffentlichen Verwaltung steckt. Was auch dazu führte, dass sie nach dem zweiten Semester vom SPE- in den PAIR-Bachelor wechselte. Zur gleichen Zeit nahm sie eine Tätigkeit am Lehrstuhl für Public Management & Public Policy von Professor Dr. Ulf Papenfuß auf. „Ganz fasziniert war ich davon zu erfahren, wie eine Verwaltung aufgebaut ist, wie sie die Daseinsvorsorge gewährleistet und wie sie ihrer Vorbildfunktion nachkommt – und wenn nicht, wie dies durch eine geordnete Steuerung ermöglicht werden kann“, erläutert Kanagalingam. „Sehr prägend war für mich die Zeit am Lehrstuhl auch deshalb, weil Ulf Papenfuß mir die Chance gegeben hat, die Studie ,Frauen in Top-Managementorganen öffentlicher Unternehmen‘ mit zu veröffentlichen.“
Inzwischen liegt ihr Fokus mehr auf der Politischen Soziologie: „Die Krisen um mich herum und die vergangenen Landtagswahlen im Osten haben mich stark darüber nachdenken lassen, warum Menschen die AfD oder erst gar nicht wählen“, erläutert Kanagalingam. „Daher möchte ich in meiner Humboldt-Arbeit herausfinden, ob Wahlentscheidungshilfen Menschen wirklich dazu motivieren können, zur Wahl zu gehen, politisch aktiver zu werden und sich mehr für die Demokratie einzusetzen.“ Noch legt sie sich nicht fest, ob sie dieses Thema in ihrer Bachelorarbeit fortführt: „Schon früh habe ich angefangen, mich mit dem Bürgerkrieg in Sri Lanka auseinanderzusetzen. Dies nun in einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit zu untersuchen, könnte für mich ausgesprochen intensiv und persönlich bereichernd sein.“
Ihre Verwurzelung in der Stadt Stuttgart hat sie auch im Studium lebendig gehalten. Bis heute arbeitet sie ehrenamtlich im Team Tomorrow e.V.; bis zum heutigen Tag tritt sie mit dem Jugendensemble von LOKSTOFF! auf; bis zum jetzigen Zeitpunkt ist sie als Werkstudentin für die STELP Events UG tätig. Dabei handelt es sich um ein Social Business der zivilen Hilfsorganisation STELP e.V., die wiederum dort unterstützt, wo die Not am größten ist. „Ich kümmere mich um das Sponsoring für Events wie Spendengalas. Ziel ist es, dass die STELP Events UG keine Kosten tragen muss, damit die erzielten Erlöse komplett den Hilfsprojekten zugutekommen“, erzählt Kanagalingam, die sich nach dem Bachelor zumindest eine Auszeit vom Studium nimmt, um zu ergründen, wie und wo es für sie im Master weitergeht.



