Angst, Abscheu und Ressentiment sind die negativen Emotionen, aus denen populistisches Gedankengut und Autoritarismus erwachsen, schreibt die Soziologin Eva Illouz in ihrem jüngsten Buch „Undemokratische Emotionen“. Gerade in Zeiten wachsender rechtpopulistischer Bewegungen, wachsendem Antisemitismus und Islamophobie wird immer deutlicher, dass diese pathologischen Gefühle Demokratien nicht äußerlich sind. Vielmehr sind dies Emotionen, die immer schon im Inneren sozial mobiler moderner Demokratien wirksam waren und diese zugleich von innen heraus aushöhlen. Sie nähren sich aus dem drohenden Verlust von Privilegien und der Gefahr sozialen Abstiegs. Und sie formen Subjekte und imaginierte Gemeinschaften, die aus diesen negativen Emotionen Besitzansprüche und vermeintliche Sonderrechte auf bestimmte soziale Räume und Lebensformen ableiten - ein Phänomen, das die Philosophin Eva von Redecker „Phantombesitz“ nennt.
Sind soziale Mobilität und Aufstiegsversprechen also die Systemfehler westlicher Demokratien? Verursachen sie jene sozialen Pathologien, die in der gegenwärtigen historischen Konstellation nun immer deutlicher hervortreten? Wie hängen Aufstiegsversprechen, Neo-Autoritarismus, Vorstellungen von Besitzansprüchen, Rassismus und Sexismus zusammen? Was triggert jene Polarisierungsdynamiken, die gegenwärtig auch innerhalb von sozialen Bewegungen zu Tage treten?
Unter dem Jahresthema Being Wrong, beleuchtet das artsprogram im Fall Term 2023 diese Fragen im Rahmen des Symposiums „Angst, Ressentiment, Spaltung“, das Teil eines umfangreichen Programms ist, zu dem unter anderem auch die Ausstellung Whiteface von Candice Breitz und eine Podiumsveranstaltung mit der Soziologin Eva Illouz zählt.
Das von Studierenden der Zeppelin Universität co-kuratierte deutsch- und englischsprachige Symposium befasst sich in Vorträgen, Gesprächen, Workshops mit Gefühlen, Praktiken und Bildwelten, die populistischem Gedankengut und Autoritarismus zugrunde liegen und gewaltvolle gesellschaftliche Spaltungen provozieren. Beitragende sind die Philosophin Eva von Redecker, die Künstlerin Candice Breitz, die Schriftstellerin Asal Dardan und die Kuratorin Maria Hlavajova. Diese diskutieren hier in unterschiedlichen Formaten über die Bedeutung von Bildpraktiken und die Rolle, die Kunstinstitutionen, ästhetische Erfahrungen und aktivistische und soziale Praktiken im Kontext der Auseinandersetzung mit Hass und Ressentiment spielen oder spielen könnten.
Angesichts des Siegeszugs rechtspopulistischer und neo-faschistischer Parteien und Bewegungen und den damit im Zusammenhang stehenden rassistische und antisemitische Gewalttaten, wie jene in Hanau oder Halle, sollen drei Themenfelder diskutiert werden: Erstens wird es um künstlerische Analysen der Herstellung von Feindbildern in unterschiedlichen Medien gehen und darum, welche emotionalen Grammatiken diesen Feindbildern zugrunde liegen. Zweitens wird befragt, welche Vorstellungswelten, Gefühle und Haltungen beim Kampf gegen rechte Ideologien, Praktiken und Denksysteme hinderlich sind und welche solidarisierend wirken. Und drittens wird beleuchtet, welche aktivistischen und künstlerischen Mittel, Praktiken und Handlungsstrategien eine Gegenmacht gegen die Polarisierungstendenzen erzeugen können. In allen drei Themenfeldern stehen künstlerische und Herangehensweisen an die Thematik im Zentrum. Das Symposium möchte beleuchten, welche Instrumente und Mittel derzeit im Kunstfeld und in kunstbezogenen anti-faschistischen und anti-rassistischen Protestbewegungen entstehen und welche Rolle diese Instrumente im Kampf gegen eine Gesellschaftsform spielen könnten, die sich auf Hass, Ressentiment und Othering stützt. Welche Geschichten, Bilder und Handlungsformen werden von Aktivist:innen und Künstler:innen für ein Zusammenleben ohne Faschismus entwickelt? Welche Analyseinstrumente bieten die Kunst und Wissenschaft in diesem Zusammenhang? Und wo stehen sich die Akteur:innen in Aktivismus, Kunst und Wissenschaft im Wege? In drei Workshops, die sich an Aktivist:innen, Studierende und Forscher:innen aus Wissenschaft und Kunst richten, soll zur Reichweite forschender, solidarisierender oder kämpferischer Praktiken gearbeitet werden.
Rahel Gloria Spöhrer | Kuratorische Leitung des artsprogram der Zeppelin Universität | rahel.spoehrer@zu.de
Prof. Dr. Karen van den Berg | Wissenschaftliche Leitung des artsprogram der Zeppelin Universität | karen.vandenberg@zu.de
Team artsprogram
Marie-Sophie Usadel | Assistenz des artsprogram | marie.usadel@zu.de
Marei Brodbeck | Kuratorische Assistenz des artsprogram | m.brodbeck@zeppelin-university.net
Lilli Kim Schreiber | Kuratorische Assistenz des artsprogram | l.schreiber@zeppelin-university.net
Niklas Ehret | Kuratorische Assistenz des artsprogram | n.ehret@zeppelin-university.net
Team kuratorisches Praxisprojekt
Oliver Hartmann Eskildsen
Angel Luis Gomez Montoya
Franziska Schack
Denise Hoogeveen
Stephanie Lochschmidt
Julius Marn
Liv-Kristin Schmidt
Till Leander Schroeder
Merit Taeuber
Jil Tischer
Sparkasse Bodensee
Baden-Württemberg Stiftung
Fränkel Stiftung
Studentischer Vizepräsident
Student Lounge
Zeppelin Universitätsgesellschaft
Gessler-Projektstipendium