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Podcast: Prof Dr Dieter Thomä | Menschen oder wilde Tiere? Die Armen in Theorie und Literatur des 19. Jahrhunderts

Einer der großen Beinamen des Menschen besagt, dass er ein animal politicum sei. Darin steckt die Idee, dass wir uns in zwei verschiedenen Räumen bewegen: Einerseits sind wir Lebewesen mit körperlichen Bedürfnissen, andererseits bewegen wir uns in einem Raum, in dem wir als Handelnde auftreten und Freiheit beanspruchen. Diese Doppelung wird seit langem – nicht erst seit Foucaults Analyse der „Biopolitik“ – der Kritik unterzogen. Mit dieser Doppelung ist aber auch Politik gemacht worden – und darum geht es in diesem Vortrag. Statt nämlich den Menschen als „politisches Tier“ aufzufassen, kann man auch eine Politik betreiben, in der manche Menschen nur als Tiere auftreten und behandelt werden. Die Hochphase dieser Politik war das 19. Jahrhundert, als sich diejenigen, die die Fäden in Politik und Wirtschaft in der Hand hielten, einer Klasse gegenübersahen, die aus ihrer Sicht nur aus Tieren und wilden Bestien bestand. Die politische Kampagne gegen die Arbeiter spiegelt sich im 19. Jahrhundert in einer Debatte um die Armen, an der sich zahlreiche Philosophen und Poeten beteiligt haben: Hegel, Marx, Victor Hugo, Baudelaire, Nietzsche und andere. Interessanterweise ist die Rede vom „Tier“ nicht immer nur abschätzig gemeint, man erblickt in den Armen vielmehr auch eine natürliche, barbarische Kraft, mit der sie die verkommene, verzärtelte (verweiblichte?) bürgerliche Welt angreifen. Bis heute ist der Vorwurf, Menschen würden sich wie wilde Tiere benehmen, schnell zur Hand – insbesondere dann, wenn irgendwo wilde Randale ausbrechen. Der Streit um die Armen im 19. Jahrhundert ist ein historisches Lehrstück zu den Fragen, was uns eigentlich als Menschen ausmacht und welche Folgen es hat, wenn wir andere aus politischen Gründen vom Menschsein ausschließen.

Dieter Thomä ist Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen.

 

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