
Bei der Spring School „Towards Future Cultural Institutions and Policy: Navigating Pluriversal Participation, Power Dynamics, and Conflicts“ kamen junge kulturpolitische Akteur:innen aus der ganzen Welt an der Zeppelin Universität zusammen. In Vorträgen, Gesprächsrunden und Fallstudien wurde über Aushandlungsräume in Kulturinstitutionen durch pluriverselle Teilhabe und Konfliktverhandlung diskutiert. Dabei entstand ein Kaleidoskop aus theoretischen und praktischen Methoden, eingebettet in die jeweiligen Kontexte der Teilnehmenden.
Insgesamt 35 Personen aus Deutschland, Serbien, Finnland, Marokko, China, Uruguay, Mexiko, Indien, Spanien, Polen, der USA, der Türkei, der Demokratischen Republik Kongo und dem Iran tauschten sich während der Spring School aus, darunter auch Studierende der Zeppelin Universität aus den Bachelor- und Masterprogrammen der Kultur- und Politikwissenschaften.
Die diesjährige Spring School entwickelte den Begriff der Diversität weiter zum Konzept der Pluriversalität. Der Fokus lag darauf, theoretische Modelle in die Praxis zu überführen und Konfliktualität als zentralen Bestandteil kulturpolitischer Prozesse zu verstehen. Dabei war es nicht das Ziel, gemeinsam Präventionsstrategien zu erarbeiten; vielmehr galt es, Konflikte als inhärenten Teil einer pluraler Gesellschaften anzuerkennen.

Professorin Dr. Friederike Landau-Donnelly von der Humboldt-Universität zu Berlin eröffnete das akademische Programm mit einer Einführung zum Themenfeld des Agonismus. Konfliktparteien erscheinen hier nicht als Feind:innen, sondern als legitime Gegner:innen, die trotz fundamentaler Differenzen einen „konfliktuellen Konsensus“ bilden können.
Zur Analyse führte sie die Conflictual Consensus Matrix ein, die sichtbar macht, wie Ressourcenkonflikte – etwa um Zeit, Raum, Personal, Geld oder Zugang – oft mit Wertekonflikten verschränkt sind. Für die Teilnehmenden bot die Matrix damit ein analytisches Bezugssystem, um verhandelbare Ressourcenfragen von tieferliegenden normativen Dissensen zu unterscheiden und Aushandlungsprozesse differenziert zu adressieren.
Den Praxisbezug stellte die Kultur- und Diversitymanagerin Leyla Ercan her. In kulturellen Institutionen, so Ercan, wirken unsichtbare, historisch gewachsene Strukturen fort. Sie zeigen sich in ethno- und eurozentrischen Normativitäten, klassistischen Barrieren, heteronormativen Diskriminierungsformen und kolonialen Bildordnungen, in denen der oder die „Andere“ als rassialisiertes und häufig auch sexualisiertes Objekt erscheint. In einer postmigrantischen Gesellschaft betreffe Integration nicht nur Menschen mit Migrationsgeschichte; Diversitätsprozesse dürften daher nicht bei symbolischer Repräsentation stehen bleiben.
ZU-Juniorprofessorin Meike Lettau und ZU-Wissenschaftlerin Dr. Özlem Canyürek von der Juniorprofessur für Cultural & Media Policy Studies stellten das Konzept der Pluriversalität vor. Ein Begriff, der die Offenheit für diverse Lebensformen und Alltagspraktiken beschreibt und Konflikt als konstitutiv versteht. Im Zentrum von Pluriversalität stehen relationale Praktiken und der Umgang mit institutionellen Verfestigungen. Dort, wo Strukturen einen Neuanfang erschweren, kann Veränderung als prozesshafte Verschiebung durch graduelle Risse und Brüche wirken. Anschließend wurden in Gruppen konfliktanalytische Methoden und Toolkits sowie Case-Study-Analysen durchgeführt.

Überhaupt wurden die praktischen und akademischen Hintergründe der Teilnehmenden explizit in die Lernumgebung einbezogen. Oussama Benyahad, Doktorand an der Humboldt-Universität zu Berlin, präsentierte sein Forschungsthema „Destabilizing Sight - Filming (Vulner)ability in Morocco“. Er erforscht, wie sich marokkanische Filmemacher mit Fragen zu Gewalt, Handlungsfähigkeit und Mitspracherecht auseinandersetzen.
Zentral geht Benyahad von einer foucaultschen Perspektive auf Macht als ein Gefüge alltäglicher, unsichtbarer Strukturen und Praktiken aus, die Hegemonien stabilisieren und andere Stimmen marginalisieren. Diese Perspektive wendet er auf den marokkanischen aktivistischen Dokumentarfilm an. Gruppen wie „Guerilla Cinema“ machen strukturelle, insbesondere geschlechterbedingte Gewalt sichtbar und werden so zu Agenten des sozialen Wandels. Film vermag es dabei, als visuelles Kommunikationsmedium menschliche Körper durch eine geteilte affektive Architektur zu verbinden.
Rumeysa Özel, Doktorandin an der Technischen Universität Istanbul, stellte darauffolgend ihre Arbeit als Vermittlerin von zeitgenössischer Kunst vor. Özel beschreibt die Kunstszene in der Türkei als primär gestaltet von säkularen Akteur:innen, die kaum Verbindung zu einer religiös-konservativen Öffentlichkeit pflegen. Daher initiiert sie seit 2011 Führungen durch zentrale Räume der zeitgenössischen Kunst in Istanbul, um Begegnungen mit konservativen Bevölkerungsteilen zu schaffen. Im Rahmen der Istanbul Biennale 2011 allerdings wurde der „Corridor of Queer Identities“ zu einem Moment tiefgreifender Konfrontationen und heftiger Gegenreaktionen, woraufhin das Projekt beendet werden musste. An diesem Beispiel wurde deutlich, dass kulturelle Institutionen gesellschaftliche Konflikte greifbar machen und punktuell Räume der Begegnung eröffnen können, ihr Veränderungspotenzial jedoch offenbar dort an Grenzen stößt, wo tiefgreifende Wertekonflikte und strukturelle Machtasymmetrien fortbestehen.
„Towards Non-Extractivist Curating: Kirata as an Alternative Way of Thinking, Producing and Sharing“ lautete der Beitrag von Chadrack Kakule, Kurator für Gegenwartskunst und Masterstudent zur Kunst Afrikas, Amerikas und Ozeaniens an der University of East Anglia im Vereinigten Königreich. Er präsentierte seinen Ansatz zu nicht-extraktivistischem Kuratieren am Beispiel von „Kirata“, einer alternative Denk-, Produktions- und Austauschweise. „Kirata“ verweist auf eine kritische, subversive Auseinandersetzung mit Kuratieren als kolonial geprägter Praxis und als Position institutioneller Macht. Anstatt das Örtliche an westliche Maßstäbe anzupassen, werden lokale Positionen und Dispositive in internationale Kunstdiskurse eingebracht.
Im Zentrum von Kakules Praxis steht das „Centre d'art Waza“, das 2010 in Lubumbashi gegründet wurde und Kurator:innen, Forschende und Kulturschaffende mit dem Ziel vereint, die Stadt als wichtigen Ort zeitgenössischer Kunst zu etablieren. „Waza“, im Sinne von „imaginieren“, beschreibt eine Praxis kultureller und institutioneller Vorstellungskraft, die alternative Formen des Teilens, der Sensibilisierung und der kuratorischen Plattformbildung erprobt. Das „Centre d'art Waza“ arbeitet unabhängig von staatlicher Förderung und eröffnet Freiräume für experimentelle Praxis, die auch international weitergeführt wird.

Zum Abschluss der Spring School erfolgte ein Transfer der Erkenntnisse für die Prozesse der kulturellen und politischen Bildung. Im Fokus stand die Absicht, pluriverselle Praxis als relationale Praxis zu verstehen: Beziehungsarbeit und situierte Solidarität rückten in den Vordergrund, ebenso der Abbau institutioneller Zugangs-, Beteiligungs- und Anerkennungsbarrieren. Konkret verband sich damit die Selbstverpflichtung, institutionelle Ressourcen zugunsten pluraler Teilhabe anders zu verteilen. Als junge kulturpolitische Akteur:innen rückten die Teilnehmenden zugleich ihre eigene Positionierung im Feld in den Blick und betonten die Möglichkeit, bestehende Machtordnungen aus dieser situierten Handlungsmacht zu hinterfragen. Trotz offener Fragen entstand ein Zugewinn an Mut und analytischer Klarheit im Umgang mit Konflikten.

Nicht zuletzt hatte die Spring School das Ziel, den Austausch zwischen den Teilnehmenden zu stärken und solidarische Netzwerke über Landes- und Kontinentalgrenzen hinaus zu etablieren. Ein gemeinsam zubereitetes Abendessen machte diese relationale Dimension noch einmal erfahrbar und bildete den Ausklang einer intensiven Woche.
Die Spring School wurde durch die Förderung der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb ermöglicht. Das Programm entstand in Zusammenarbeit von Juniorprofessorin Dr. Meike Lettau und Dr. Özlem Canyürek von der Juniorprofessorin für Cultural & Media Policy Studies der Zeppelin Universität sowie Leyla Ercan, Cultural and Diversity Manager und Organisatorin des Fluid Identity 2.0 Festivals. Charlotte Raeithel, Kamila Brugger und Lars Linnenbürger unterstützten die Organisation als studentische Hilfskräfte und Projektassistentin.




