Pionierin des Monats
Helena Rothfuß: Begeistert vom Wechselspiel von Wirtschaft, Politik und Philosophie
von Sebastian Paul
26.09.2024
People
Helena Rothfuß
Helena Rothfuß
© Johannes Nikolai Czech
Pionierin des Monats

Helena Rothfuß: Begeistert vom Wechselspiel von Wirtschaft, Politik und Philosophie

von Sebastian Paul
26.09.2024
People

Die Kindheit von Helena Rothfuß war geprägt von der Freiheit, sich spielerisch mit Dingen und Gedanken zu beschäftigen, die ihr gerade in den Kopf kamen. So verbrachte sie viel Zeit in der Natur und mit Büchern. Geändert hat sich an dieser Neu- und Wissbegierde bis heute nichts. Gewandelt haben sich die Themen. Heute begeistert sie sich für das Wechselspiel von Wirtschaft, Politik und Philosophie. Geweitet hat sich auch ihr geografischer Horizont. Von ihrem Heimatort zog es sie nach Asien, Süd- und Nordamerika.

Aufgewachsen ist Helena Rothfuß mit ihrer Mutter und zwei Geschwistern in einer 1000-Seelen-Gemeinde südöstlich von Stuttgart. „Es war genau das, was man sich unter einer Kindheit auf dem Lande vorstellt: viel draußen in der Natur und viel selbstbestimmte Spielzeit“, erwähnt Helena. „Dabei hat mir meine Mutter die Freiheit gegeben, die es braucht, um herauszufinden, was ich machen möchte und was mich begeistert.“ Auch die schulische Laufbahn verlief frei von Zwängen. Nach der Grundschule wechselte sie auf eine Realschule. „Weil zuvor alles leicht von der Hand ging, habe ich erst dort erfahren, was es bedeutet, richtig zu lernen“, bemerkt Rothfuß.


Daher ging es für sie anschließend auf ein Wirtschaftsgymnasium, wo sich die Freude am Lernen und Denken ungebrochen fortsetzte. „Für mich war die Gymnasialzeit gleichbedeutend mit einem Neustart mit neuen Themen und neuen Menschen“, betont Rothfuß. Dass dieser Neustart rundum glückte, bezeugen die von der Schule verliehenen Preise, mit denen sie für die beste Prüfungsleistung im Abitur und für ihre Leistungen in den Fächern Wirtschaft und Deutsch ausgezeichnet wurde – zwei Fächer, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Zugleich ergaben sich auch außerschulisch neue Perspektiven, als sie in der Chinesisch-AG mitwirkte und an einem Schüleraustausch in Singapur teilnahm.


Nach dem Abitur erfüllte Helena Rothfuß sich einen lang gehegten Wunsch und verbrachte ein Austauschjahr in China: „Ich wollte das erleben, wovon ich dachte, dass es maximal konträr zu dem ist, was ich bereits kenne.“ In ihrer Zeit an der High-School Affiliated to Shanghai Jiaotong University wollte sie ergründen, wie das chinesische Schulsystem funktioniert und sich ihre eigene Meinung darüber bilden.

Studium: Blick auf Wirtschaft, Politik und Philosophie

Dass die ZU mit ihrem interdisziplinären Blick auf Wirtschaft, Politik und Philosophie gut zu ihr passen könnte, davon erfuhr sie von einem ehemaligen Lehrer. Rückblickend erklärt sie: „Die Freiheit, das Studium an individuelle Bedürfnisse anzupassen, der fachliche Fokus auf Sozialwissenschaften sowie das Gefühl, ernst genommen zu werden, waren und sind zentrale Punkte, an die ZU zu gehen.“ Warum sie sich letzten Endes aber für den PAIR- und nicht für den CME-Bachelor entschied, ist eine Frage, die sie rational nicht begründen kann. „Das ist jedoch auch nicht so wichtig, denn die ZU bot mir gute Kombinationsmöglichkeiten“, erklärt Rothfuß. Dankbar ist sie ebenso für ein Teilstipendium der ZU und ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. „Für mich ist es ein unglaubliches Privileg, fürs Studieren gesellschaftlich gefördert zu werden. Daher sehe ich es auch als meine Pflicht, mit dem in mich investierten Geld gewissenhaft umzugehen, indem ich konsequent studiere“, bemerkt Rothfuß.


Dadurch war es ihr möglich, sich aufs Studieren zu konzentrieren, ihren inhaltlichen Schwerpunkt zu finden und ihr Studium kontinuierlich anzupassen. Ergänzend war sie als studentische Hilfskraft tätig, um Einblicke in aktuelle Forschungen zu erhalten. Sie arbeitete am Lehrstuhl für Moderne China-Studien, am Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft und am Forschungszentrum Verbraucher, Markt und Politik | CCMP.


Ihr erstes Studienjahr war noch geprägt von der Coronapandemie, die das studentische Leben von der analogen in die digitale Welt katapultierte. Helena Rothfuß ließ sich davon aber nicht beirren, engagierte sich mit viel Herzblut als Sprecherin der Studienstiftung des deutschen Volkes für die Region Friedrichshafen und Ravensburg und als (Vorstands-)Mitglied von The Soapbox – Club für Rhetorik und Debating. „Dabei habe ich gelernt, dass es – ob im Studium oder Beruf – unerlässlich ist, sein Anliegen so zu präsentieren, dass es ankommt und begeistert“, sagt Rothfuß.


Nach den ersten Pflichtkursen kristallisierte sich für Helena Rothfuß als Themenschwerpunkt die Politische Ökonomie heraus. Diesen Schwerpunkt baute sie durch Wahlpflichtkurse sowie durch zwei Auslandssemester an der University of California, Berkeley, und an der Sciences Po in Reims weiter aus. In Berkeley lernte sie ausgehend von Konzepten der Spieltheorie mehr über den Aufbau des US-amerikanischen Steuer- und Sozialsystems. Wie ein Paper geschrieben und aufgebaut sein muss, damit es in einem bestimmten Journal erscheint: Damit wiederum befasste sie sich in einem eigentlich für Doktorand:innen angebotenen Kurs, in dem Publikationen zur Internationalen Sicherheitspolitik analysiert wurden – „und das immer auf Augenhöhe mit dem Professor“. In Reims wiederum war mehr Auswendiglernen und weniger eigenständiges Denken gefragt, wodurch sie jedoch jede Menge Fachwissen hinzugewann.


Neben dem Wissen, das Helena Rothfuß während ihrer Auslandssemester sammelte, waren auch die Gespräche vor Ort und das Alltagsleben prägend. „Besonders habe ich davon profitiert, in kurzer Zeit Einblicke in verschiedene Gesellschaften zu erhalten“, fasst Rothfuß zusammen. Dazu haben auch ihre Praktika im Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Lima und in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Buenos Aires beigetragen. „Besonders beeindruckend war der Blick hinter die Kulissen einer Stiftung und einer Botschaft im Ausland, aber auch zu erleben, wie in diesen Ländern Politik und Wirtschaft gemacht wird und wie dort Menschen und Medien über Skandale sprechen und berichten“, beschreibt Rothfuß. Dadurch ist sie darauf aufmerksam geworden, wie unterschiedlich nicht nur die gesellschaftlichen Institutionen von Land zu Land sind, sondern auch die Vorstellungen der Menschen, was gut oder gerecht ist. Daraus entwickelte sich ihr aktuelles Forschungsinteresse, das in die Fragestellung mündete: Welche normativen Anforderungen stellen Gesellschaften an Institutionen und inwiefern entsprechen diese der empirischen Realität?

Forschung: Chancengleichheit im Fokus

Darüber schrieb sie auch ihre bei Professor Dr. Joachim Behnke betreute Bachelorarbeit. „Chancengleichheit ist ein Ideal, das in Deutschland sehr verbreitet ist, häufig auch in Bezug auf Schulbildung und Zukunftschancen“, erklärt Rothfuß. „Daher habe ich mich gefragt, ob Menschen mit gleicher Intelligenz und Motivation in Deutschland die gleichen Schul- und Studienabschlüsse und anschließend den gleichen sozioökonomischen Status erreichen.“ Anhand von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) konnte sie im limitierten Umfang der Bachelorarbeit zeigen, dass der sozioökonomische Status der Eltern trotz gleicher Leistung und gleichem Studienabschluss seinen Einfluss behält. „Das deutet darauf hin, dass die gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen in Deutschland aktuell keine faire Chancengleichheit gewährleisten“, konstatiert Rothfuß.


Wie sich ihre eigene Zukunft gestaltet, ist noch nicht entschieden. „Jede Erfahrung, die ich auf meinem Lebensweg sammele, prägt mich und beeinflusst meine Zukunft. Daher kann niemand sagen, was in zehn Jahren ist. Wichtig ist mir, meinen eigenen Interessen treu zu bleiben und mir weiterhin die Zeit zu nehmen, Komplexität zuzulassen und keine vorschnellen Antworten zu geben – damit hoffe ich meinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, die mir so viel gegeben hat“, resümiert Rothfuß. Treu bleibt sie sich auch im nächsten Jahr, wenn sie erneut die Herausforderung sucht und vor ihrem Masterstudium mit dem Fahrrad durch Afrika reist.

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